litterata  :  Reportagen  :  Die Buchmesse 2010  
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Foto: li. Steffen Meyer, re. Dr. Klaus Walther

Um 15.00 Uhr stellten die beiden Herausgeber Dr. Klaus Walther (Sächsischer Schriftstellerverein) und Steffen Meyer (Kulturraum) die »Edition Kammweg« im Literaten-Cafe in der Halle 5 vor. Steffen Meyer, einer der beiden Sekretäre des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen, verwies darauf, dass man mit dieser Edition seit 2007 schwer oder nicht mehr zugängliche Texte der Erzgebirgsregion wieder zugänglich machen wolle. Band 3 der Reihe enthalte eine Auswahl Mundartgeschichten von Fritz Körner (1873–1930).

 
 

Foto: Dr. Klaus Walther in seiner Rolle als Fritz Körner

Auf Fragen des Moderators antwortet Dr. Klaus Walther, der Herausgeber des Bandes, dass Körner einer der besten Mundartschriftsteller des Erzgebirgsraumes gewesen sei. Eine Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg, der Bankrott der eigenen Firma u.a. erschwerten Körner und seiner kinderreichen Familie das Überleben. In seinem letzten Lebensjahrzehnt verkauften seine Kinder die Geschichten an Fabriktoren zum Lebensunterhalt. Mit dem Schreiben sei es Körner gelungen, die mannigfachen Klippen des Lebens zu umschiffen. Ein Sonderfall seines schriftstellerischen Schaffens sei die Übersetzung des Lukas-Evangeliums in erzgebirgische Mundart, im Auftrage des Grünhainer Pfarrers. Dr. Walther las darauf zum Entzücken des Publikums eine lange Passage aus der Geschichte »De beenden Vielasser«.

 
 

Wenn am Abend die Türen der Messehallen geschlossen werden, da tuen sich andere Tore auf. In Gaststätten Restaurants, Museen und Salons treffen sich Unentwegte, um der Literatur zu huldigen.
Auf der Straße vor dem Verlag Faber und Faber in der Mozartstraße trafen wir einen Herrn in Regenmantel, der offensichtlich den Leipziger Verlag vordem noch nie betreten hatte. Michael Krüger, der Chef des Münchener Hanser-Verlages war an diesem Abend zu Gast bei Elmar Faber, dem Chef des gleichnamigen Leipziger Verlages. Obwohl kaum noch ein unbesetzter Stuhl in den Raum passte, begrüßte Elmar Faber Michael Krüger mit den Worten, dass zu viel Konkurrenz-Veranstaltungen liefen, unter normalen Umständen hätte ihm Leipzig zu Füßen gelegen. Darauf Krüger: Ich stelle mir gerade vor, wie das wäre ...
Für die Zuhörer repetierte Faber noch einmal die Geschichte des 1928 gegründeten Carl-Hanser-Verlages und den literarischen Lebenslauf Michael Krügers, seit 1995 geschäftsführender Gesellschafter des Verlages. Mit Krügers Tätigkeit verbänden sich heute die Identifikationsmuster, mit denen Hanser in der Öffentlichkeit gesehen werde. Unter Krügers Leitung sei Hanser ein Koloss an literarischer Qualität geworden, mit hohem Unterhaltungswert und tiefschürfender Philosophie. Zudem gebe Krüger »Akzente«, die zweitälteste literarische Zeitschrift der alten Bundesrepublik heraus. Schließlich sei Krüger auch selbst noch als Autor tätig. Seit 1976 gehöre er auch zu dessen Lesern. Man wisse nicht, wo man ihn eigentlich am meisten bewundern solle. Krüger sei nicht nur ein Arbeitsriese, sondern auch ein Multitalent.

 
 

Hier bremste Michael Krüger den Laudator sanft. Leipzig sei in seinem Leben eine wichtige Stadt gewesen, da er in der weiteren Umgebung aufwuchs. Er sei mit 15 Jahren zu seinen Eltern nach Berlin gezogen und habe eine kombinierte Buchdrucker- und Buchhändler-Lehre absolviert. Nach Buchhändler-Erfahrungen in England sei er zu Hanser gekommen. In einer Umgebung, die sich viel mit Filmen beschäftigte, Fassbender und Schlöndorf wohnten in der gleichen Straße, habe er Hanser eine Bibliothek über Filmtheorie vorgeschlagen, und in der Folge, um zu den semiotischen Grundlagendes Filmes zu kommen, eine Bibliothek der neugotischen Romantik.
Es sei aber eine Zeit der Entwicklung traditioneller Verlage gewesen. Das Ende dieser Entwicklung werde jetzt erreicht. Momentan beherrschten drei Konzerne 80% der Buchproduktion .
Elmar Faber warf hier ein: aber nur, wenn man es rein quantitativ betrachtet! Er fügte an, dass er aber jetzt verstehe, warum bei Hanser so viele Film-Titel erschienen. Aber seine Frage sei, welche Idee von Verlag Krüger habe.
Michael Krüger antwortet, dass die Konzerne heute ihre Späher in der ganzen Welt hätten. Wenn ein z.B. ein bedeutender englischer Schriftsteller ein Roman-Manuskript abgeschlossen habe, dann gelange dieses auf elektronischem Wege an 35 Lektoren in ganz Europa. Jene beeinflussten sich in der Korrektur gegenseitig, versuchten sich zu übertreffen usw. Daher käme es, dass heute hirnlose, gleichförmige Roman-Texte dominierten.
Aber, so Krüger, der Mensch könne nicht allein von Romanen leben. Zu einem Verlagsprogramm gehörten auch philosophische Gedanken, Spekulation und Prosa. Wir haben immer auch zehn Gedichtbände, die wir jedoch nicht verkaufen.
Dazu kämen Übersetzungen. Wir könnten in der Regel in nicht mehr als in 4–5 Sprachen lesen. Deshalb seien Übersetzungen aus anderen Sprachen so wichtig.
Elmar Faber zitierte darauf einige Passagen aus Michael Krügers 2008 erschienener Aufsatzsammlung »Literatur als Lebensmittel« (Nichts ist fest ... die Vergeblichkeit unseres Tuns ... die Gegenwart hat sich breit gemacht ... und doch muss ich an die Haltbarkeit des Vergangenen glauben, sonst würde ich keine Bücher machen) Faber verwies auf Krügers Gedanken sich lesend zurückzuziehen, und schloss die Frage an, warum er eine bürgerliche Existenz führe und gleichzeitig ständig Distanz erzeuge.
Michael Krüger antwortete, dass es früher das Ideal gab viel gelesen zu haben. Aber es komme darauf an, wie man lese. Der Buchhandel sei quantitativ orientiert. Aber alle Neuheiten der Leipziger Messe seien eigentlich schon wieder verschwunden. Im Vergleich zur Malerei sei Literatur eher klein. Eine furchtbare Vorstellung sei, dass nur noch der Markt bestimme, was gelesen werden könne. Man freue sich doch z.B., wenn man von jemandem hört, was dieser gelesen habe. Durch Literatur werde Individualisierung befördert.
Andererseits sehen wir die Bedingungen für die Produktion von Büchern. Bestimmte philosophische Bücher würden heute nur noch in einer Auflage von 2000 gedruckt. Von einem Lyrikband setzte sein Verlag nur 420 Exemplare ab, davon 350 Freiexemplare.
Das seien zwei verschiedene Seiten: die Herstellung des Buches und die Funktion von Literatur als Erkenntnismittel. Es sei die Frage, ob man in 100 Jahren bestimmte Texte noch in Buchform drucke. Alles, was wir von der Zukunft bisher voraussagten, sei nicht eingetroffen. Er finde nach wie vor interessante Bücher so wichtig, dass er es sich nicht vorstellen könne den Zweig abzuschneiden, auf dem er sitze. Wenn aber jemand im Studium heute Musils »Mann ohne Eigenschaften« lesen wolle, dann könne er kein anderes Buch lesen, weil die Studienbedingungen dies nicht zuließen.
Dies sei für Menschen schwer zu ertragen, die die Literatur für alles als zuständig erklärten, auf das ganze Leben ausdehnte, wie z.B. Hans Mayer.
Elmar Faber warf ein, dass bei Hans Mayer schon ein Unterschied zwischen Leben und Literatur gesehen werde, wie z.B. in der Heinrich-Mann-Kritik sichtbar werde.
An dieser Stelle unterbrachen mehrere Zuhörer mit Fragen den Disput. Michael Krüger brach darauf eine Lanze für die Kleinverlage und verwies auf wichtige Unterschied, die man wahrnehmen sollte. Z.B. gibt ein Konzernverlag in den USA auch Gedichtbände heraus usw. usf.
Darauf warf Elmar Faber ein, dass in der Zentrale der Deutschen Bank auch die Arbeit von Joseph Beuys »Die Revolution marschiert« hänge.
Michael Krüger ging aber nicht auf den Einwurf ein, sondern äußerte sich grundsätzlich: 1. Wir sind verhältnismäßig kurz Zeit auf der Welt; 2. Entweder wir lesen in dieser Zeit viele schlechte oder einige gute Bücher. Sei es, wie es sei. Bei einer bestimmten Zeiteinteilung könnten wir aber nicht mehr als ein bestimmtes Quantum Bücher lesen. An dieser Stelle fügte er als Beispiel an, dass er in seiner Jugend zum Seminar eines berühmten Politökonomen eingeladen wurde. Aber für die geforderte Literaturliste hätte er, wenn er wirklich alles gelesen hätte, mehr als 100 Jahre gebraucht.
Oder Hans Mayer, der konnte bei einem Frühstück über 300 Bücher reden. Man glaubte dann auf dem Heimweg selbst, man dass man diese gelesen habe. Ein Gelehrter habe festgestellt, dass wir Bildung osmotisch aufnähmen. Wir glaubten wahrscheinlich oft nur, dass wir die Bücher gelesen hätten.
Abschließend trug Elmar Faber einen Text vor, der einen Besuch beim Verleger Michael Krüger schilderte. In der wiedergegebenen Unterhaltung ging Krüger immer wieder auf Details des Baumes vor seinem Hause ein. Schließlich wird Krüger mit den Worten zitiert: »Wir wissen nichts. Die Wissensgesellschaft ist ein Schwindel«.
Damit endete dieses Gespräch zwischen zwei großen Verlegern. Ohne Zweifel war dies ein Ereignis. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren.
Johannes Eichenthal

Information
www.faberundfaber.de
www.hanser.de

 
 

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Die Buchmesse 2010
Der erste Tag
 

Der 18. März war ein kühler Frühlingstag. Nach der Eröffnungsfeier begann nun der Alltag der Buchmesse: Kurz vor der Leipziger-Messe-Abfahrt eröffnete das Autobahnamt just an diesem Tag eine Baustelle, die den Verkehr auf eine Spur zwängte. Auf eine solche Idee muss man erst einmal kommen. Wahrscheinlich sitzen in den Bürokratien Vertreter der neuen »Langsamkeits-Philosophie«. Jedenfalls erhielten die Aussteller und Besucher, die sich kurz vor ihrem Ziel wähnten, auf diese Weise eine Möglichkeit während des Stillstandes über ihr Leben nachzudenken.
Ein Sonderangebot. Woanders muss man für solche Kurse noch bezahlen. Doch nicht alle wussten das zu schätzen ...

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