litterata  :  Reportagen  :  St. Wolfgang in Schneeberg  
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Bergbau und Bergleute waren einst eine wichtige Grundlage für die Kirchgemeinde St. Wolfgang. Heute treten Bergleute bei Gottesdiensten zur Erinnerung an frühere Traditionen auf.
Pfarrer Frank Meinel ließ vor den geistigen Augen der Besucher in der kalten Kirche noch einmal den Akt der Zerstörung entstehen. Die Auferstehung des Wahrzeichens der Stadt wurde erst im Jahre 1996 möglich.

 
 

Mit dem Gedenkgottesdienst wurde in der Kirche auch eine Ausstellung von Holzskulpturen des im vergangenen Jahr verstorbenen Schwarzenberger Skulpturisten Professor Hans Brockhage eröffnet. Die schwarzen Mooreichen-Figuren, die der Meister mit wenig Schnitten in menschenähnliche Formen brachte, lassen den Betrachter die Möglichkeit zur Assoziation auf sein eigenes Schicksal. Brockhage erinnert damit aber auch an sein Kriegsversehrten-Schicksal, und dass einer ganzen Generation junger Männer, die als Soldaten einer fehlgeleiteten und geschlagenen Armee in den Nachkriegsjahren kein Gehör für ihr Leid fanden. Brockhage thematisiert die existenzielle Not und die Hoffnung seiner Generation. So finden wir im Werk Brockhages mehr Religiösität als in der Masse heutiger Durchschnitts-Kirchgänger zusammen genommen.
Nicht zufällig stellt die Galerie Berlin zur Zeit auf der Art Cologne die Arbeiten von Hans Brockhage gemeinsam mit denen von Bernhard Heisig aus.
Gewiss ist es für das heutige Massenpublikum schwer, Kunstwerke, wie die von Hans Brockhage überhaupt wahrnehmen zu können. Der Massenkonsum verleidet uns das Wahrnehmen von Größe und die Assoziation auf unser eigenes Schicksal. Unser Geschmack wird auf bloße Äußerlichkeit, auf Sensationen und die blanke Neugier auf Intimitäten reduziert. Der Gartenzwerg ist das Maximum unseres heutigen Massenkunstverstandes und ein würdiges Denkmal seines eigenen Publikums.
Zum Glück gab es solche Rebellen wie Hans Brockhage, und es wird immer welche geben. Doch ein Massenpublikum wird ihnen verwehrt bleiben.
(Information: das postum erschienen Buch von Hans Brockhage trägt den Titel: »Paradies ist Sehnsucht. Zur westerzgebirgischen Schnitzkunst.« ISBN 978-3-937654-36-2. Bestellung in jeder Buchhandlung möglich oder versandkostenfrei unter: verlag@mironde.com)

 
 

Foto: Die Baude des Bergbauvereins im Abendlicht

Etwa gleichzeitig zum Gottesdienst begann eine Diskussionsveranstaltung in der Baude des Bergbauvereins Schneeberg, hoch über der Stadt. Der Saal war vollständig gefüllt. Fachkundige und interessierte Gäste hatten Platz genommen. Günter Eckart trug zur Vorgeschichte der Luftangriffes vom 19. April 1945 eine Mischung aus Tatsachenbericht und Interpretation der Ereignisse vor. Zunächst verwies er darauf, dass sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges das Erzgebirge bis hin nach Plzen zu einer Wirtschaftsregion entwickelte, in die  zunehmend Rüstungs-Hochtechnologie verlagert wurde. Besonderer Aufmerksamkeit widmete er der Außenstelle des Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik Frankfurt am Main in Schlema. Unter dessen Leiter Prof. Boris Rajewsky sei zunächst die zivile Forschung zur Bekämpfung der »Schneeberger Krankheit« (Bestimmung der tödlichen Radon-Dosis und Schutzmaßnahmen dagegen) entstanden. Er nannte Indizien dafür, dass im Zuge des Krieges diese Forschungsergebnisse auch für die Militärs in Anspruch genommen wurden. Am Kriegsende sei die Industrie der ganzen Region mit Rüstungs-Hochtechnologie belegt gewesen. Tausende Fremdarbeiter und Häftlinge seien unter komplizierten Bedingungen als Industriesklaven eingesetzt worden. Das Schicksal dieser Menschen sei bislang kaum erforscht. Erst jetzt beginnen  Kriegsgräberfürsorge, Kirchen-Arbeitskreise und Heimathistoriker mit Untersuchungen.
Die US-Armee habe am 25. März 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut in Frankfurt am Main besetzt und die wichtigsten Wissenschaftler zügig in die USA ausgeflogen. Am 10./11. April seien Einheiten der 3. US-Armee in Weimar angekommen. Am 14. April 1945 seien Spezialeinheiten der US-Armee, die unter dem Kommando von General Groves, dem Leiter des militärischen Atomprogrammes der USA standen, und die bereits im thüringer Raum aktiv waren, nach Aue vorgestoßen. Am 16. April seien diese Einheiten nach Schlema gekommen, am 17. April nach Geyer. Am 18. April hätten sich die US-Truppen nach Westen, bis in die Nähe der Autobahn A 72 zurückgezogen.
Am 19. April seien gezielte Luftangriffe auf einzelne Rüstungs-Produktionsstätten erfolgt. Es sei heute noch unklar, warum die St.-Wolfgang-Kirche beschossen wurde. Wahrscheinlich vermutete man im Turm eine Beobachtungsstelle der Artillerie. Es sei wahrscheinlich nur Bordwaffenbeschuss erfolgt. Im Turm seien aber Dokumente gelagert gewesen. Diese hätten sich wahrscheinlich entzündet. Dem Anschein nach habe man das Feuer zunächst unterschätzt. Es seien aber brennende Teile durch eine offene Luke auf die Orgel gefallen. Die Orgel sei darauf in Brand geraten und in das Kirchenschiff gekippt. Darauf seien die Bänke entzündet worden. Der Brand habe schließlich auf die Sandsteinsäulen übergegriffen. Dies seien, einst als Zierte gedacht, mit Steinkohleadern durchzogen gewesen. Diese Steinkohleadern seien in einen nicht mehr zu löschenden Schwelbrand geraten. Am 4. Juni 1945 stürzte die Kirche in sich zusammen.
(Information: Einen Diskussionsbeitrag von Günter Eckhart finden Sie im Dokumentationsband des Heimatvereins Niederfrohna mit dem Titel »Wehe den Besiegten. Regionale Reparationsleistungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg.« ISBN 978-3-937654-19-5. Bestellung in jeder Buchhandlung möglich oder versandkostenfrei unter: verlag@mironde.com)

 
 

Kommentar
Der Moderator hatte ausdrücklich auf den Diskussionscharakter des Vortrages von Günter Eckhart aufmerksam gemacht. Die etablierte Geschichtswissenschaft ignoriert bis heute die exakten Vorgänge in den Region am Ende des Zweiten Weltkrieges. Heimatforscher haben oft methodische Schwächen. So gab Günter Eckhart leider der Versuchung nach, immer wieder alle möglichen, wenn auch interessante Bezüge herzustellen. Für die Darstellung der Problemlage wäre aber zunächst eine ganz stringente Argumentation notwendig gewesen. Auch neigte Günter Eckhart leider dazu, widersprechende Fakten auszuklammern. So erscheint das Vorrücken der US-Armee aus Frankfurt in den sächsisch-thüringischen Raum schon auf den zweiten Blick nicht selbstverständlich. Bis zum 30. März hatten die US-Truppen die Hauptstoßrichtung Berlin. Erst am 30. März 1945 gaben sie dieses Ziel auf, obwohl die Eroberung von Berlin ein Symbol des Sieges im Weltkrieg war. Zur Erinnerung: die Rote Armee konnte erst am 16. April zum Besetzen der Stadt antreten. Sie verlor bei dieser Operation noch einmal 80.000 Soldaten.
Es mag sein, dass die Führung der USA diese Opfer scheute. Aber ein Vorrücken der Westalliierten auf Berlin hätte auch den Sowjets die Erstürmung der Stadt erleichtert und vielleicht am Ende ein gleichzeitiges Besetzen von Berlin ermöglicht..
Bis heute gibt es nur Vermutungen über die Ursachen der Aufgabe der Hauptstoßrichtung durch die US-Armee. Am 30. März vollzogen die Truppen von General Bradley jedenfalls einen 90-Grad-Schwenk nach Thüringen und Sachsen, später auch nach Böhmen.
Man kann nicht sagen, dass die Ankunft der US-Truppen in der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg nicht überraschend kam. Deshalb sollte man auch auf solche Zufälle hinweisen.
Die Gäste des Abends bemängelten solche und andere Dinge. Ergänzten aber auch den Vortrag in verschiedenen Punkten. Insgesamt war es eine wichtige Veranstaltung des Gedenkens und des Weiterdenkens
Johannes Eichenthal

Vorankündigung
Am 8. Mai 2010 beginnt um 9.00 Uhr im Kulturhaus Aktivist in Schlema eine Diskussionsveranstaltung zur Geschichte der Industrie im Bereich der Rüstungsinspektion IV bzw. IVa zwischen 1939 und 1945.

 
 

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St. Wolfgang in Schneeberg
Gedenkveranstaltungen zum Luftangriff vom 19. April 1945
 

Die Kirchgemeinde von St. Wolfgang in Schneeberg hatte für den Abend des 19. April 2010, einem sonnigen aber kalten Tag, zu einem besonderen Gedenkgottesdienst eingeladen. Das Gedenken galt der Zerstörung der traditionsreichen Kirche in der Folge eines Luftangriffes der US-Air-Force am 19. April 1945. St. Wolfgang war im Zusammenhang mit dem Silbererzbergbau in Schneeberg am Beginn des 16. Jahrhunderts als gewaltige Hallenkirche entstanden, die in ihrer Mächtigkeit im Erzgebirge nur von St. Annen in Annaberg übertroffen wird.

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