litterata  :  Reportagen  :  Das ferne Leuchten der Kindheit  
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Beim Eintritt in den Saal sind wir zum ersten Mal an diesem Abend überrascht: etwa 100 Besucher waren schon vor uns da. Und es kommen immer mehr. Die rührigen Bibliotheksmitarbeiterinnen bringen Stühle herbei, woher auch immer. Die Zeiger der Uhr gehen  quälend langsam auf 19.00 Uhr. Doch der Ansturm nimmt eher noch zu. Die Schlange der Besucher stockt ab und an vor der Kasse. Sehnsucht in den Augen der draußen Wartenden. Aber die Lesung beginnt erst, als auch der letzte Besucher einen Stuhl erhalten hat. Nach den Informationen der Veranstalter waren es zu diesem Zeitpunkt 190 zahlende Besucher.

 
 

Oberbürgermeister Prof. Lothar Ungerer, und hier staunen wir zum zweiten Male an diesem Abend, begrüßt die Gäste und den Autor Wolfgang Eckert, der an diesem Abend aus seiner Autobiographie »Das ferne Leuchten der Kindheit« lesen wird. Professor Ungerer gratuliert Wolfgang Eckert zu seinem 75. Geburtstag, den der Autor am 28. April beging. In seiner Laudatio hebt der Oberbürgermeister hervor, dass Wolfgang Eckert immer eine Art »Meeraner Bote« (so lautet auch ein Buchtitel des Autors) gewesen sei, zugleich aber auch ein Botschafter der Stadt in die ganze Welt hinaus.

 
 

Wolfgang Eckert, in einem karierten Hemd an diesem Abend eher einem Textilarbeiter ähnlich, wenn auch einem sehr großen, nimmt die Glückwünsche des Oberbürgermeisters dem Anschein nach staunend und verwundert entgegen.
Wolfgang Eckert erklärt zunächst, dass er keine Chronik vorlege, sondern als Schriftsteller mit seinen Erinnerungen frei umgehe. Er habe für diesen Abend Geschichten aus dem neuen Buch ausgewählt, die man nicht nur lesen, sondern vielleicht auch gut hören könne. Bei ihm kämen keine Sensationen, Leichen oder ähnliche moderne Verrenkungen vor. Er beschreibe das ganz einfache Leben. Die Kindheit habe er zum Thema gewählt, weil das, was man in der Kindheit erlebe, ewig bleibe.
Mit seiner kräftigen Erzählerstimme verführt der Autor nun in die 1940er Jahre, in die Atmosphäre einer Klassenwanderung zur Rochsburg, in die Karl-Schiefer-Straße, den Schulalltag, den Einmarsch der Amerikaner im April 1945, Erinnerung an seinen Onkel Heinz, der ihm ein Poesiealbum mit der Inschrift: »Meine Gedichte« schenkte und an seine Eltern, an Freundschaften und Geselligkeit in bescheidenen Verhältnissen.
Schließlich springt der Autor über die Jahre in die Gegenwart. Der Verlust der Textilindustrie, die Rekonstruktion der Stadt, maßloses Besitzstreben, das heutige Aneinander-Vorbei-Gehen und die Sprachlosigkeit.
Nach fast Anderthalbstunden dank das Publikum mit einem Beifall, der einen Autor von geringerem Selbstbewusstsein übermütig gemacht hätte.

 
 

Schließlich lässt Wolfgang Eckert noch einmal über eine Stunde lang einen Büchersignier-Marathon über sich ergehen und zeigt dabei seine bewundernswerte Kondition.

Kommentar
Wir wurden an diesem Abend mehrfach überrascht. Wo gibt es dass schon in der Region noch, dass eine Stadtbibliothek und ein Oberbürgermeister gemeinsam einen ansässigen Autor derartig würdigen? Vielleicht früher einmal in Zwönitz? Aber das wars dann auch ... Dazu kommt, dass Wolfgang Eckert heute von der Literaturindustrie nicht beachtet wird, aber auch nicht geneigt ist, in das heute übliche Tam-Tam zu verfallen, um die Leser wie einst die Eingeborenen, mit bunten, wertlosen Glasperlen zu beglücken ...
Nein. Wolfgang Eckert tut das, was seiner Berufung entspricht und was er gelernt hat. Er erzählt, auf handwerklich hohem Niveau. Seine Stimme verführt uns tatsächlich in andere Welten, zum Teil ist es eine szenische Lesung. An manchen Stellen schwieg das Publikum betroffen, an anderen Stellen nahmen die Lacher kein Ende. Die Sprache Eckerts lässt Raum für Assoziationen. Er malt nicht alles und jedes unwichtige Detail bis ins Letzte aus. Manche Sätze und Gedanken spricht er nicht zu Ende.
Mit solchem Handwerkszeug gelingt es ihm, im Leben der einfachen Menschen auch Größe darzustellen. Hier hat sein Werk ohne Zweifel auch eine religiöse Dimension. Seine Kindheitserinnerungen werden aber auch zu einer Hommage an seine Heimatstadt, an die Textilindustrie und die Menschen, die, wie seine Eltern, auch unter schwierigen Bedingungen Haltungen bewahrten und sich gleichzeitig den Humor nicht nehmen ließen.
Das Meeraner Publikum dankte dem Autor sein lebenslanges Engagement auf eine Weise, die man auch anderen Autoren wünschte.
In unserer heutigen Welt freilich ist ein solches Erzählverfahren, wie es Eckert praktiziert, selten geworden. Aber, um ein bekanntes Zitat von Friedrich Engels abzuwandeln, wenn in 200 Jahren junge Menschen einmal wissen wollen, wie es im 20. Jahrhundert in Meerane war, dann werden sie nach den Büchern von Wolfgang Eckert greifen.
Johannes Eichenthal


Information
Wolfgang Eckert: Das ferne Leuchten der Kindheit. 14,0 × 20,5 cm, Broschur,
VP 9,95 € ISBN 978-3-937654-40-9

Am Abend des 3. Mai engagierte sich die Meeraner Buchhandlung Goerke für ihren Autor. Sein Buch ist auch in der Buchhandlung vorrätig.
Markt 1, Tel. 03764/4673, E-Mail: goerkebuch@t-online.de

Pressestimmen

 
 

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Das ferne Leuchten der Kindheit
Wolfgang Eckert las in Meerane aus seinem neuen Buch
 

Als wir am Abend des 3. Mai 2010, einem Tag mit »Aprilwetter«, von der Autobahn A 4 nach Meerane abfuhren, zog an uns die Szenerie einer sächsischen Kleinstadt vorüber, die über Jahrhunderte von textiler Produktion lebte. Kleinere Weberhäuser, große Fabriken, Stadthäuser mit Mietswohnungen, ab und zu eine versteckte Villa. Dem Anschein nach eine Stadt, wie es in Sachsen viele gibt. Doch da sind wir schon auf der Chemnitzer Straße, fahren in das Stadtzentrum hinein, der Straßenname wandelt sich zur August-Bebel-Straße, und da ist sie schon, die neue Stadtbibliothek.

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