litterata  :  Reportagen  :  Meister-Eckhart-Texte in Erfurt  
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Foto: Nach der Ausstellungseröffnung herrschte bei Künstlern und Besuchern gute Laune

Am Abend des 7. Mai wurde in der Galerie Waidspeicher eine Ausstellung der Goldschmiedin Bianca Hallebach, der Kalligraphin Christiane Kleinhempel und der Typographin Birgit Eichler unter dem Titel »Schmuck – Zeichen – Schrift« in der Galerie Waidspeicher im Kulturhof zum Güldenen Krönbacken eröffnet. Die Ausstellung wurde im vergangenen Jahr bereits in Klaffenbach und Plauen gezeigt. Die Exposition unterscheidet sich aber von den zwei Vorgängern. Die Künstlerinnen haben weiter gearbeitet.

 
 

Birgit Eichler ergänzte ihre großformatigen Schrift-Wort-Blätter um die Predigt über die »Armen im Geiste« von Meister Eckhart. Man kann dieses Werk als eine Geste an die Gastgeber verstehen. Man weiß bis heute nicht genau wann und wo Eckhart von Hochheim geboren wurde. Die Wissenschaft einigte sich auf das Jahr 1260. Wenn das stimmt, dann begehen wir in diesem Jahr den 750. Geburtstag Meister Eckharts. In manchen Publikationen ist als Geburtsort Tambach genannt. Belegen kann man das nicht. Es heißt, dass die Familie dort Besitzungen hatte. Andererseits nannte sich in dieser Zeit der niedere Adel in der Regel nach dem Ort seines Wohnsitzes. In diesem Falle wäre von Hochheim bei Gotha auszugehen. Sei es, wie es sei: der Geburtsort Eckharts liegt in Mitteldeutschland. Obwohl seine Familie gute Beziehungen zur Zisterzienserinnen-Abtei in Gotha und zur Zisterzienser-Abtei Georgenthal hatte, trat Eckhart in das Erfurter Dominikaner-Kloster ein. Nach der dem Anschein nach sehr guten Ausbildung in Erfurt, besuchte Eckhart die Ordenshochschule in Köln. Von seinem Orden wurde Eckhart 1293 an die Pariser Universität gesandt. Er erwarb dort die akademische Würde eines Lektors, der für die Grundlagen des Studiums zuständig war. Danach ging Eckhart, er ging tatsächlich zu Fuß, nach Erfurt zurück, und wurde zum Prior des Erfurter Klosters und zum Vikar der Provinz Thüringen gewählt.
Eine solche Ämterdoppelung wurde im Orden 1298 verboten. 1302 sandte man Eckhart noch einmal nach Paris, um die Magisterwürde zu erwerben und den theologischen Lehrstuhl des Ordens zu besetzen. 1303 ging Eckhart zurück nach Erfurt und wurde zum Provinzial der neu gegründeten Provinz Saxonia gewählt. Verwaltungsaufgaben standen hier für ihn an. 1307 wählte ihn die Provinz Böhmen zum Generalvikar. 1310 wollte eine Nachbarprovinz Eckhart ebenfalls zum Provinzial wählen. Der Orden schickte ihn aber 1311 noch einmal nach Paris. In der Regel besetzte man einen Lehrstuhl damals nur ein Mal im Leben für ein Jahr.
1313 wurde Eckhart Generalvikar im Erzbistum Straßburg. Hier war er für die geistliche Betreuung der Frauenklöster und geistliche Frauengemeinschaften zuständig.
Um 1300 stand die römische Kirche auf einem Höhepunkt ihrer Macht. Gleichzeitig entstanden kirchen- und sozialkritische Alternativbewegungen. Es gab Nonnen und Frauen, die in offener Gemeinschaft nach Regeln der Klöster lebten: so genannte Beginen. Diese hatten keine theologischen Studien hinter sich, bemühten sich als Laien um ein sinnerfülltes Leben. Sie verbanden körperliche Arbeit zum Lebensunterhalt mit Literaturstudien und Meditation.
Einzelne dieser »Laien«, wie z.B. Marguerite Porete aus Paris, erbrachten herausragende geistige Leistungen. Diese Frau schrieb ein Buch über die Thematik »Selig sind die Armen im Geiste« auf höchstem Niveau.
Eckhart predigte in seiner Straßburger Zeit vor solchen Beginen in deutscher Sprache, allerdings in Mittelhochdeutsch, das wir heute nicht mehr so ohne Weiteres verstehen. Vor Beginen hielt Eckhart auch seine Predigt »Über die Armen im Geiste«.
Etwa 1323 wurde Eckhart als Lehrer zum Generalstudium nach Köln geschickt. Im Jahre 1326 klagten ihn seine Ordensbrüder Hermann de Summo und Wilhelm von Nidecke der Häresie an.
Der juristisch erfahrene Eckhart räumte Irrtümer ein und zeigte die Bereitschaft künftig allen Irrtümern abzuschwören, um einer Verurteilung als Ketzer zu entgehen.
1327 machte er sich zu Fuß mit einigen Getreuen auf, um in Avignon, dem Sitz des damaligen Papstes, in seiner Sache Klarheit herzustellen. Wahrscheinlich verstarb Eckhart in Avignon, am 28. Januar 1328. Ein Grab existiert nicht. Der Papst verurteilte 1328 einige Lehrsätze Eckharts. Die Zusammenfassung des Papst-Urteils lautete: er wollte mehr wissen als er wissen sollte.
Dem Papst-Urteil folgte die Anordnung zur Auslöschung der Erinnerung an Meister Eckhart im Orden. Tatsächlich ist heute kein Autograph von ihm erhalten, nicht einmal ein Brief. Es gab aber im Orden Mönche, die sich der Anordnung der Obrigkeit widersetzten. Auf verschlungenen Wegen wurden Redenmitschriften und Gedanken weitergegeben. Heinrich Seuse und Johannes Tauler gelten als die wichtigsten Übermittler von Eckharts Gedanken. Johannes Tauler beeindruckte wiederum den jungen Martin Luther. Bei der Vorstellung seiner Luther-Biographie im ehemaligen Augustinerkloster von Erfurt sagte Volker Leppin am 1. Februar 2007, dass ohne die Hinwendung Luthers zur mittelalterlichen Mystik die Reformation nicht denkbar gewesen sei. Luther gab mehrfach eine anonym erschienene Schrift unter dem Titel »Theologie deutsch« heraus, von der er annahm, sie sei von Tauler. Im Text werden aber auch Gedanken Eckharts überliefert.

 
 

Die rührige Meister-Eckhart-Gesellschaft veranstaltete ihre Jahrestagung vom 12.–14. März 2010 unter dem Titel »Meister Eckhart im Original« in München. Ein etwas mutiger Titel, bei der Quellenlage. Vom 28.–30. Mai wird die Eckhart-Gesellschaft unter dem Titel »Treffpunkt Paris. Marguerite Porete, Dante, Lulus und Eckhart« in Paris abhalten.
Wenn man die Datierung beider Konferenzen vergleicht, dann kann man vielleicht davon ausgehen, dass der Geburtstag Meister Eckharts von der heutigen Wissenschaft im April 1260 angesetzt wird?

Auf ihrer Internetseite hat die Gesellschaft eine Übersetzung des Predigttextes über die »Armen im Geiste« veröffentlicht. Gleichzeitig ist hier eine Interpretation dieses Textes durch den Philosophiehistoriker Kurt Flasch zugänglich.
Kurt Flasch bringt einige interessante, unbekannte Fakten. Er verweist zudem darauf, dass im 13. Jahrhunderte die Gegensätze von Reichtum und Armut zunahmen, und dass Franz von Assisi darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Jesus einer jener Armen war.
Marguerite Porete habe ihr Buch über die Armen im Geiste in der Sprache des französischen Volkes geschrieben. Sie sei inhaftiert worden und nach mehrjähriger Inquisition am 1. Juni 1310 auf der Place de Gréve bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Der Text ihres Buches blieb aber erhalten.
Der verantwortliche Inquisitor dieses Prozesses gegen Marguerite Porete sei der Dominikaner Wilhelm von Paris gewesen. Dieser habe im gleichen Haus gewohnt, wie Eckhart, im Dominikanerkloster Saint Jacques.
An dieser Stelle verweist Flasch auf Kurt Ruh. Dieser hatte in seiner Eckhart-Biographie versucht nachzuweisen, dass Eckhart die Gedanken der Marguerite Porete aufzunehmen, zu korrigieren und weiterzuführen suchte.
»Diu sælicheit tete ûf den munt der wîsheit und sprach: ‹sælich sint die armen des geistes, wan daz himmelrîche is ir.›« (Die Seligkeit tat den Mund für die Weisheit auf und sprach: »selig sind die vom Geiste her Armen, denn das Himmelreich gehört ihnen.« [Mt 5,3])
Vom dem Matthäus-Zitat ausgehen, versucht Eckhart die Argumentation der Marguerite Porete vom Vorwurf der Ketzerei zu befreien und zu zeigen, dass Porete einen zentralen Bereich christlichen Glaubens neu erschlossen hat. Zunächst räumt Eckhart ein, dass äußerliche Armut und das Befolgen von Riten, wie Beten, Fasten, frommes Leben usw. sehr lobenswert seien, aber für die Seligkeit nicht ausreichten. Der Weg zu Gott ist ein geistiger. An anderer Stelle sagt er, dass auch Tauschgeschäfte, wie etwa frommes Leben gegen Seligkeit nicht funktionieren. Wir finden inneren Frieden nur, wenn wir wieder so werden, als wir noch nicht waren. Anders: wir sollten als lebenserfahrene Erwachsene wieder werden wie die Kinder. Dies aber nicht im modischen Sinne, wonach die Alten die Kleidung der Jugend nachäffen, sondern im geistigen Sinne: offen, vorurteilsfrei. Wir sollten unsere Seelen von allem Überflüssigen befreien, alles fallen lassen, was uns behindert.
Hier finden wir die Ansatzpunkte, die die Texte von Eckhart in unserer heutigen übertechnisierten, »ausdifferenzierten« und auf Hochtouren leer laufenden westlichen Welt so interessant machen. Interessant nicht im politischen, sondern im existenziellen Sinne. Hier zeigt sich, dass Eckhart die Lehre Jesu viel tiefer verstanden hatte, als mancher andere. In Sachen Religiosität geht es um unsere Existenz, nicht um den Aufruf zu politischem Engagement. Der unausgesprochene Appell Eckharts lautet den auch: wir sollten einfach anders leben!

Kurt Flasch ist ständig bemüht darauf zu verweisen, dass die Einordnung Eckharts unter die »Mystik« nicht tragfähig sei, und eher eine Orientierung erschwere. In diesem Bemühen mobilisiert Flasch aber einen akademisch-theoretischen Apparat der uns die literarisch erfrischenden Predigten Eckharts eher verleidet.
Gewiss hat Flasch recht, wenn er darauf verweist, dass Mystik nicht im Sinne der heute üblichen Bedeutung von »mystisch« verstanden werden kann. Räucherstäbchen und Trommeln helfen uns hier tatsächlich nicht weiter. (Aber bei der »Romantik« ist das ähnlich, die hat auch nichts mit der heutigen Bedeutung von »romantisch« zu tun.)
Vielleicht reicht es aus, wenn wir sagen, dass Eckhart versuchte über die Worte der Bibel hinaus den Sinn des Textes, seinen kulturellen Kontext zu verstehen. Sein theoretische Traditionslinie dafür reicht von Platos Dialog »Timaius« über die Salomo/Prediger-Texte der Bibel und den Franziskaner Bonaventura. Der letztere hatte Mitte des 13. Jahrhunderts eine Disputation an der Pariser Universität mit den Worten beendet: dass es eine Vernunft und Glauben übersteigende Weise des Erkennens gäbe, dies sei die Weisheit. Für diese Erkenntnisweise seien negative Aussagen geeigneter als affirmative, für solche Erfahrung sei ein inneres Schweigen eher geeignet als ein äußeres Wort. Ausdrücklich bezieht sich Bonaventura hier auf Dionysius Areopagita und sein Buch »De mystica theologia«. Er verwendet also Mystik im Sinne von Weisheit. Eckhart folgt ihm dem Anschein nach.
Auf verschlungenen Wegen wurde diese Sichtweise über Renaissance und Reformation überliefert. Bei Johann Gottfried Herder finden wir diesen Ansatz wieder. Auch Herder verstand Philosophie als Weisheit, als Geist von Poesie. In der Poesie kommen für ihn die Gegensätze Religiosität und Vernunft praktisch zusammen. Philosophie/Weisheit beginnt für Herder dort, wo die Gegensätze von Religiosität und Vernunft, von Hoffnung und Skepsis gleichzeitig gedacht werden können. Herder versteht Poesie daher im Sinne der griechischen Poisis, des Hervorbringens. Hier geht es darum das Unsagbare zu sagen, das nicht sichtbare Sichtbar zu machen. Poesie, Weisheit und Philosophie haben für Herder eine zentrale Bedeutung in unserem Leben. Gleichzeitig spricht er jedem Menschen seine eigene Version von Philosophie, Weisheit und Poesie zu: jeder hat seine eigene Philosophie, so wie er seine Art zu leben hat. Hier gibt es keine allgemeinen Regeln.
Vernunft allein macht also noch keine Weisheit, aber mit Religiosität allein führt auch kein Weg zu Gott.
Die jungen Romantiker hatten Ahnungen von diesem Ansatz. Sie starteten auch diesen oder jenen Versuch. Die Wiederentdeckung der Texte Eckharts wurde denn auch durch Romantiker geleistet. Letztlich vermochten die jungen Leute aber nicht den Herderschen Ansatz weiterzuführen. Seither liegt er brach, denn Kantianer, Fichteianer und Hegelianer brachten im deutschen Sprachraum die Philosophie unter die Kontrolle der Reduktion von Philosophie auf eine im eingeschränkten Sinne verstandene Vernunft, bis heute.
Benedikt der XVI. schrieb als Joseph Ratzinger seine akademische Habilitation zu Bonaventura. Aber auch er nahm den Faden der Weisheit nicht auf, sondern wählte die Geschichtsauffassung Bonaventuras aus. So ist es nicht verwunderlich, dass Kardinal Ratzinger zwar in seiner Disputation mit Jürgen Habermas das Thema Glauben und Vernunft zur Sprache brachte, aber nicht die beide übersteigende Weisheit.
Johannes Eichenthal

 
 

Information

Die Ausstellung »Schmuck – Zeichen – Schrift« in der Galerie Waidspeicher im Kulturhof Grönbacken, Michaelisstraße 10, 99084 Erfurt ist noch bis zum 6. Juni 2010 zu sehen.
Öffnungszeiten: Di–So/Feiertags 11–18 Uhr
Tel. 0361 6551960

Literatur
Kurt Ruh: Meister Eckhart. Theologe, Prediger, Mystiker. München 1989.

Die deutschen Predigten Eckharts wurden von Uta Störmer-Caysa aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertrage.
Uta Störmer-Caysa: Meister Eckhart: Deutsche Predigten. Reclam-Verlag 2001/2006
VP 6,40 €
ISBN 978-3-15-018117-1

Von der gleichen Autorin liegt auch ein weitere Buch zum Thema vor:
Uta Störmer-Caysa: Einführung in die mittelalterliche Mystik. Reclam-Verlag 1998/2004
VP 5,00 €
ISBN 978-3-15-017646-7

www.meister-eckhart-gesellschaft.de

 
 

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Meister-Eckhart-Texte in Erfurt
Ausstellungseröffnung in der Galerie Waidspeicher
 

Erfurt ist heute die Landeshauptstadt Thüringens. Bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts schlossen sich hier verschiedene Ordensschulen zu einer Vorform der späteren Universität zusammen. Damals war Erfurt bereits ein Zentrum des Handels. Berühmt war die Stadt damals als Zentrum des Anbaues der Waid-Pflanze. Diese Pflanze bildete die Grundlage für einen blauen Textil-Farbstoff. Der Waid wurde seinerzeit in großen Speichern getrocknet und gelagert. Heute sind noch einig wenige dieser Speicher erhalten.

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