litterata  :  Reportagen  :  Rüstungsindustrie in der Erzgebirgsregion  
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Am 8. Mai 2010 trafen sich im Kulturhaus »Aktivist«, an dem auch das Uranbergbaumuseum angeschlossen ist, Vertreter von Heimat- und Geschichtsvereinen, um über Rüstungsindustrie in der Region zwischen 1939 und 1945 zu diskutieren. Es war bereits das zweite Mal, dass diese Thematik auf dem Programm des Geschichtskreises stand, der sich seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig trifft.
Einerseits wurden per Befehl spätestens 1944 fast alle ansässigen Industriebetriebe auf diese oder jene Weise in Rüstungsprogramme eingebunden. Doch diese Rüstungsproduktion unterlag großer Geheimhaltung. Andererseits wurde nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes nahezu die gesamte Industrie von den Vertretern der KPD unter Generalverdacht der »Rüstungsgewinnler« gestellt. Da halfen keine Erklärungsversuche, dass etwa für die mittelständige Industrie die Rüstungsproduktion den Charakter von »Lohnarbeit« hatte, und oft nur die Kosten deckte. Gewinne erzielen dagegen die Generalauftragnehmer, multinationale Konzerne, deren Kapital aus aller Welt stammte, die auch während des Zweiten Weltkrieges über Ländergrenzen hinweg operierten, und zum Teil die Armeen aller beteiligten Seiten belieferten.
Insgesamt vermochte die KPD in Sachsen dies nicht zu unterscheiden und damit nicht einmal ihren theoretischen Gründervätern gerecht zu werden. Wladimir Uljanow pflegte zu sagen, dass es Bourgeoisie und Bourgeoisie gäbe, auf die Unterschiede käme es an. Aber die sächsische KPD hatte davon nie gehört, hat nie begriffen, dass Familienbetriebe im Unterschied zu multinationalen Konzernen eine Heimat haben und Verantwortung gegenüber ihrer Region praktizieren. So kam es, dass 1945 auch kleine und mittelständige Industriebetriebe mit dem Vorwurf der kriegsverbrecherischen Rüstungsproduktion enteignet wurden. Damit wurden aber noch einmal Tatsachen geschaffen, die der Bewahrung von Erinnerungen an die verordnete Rüstungsproduktion widersprachen. Die Heimat- und Geschichtsvereine stehen deshalb heute vor keiner leichten Aufgabe.

 
 

Foto: Jens Hummel während seines Vortrages

Den Einleitungsvortrag hielt Jens Hummel. Er hatte schon auf der Jahrestagung des Geschichtskreises von 2009 zur Tätigkeit des Rüstungskommandos IV bzw. IVa referiert. Er verwies darauf, dass die Codierung von Herstellern im Bereich der Rüstungsindustrie bereits nach dem Ersten Weltkrieg begonnen habe, um den Bruch alliierter Bestimmungen zu verschleiern. In Sachsen wurde in den 1920er/30er Jahren wegen der Grenzen zu Polen und der Tschechischen Republik zunächst kaum Rüstungsproduktion betrieben. Das änderte sich aber 1938/39. In den letzten Kriegsjahren konzentrierte sich die deutsche Rüstungsproduktion sogar in Sachsen und Thüringen. 1944 war das Jahr mit den höchsten Produktionszahlen in der Region.
Im Detail ging Jens Hummel dann auf eine in Aue gegründete Außenstelle der Rüstungsinspektion IVa ein. Er belegte mit Beispielen die Verwendungen von Decknamen für einzelne Produkte als auch für Firmen durch di Rüstungsinspektion. Selbst Briefkastenfirmen seien in diesem Zusammenhang angelegt worden, um Stromrechnungen u.ä. zu begleichen. In großen Firmen seien zusätzliche interne Decknamen verwendet worden.

 
 

Foto: Günter Eckhart während seines Diskussionsbeitrages

In der Diskussion hielt auch Günter Eckhart einen längeren Beitrag. Er hatte 2007 im Jahresband des Geschichtskreises einen Aufsehen erregenden Beitrag über die Reparations-Beschlagnahmung von Rüstungs-Hochtechnologie in der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg durch die Alliierten veröffentlicht. An diesem Diskussionsbeitrag küpfte er an. Er brachte neue Indizien für die Existenz unterirdischer Produktionsanlagen im windungsreichen Tal der Zwickauer Mulde vor. Felsengestein war eine Voraussetzung für solche Anlagen. Der Eisenbahnanschluss eine andere. Zudem, so Eckart, wurde bisher kaum nach dem Schicksal zehntausender Fremdarbeiter und Häftlingen gefragt, die die Stollen zuerst in den Fels hinein bauten und dann in der Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Bislang gibt es nur Berichte von einzelnen Abtransporten der Gefangenen in den letzten Kriegstagen, von Transporten, die nie ankamen, und von einzelnen Massengräbern.
Die Tagung endete mit einer interessanten Führung durch das Bergbau-Museum.

 
 

Foto: Eingangsbereich des Uranerzbergbau-Museums

Kommentar
Die Laien-Historiker gingen im Disput erstaunlich professionell vor. Die Beiträge waren vorbildlich nüchtern. Man listete Indizien auf und enthielt sich voreiliger Wertung. Gleichzeitig stellte sich der Geschichtskreis einem Themenkomplex, der von der etablierten Wissenschaft bislang nicht bearbeitet wird. Die Vorwürfe der »Unwissenschaftlichkeit«, die aus Kreisen der beamteten Wissenschaftler von Zeit zu Zeit gegen Laien-Historiker erhoben werden, klingen denn auch nach der Klage des Fuchses über die sauren Trauben. Warum interessiert sich die etablierte Wissenschaft eigentlich bisher nicht für diese Thematik?
Johannes Eichenthal


Information
Ein Dokumentationsband der Tagung wird im Oktober 2010 erscheinen.

Der angesprochene Beitrag von Günter Eckhart ist in dem 2007 erschienen Dokumentationsband enthalten:
»Wehe den Besiegten. Regionale Reparationsleistungen während und nach dem zweiten Weltkrieg.« A5, Broschur, 164 Seiten VP 7,50 €                
ISBN 978-3-937654-19-5
Bestellung in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag möglich.
verlag@mironde.com. (Versandkostenfreie Zusendung)

www.mironde.com

www.uranerzbergbau.de

 
 

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Rüstungsindustrie in der Erzgebirgsregion
Heimat- und Geschichtsvereine tagten in Schlema
 

Bad Schlema im Erzgebirge ist weithin bekannt für die Anwendung des hier fündigen radonhaltigen Wassers zu Heilzwecken. Wer einmal das Bad besuchte, der wird die allgemein belebende Wirkung des Wassers bestätigen können. Aber über eine bestimmte Dosierung hinaus kann Radon durchaus die Gesundheit des Menschen gefährden. So finden wir in Schlema auch ein Museum des Uranbergbaus, in dem die Leistungen und die Gefahren des Bergbaues in der Region dokumentiert werden. Über Jahrhunderte wurden die Bergleute hier im Durchschnitt nur etwa 35 Jahre alt. Die »Schneeberger Krankheit« nannte man als Ursache dieses Massensterbens.

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