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In Bührnheims Literatursalon hatten bereits Michael Hametner und Werner Otto Förster vor einem interessierten Publikum Platz genommen. Hametner erinnerte die Besucher an den bevorstehenden 200. Todestag von Johann Gottfried Seume und bat den promovierten Germanisten und Vize-Vorsitzenden der Seume Gesellschaft Förster um eine Einführung in Leben und Werk des sächsischen Schriftstellers. Dieser versuchte Seume zu charakterisieren. Er sei am 29. Januar 1763 in Poserna zwischen Lützen und Weißenfels geboren worden. Zu Lebzeiten habe man Seume als eigensinniges Unikum gesehen. Allein in Leipzig habe er nacheinander in vierzehnWohnungen gewohnt. Seine Schriften seien wegen der Zensur zum größten Teil erst nach seinem Tod erschienen. Sein Spaziergang nach Syrakus habe Seume bis heute bekannt gemacht. Aber Wandern war damals keine Seltenheit. Alle, die wenig Geld hatten, gingen zu Fuß weite Strecken. Das Besondere war, dass Seume während seiner Wanderungen sozial-dokumentarische Reportagen schrieb.

 
 

Michael Hametner, einer der letzten seriösen Kulturjournalisten unserer Zeit, las darauf einige Originaltexte Seumes. Auffällig war dabei die Verbindung von dokumentarischen Reportagen mit politischen Kommentaren. Heutige Mainstream-Journalisten lächeln wahrscheinlich erhaben oder eingfältig angesichts einer solchen Verbindung von Reportage und Kommentar. Doch Seume ließ sich im Unterschied zu ihnen eben in Sachen Politik nicht auf ein kleinkariertes Parteidenken festlegen. Politik war für Seume eher ein Synonym für menschliche Existenz. Daher klangen seine Kommentare in ihrer Tiefe und Prägnanz auch so, als ob sie auf die heutige Elitenkrise hin geschrieben seien.

 
 

Foto: Otto Werner Förster

Im Anschluss befragte Michael Hametner Otto Werner Förster nach verschiedenen Seume-Legenden. So antwortete Förster, dass Seume etwa 1,63 Meter groß gewesen sein dürfte, und nicht, wie ein Wissenschaftler behauptete, nur 1,50 Meter. Seume sei auch nicht aus ärmlichen Verhältnissen gekommen. Sein Vater habe in Knautkleeberg ein großes Gut gepachtet. Auch sei Seume, der 27 Jahre beim Militär verbrachte, keine Soldatennatur gewesen und habe auch nie gekämpft. Er interessierte sich eher für Strategie. Seume habe sich als politischer Schriftsteller verstanden und wollte nie ein Dichter sein, wie »die in Weimar«. Nach den napoleonischen Kriegen sei die politische Reaktion in Europa zurückgekommen. Dagegen habe Seu­me Bücher geschrieben. Deshalb sei er aber auch von mehreren Geheimdiensten überwacht worden.
Michael Hametner warf hier ein, dass Seume eine Galionsfigur der 1968er-Bewegung gewesen sei. Otto Werner Förster ergänzte, dass die Einordnung Seumes im Osten als »Revolutionär« wahrscheinlich auch die Ursache dafür war, dass sein Grab in Teplice erhalten blieb, obwohl an dieser Stelle ein Straßenneubau geplant war.
Hametner fragte weiter, was für eine Art von Wanderer Seume wohl gewesen sei.
Förster antwortete, dass er ein schneller Wanderer war, dass aber Wandern damals eine normale Form der Fortbewegung gewesen sei.
Hier warf Hametner ein, dass sicher der Blick aus der Kutsche, wie Goethe ihn hatte, für Seume unannehmbar gewesen sei.
Förster entgegnete, dass Seume jedoch Teile seiner Wanderungen mit der Kutsche gefahren sei. Das Ziel Syrakus sei für Seume ein Synonym für die griechische Kultur gewesen. Zudem habe sich Seume seine verflossenen Freundinnen von der »Seele wandern müssen«.
Hametner fragte, ob Seume italienisch sprach.
Förster bejahte, zudem habe Seume Hebräisch, Griechisch, Latein, Englisch und Französisch gesprochen.
Hametner wollte an dieser Stelle das Gehen als elementare Fortbewegungsart kennzeichnen, aus der elementare Kraft entsprünge. Hier kam das Gespräch auf Fontane. Förster meinte, dass auch Fontane seine »Wanderungen« durch die Mark Brandenburg aus der Kutsche heraus geschrieben habe, allein weil er unter Termindruck stand und die Texte pünktlich abliefern musste.
Hier kam Hametner auf die Lektorentätigkeit Seumes beim Verleger Göschen in Grimma zu sprechen. Förster ergänzte, dass es eine verwickelte Situation gewesen sei. Seume lektorierte die Werkausgabe Klopstocks bei Göschen und stellte einige Fehler fest. Aber Seume fand dann auch Fehler bei Klopstock, wo keine waren. Klopstock sei darüber sehr erbost gewesen, habe sich jedoch immer nur bei Göschen beschwert, nie bei Seume selbst.
Aus dieser Situation habe sich Seume durch eine Wanderung befreien können.
Hier ging die anregende Veranstaltung leider schon zu Ende. wir wären gerne weiter mitgewandert. Das Publikum dankte mit einem herzlichen Applaus.

 
 

Foto: Gastgeber Dieter Bührnheim

Kommentar

Wir holten Zu Hause unsere alte Seume-Ausgabe aus der Bibliothek Deutscher Klassiker des Aufbau-Verlages hervor und lasen. Die Leipziger Veranstaltung verschaffte uns mit Johann Gottfried Seume eine echte Wiederentdeckung. Jetzt, wo wir wissen, dass er kein Wanderer aus Prinzip war, können wir auch gerne Wandern, wir müssen es nicht. Zudem verstand Seume das Wandern vielleicht auch als Metapher für geistiges Unterwegs-Sein. Martin Heideger meinte einmal, dass wir mit Flugzeugen, Zügen und Autos Entfernungen verkürzten, dem Wesen der Dinge seien wir damit aber nicht näher gekommen. Vielleicht ist es das.
Die Seitenhiebe gegen Weimar waren sicher nicht angebracht. Das Gemeinsame überwiegt auch hier. Das sollte man deshalb heute betonen.
Gewünscht hätte man sich einige Ausführungen über Seumes Verhältnis zu den Romantikern. 1808 kam Seume als Stammgast im Salon der Familie Körner auf alle Fälle mit den Vertretern der jungen Bewegung zusammen.
Johannes Eichenthal


Information

www.buehrnheims-literatursalon.de; E-Mail: DBfA-Leipzig@web.de

Eberhard Zänker: Johann Gottfried Seume. Eine Biographie. Leipzig. Faber und Faber 2005. ISBN 978-3-936618-65-5

Seume, Johann Gottfried: Mein Leben. Hrsg. J. Drews. UB 1060. Reclam Stuttgart

Seume, Johann Gottfried: Werke in drei Bänden. Hrsg. J. Drews; ISBN 978-3-618-61408-1. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt/Main 

 
 

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Ein Spaziergang nach Leipzig
In Bührnheims Literatursalon
 

Der 12. Juni war ein kühler Frühsommertag. Wir zogen die neu besohlten Wanderstiefel an und machten uns auf den Weg nach Leipzig. Gegen Mittag erreichten wir Penig. Die Bevölkerung ist hier besser gekleidet als auf den Dörfern der Umgebung. Man lebt von der Töpferei und der Papierherstellung. Das Wirtshaus »Zum Goldenen Stern« gewährte uns ein reichliches und gutes Mittagsmahl für wenig Geld. Beim Überqueren der Muldenbrücke musste ich einem sächsischen Gendarmen meinen Pass vorzeigen. Rechter Hand sahen wir sehr deutlich die Höhe »Weiße Spitze«. Hier hat Napoleons Armee im Oktober 1813 ihre Artillerie-Batterie in Stellung gebracht. Preußen und Österreicher erlitten damals große Verluste. Gegen Abend kamen wir endlich ohne weitere Rast in Leipzig an. Die Mozartstraße 8 war unser Ziel.

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