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Foto: Das Schubert Denkmal an der Hohenstein-Ernstthaler St.-Christopherus-Kirche, 1880 nach einem Modell des Münchener Akademie Professors Maximilian von Widnmann geschaffen, blickt in die Weiten des Erzgebirges

Zum 100. Geburtstag stiftete seine Geburtsstadt ein Denkmal für Gotthilf Heinrich Schubert. Zum 200. Geburtstag gab die Universität Erlangen-Nürnberg einen Sammelband zu Ehren des Jubilars heraus.
Heute ist Schubert in der Öffentlichkeit jedoch vergessen. In seiner Geburtsstadt Hohenstein-Ernstthal bewahrte allein Wolfgang Hallmann die Erinnerung. Kein Professor erinnerte an den berühmten Kollegen. In Dresden tauchte der Name Gotthilf Heinrich Schubert im Katalog der Carl-Gustav-Carus-Ausstellung von 2009 nicht ein Mal auf. Im Jenaer Romantikerhaus sucht man vergeblich nach dem Namen Schubert.

 
 

Ist die Lage hoffnungslos? Nein. Am Abend des 30. Juni, einem heißen Sommertag, füllten sich die Stuhlreihen in der Klisschen Buchhandlung, so dass die letzten Besucher trotz aller Bemühungen mit einem Stehplatz vorlieb nehmen mussten. Der bekannte Buchhändler und Schriftsteller Rainer Klis begrüßte das sachkundige Publikum. Es waren u.a. der Vizepräsident des Sächsischen Schriftstellervereins Dr. Klaus Walther, der Präsident der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft Siegfried Arlt, der Hohenstein-Ernstthal-Chronist Wolfgang Hallmann und der Schwarzenberger Buchhändler Michael Schneider erschienen. Der weitgereisteste Gast kam an diesem Abend aus Wien!

 
 

Das Publikum zeigte an diesem heißen Sommerabend eine bemerkenswerte Kondition

Andreas Eichler, der Autor der Einführung in Leben und Werk Schuberts, verwies zunächst auf den Geburtsort Hohenstein. Dann stellte er die Frage, warum wir uns heute mit Schubert befassen sollten. Seine vorläufige Antwort: weil er ein Mensch von enzyklopädischer Bildung war.
In der Tat studierte Schubert Theologie, Philosophie, Medizin, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Zoologie, Mineralogie, Geognosie und weitere Disziplinen. Schubert sei zudem ein polyglotter Geist gewesen, der mehr als ein halbes Dutzend Sprachen fließend beherrschte. Schubert sei auch ein erfolgreicher Autor populärer Romane und Erzählungen gewesen.
An dieser Stelle kam Eichler wieder mit seinem Lieblingsthema: Entscheidend sei für ihn gewesen, dass Schubert eine besondere Nähe zu Johann Gottfried Herder besessen habe. Als Schüler im Weimarer Gymnasium sei er als Gast der Familie Herder mit der ganzen Geisteswelt Weimars zusammengekommen. Als Schüler des Gymnasiums seien ihm alle Konzerte und Theateraufführungen in Weimar kostenfrei zugänglich gewesen.
Letztlich sei die Art und Weise der Schubertschen Rezeption des Geistes von Weimar, so Eichler, modellhaft zu untersuchen gewesen.
Am Ende der Gymnasialzeit hielt Herder seinen jüngsten Sohn Emil und Gotthilf Heinrich Schubert Abendvorträge zur Vorbereitung auf das Studium. Die Nachschriften Schuberts seien die Textgrundlage für die Aufnahme in Band XXX der legendären Sämtlichen Werke Herders von Bernhard Suphan gewesen. Schubert habe den Herderschen Ansatz aufgenommen, die Natur als ein organisches System begreifen und darstellen zu wollen.
Doch Schubert habe zunächst, der Familientradition gemäß, mit einem Theologie-Studium in Leipzig begonnen, habe dann beim Vater die Erlaubnis zum Wechsel in die Medizin erwirkt, im Jahre 1801 dann noch einmal zum Wechsel nach Jena. In Jena waren die Galvanismus-Versuche von Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) für ihn der Anziehungpunkt. Das Promotionsthema Schubert lautete dann auch »Anwendung des Galvanismus auf die Behandlung Taubgeborener«. Ritter sei nur vier Jahre älter als Schubert gewesen. Der fünf Jahre ältere Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) sei dann ebenfalls zu einem lebenslangen Lehrer und Freund Schuberts geworden.
Schubert habe äußerst intensiv studiert, sei täglich zwischen 3.00 Uhr und 5.00 Uhr aufgestanden, um noch vor den ersten Lehrveranstaltungen lesen zu können. Dabei habe er zum Teil in eiskalten Zimmern gewohnt und kaum Geld für ausreichende Verpflegung besessen.
In seinen Lebenserinnerungen habe Schubert darauf verwiesen, dass er in Jena die Reisen Alexander von Humboldts intensiv verfolgte. Die Sehnsucht ferne Kontinenten und fremde Kulturen kennen zu lernen, habe er tief empfunden. Aus Schuberts Briefen gehe hervor, dass er Schiffsarzt werden wollte, um die Welt kennen zu lernen.
Es kam aber anders: Schubert verliebte sich und heiratete. 1803 ließ er sich als praktischer Arzt in Altenburg nieder. Seine Praxis habe aber, so Eichler, nichts eingebracht. Ritter schlug ihm die Abfassung eines Romans zum Geldverdienen vor und vermittelte ihm auch den Verleger Ferdinand Dienemann in Penig. 1804 erschien dort anonym der Roman »Die Kirche und die Götter«. Schubert gestand erst 1854 seine Autorenschaft ein. An dieser Stelle räumte er in seinen Lebenserinnerungen auch ein, dass er den bis heute nicht zweifelsfrei bestimmten Verfasser des Romanes »Nachtwachen« kannte, der 1805 bei Dienemann unter dem Pseudonym »Bonaventura« erschienen war. Schubert Freund Friedrich Gottlob Wetzel (1780–1819) galt längere Zeit als Verfasser der Nachtwachen.
1805 sei Schubert mit seiner Frau nach Freiberg gewandert, um noch einmal Student zu werden, bei Abraham Gottlob Werner. 1806 ging es weiter nach Dresden. Schubert habe gegenüber dem Japanischen Palais gewohnt, in dem die Königliche Bibliothek untergebracht war. Schubert habe in Dresden ideale Arbeitsbedingungen gehabt. Im Winter 1806/07 habe Schubert auf Einladung von Adam Johann Müller (1779–1829) im Palais von Hans Georg von Carlowitz (1772–1840) Vorträge unter dem Titel »Ansichten über die Nachtseite der Naturwissenschaft« gehalten. Hier habe Schubert vielleicht den Höhepunkt seines Schaffens erlebt. Schubert wollte Licht auf unbeachtete Aspekte der Naturforschung werfen, um die Wissenschaft der Aufklärung zu erhellen. Damit wollte er zur Überwindung der unsinnigen Disziplingrenzen beitragen, die Wissenschaft auf die Umweltzerstörung durch Bergbau und Industrie aufmerksam machen, das Wissenschaftspotenzial gegen imperiale Kriegführung mobilisieren und die Vorbehalte gegen fremde Kulturen abbauen helfen. Das Anliegen Schuberts bestand darin, die Aufklärung über sich selbst aufzuklären.
Schubert habe hier das Jakob-Böhme-Bild vom Sonnenaufgang oft gebraucht. Die Aufgabe seiner Generation sei mit der einer Nachtwache vor dem Sonnenaufgang zu vergleichen. In der Zeit solcher Nachtwachen werde es aber, so Schubert, noch einmal sehr kalt.
Schubert freundete sich in Dresden mit Clemens Brentano (1778–1842), Peter Cornelius(1783–1867), Caspar David Friedrich (1774–1840), E.T.A. Hoffmann (1776–1822), Heinrich von Kleist (1777–1811), Christian Gottfried Körner (1756–1831) Gerhard von Kügelgen (1772–1820), August Wilhelm Schlegel (1767–1845), Friedrich Schlegel (1772–1829), Johann Gottfried Seume (1763–1810), Ludwig Tieck (1773–1853) und vielen anderen an.
Trotz der günstigen Aufnahme seiner Vorträge fehlte es Schubert in Dresden aber an den notwendigen Einnahmen für die Existenzsicherung seiner Familie. Im November 1808 traf ein Brief Schellings bei Schubert ein, der ein Angebot für die Rektorenstelle eines Nürnberger Gymnasiums enthielt. Schubert sagte sofort zu und reiste im Januar 1809 nach Nürnberg.
Damit, so Eichler, ging die geistig fruchtbarste Zeit Schuberts zu Ende. Dieser habe in einem Brief an Emil Herder vom März 1810 eingestanden, dass ihre Generationen bei der Verwirklichung ihrer Ideale gescheitert sei, und dass auf längere Zeit keine Chance mehr bestehe.
Schubert habe ab 1809 eine Beamtenlaufbahn beschritten und finanzielle Sicherheit für die Existenz der Familie erlangt. 1814 erschien in Bamberg Schuberts »Symbolik des Traumes«, mit der er auf die Wichtigkeit der Analyse des »Unbewussten« verweisen wollte. In romantischer Tradition proklamierte Schubert »Ur-Traum-Bilder« (Es verwies u.a. Sigmund Freud auf dieses Buch.)
1830 erschien Schuberts zweibändige »Geschichte der Seele«. Im Unterschied zur Mehrheit seiner Kollegen hielt er am Begriff der Seele fest. In philosophischer Hinsicht habe er jedoch einen Aristotelismus vertreten, der hinter Aristoteles zurückging.
1845 und 1848 schrieb Schubert Rezensionen über den ersten und zweiten Band von Alexander von Humboldts »Kosmos«. Zu einer persönlichen Bekanntschaft kam es jedoch nicht.
Insgesamt verfolgte Schubert jedoch die Wissenschaftsentwicklung nur noch in ihrer Breite. Den Ansatz, die Natur als ein organisches System zu begreifen, den hatte er aufgegeben.
Letztlich, so Eichler, habe Schubert das Herdersche Werk nicht fortsetzen können, weil er die Methode Herders nicht erfasste. In diesem Punkt stehe er aber nicht allein. Vor 226 Jahren sei der erste Band von Herders »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« erschienen und seither habe kein einziger Herderianer Herders Methode begriffen.
(An dieser Stelle übertrieb Eichler wohl wieder etwas. Wir kennen ja seine Herder-Manie, naja.)
Aber, so fuhr Eichler fort, Schuberts Lebenslauf gebe Einblick in die Erscheinung, die wir heute »Romantik« nennen. Von »Irrationalismus«, wie ein Standard-Vorwurf lautete, sei bei Schubert nichts zu finden. Vielmehr mache Schuberts Schicksal deutlich, wie sich die Generation der um 1770–1785 Geborenen das kulturelle Erbe der Generation der Lessing, Kant, Hamann, Herder, Wieland, Goethe, Schiller anzueignen versuchte.
Ein wichtiger Aspekt sei dabei die Orientierung auf die Natur als einem organischen System gewesen. Die akademischen Disziplingrenzen hätten sich bei der Untersuchung der Problemstellung als hinderlich erwiesen. Die »Romantiker« hätten daher versucht diese Grenzen zu überwinden.
Bisherige Katalogisierungen der Literaturwissenschaft, wie Aufklärung, Empfindsamkeit, Klassik, Romantik usw., erwiesen sich daher, so Eichler, gerade in der Untersuchung der »Romantiker« als unbrauchbar. Bezeichnend sei, dass das überragende Buch zur Romantik von Ricarda Huch geschrieben wurde, einer weitsichtigen Literatin, die den Universalismus verkörperte.
Kulturelles Erbe werde, so Eichler,  immer über Generationenerfahrung angeeignet. Die Art und Weise der Aneignung sei jedoch von der Zeit abhängig. Zudem habe die Generation Schuberts alles ändern wollen. Das sei ein Recht der Jugend. Bei führenden Geister dieser Generation sei jedoch der Veränderungswille auf die Erfindung einer neuen philosophischen Terminologie und modischer Künstlermarotten beschränkt geblieben. Die Philosophie des jungen Fichte in seiner Jenaer Zeit stehe für diese kurzfristige und bloß äußerlichen Neuerungen.
Schubert sei mit seiner Distanziertheit, mit seinem »ärztlichen Blick«, wie Michel Foucault es sagen würde, immer ein kühler Beobachter geblieben. Die frühe Diagnose vom Scheitern der Romantiker-Ideale sei, so Eichler, singulär. Es erhebe sich danach die Frage, ob man nicht die romantische Bewegung auf die Jahre 1798–1808 und die Landschaft zwischen Weimar und Dresden beschränken sollte, und die Einteilung in Früh- und Spätromantik fallen lasse.
Wenn immer eine junge Generation nach einem kulturellen Neuansatz in einer Zeit suche, in der die Universitätsbildung reformiert werden muss, in der die Umweltzerstörung beendet werden muss, in der imperiale Kriege beendet werden müssen und in der außereuropäische Kulturen ernst genommen werden müssen, dann sei ein Blick auf die romantische Jugendbewegung von 1798–1808, auf ihre Größe und Grenzen angebracht. Das frühe Werk von Gotthilf Heinrich Schubert ermögliche einen nüchternen Zugang zu dieser interessanten Bewegung.

 
 

Kommentar
Der Vortrag war für einen gemeinen Zuhörer an diesem heißen Sommerabend wohl doch recht anstrengend. Wie sagte aber Klaus Walther an anderer Stelle: es gibt keinen Genuss ohne Anstrengung.
Dass Eichler ein Herder-Verehrer ist, das wussten wir. Aber was er über den vergessenen Gotthilf Heinrich Schubert herausgefunden hat, das ist vielleicht doch gar nicht so uninteressant, wie ich zunächst vermutete.
Die Chemnitzer Freie Presse brachte dann am 2. Juli eine ganze Seite zum Buch über Schubert. Vielleicht begreift man in der Region doch langsam, dass Gotthilf Heinrich Schubert ein literarisches und akademisches Schwergewicht war. Warum trägt kein Gymnasium und keine Hochschule in der Region seinen Namen? Vielleicht begreifen wir auch langsam, dass die romantische Jugendrevolte in der Landschaft zwischen Weimar, Jena, Leipzig, Altenburg, Freiberg und Dresden ihre Wurzeln hatte. Bei der Aneignung von kulturellem Erbe geht es darum, Glut in der Asche neu zu entfachen. Das ist eine ständige Aufgabe, soll die Gut nicht verlöschen. Mitunter wird die Erbaneignung jedoch mit Denkmalschutz verwechselt. Das ist die teuerste Form des Verrats am kulturellen Erbe!
Wenn man das Buch durchblättert bemerkt man zudem, dass Eichler Grundlagenarbeit in Sachen Herder-Forschung betreibt. Nicht nur der vorzüglich kommentierte Briefwechsel zwischen der Familie Herder und Gotthilf Heinrich Schubert ist hier zu nennen, man darf vermuten, dass Eichler bei der Kommentierung einen ungenannt bleiben wollenden Helfer aus Weimar hatte, sondern auch der kommentierte Abdruck der Herderschen Abendvorträge an seinen Sohn Emil und Schubert.
In Band XXX der Suphanschen Ausgabe Sämtlicher Werke werden diese Vorträge, die nach den Text Schuberts verfasst wurden, nahezu unkommentiert wiedergegeben. In der Frankfurter Herder-Ausgabe werden die Vorträge sparsam kommentiert. Die Einordnung erfolgt unter Pädagogische Schriften.
Eichler versucht die Vorträge mit der Herderschen Kant-Kritik in Zusammenhang zu bringen. In der Tat ist die Herdersche Metakritik im Frühjahr 1799 im Druck. In der Metaktitik hatte Herder keine Gelegenheit seine eigene Auffassung positiv darzustellen. In den Hodegetischen Abendvorträgen skizzierte Herder jedoch seine Gesamtauffassung. Er nutzte diese Chance souverän. Der Herder-Forschung blieb das bislang verborgen.
Ohne Zweifel war die Veranstaltung ein Ereignis. Wir bedauern alle, die nicht dabei waren. Bemerkenswert auch, dass ein solches Ereignis nur in einer kleinen, unabhängigen Buchhandlung stattfinden konnte. Der Dank gilt deshalb Rainer Klis und seinen Mitarbeiterinnen. Ohne Subventionen, ohne Fördermittel wurde hier Kultur bewahrt und erneuert. Kleine Buchhandlung brauchen, wie kleine Unternehmen eigentlich auch, keine Subventionen, die sollte man abschaffen. Was sie brauchen, das ist eine steuerliche Gleichbehandlung mit Großunternehmen und mit festangestellten Arbeitnehmern, sowie eine Abflachung der Eingangssteuerkurve. Wenn diese Bedingungen gegeben wären, dann müsste man sich um die kulturelle Ausstrahlung kleiner Buchhandlungen keine Sorgen machen. Und umgekehrt. Wenn unser veraltetes Steuerwesen weiter wursteln darf, wenn man von kleinen Einkommen nicht mehr leben kann, dann wird es bald auch keine kleinen Buchhandlungen mehr geben. Und dann?
Johannes Eichenthal


Information
Eichler, Andreas: G. H. Schubert – ein anderer Humboldt. Fester Einband, 22,5 × 22,5 cm. Fadenheftung, 96 Seiten, davon 16 Seiten ganzseitige Farbfotos, Namensregister, Lesebändchen.
VP 14,90 €
ISBN 978-3-937654-35-5
(= Band 2 der Edition Kammweg-Geschichte)
Gedruckt wurde das Buch bei Westermann in Zwickau

Leserzuschriften

Dr. Gerhard Birk
In der Schriftenreihe Kammweg Geschichte erschien 2010 das von Andreas Eichler verfasste und von Klaus Walther beim Mironde Verlag herausgegebene Buch G. H. Schubert – Ein anderer Humboldt. Bei Gotthilf Heinrich Schubert handelt es sich um einen 1780 in Hohenstein (seit 1898 Hohenstein-Ernstthal) geborenen und 1860 bei München verstorbenen Universalwissenschaftler. Er beherrschte mehrere Sprachen und fühlte sich zu den Geistes- wie auch Naturwissenschaften hingezogen. Er ist aber auch als Schriftsteller und Verfasser von Fach- und Lehrbüchern in Erscheinung getreten.
Der Autor Andreas Eichler, seines Zeichens promovierter Philosoph und Verleger, hat mit diesem Buch nicht nur einer aus der Region stammenden historischen Persönlichkeit ein würdiges Denkmal gesetzt, sondern gleichzeitig einen Schlüssel gesucht und gefunden, mit dem er eine Tür aufschloss, die einem hoffentlich breiten Leserkreis die Möglichkeit gibt, einen Blick in die Geschichte der Natur- und Geisteswissenschaften zu werfen. Damit hat er aber auch einen Weg gefunden, seine profunden Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr anschaulich wirksam werden zu lassen. Die Anschaulichkeit wird durch eine gelungene Aufmachung des Buches, eine ästhetisch gelungene Bebilderung und die Beifügung vieler, zum großen Teil nur schwer zugänglicher Quellen erhöht. Ihre Seltenheit und ihre Bedeutung erlaubt es nicht nur, sondern zwingst den Autor geradezu, sie ausgiebig zu zitieren. Die zumeist schwer wiegenden Zitate und der wissenschaftliche Anhang ermöglichen es der Forschung, aber auch dem interessierten Leser, tiefer in die Thematik, die sich zwischen Heimat- und Nationalgeschichte bewegt, einzudringen.
Indem Dr. Eichler die Spuren des Pfarrerssohnes Schubert aufnimmt, sie verfolgt, die weit verstreuten Quellen in mühsamer Kleinarbeit zusammenträgt und akribisch auswertet, lässt er uns teilhaben am Denken und Fühlen von Dichtern und Denkern aus einer ach so fernen und doch so nahen Zeit. Schubert ist praktisch der Aufhänger, an dem Eichler ganz unaufdringlich und gut lesbar, universalgeschichtliche Wissensvermittlung fest macht. Er spannt geschickt und mit einer heute kaum noch bekannten Gründlichkeit einen Bogen von Gotthilf Heinrich Schubert aus Hohenstein über Goethe, Schiller und Herder in Weimar bis hin zu Darwin, Humboldt und vielen anderen Geistesgrößen, deren Schaffen nicht nur bis in unsere Gegenwart reicht, sondern auch in die Zukunft hineinragt. Der Autor stellt gewissermaßen eine Verbindung zwischen sächsischer Heimat und größerer (Geistes-)Welt dar. Er führt den Leser mit historisch bedeutsamen Persönlichkeiten zusammen, die uns bislang wohl als Einzelpersonen, aber weniger in ihrem fruchtbaren Zusammenwirken bekannt waren.
Die Bedeutung des Gottlieb Heinrich Schubert zeigt sich allein daran, dass viele seiner Überlegungen, so beispielsweise die von ihm nachdrücklich geforderte interdisziplinäre Erforschung der Welt und des Lebens, bis in die Gegenwart hinein sehr aktuell geblieben sind.
Am Rande sei hier noch auf einen Ausspruch des Historikers Felix Dahn verwiesen; er stellte fest: »Seit der Reformation ist kaum ein bedeutender Mann in Deutschland erstanden, der nicht mit dem evang(elischen) Pfarrhause zusammenhienge.« Dem ist hinzuzufügen, dass die Pfarrer über Jahrhunderte hinweg zu den wenigen Zeitgenossen gehörten, die studiert hatten und somit über einen weitaus größeren geistigen Horizont verfügten als die Mehrheit der Bevölkerung. Dank dieses höheren Wissens gingen aus Pfarrersfamilien tatsächlich viele Gelehrte, Forscher, Literaten und andere Künstler, aber auch Generäle und Minister und (wie uns Eichler anschaulich zeigte) auch Universalwissenschaftler hervor.
Eichler legt ein wissenschaftliches Buch vor, das auch für Nichtwissenschaftler gut verständlich ist. Er wird damit einem Anspruch gerecht, der besonders an Philosophen gestellt wird: Philosophische Schriften müssen allgemeinverständlich sein und nicht den Eindruck einer Geheimsprache für Eingeweihte erwecken. Die Äußerungen der Philosophen dürfen nicht nur aus Interpretationen der Vorgänge in Natur und Gesellschaft bestehen, sondern sie müssen auch umsetzbar sein und realisierbare Visionen schaffen. Wie sagte doch Karl Marx: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern. Das ist allerdings nur dann möglich, wenn philosophisches Denken, philosophische Überlegungen auch von Laien verstanden werden und nachvollzogen werden können.
Die Region kann stolz darauf sein, dass solche Persönlichkeiten wie Schubert aus unserer Heimat hervorgegangen sind; sie kann sich aber auch glücklich schätzen, dass es noch Wissenschaftler wie Eichler gibt, die (fast) vergessene Persönlichkeiten wie Schubert in das ihnen gebührende Licht rücken.
Dieses Buch, das uns zeigt, dass in Hohenstein-Ernstthal außer Karl May auch weitere historische Persönlichkeiten geboren worden sind, gehört – ebenso wie die anderen Publikationen der Schriftenreihe Kammweg Geschichte – nicht nur in jede Ortsbibliothek, sondern auch in den Bücherschrank eines jeden heimatbewussten Bewohners der Region.
Sicher gibt es noch viele Schuberts – oder wie sie auch heißen mögen –, die es wert sind, der Vergessenheit entrissen zu werden und die uns und den nachfolgenden Generationen die Möglichkeit geben, unser heimatgeschichtliches Wissen zu erweitern und Zusammenhänge zwischen Heimat und Ferne, zwischen Kleinstadt und großer Welt, zwischen gestern und heute und Individuum und Bevölkerung erkennen zu lassen. Leider wird die Zahl derer, die die zumeist immense Forschungsarbeit auf sich nehmen, immer geringer. An die verbliebenen Zeitgenossen, die dazu befähigt sind, sei deshalb appelliert, dem Beispiel von Andreas Eichler zu folgen.

Dr. Günter Johne
Der »Andere Humboldt« war ein Anlass für mich, das Buch aus den vielen Neuerscheinungen auszuwählen. Als Motiv kam noch der Mirondeverlag als Markenzeichen hinzu. Steht er doch nach meiner Erfahrung für Leseschätze, die nach der Einheit in der Kulturlandschaft Sachsens frisch gehoben worden. Auch das Schubertbuch ist ein faszinierendes Beispiel für diesen Ursprung.
Das Leseinteresse, das mich vor allem antreibt, ist der Verfall der klassischen humanistischen Bildung, für die sich kein Anderer so engagiert hat wie der große Wilhelm von Humboldt. Der Niedergang seiner Bildungsreform setzt sich leider auch heute fort. Das ist mehr als enttäuschend. Man hätte sich längst über die Folgen orientieren, Schritte ergreifen können, zuerst bei den Oberstufenreformen das aufzuhalten. Leider zieht sich die Humboldtsche Selbstorientierung des jungen Menschen in unserer Umwelt noch mehr zurück. Der mechanische Lerneifer wird über die Gebühr angespornt, der fachliche Wissenserwerb geht allen anderen Gesichtspunkten voran. Bei dem unbekannten Schubert lag es also nahe, in ihm einen Schrittmacher des klassichen Humanismus zu sehen.
Schubert aus Hohnstein-Ernstthal ist seinem Wesen nach ein mustergültig im Geiste Humboldts Gebildeter. Seine Art und Weise, sich schlauzumachen, sich beraten zu lassen, wäre auch heute nachahmungswürdig. Schubert hatte jedoch keine staatsmännische Position inne, aus der heraus er auf diesem Gebiete hätte initiativ werden können. Seine Reformen beziehen sich auf Stationen seines Lebens, in denen er sich persönlich zwischen Alternativen zu entscheiden hatte. Humboldts Rolle ist jedoch ein vom Autor gewählter Maßstab, auf das Bildungsmodell Schubert hinzuweisen. Es wird deutlich, wie er a la Humboldt vorgegangen ist. Wie not es tut, die Entwicklung eines jungen Mannes zu einer kultivierten Persönlichkeit an einem Beispiel aus der Zeit Humboldts bewusst zu machen.
Schubert erzieht sich weitgehend selbst. Er wählt seine Lehrer und Ratgeber selbst, die für ihn richtige Schule oder Universität. Probebesuche, Gespräche, Sondierungen. Nicht entscheidend ist, wie wie viel Plätze an einer Schule es noch gibt!
Wie das bei Schubert lief? Dem geht der Autor an Beispielen nach. Er belegt sie erstaunlich gründlich durch die Quellen und das Studium der Verhältnisse an einzelnen Städten. Der Leser erlebt Schuberts Zeit in Weimar, Leipzig, Jena und Dresden, Beispiele für wichtige Reifestadien. Woran es der Jugend heute unter dem Druck des automatisierten Lernens gebricht, das lässt sich an der Vorgehensweise von Schubert lernen. Sie wird von Eichler mit innerer Anteilnahme und Liebe zum Detail nachgezeichnet.
Der Autor nimmt sich die Jugendzeit Schuberts von 1798–1808 vor. Er beschreibt und belegt nicht nur klassische Bildungstugenden. Auch der Frage, wie mit den Überlebenszwängen damals umgegangen wurde, wie man sich durchsetzte, wird nachgegangen. Sein Held ist kein weltabgewandter Träumer, auch wenn von seinem romantischem Charakter erzählt wird. Zur Frage der Romantik im Leben Schuberts wie auch im Geistesleben nimmt der Autor verdienstvollerweise auch noch gesondert Stellung.
Heute passen die meisten Menschen sich durchsetzungsagil weit mehr als nötig einem Schema an. Sie haben zu »funktionieren«. Dieses Verbum wird auf allen Gebieten anstelle von humaneren Synonymen verwendet. Was Eichler in Schuberts Dasein auffällt, wird auf Grund von noch wenig bekannten Quellen, Briefen etc. verdeutlicht. Beschäftigt er sich doch auch mit der Zeit Schuberts, der jugendlichen Begeisterung, dem Drang zum Wechsel (etwa von der Theologie zur Medizin). Das aus heutiger Sicht fast unglaublich verständnisvolle Verhältnis der Generationen zu einander ist eine nachdenkliche Erkenntnis. Aber auch die Fähigkeit wird behandelt, großen Persönlichkeiten wie Herder zuzuhören.
Dem Interesse Eichlers an Johann Gottfried Herder verdanken wir die »Hodegetischen Abendvorträge Herders an die Primaner Emil Herder und Gotthilf Heinrich Schubert.« (Seite 63 ff.) Außerdem hat Eichler als gründlicher Kenner Herders dem Leser die Lektüre der »Sämtlichen Werke« des Geistesgiganten erspart, indem er zu dessen »Komplex Weisheit«, also Glauben, Vernunft und Bildung eine Zusammenfassung bietet, die sich sehen lassen kann.
Zur Zeit Schuberts waren Reisen in erster Linie Fußtouren, da man sich eine Kutsche, die damals einzige Fahrmöglichkeit, meist nicht leisten konnte. Der Bewegungszwang und -Drang der jungen Leute, auch auf Strecken wie von Jena nach Leipzig sollte in uns Respekt entstehen lassen. Statt besinnungsreich zu wandern, fährt man heute mit hoher Geschwindigkeit im Auto, hat das Radio eingeschaltet, spricht über Handy und lässt die Landschaft verkommen. Man genießt eine vermeintliche Freiheit, die stark reglementiert ist und andere Bereiche verkümmern lässt. Der damals zwangsläufig längere Aufenthalt an einem Ort ermöglichte es, mehr zu sehen, nachzudenken und auch ins Tagebuch zu schreiben. Weder auf den Chimborazo in Ecuador noch als Schiffsarzt auf die Weltmeere, wie er es erträumte, ist Schubert allerdings Alexander Humboldt, dem wagemutigen Forscher gefolgt. Seine Herausforderungen hielten sich im geistigen Bereich, der seine Folgen bis zu seinem Lebensende hatte. Das sollte man in Eichlers Buch nachlesen.
Der Wanderer Schubert hat es zum Beispiel in vorgeblich drei Wochen im Alter von 24 Jahren vermocht, seinen einzigen, anonym gebliebenen Roman (1804) zu schreiben, zu dem er sich erst fünfzig Jahre später in seinen Alterserinnerungen bekennt.
Die Briefe des jungen Schuberts , u.a. auch an Herder, führen uns in ihrer Qualität das Elend unserer verkommenden Briefkultur vor Augen. Längere Briefe mit der Hand zu schreiben? Das ist ein Luxus, den sich nur noch Auserwählte leisten können.

 
 

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Ein anderer Humboldt
Zum 150. Todestag von Gotthilf Heinrich Schubert
 

Am 30. Juni bzw. dem 1. Juli 1860 (beide Daten werden genannt) verstarb Gotthilf Heinrich von Schubert in der Nähe von München. Es jährte sich also der Todestag in diesem Jahr zum 150. Male. Seit 1827 war Schubert Professor an der Münchener Universität, war Autor einer dreistelligen Zahl von Büchern in Natur- und Geisteswissenschaften sowie von Romanen und Erzählungen, war befreundet mit fast allen die Rang und Namen hatten in Literatur, Kunst und Wissenschaft, trug den Titel eines Geheimrates, war in den Adelsstand erhoben worden und beriet das bayrische Königshaus. Bereits 1816 zählten einschlägige Lexika Schubert zu den bedeutenden Persönlichkeiten. Seine Beerdigung geriet zu einem Treffen des »Adels im Geiste«.

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