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Wenige Landstraßenkilometer hinter Lüneburg erreicht man den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt fallen dem aufmerksamen Reisenden die ersten gelben Kreuze am Straßenrand auf. Die Kreuze sind ganz unterschiedlicher Machart. Ein Kreuz aus gelb lackierten Zaunslatten am schmucken Eigenheim postiert, gelb getünchte Stahlträger ineinander verhakt am Ackerrand aufgestellt, gelbe Bretter, gekreuzt an das ehrwürdige Tor des Bauernhofs genagelt.

 
 

Der Reisende überlegt noch, was es mit den Kreuzen auf sich haben könnte. Dann erscheint am Straßenrand eine übergroße Nachbildung einer gelben Giftmülltonne. Auf ihr steht: Atommüll Nein Danke! Plötzlich kommen dem Reisenden Bilder aus den Nachrichten des späten Herbst des letzten Jahres in Erinnerung. War da nicht über Demonstrationen gegen Castortransporte berichtet worden. Und hatte man in diesem Zusammenhang nicht schon mal von dem Landkreis Lüchow-Dannenberg und der Region Wendland gehört. In Gedanken vertieft fährt der Reisende an einem alten Backsteinschuppen vorbei. An diesen hat jemand geschrieben: Gorleben ist nicht das Scheißhaus der Nation.
Der Reisende hält an um sich von der Region ein Bild auf der Karte zu machen. Man stellt fest, dass die Landesgrenze Niedersachsens an der Stelle des Landkreises einen eigenartigen Schwenk gen Osten macht. Zu Zeiten der deutschdeutschen Teilung ragte hier ein Zipfel Westdeutschland in die DDR. Seinerzeit soll es einige Künstler aus Westberlin, die das graue Stadtleben satt hatten, in den grünen Fleck an der Grenze gezogen haben. Bald kamen auch Künstler und Aussteiger aus der nahegelegenen Metropole Hamburg. Einige von ihnen kamen schon damals gerade um gegen das geplante Endlager in Gorleben und die Atompolitik zu demonstrieren.
Heute befindet sich am ehemaligen Grenzübergang eine Gedenktafel. Das Endlager Gorleben ist jedoch noch immer nicht vom Tisch. Der Widerstand dagegen ist mittlerweile den Wendländern in Fleisch und Blut übergegangen. Er vereint alle Generationen, Stände und Ortschaften des Landkreises. Und es haben sich charmante Methoden entwickelt, den Widerstand »unter die Leute« zu bringen.
Seit 1989 veranstalten Künstler und Handwerker des Landkreises die kulturelle Landpartie. Immer zwischen Himmelfahrt und Pfingsten öffnen Ateliers, Bauernhöfe, Scheunen ihre Pforten, um neugierigen, meist radelnden Reisenden Einblicke in das vielfältige künstlerische Leben der Region zu geben. So sinniert zum Beispiel ein Bild der »Villa Wendland« über die wechselvolle Geschichte des Hauses. Einst war die Jugendstilvilla Sitz eines Fabrikanten, der durch Kalibergbau zu Reichtum gelangt war.

 
 


Einige Kilometer weiter lädt ein »Offenes Atelier« zum Eintreten und Erkunden ein. In jedem Ort sind Türen und Tore geöffnet. Es gibt ganz unterschiedliches zu sehen: Strickkunst, Töpferei, Fotografie, Schmuck, Taschen aus Leder, Taschen aus Filz, Skulpturen aus Stein, Metall, aber vor allem aus Holz. Für die Präsentation dieser Werke werden meist auch wunderschöne Bauerngärten geöffnet, die so einen weiteren neuen Blick auf die wendländische Lebensweise eröffnen.

 
 

An den Abenden des Pfingstwochenendes findet dann die »Lachparade« statt. Bis vor wenigen Jahren hat dieses besondere Ereignis innerhalb der kulturellen Landpartie in einem Zirkuszelt seinen Platz gehabt. Mittlerweile kann man eine ehemalige Scheune nutzen, um vor vollen Reihen ein kurzweiliges Programm zwischen Zirkus, Zauberkunst, Akrobatik, Pantomime, Märchenerzählkunst, Slapstick und dem allgegenwärtigen Widerstand zu bieten. Gleich zu Beginn der Veranstaltung werden Sammelbüchsen für den »Musenpalast« im Publikum herumgegeben. Das ist ein Projekt, das für die Anticastor-Demonstranten einen sicheren, warmen Ort während der Demonstrationen im November bietet. Man distanziert sich ausdrücklich von Krawallmachern, sondern stellt auch dieses Projekt unter das Motto eines friedlichen Widerstands. Dann geht es los mit der Lachparade. Über zwei Stunde wird das Publikum begeistert, vor allem von einem Pantomimen, der rückwärts Träcker fährt. Das kommt an in einer von Landwirtschaft geprägten Region. Nach vielen Lachern geht das Programm zu Ende. Das Publikum verlangt nach einer Zugabe. Die, so der Varieté-Gastgeber, könne man im Musenpalast bei den Demonstrationen im November sehen.
Charlotte Lundt & Simon Knopf

 
 

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Kulturelle Landpartie
Eine Entdeckungsreise
 

Am Pfingstwochenende ging im niedersächsischen Wendland die diesjährige kulturelle Landpartie zu Ende. Ein Ereignis und eine Region mit vielen Gesichtern.
Fährt man von Hamburg kommend über Lüneburg weiter südöstlich, werden die Ortschaften immer seltener, die Wälder und Wiesen hingegen prägen bald das Landschaftsbild. Man gelangt in das grüne Zentrum Deutschlands. In den späten Maitagen scheint die Natur gerade erst erwacht zu sein. Alles strahlt in einem zarten, frischen, satten Grün. Man fährt geradezu in die pure Idylle - könnte man meinen.


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