litterata  :  Reportagen  :  Reise nach Burma  
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Zum Geleit: Frei von der Strapaze, von einer Viersternesehenswürdigkeit zur anderen zu laufen, suchte ich andere Sterne, war auch für die »einsternigen« (das heißt eigentlich bedeutungslosen) Ereignisse offen. Niemand hat sie geplant, sie sind einfach da. Oft erfassen mich in Burma auch innere Ausnahmezustände und vom Buddhismus habe ich gelernt, unverständlich und irrational zu erleben. Einer persönlichen Geschichte auf der Spur zu bleiben, das ist beileibe nicht so schwierig.
Der Buddhismus prägt wie selten in einem Land die Kultur, die Lebensweise der Bevölkerung und ist damit die stärkste Kraft, der auch ich mich ausgesetzt sehe. Buddha ist überall und hat keinen Rivalen, zumal die ursprüngliche, eher auf Lebens- und Weltverneinung basierende Philosophie allmählich schwindet. Auf dem noch asketischen Stern wird mir der Unterschied zwischen denen, die etwas oder viel aus sich machen und denen, die nichts oder wenig aus sich machen, immer auffälliger und interessanter.
Über eine halbe Million Burmesen widmen sich als Mönche in weit mehr als tausend Klöstern bei einfacher Kost und strengem Tageslauf dem spirituellem Leben. Was das bedeutet, weiß ich noch immer nicht wirklich einzuschätzen. In ein Kloster bin ich nicht gegangen. Aber auch die Herrscher, die Militärs berufen sich leider auf Buddha, selbst wenn sie ungesetzliche Gewalt ausüben. Trotz einer langen Geschichte, in der Könige und heute die Generale die Macht nicht verloren haben, ist friedliche Friedfertigkeit ein Wert, den selbst die Militärs nicht offen anzutasten wagen, es sei denn unter einem Druck, von dem sie glauben, er könnte ihre Herrschaft gefährden.
Nirgends erlebe ich Kriminalität, und sei es Taschendiebstahl, nirgends tritt das Böse offen auf. Diese das Eigentum respektierende Mentalität und Hilfsbereitschaft werden keineswegs durch die Androhung strenger Strafen des Regimes erzwungen. Das mag ein Paradoxon sein. Andererseits ist in einem Land, in dem verschiedene Völker zusammenleben, eine auf Achtung und Tolerenz ruhende Gesellschaftsordnung sehr wünschenswert.
Schließlich ist Burma doppelt so groß wie Deutschland, ein Vielvölkergemisch mit nur 55 Millionen Einwohnern, beneidenswert dünn besiedelt. Welche spröde Einsamkeit sich in der Weite dieses Landes überall auftut, die gut tut und die ich nirgendwo anders so erlebte.
Die Nordsüdausdehnung, von den Ausläufern des Himalaya bis zur malaysischen Halbinsel beträgt 2050 Kilometer. Die Ost-West Ausdehnung beträgt 935 Kilometer und reicht vom Golf von Bengalen bis zum Mekong. Mit seinen sechs Nachbarstaaten teilt sich Burma eine gemeinsame Grenze von insgesamt 6100 Kilometer: Tibet und China, Thailand, Laos, Bangladesch und Indien. Wie doch eine solche Geographie und Lage des angeblich so unbedeutenden Burma die Phantasie anregt!

 
 

I. Von »Downtown«, wie das Zentrum von Yangon (dem Rangun aus englischer Zeit) noch heute genannt wird, nur zehn Autominuten entfernt, breitet sich ein großes Wohngebiet im Grünen aus, in dem nur Wohlhabende leben sollen, wie man mir sagte. Nach dem Stadtplan sieht das Gebiet so aus, als ob es mindestens doppelt so groß ist wie das Zentrum. Dass es in Burma so viele gutbetuchte Leute gibt, einem nach der UN-Klassifikation »am wenigsten entwickelten«, also sehr armen Land, wie reimt sich das zusammen? Das mochte ich kaum glauben.
»Das musst Du selbst erkunden«, dachte ich.
Mein Taxi verließ schon bald die quirlige Innenstadt mit den engen Seitenstraßen voller Vitalität einfacher Leute. Wir fuhren auf doppelspurigen Alleen ein ganz passables Tempo. Unterwegs passierten wir zwei Rondelle, also Verteilerkreise, in deren terrassenförmig aufgebauter Mitte jeweils ein Kunstwerk majestätisch aufragte. Meiner Erinnerung nach sind es Skulpturen aus der burmesischen Geschichte. Mehrere breite Chausseen verschränken sich und falten sich wieder auseinander. In diesem immer grüner werdenden Gebiet überrascht im Übergang eine Mischung von Geschäfts- und Privathäusern, unterbrochen von parkähnlichen Randzonen. Auch am hinreißenden Kandawgi See geht es vorbei, auf dem es möglich ist, in der Nähe des Ufers auf einfachen Holzsteegen zu gehen oder sportlich zu laufen.
Die vom Fahrer eingeschlagene Richtung kürzt die Strecke zum Villenareal ab. Mit einem Mal blitzen weitläufige, hinter hohen Hecken liegende Anwesen im Vor­über­fahren auf, darunter auch verbotene Territorien (wohl des Militärs), Villen, auch Teile der Universität. Wer es sich leisten kann, hier zu wohnen, das heißt in einem meist stattlichem Haus, hat wohl ein Auto. Zu den Fußgängern gehören die Bediensteten, die zu ihren Arbeitgebern eilen. Auch völlig vereinsamte Alleen ging es entlang.
Der Fahrer will meinen Erkundungsdrang unterstützen, den er sympathisch findet. Da ich ihm in dem irrgartenähnlichen Revier aus reinem Egoismus freie Hand lasse, bringt sein Elan auch Bravourstückchen zustande, bei denen er sich hin und wieder irrt. Das macht uns beiden viel Spaß. Zum Beispiel schwenkt er jäh in eine schmale Straße ein, die zu einer noch brandneuen Villenkolonie führen soll, wie er schmunzelnd radebrecht. Sie soll erst in den letzten Jahren entstanden sein. Da denke ich sofort an dubiose Typen, die im Fahrwasser der Militärs zu Geld kommen. Dafür spricht auch, dass man dort unter sich sein will und von den luxuriösen Gebäudeensembles Neugierige möglichst abzuwimmeln sucht. Schilder wie bei uns, welche die Autodurchfahrt verbieten, waren nirgends zu sehen. Auch auf fast herrschaftliche Bauten stoße ich dort, die auf großzügigen Grundstücken Versteck spielen.
Der Fahrer hatte auf seiner Suche in dieser feinen Wohngegend freilich Mühe, wurde er doch kaum hierher gerufen. Nicht nur einmal manövriert er den Wagen aus privaten Sackgassen heraus. Er riskiert sogar Ärger, als er mutig an ein jedoch unbesetztes Pförtnerhaus heranfährt, voll bremsend und stolz auf seine Fahrkünste. Ich steige aus und sehe vor mir die pittoreske Imitation eines Schlosses, das durch seine verwitterte weiße Fassade, durch Türmchen und schlitzartige Öffnungen märchenhaft wirkt
In diesem Moment erscheint eine schlanke Gestalt, die zwei Stufen auf einmal nehmend sehr gelenkig die Treppe zum Vorgelände hinabeilt. Sie wirkt auf mich wie ein Schauspieler, der den Edelmann verkörpert. Trägt der Mann doch eine rotschwarze karierte ärmellose Weste zu den tatsächlich hellgrünen Hosen, eine gewagte Kombination. Etwa um die Vierzig stufe ich ihn ein. Er bleibt vor mir stehen, grüßt und lächelt mich an. Die Locken seines schwarzen Haares lugen unter der hellen Mütze hervor, die er ganz fesch etwas schief aufgesetzt hat. Das unterstreicht, wie selbstbewusst er sich gebärdet. Er freut sich über meine Aufmerksamkeit, mit der ich mich vorstelle und ihn betrachte. Ich geize nicht mit Lob, um die Reize des Anwesens hervorzuheben: »Ich bin über die Genialität begeistert, durch die Seitenflügel eine Fassade zu schaffen, die ich in Europa fürstlich nennen würde.«
Seiner Einladung, mir »das Schloss« zu zeigen, komme ich gern nach, zumal ich Aufregendes ahne. Was er da über Tagungen sagt, die er im Auftrag von Interessenten vorbereitet, lässt mich aufhorchen. Das Besitztum eignet sich dafür vorzüglich, ganz abgesehen von den finanziellen Einnahmen, die so der Erhaltung zu Gute kommen. Bildungsarbeit im passenden Ambiente, das gibt es heute überall, eben auch in Burma, dem armen Land. Das findet auch der Manager. Dass sich so etwas im Villenareal ereignet, ist wohl ein Zeichen unternehmerischer Initiative. Der Manager labt sich stolz an meinem mit Skepsis gemischtem Staunen. Er tut so, als ob die Tagungsstätte das Selbstverständlichste wäre, durch das man mit der Welt Schritt hält. Ganz professionel schildert er die Situation: »Wir haben etwa vierzig Zimmer anzubieten, betrachten uns allerdings nicht als ein Hotel. Unser Zweck ist es, für den Rahmen zu sorgen, um Tagungen zu ermöglichen, an denen die verschiedensten Kreise interessiert sind. Unsere Atmosphäre ist ideal für konzentrierte Arbeit. Niemand stört die Teilnehmer. Das läuft schon seit einigen Jahren recht erfolgreich«, behauptete er etwas blasiert.
»Wann haben Sie denn wieder eine Tagung?«
»Kommende Woche wird drei Tage lang über die Folgen der Außenwirtschaftssanktionen gegenüber Burma beraten. Ein wichtiges Thema, an dem die Regierung interessiert ist.«
Mir wurde unbehaglich zumute, als deutlich wurde, welche Art von Auftraggebern in Betracht kommen. Die Frage, ob auch Offiziere der Armee teilnehmen, unterließ ich tunlichst. Wie erleichtert war ich, als ein junger Bediensteter hereinkam und dem Manager mitteilte, dass er in der Einfahrt warte. Die Geräte für das Golfspiel habe er im Wagen verstaut.
»Sogar einen Golfclub haben Sie in der Nähe. Das ist der richtige Moment, mich zu verabschieden.« Ich lachte:
»Auf beiden Feldern wünsche ich Ihnen viel Erfolg.«
»Das ist eben Zufall, dass Sie gerade jetzt gekommen sind. Einmal in der Woche genieße ich das Golfen. Wir haben ja drei größere Klubs allein in Yangon.«
Herr Sun Taung gab mir seine Visitenkarte:
»Vielleicht kommen Sie mal wieder. Dann zeige ich Ihnen viel mehr.
»Ich freue mich schon darauf und werde Sie vorher anrufen.«
Herr Taung geleitete mich zum Tor. Wir verabschiedeten uns. Ich sah, wie er in eine nagelneue Toyotalimousine einstieg!
Wieder waren wir einige Minuten herumgekurvt. Der Motor heulte auf, als es steil auf einen Hügel hinauf ging. Ganz oben hielt der Fahrer. Von hier aus hatte man einen herrlichen Rundblick auf das ganze Areal. Aus dem Grünen ragten wie Punkte farbige Dächer und Fassaden vornehmer Häuser heraus.
Die nächste Überraschung war ein in der Nähe liegendes lokales, aber pickfeines Geschäftszentrum. An der Straße standen Gemüse- und Obststände, ihre Ware kunstvoll zu Pyramiden aufgestapelt. Auf den ersten Blick sah man den Geschäften ihre Qualität an. Ein wahrhaft elitärer Markt. Immerhin war es auf überflüssigen Grasrandzonen einigen ärmeren Bewohnern gelungen, verschlissene Zeltbuden zu errichten, um Speisen und Getränke billig zu verkaufen. Auch würden sie nach Ansicht des Fahrers für Verkäufe frei Haus zu bestimmten Zeiten in der Villengegend unterwegs sein.
Ein Stück weiter, wo es wieder ruhiger ist, hob sich ein verstecktes Nobelrestaurant ab, das erst am Abend öffnet. Sein Name »Zur tropischen Insel« verriet die Sehnsucht nach Ferne von Leuten, die das Geld dazu haben. Abseits, schon mitten in den Villenstraßen, die von blühenden Büschen nur so duften, bewunderte ich ein ebenso exklusives Hotel.
Was ich sah, waren keineswegs Domizile aus der britischen Zeit, obwohl es schon damals einen ersten Bauboom gegeben hatte. Der Wohlstandsbezirk mag im Kern etwa 1900 entstanden sein. Sehr berührt hat mich die zu einem Hotel ausgebaute »Governorʼs Residence«, bei der es sich um ein restauriertes Kolonialgebäude aus den 30-er Jahren handelt. Inzwischen ist es durch zusätzliche Bauten ergänzt worden. Es hat auch noble Preise.
Das neue Villengebiet ist erst nach der Unabhängigkeit Burmas 1947 entstanden. Erstklassige moderne Architekten waren am Werk, das lässt auf Vermögen schließen.
Ich lernte auch eine größere Villa kennen, die zwei junge Geschäftsleute gemietet hatten, um Kunst und was sich in dieser Linie an Kunsthandwerklichem in Burma tut, anzubieten. Die erfahrenen Händler tourten regelmäßig durch die rückständigen Provinzen. Dort sind sie imstande, die Preise der lokalen Kunsthandwerker herunterzuhandeln. Woher sollte man in den fernen Provinzen über die Marktsituation Bescheid wissen? Allerdings bleiben in der heutigen desolaten Lage die Händler ihrerseits in der Villa auf ihren Holzschnitzereien, Ornamentmöbeln und Buddhafiguren sitzen.
Lächerlich macht sich ein Villenbesitzer, der in Riesenbuchstaben auf einem Schild, das er am Zaun neben dem Tor angebracht hat, verkündet: Hier lebe er, ein bedeutender Diplomat als »Botschafter im Ruhestand«. Freilich liest seine Angeberei nur, wer Englisch kann, so dass die einfachen Leute es nie erfahren.
Der riesige Villenbezirk wird in seiner Mitte von der »University Road« durchschnitten, die als Durchfahrtsstraße, den Verkehr abfiltert. An ihr liegt auch die Botschaft der USA. Ich entlohne endlich überreichlich den Fahrer, denn es drängt mich, langsamer, das heißt, zu Fuß voranzukommen. Da dürfte ich nach ein bis zwei Kilometern am Inyasee ankommen.

II. Die Villengegend grenzt im Osten an den Inyasee, der so weitläufig ist, wie es selten in einer Metropole vorkommt. Hat er doch nach allen Seiten ausufernde Buchten und Uferformen. Auf dem See gibt es kleinere Inseln, die unbewohnt und mit Dickicht überwuchert sind. Von welcher Himmelsrichtung ich mich dem See auch nähere, ich genieße stets neue, romantische Sichten. Auf dem Stadtplan fällt er als bizarrer Farbklecks auf, der durch seine Existenz zeigt, wie reizvoll kompliziert das Verkehrsnetz sein muss. Der See ist ein faszinierendes Hinderniss für die Verbindung der voneinander abgeschnittenen Stadtteile.
Der Inyasee ist bei allen Schichten der Bevölkerung beliebt und ein begehrtes Ausflugziel. Wie die Wasserfläche glänzt und lockt! Der See kann oft nur auf Teilstücken umfahren oder umwandert werden. Solche Spaziergänge machen wegen der verzwickten Wege Spaß. Einfache Restaurants liegen an ihnen. Besonders am Wochenende sind sie überfüllt. Auf einem festen Uferdamm stehen zahlreiche Sitzbänke, sogar mit Sonnenschirmen. Hier oben stört der auf der Straße in Richtung Flugplatz vorbeiflutende Verkehr kaum noch.
Erst die kürzliche Verhaftung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Rangun hat offenbart, dass ihr Anwesen tatsächlich am Inyasee liegt. Hier lebt sie seit Jahrzehnten unter Hausarrest. Ihr wird ja vorgeworfen, heimlich einen Amerikaner in ihrem Haus empfangen zu haben, der es schwimmend erreichte und angeblich zu erschöpft war, es sofort wieder zu verlassen. Er hat wohl dort übernachtet. Die Pressefotos zeigen eine noble zweistöckige Villa in schlechtem Zustand.
Der Verfall ist sogar auf dem Foto nicht zu übersehen. Ihre Peiniger, die wohl am Inyasee nicht mit Ausländern gerechnet haben, taten offenbar nichts. Sie sollten sich schämen.
Am Westufer des Sees befindet sich auch der feine private Segelclub, den ich im Spontaneinfall heimsuche.
Der Zugang zu seinem Hauptgebäude am Seeufer wird durch eine Allee aus hochaufragenden schlanken Palmen gesäumt. Auf der linken Seite sind zwei Palmen verschwunden und tatsächlich stört auch in der gegenüberliegenden Reihe eine schmerzliche Lücke. Ich rätsele. Kein bloßer Defekt, sondern ein ästhetischer Makel, dessen man erst im Näherkommen gewahr wird. Obwohl nur Clubmitglieder Zutritt haben, wie am Eingang zu lesen ist, fackle ich nicht lange und betrete am Pförtnerhaus leutselig grüßend das Areal. Niemand versucht, mich aufzuhalten, allerdings sind auch weder Segler in Sportkleidung noch sonstiges Personal zu sehen.
Zuerst tue ich so, als wollte ich Segelboote sehen, sei es auf dem Wasser oder am Kai vertäut. Zu meinem Erstaunen gibt es keine. Weder auf dem See noch an Land, nicht ein einziges, das durch die längsschiff stehenden Schratsegel, die ein- oder zweimastige Takelung hätte auffallen müssen.
Ratlos schüttle ich den Kopf, steige eine Treppe zu der seewärts gelegenen Terrasse hinauf, über die ich ins Clubhaus gelange. Etwas zögernd gehe ich herum. Alles ist jedoch ebenso verwaist wie das Gelände draußen. Warum sollte ich mir da den Kopf zerbrechen, gibt es doch plausible Ursachen genug: Die Hitze, die Tageszeit. Aber angesichts der Windstille hätten die Boote doch vor Anker liegen müssen. Waren wirklich alle unterwegs?
An einer weiß gestrichenen Wand zur Linken entdecke ich eine große Anschlagtafel. Sicher sind dort die Informationen nur in Burmesisch zu lesen, fällt mir ein. Dennoch trete ich neugierig näher. Ich bin überrascht. Die Clubleitung verkehrt offenbar mit ihren Mitgliedern in Englisch. Welche Arroganz! Ich lese mich in Wissenswertes über das Klubleben, in einen Brief des Vorsitzenden ein, alles in Englisch. Ich vermisse jedoch Mitteilungen über Training, Wettbewerbe und Preise. Über die Gründe mache ich mir hier keine Gedanken. Mich erstaunt vor allem die Diskriminierung des Burmesischen, das doch überall im Lande den Vorrang hat. Einerseits wirken die Schriftzeichen dieser Sprache ähnlich arrogant wie andererseits das Englische die Militärs zu provozieren vermag, die es als Relikt des Kolonialismus brandmarken, obwohl sie nicht darauf verzichten können.
Mit einem Mal vernehme ich Stimmengewirr, das aus einer halb geöffneten Tür dringt. Auf ihr ist das Wort Bar zu lesen. Der Lärm ist für Burma ungewohnt laut. Ich tippe auf verwöhnte Typen der Oberschicht, die am frühen Nachmittag dem Alkohol frönen. Diese Leute können sich solche Manieren leisten, zumal sie wohl glauben, allein und ohne Mithörer zu sein.
Als ich noch unschlüssig herumstehe, geschieht etwas, das die Situation radikal verändert. Aus der Bar kommt schnellen Schrittes ein salopp, aber mit feinster Hemdqualität gekleideter Mann, der mich erstaunt in Augenschein nimmt und natürlich sofort als Ausländer diagnostiziert. Er ist freundlich, ja entgegenkommend, als er mich grüßt und fragt:
»Mit wem haben wir denn die Ehre des Besuches? Seien Sie willkommen.«
Geistesgegenwärtig stellte ich mich als Mitglied eines Segelclubs in Deutschland vor.
»Wie gern wäre ich mit Ihnen gesegelt.«
»Kommen Sie erst einmal zu uns in die Bar. Da sind noch andere Herren. Übrigens bin ich der Sekretär des Clubs.« Er lacht: »Wenn ich zur Zeit auch kein Boot anbieten kann, Ehrenmitglied könnten Sie bei uns werden.«
»Eine wunderbare Idee. Bin ich doch schon das dritte Mal in Myanmar. Darf ich Sie zu einem Drink einladen?«, suchte ich die Atmosphäre günstig zu gestalten.
»Nein, nein«, sagte der Clubsekretär, »Es ist an uns, Sie einzuladen.«
Er nimmt eine Flasche mit schottischem Whisky vom Regal, also nicht den im Land hergestellten minderwertigen Ersatz und gießt mir und den vier Herren ein, die sich vorgestellt hatten. Sie stürzen ihr Glas pur in einem Zug hinunter. Ein lebhaftes Gespräch kommt nun schnell in Gang. Ich nehme allen Mut zusammen und frage:
»Wo sind Ihre Segelboote und damit die Mitglieder? Ich habe nirgends ein Boot gesehen. Weder auf dem Wasser noch am Kai.«
Die freundlichen Mienen der Herren erstarren. Ist ihnen meine Frage peinlich? Ein langes Schweigen. Schließlich ergreift der Sekretär das Wort:
»Ihre Frage ist ein wunder Punkt. Sicher haben Sie von dem Zyklon Nargis gehört, der letztes Jahr über Burma hereinbrach. Eine Katastrophe mit vielen Opfern, wie Sie sicher gelesen haben. Leider hat er auch in Yangon gewütet und unsere kostbaren Segelboote vernichtet oder so stark beschädigt, dass sie unbrauchbar geworden sind. Ersparen Sie mir darüber ausführlich zu erzählen. Es war zu entsetzlich. War ich doch im Clubgebäude, als der Sturm mit den Wassermassen über uns hereinbrach.«
»Das tut mir sehr leid. Ich möchte keinesfalls, dass Sie sich aufregen. War es Ihrem doch wohlhabenden Club aber nicht möglich, inzwischen neue Boote zu beschaffen? Oder ist wenigstens etwas in Aussicht? «
Offenbar unter Stress akzeptiert der Sekretär diesmal meine Einladung zu einem Drink. Nun bricht es aus ihm heraus, was sich an Ärger angestaut hatte:
»Das ist eine wahnsinnige Story, die wir aber unter uns gesagt nicht veröffentlichen dürfen. Es ist bewunderswert, wie zahlreiche unserer handwerklich fähigen Mitglieder auf eigene Kosten und ohne Hilfe in wenigen Monaten das Clubgebäude renoviert haben.«
Ich lobte: »Alles ist sehr gut gelungen. Mir kam nicht mal die Idee, dass auch Ihr Gebäude ein Opfer des Zyklon Nargis war. Ich bin sehr beeindruckt.« Der Sekretär ist für meine Einschätzung dankbar:
»Segelboote sind nicht das dringlichste, was Myanmar zur Zeit braucht. Während solche Boote früher aus schwerem Holz im Land gebaut wurden, handelt es sich heute um ein aufwendiges Fahrzeug, das meist aus Kunststoff oder formverleimtem Sperrholz unter Verwendung von Leichtmetall im Ausland hergestellt wird. Die Boote haben meist Auftriebtanks, die ein Sinken des Segelbootes beim Kentern verhindern. Auch die Segel werden mehr und mehr aus Kunstfasern hergestellt. Die Sache ist auch deshalb kompliziert, weil es eine Vielzahl von Bootsklassen gibt, die nach verschiedenen Gesichtspunkten eingeteilt sind. Viele Mitglieder haben ihren eigenen Typ.«
Ein Mitglied bemerkt:
»Wir nehmen ja noch nicht an internationalen Wettbewerben teil. Deshalb haben wir Segelboote ohne Klassevorschriften. Sie werden nach einer Bauformel gebaut, in der einzelne Größen wie Länge, Tiefgang, Gewicht und Segelfläche eingesetzt werden. Das ist ein international längst dominierendes Verfahren, mit dem wir noch nicht mithalten können.«
Auch nach dem vierten oder fünften Whisky ist noch keine Lösung in Sicht, auf welche Weise der Club zu neuen Booten kommen könnte.
»Das hat mit Entwicklungshilfe nichts zu tun«, räume ich ein.
»Um über den See zu schaukeln und seine frische Luft zu genießen, genügen freilich ein paar alte Holzkähne«, räumt der Sekretär ein. Beim Abschied verspricht er mir, dass ich schon übermorgen eine Ehrenmitgliedschaft erhalten solle.
»Vielen Dank. Ich freue mich schon darauf, sie abzuholen.«
 
 
III. Die goldglänzende und erhabene Shwedagonpagode in Rangun, weltweit geschätztes Symbol des Buddhismus, kann ich nicht mit dem Blick auf die Uhr abhaken. Ist sie doch ein Ort der Ruhe, Besinnung und Meditation, zu dem ich auch heute bewusst zu Fuß aufgebrochen bin. Etwa eine Stunde lang lief ich durch mehrere Oasen im Grünen. Da es dort oben auf dem Hügel, auf dem die Pagode liegt, nichts Essbares gibt, nahm ich noch etwas in einem Uferrestaurant am Kandawgy See gegenüber der ausgestellten Königsbarkasse zu mir, die an eine längst untergegangene Dynastie erinnert.
Sich in der Shwedagonpagode aufhalten, muss für den einfachen Burmesen eine Labsal sein. Er wird glauben, dort im Gefilde der Seligen, der Erlösten zu schweben oder nach den Wiedergeburten das Nirvana erreicht zu haben. Dort mag er seine ihn mit allem versöhnende Ruhe haben, die ihn tröstet und stärkt. Ist er doch vom beschwerlichen Alltag in Yangon entfernt und befreit. Seine Geduld scheint unendlich zu sein. So ausgeglichen wirkt er.
Um diese exaltierte Äußerung verständlich werden zu lassen, sollte ich klarstellen, dass es sich bei der Shwedagonpagode nicht, wie man leicht annehmen könnte, um ein einziges großes Gebäude handelt, um das man allenfalls herumgehen könnte, zumal es massiv und ohne Räume ist.
Tatsächlich ist es ein weitläufiger, heiliger Bezirk voller Wunder. Das heißt, dieser Raum ist auch innerlich ausgewogen. Er liegt königlich als große Plattform von sechzigtausend Quadratmetern auf einer Anhöhe von etwa 150 Metern. Hier ist die goldschimmernde, alles überragende Shwedagon der Mittelpunkt für viele Gebetshäuser, Pagoden und Schreine, ein wahres Labyrinth. Es ist durch Freiflächen und Alleen mit blank polierten Marmorplatten verbunden. In der Nachmittagssonne oder im weichen Licht der Abenddämmerung legt sich ein geheimnisvoller Schimmer über die vier Treppenaufgänge in den vier Himmelsrichtungen. Viele Menschen umrunden die große Stupa, sie beten, meditieren, stiften Blumen und zünden Kerzen und Räucherstäbchen an. Alles findet eigentlich in andächtiger Stille statt, gelegentlich begleitet durch Anrufungen an Buddha.
Das Murmeln der Gebete, die Gesichter im flackernden Licht der Kerzen, das alles verleiht dem Ort eine weltentrückte, irgendwie überirdisch wirkende Atmosphäre, der auch ich mich nicht entziehen könnte.
Auf den Marmorplatten schlendern Gläubigen stolz und würdevoll umher. Nirgendwo anders als hier kann der Mensch so unbeschwert, unbelästigt, im spirituellen Reichtum gebadet, spazierengehen, sich wohlfühlen. Im Gegensatz zur geschäftigen Hektik Ranguns lässt sich jeder dort nieder, wo es ihn hinzieht: In einen Tempel, auf Treppenstufen, in den Schatten einer Stupa oder Glocke.
Im Strandhotel oder einem teuren Restaurant findet eine Auslese der zugelassenen Gäste nach ihrem Einkommen statt. Inmitten dieses Glanzes hier mag mancher die eigene Misere vergessen, glaubt sich schon im Diesseits von der Strahlkraft einer überirdischen Welt berührt, vielleicht auch erleuchtet. Es ist so paradiesisch hier, dass blinde Tatkraft oder Schaffensfreude gar nicht erst aufkommen. Provozierend ausgedrückt: Schöner als hier kann die Welt nicht sein, in Buddha ist sie schon verwandelt.
Die im Laufe des Tages je nach Sonnenstand von Schatten und Licht umspielten Bauwerke und Freiflächen verbinden sich zu immer anderen Bildern. Mein Auge nimmt sie in sich auf, deutet sie und wird von ihnen eingefangen. Es entstehen immer nur Bildsequenzen, nach denen ich süchtig bin. Sie lassen mich verweilen.
Auch durch den Barfußzwang sind alle gleich und fühlen sich in den Himmel gehoben. Getröstet von Buddha hat auch der Arme eine Freiheit, die grenzenlos ist. Das ausdruckslose Gesicht eines der vielen Buddhas hört sich Sorgen an, tröstet und ermutigt. Wie bedeutungsvoll jeder Einzelne sich fühlt, zu welchen Plänen es ihn ermutigt.
Auch die tropische Hitze, die alles umfängt, die Sonne, die Weichheit der Luft mögen dazu verführen, sich wagemutig, ja initiativ zu wähnen. Es ist alles möglich, ohne dass einer auch nur einen einzigen realen Schritt tut. Die Schöpfer der Kultstätten, die früheren Könige, haben im Laufe von Jahrhunderten die unglaublichsten Träume verwirklicht, das heißt, erhabene Werke geschaffen. Sonnen sich nicht auch heute die Gläubigen im Glanze dieses Erbes?
Reines klares Wasser ist hier oben jedem zugänglich. Restaurants findet man dagegen erst unten in der Ebene, aufgereiht, eins neben dem anderen. Manche Besucher, darunter Familien, haben sich im Minikochgeschirr Speisen mitgebracht. Sie verzehren sie frohgemut im Tempel sitzend. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Familie lange, vielleicht den ganzen Tag bleiben will.
 
IV. Inzwischen habe ich gelernt, mich eher unaufdringlich zu geben, wie es im Lande üblich ist. Das bescheiden wirkende Auftreten des Burmesen sollte nicht missdeutet werden und den Ausländer zu einem angeberischen Gesprächsritual verführen. Nach meinen Erfahrungen würde das nicht zum erwünschten Ergebnis führen oder – das ist allerdings sehr selten der Fall – sogar Zurückweisung provozieren. Inzwischen finde ich die hier übliche Mäßigung und Zurückhaltung wohltuend, die nicht bedeutet, sich vor Ausländern scheu zurückzuhalten.
Am Abend meines Ankunftstages steure ich in das gleich neben dem Hotel Panorama gelegene Bierrestaurant. Als Zeichen seines Niveaus wartet es mit Stühlen statt der üblichen billigen Minihocker auf, die dem Zwergenwuchs des Burmesen angemessen sind.
Man tut so, als würde man mich wiedererkennen und führt mich zu einem günstig gelegenen Tisch. Ich brauche also nicht auf den Fernsehapparat starren, auf dem Fußballspiele aus England life übertragen werden! Statt des schwachen Mandalay-Bieres bestellte ich eine dem bayerischen Salvator ähnliche Geschmacksrichtung, das ABC-Bier, dazu Reis mit Gemüse auf der Grundlage von Schweinefleisch. Alles vorzüglich.
Von den ausschließlich männlichen Gästen werden die Gespräche leise geführt. Auf angeberische Reden wie bei uns wird verzichtet. Auch im Restaurant streiten Birmanen niemals laut, denn das hieße, das Gesicht zu verlieren. Niemals habe ich ein schroffes Nein erlebt. Das heißt jedoch auch, dass nicht jedes Lächeln Freundlichkeit bedeutet oder Sympathie ausdrückt. Selbstverständlich würde es mir nie einfallen, in der heutigen Lage politische Gespräche zu riskieren. Die Gesichter strahlen wie immer, als ob es überhaupt keine Leiden (oder Leichen) gegeben hätte. Man lässt sich nichts anmerken.
Voller Wiedersehensfreude streife ich zu Fuß durch »Down-Town«, dem Zentrum Yangons, dessen oft beschädigte Bausubstanz durch die Kunst der Improvisation erhalten wird. Auffällig, wie sauber und ordentlich die Leute in ihrer einfachen Kleidung wirken. Meist sind sie ohne Kopfbedeckung zu Fuß unterwegs oder quetschen sich in einen Kleinbus. Freilich ist die westliche Hose längst eingebürgert, zum Beispiel bei den Taxifahrern. Viele Männer tragen jedoch den traditionellen Longyi mit Karo-, Rauten- und Streifenmuster, der bei Typen mit Bauchumfang zum Lachen herrschaftlich wirkt. Frauenlongyis haben oft Blumenmuster oder sind einfarbig. Burmesen tragen normalerweise Blusen und Hemden zum Longyi.
Von Elendsgestalten (wie in Indien) bemerke ich nichts, wenn ich auch voreingenommen auf dem Trottoir hockende Kleinsthändler mustere. Ihr Angebot reicht von billigen Ramschbüchern, die malerisch große Flächen einnehmen, bis hin zu Gemüse und Obst, das meist Landfrauen im Zug heranschleppen. Auch die einfachste Gastronomie auf dem Trottoir stört selbst die Militärbehörden nicht. Die oft zerborstenen Gehsteige und oft auch zusätzlich ein Streifen Straße gehören zu dieser Art von Markt.
In einem einfachen Leben, in das sie sich offenbar von alters her fügen, haben die Menschen bescheidenere Ansprüche als wir. Ihr Auskommen, ob es sich um das tägliche Brot oder das Bambushaus handelt, mag unsere Überheblichkeit als Elend einstufen. Ich staunte, wie unermüdlich sie unter ihrem Dach Zigarren zu einem sehr niedrigen Lohn drehten, die Wäsche am Fluss wuschen. Andererseits boten sie mir freundlich und hoch erhobenen Hauptes den einzigen Stuhl des Hauses an, damit ich im Schatten zeichnen konnte. Der Kontakt zu ihnen war aufgeschlossen. In Würde nahmen sie mein Geldgeschenk an. Den mit dem Wort Elend verbundenen Etiketten, mit denen Burma herablassend abqualifiziert wird, widerspreche ich entschieden.
Die Stadt Yangon hat in der Tat nicht die Finanzen, alles funkelnagelneu zu halten wie bei uns ( oder früher bei den Briten). Eine Improvisation, die stets nur die schlimmsten Löcher stopft, ist die Devise.
Wie aber konnte Burma, das über so reiche Naturschätze verfügt, so weit zurückfallen? Und weshalb kann sich die Militärdiktatur seit mehr als vierzig Jahren ungebrochen an der Macht halten? Auch die im Lande sichtbare rührige Mittel- und Oberschicht kann diesen Rückstand nicht aufholen. Burmas Situation kann man nur verstehen, wenn man seine lange und wechselvolle Geschichte in den Blick nimmt. Nach der vierjährigen Herrschaft der Japaner im zweiten Weltkrieg war Burma nicht nur verwüstet. Auch die politische Arena des Landes war hoffnungslos durcheinander gebracht und handlungsunfähig. Weit auseinander klaffende Parteien bis hin zur Diktatur Ne Wins, der das kommunistische Glück erhoffte. In der Politik lief nun ohne die Briten fast alles falsch!


 
 

V. Seltsam! In Reiseberichten taucht das Wort Krankheit kaum auf. In ferne, klimatisch strapaziöse Regionen sollte ich besser nicht reisen, wenn ich nicht kerngesund bin, wie es so schön heißt. Dem Reisenden hat es stets gut zu gehen, sein Wohlergehen wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Ich verbreite lieber Märchen über meine Wellness als dass ich auch nur den leisesten Hauch eines angegriffenen oder auch vorübergehend indisponierten Zustands gestehe. Im Sinne dieses Heldenlieds suchte ich hartnäckige Hustenanfälle in Burma zunächst zu bagatellisieren. Wie es sich gehört, wird auch in dem Kapitel über Kalaw (XII) darüber geschwiegen, obwohl dort eine Ärztin die Infektion der Bronchien diagnostizierte und ein importiertes Antibiotikum verschrieb. In meiner Begeisterung habe ich mich einfach darum gedrückt, auf den menschlichsten der Affekte einzugehen, die Gesundheit. Hätten die Folgen staubiger Luft oder des Klimas nicht zu einer Schilderung gehört, sie ehrlicher werden lassen?
Ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als sich in Rangun die Beschwerde wieder meldete. Zerknirscht beschloss ich drei Tage vor dem Rückflug, erneut einen Arzt aufzusuchen. Ich beziehe ihn, seine Qualifikation, in meine Zuneigung für das Land ein. Ich lasse Vertrauen in ihn zu. Ich bat eine Angestellte im Hotel Panorama, mir den Arztbesuch zu vermitteln. Die fackelte nicht lange, telefonierte und schon wurde mir bedeutet, umgehend zu erscheinen
Also auf zur Aye Yeik Tha Klinik. Diesen Namen habe ich mir aufgeschrieben, um ihn nicht zu vergessen!
Ich dachte schon, der Fahrer habe sich geirrt, als er mich in einer vor Geschäftigkeit vibrierenden Straße absetzte. Hier arbeitet seit 1957 recht erfolgreich, wie ich dem Faltblatt des Arztes entnehme, eine Klinik auf leider engstem Raum. Weit von unseren Ansprüchen entfernt, wirkt sie zwischen zwei Ladengeschäften wie eingeklemmt. Sie hat eine Eingangsbreite von nur knapp drei Metern, die Freiflächen neben der Tür mitgerechnet. Das ist ein den Burmesen vertrauter Maßstab, zu dem sogar die Höhe des Tür gehört. Hätte ich den Kopf nicht etwas nach vorn gebeugt, wäre ich auf den Holzbalken der Tür aufgeprallt, hätte vielleicht einen weiteren Klinikkollegen aufsuchen müssen.
Als ich noch unschlüssig am Eingang stehe, steuert ein schlanker Arzthelfer (tatsächlich im eng anliegenden weißen Mantel) auf mich zu, grüßt freundlich und führt mich durch einen schmalen Gang. Dort habe ich mich an Patienten vorbeizudrücken, die auf schmalen Bänken sitzend im Gegensatz zu mir unter sechzehn Ärzten wählen können, zur Zeit aber zu warten haben.
An dem Gang liegen Türen eng beieinander. Das sind nicht die Toiletten, versteht sich. Schließlich bedeutet mir der Helfer, dass wir an der Praxis von Dr. Aung angekommen sind. Ich betrete ein Zimmer von etwa fünf Quadratmetern Raumfläche. Es ist aber nicht, wie ich naiv annehme, das Büro des Arztes. Dass es sein Behandlungszimmer ist, sollte mir sofort deutlich werden. Vor mir steht ein Herr, den ich auf etwa 50 Jahre schätze. Er ist kleinwüchsig.
Über den schmalen Tisch hinweg reicht er mir die Hand. Er stellt sich als Dr. Myint Aung vor, welch ein wohlklingender Name!
Das volle Gesicht, schütteres Haar und sein leicht gewölbter Bauch verleihen ihm in Burma zusätzlich auch körperliche Autorität. Von der Landplage der mehrheitlich dünnen, mageren und auch ärmeren Typen wird er sicher beneidet und bewundert.
Dr. Aung hört mir aufmerksam zu. Wir sprechen Englisch. Auch seine Vorgehensweise ist nicht zu beanstanden. Auf mich wirkt sie professionell. Hatte ich das etwa nicht erwartet, werfe ich mir vor. Er ist ein Arzt, zu dem im Laufe der Untersuchung Vertrauen aufkommt.
Er kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis, dass meine Bronchien noch immer infiziert sind. Auf der höchstens 1.40 Meter langen Pritsche nehme ich mühevoll Platz. Auch der Blutdruck wird gemessen, das gehört auch bei uns zum Ritual. Die Tabletten, die er verschreibt, notiert er zusammen mit der Diagnose mit beneidenswert kleiner und vor allem klarer Handschrift auf einem Faltblatt, das er mir mitgibt. Mein Arzt in Bonn war voll des Lobes über seinen Kollegen in Rangun, der unter den Tabletten, die er verschrieb, sogar an Cortison gedacht habe. In der Tat hörte die Husterei bald auf. Die astronomisch hohe Summe seines Honorars in Höhe 10 000 Kyatts beträgt etwa 9 Dollar!
Die Medikamente erhalte ich an der klinikeigenen Apotheke neben dem Eingang. Dort bezahle ich auch das Arzthonorar. Nebenbei bemerkt: Die Patienten werden in Burma vom Arzt im Anschluss an die Behandlung sofort zur Kasse gebeten. Es gibt keinerlei Krankenversicherungen und staatliche Sozialhilfen.

VI. Über eigene Erfahrung zu schreiben? Da gibt es keine Schablone. Was sind schon tatsächliche Gegebenheiten, wahre Sachverhalte?
Das hat mir Dr. Myint Aung auf einer ganz anderen Ebene als der medizinischen beigebracht. Die Vielfalt des Erzählens und sei es auch nur über eine winzige Begebenheit ist mir bewusst geworden. Auch will vielleicht jeder Mensch ein Ereignis anders sehen. Man denke an ein Unfallprotokoll, das den Schuldigen ermitteln soll! Ob ich realistisch, sentimental, verschleiert oder wie auch immer vorgehe, stets ist es nur eine Sichtweise. Auch das Bild eines vor Gesundheit nur so strotzenden Reisenden ist eine Möglichkeit, Reisekultur und Krankheit zu vereinbaren.
Wieder im Freien, noch in Sichtweite der Klinik, nehme ich auf einem winzigen Hocker Platz, der auf einem Randstreifen der Straße steht. Er ist freilich für kleine Burmesen gedacht. Wie lächerlich sehe ich hier wohl im Sitzen aus! Das ist auch eine Wahrheit. Hier hat sich ein tatkräftiger junger Mann auf öffentlichem Grund eine Existenz geschaffen. Die Behörden scheinen das nicht zu verbieten. Er hat einen Tisch aufgetrieben, auf dem ein Spirituskocher, eine Dose mit Kaffeepulver, Geschirr und Zubehör stehen. Sein »Kaffeehaus« ist spottbillig, er hat genügend Kunden. Mit ein paar Hockern und Gestellen für die Getränke ist er gut dran. Es ist ja immer schön. Er erscheint auch sofort. Ich bestelle eine Tasse Kaffee und eine landesübliche Leckerei.
Hier halte ich es längere Zeit und unbelästigt von Bettlern aus. Welch ein Gegensatz zu Indien, wo vielerorts nicht nur die Kinder Ausländern auf die Nerven gehen. In Burma könnte es allenfalls um Geschäfte gehen (Postkartenverkauf durch Jugendliche oder Dollarwechselangebote).
Links von der Klinik fallen farbige Holztafeln auf, die an den Fassaden von Geschäften lehnen. Auf ihnen sind knallbunte Werbeanzeigen für alles Mögliche angebracht, die keine schlüssige Linie ergeben. Sie betreffen Vermietungen von Büros, Visitenkarten, die Anfertigung von Schlüsseln und Aufklebern und Business jeder Art. Eine Vielfalt, die den Blick zum Herumschweifen ermuntert. Das Ganze sieht wie ein abstrakt-expressionistisches Werk aus. Eine Arbeitswelt, die auch in enge Hinterhofwerkstätten führt. Ein modernes Schaufenster wie bei uns wäre zu aufwendig.
Auf der belebten Straße werden Kunden angelockt. Manches ist zweisprachlich oder rein Burmesisch verfasst. Nüchterne Blockbuchstaben stehen künstlerisch verschnörkelten Formen gegenüber. Wie mich die burmesische Schrift fesselt, die mit dem Tibetischen verwandt ist. Mich beeindruckt die Vielfalt des Druckes. Auf dem Hintergrund der Wirtschaftsmisere Burmas sehe ich die Tafelwelt als Zeichen für die auch in Burma wache Initiative. Einstweilen vertritt die Schilderwelt eine Vielfalt der Chancen, Optionen, die auf ihre Erweckung warten.

VII. Inmitten von Lärm und Geschäftigkeit spüre ich, wie es mich nach Ruhe und Alleinsein verlangt. Wo finde ich einen solchen Ort in einer zu Fuß zumutbaren Entfernung, ohne ins Hotel zu müssen? Ist es doch schon nach 11 Uhr, die Hitzezeit hat begonnen.
Mir fällt der noch von den Engländern geschaffene Bandolagarten gegenüber der Sulepagode ein. Es ist der traditionelle Mittelpunkt der Stadt. Das noch gut erhaltene englische Rathaus liegt gegenüber. Ich hätte zehn Minuten im Schatten der Häuserfronten zu gehen, ein mir längst vertrauter Spaziergang. In der von Gärtnern gepflegten Grünanlage habe ich schon die schönsten Orchideen und Blumen bestaunt. Auch wären nicht zu viele Besucher zu erwarten, da sogar 500 Kyatt Eintritt (ca. 40 Cent) erhoben wird. Aber vielleicht wird der Obolus, wie so häufig in Myanmar, nur von Ausländern erhoben, welche die Diskriminierung hinnehmen? Nein, ich mute mir nicht zu, dort jetzt schattenlos in der Sonne zu braten.
 Als Alternative hätte ich nicht viel länger durch die Pasodanstreet zu gehen, in der die britischen Repräsentationsgebäude fast sämtlich erhalten sind, um zum Strandhotel zu gelangen, der wohl bekanntesten Adresse Ranguns. Das Hotel wurde einst von den Sarkie Brothers erbaut, die auch für das berühmte Raffies in Singapore verantwortlich zeichneten. Die einfachsten Zimmer kosten heute 415 US-Dollar, die teuersten Suiten in kolonialer Atmosphäre etwa 900 Dollar! Das Strandhotel liegt an der Road gleichen Namens, der Strand Road, die parallel zum Rangun-River verläuft. Seitdem England ab 1886 in ganz Burma regierte, wurde sie zum Symbol für Aufschwung und Modernisierung.
Nach den zeitgenössischen Fotos dominierten damals Überfluss und Wohlstand in Rangun; gerade die Burmesen sahen gut ernährt und optimistisch aus. Das drückte sich in ihren strahlenden Gesichtern auf den alten Fotos aus.
Wie zwiespältig dagegen der Eindruck heute. Vorgestern hatte ich einen Taxifahrer angeheuert, der mich zum Restaurant »Golden Duck« in dieser Strand Road bringen sollte. Es wird im Reiseführer sehr gelobt. Obwohl er zögernd fuhr, gelang es dem jungen Mann nicht, das Restaurant zu finden. Er musste mehrere Male aussteigen und fragen. Immerhin liegt es in der Strandroad 228 und ist damit sehr weit vom Strandhotel mit der Nummer 92 entfernt. In der schäbigen Häuserfront zur Rechten fiel das »Golden Duck« einfach nicht auf. Diese Suche ist ein Beispiel dafür, wie Glanz und Herrlichkeit einerseits und nagender Verfall andererseits in der weitläufig gewordenen Stadt nicht voraussagbar sind. Häufig entsetzen mich zunehmende Baufälligkeit, die Verwahrlosung von Häusern. Aber außerhalb des Zentrums gerate ich auf doppelspurigen Baumalleen in neue Geschäftsviertel im Hochhausstil und in die schon erwähnten Villenbezirke.
Am Eingang des Strandhotels öffnen livrierte Diener das Portal, grüßen devot, tun so, als ob sie den Gast wie eine hochgestellte Persönlichkeit an sich vorbei in die wie leergefegte Empfangshalle defilieren lassen. Elegante Plüschfauteuils und Tearooms, alte Genregemälde im Hintergrund erinnern an die Kolonialzeit. Zu dieser Stunde könnte ich als zur Zeit einziger Gast tatsächlich meine Ruhe haben. Aber um diese Art privilegierter Behaglichkeit geht es mir heute nicht. Im Hotel erwartet man von mir, dem als zahlungskräftig eingestuften Ausländer, so zu tun, als ob ich verweilen und wenigstens einen Tee bestellen möchte. Je ungezwungener ich mich dort niederlasse, desto höher steigt mein Ansehen. Ein Gentleman, auch wenn er in lockerer Alltagskleidung auftritt, sollte wenigstens die Luxusboutiquen und Galerien im Hotel für schöne Mitbringsel heimsuchen.
In der zu dieser Zeit meist gästelosen Bar interessiert mich ein dort ausliegendes Buch zur Historie des Strandhotels. Ich habe es fasziniert durchgeblättert. Es ist eine farbige Bilderorgie mit fesselnden Texten bis tief in die britische Gründerzeit hinein. Die Paradefotos aus »Old Rangoon« erlauben mir in die unnachahmliche Inszenierung der feinen Gesellschaft (Briten wie Burmesen) zu blicken. Man nahm sich damals erstaunlich viel Muße zum Feiern, für Empfänge, mischte in der Politik mit und wartete auf die Oceanliner aus Southampton, die neben den im Tropenanzug gekleideten Touristen (drei Wochen dauerte die Reise) auch junge Ladies sozusagen als Nachschub aus der Heimat mit sich führten.
Das Hausexemplar des Buches sieht abgenutzt, ja verschlissen aus. Um es zu erstehen, wurde ich an die Rezeption verwiesen. Es sollte 39 US-Dollar kosten, im Lager fand sich kein einziges Exemplar mehr. Es sei vergriffen, hieß es zu meinem Bedauern. Ich erhielt jedoch Informationen, wie ich es mir per Internet beschaffen könnte: Andreas Augustin, www.famoushotels.org. Leider könnte ich es mir allenfalls als E-Book zugänglich machen, wie ich ermittelte. Das ist für mich kein richtiges Buch, sodass ich die Suche erst einmal aufgab.
Auch die erwähnte Sulepagode ist mir als Ruheort zur Zeit unsympathisch. Ich denke an den Zwang, Schuhe und Strümpfe auszuziehen und barfuß herum zu schlurfen. Auch zieht die stets geöffnete Pagode zahlreiche Gläubige an, die ihren religiösen Pflichten nachkommen. Die Sulepagode ist ein Alltagstempel, weniger hoheitsvoll, mit viel Betrieb und Devotionalienverkauf verbunden.
 
VIII. Endlich kam mir die Idee, mich zur anglikanischen Holy Trinity Cathedral aufzumachen. Dorthin strömen Buddhisten wirklich nicht, Im Tempel haben sie ja nicht auf Bänken zu sitzen wie in einer Kirche. Außerhalb der Zeiten für die Heilige Messe begegne ich dort keiner Menschenseele. Da ist allenfalls ein Wächter, ein armer Kerl, der mich auf jeden Fall einlässt, zumal er mit einem Kyattscheinchen rechnet.
Schon stand ich dem riesigen neogothischen Bau gegenüber, der auf der anderen Seite der belebten Bogyoke Aung San Road steht, die ich soeben erreicht habe. Ein rot glänzender Backsteinbau, mehrere hohe, spitz auslaufende Türme an der Eingangsfront und am Chor. Die hinter einer metallischen Umzäunung liegende weite Grünfläche, sonnenumglänzt und kahl, erlaubt es, die Kathedrale in ihrer Monumentalität wirken zu lassen.
Wer anders als die Briten sollte diesen Bau errichtet haben, in dem 1894 die erste Messe gefeiert worden war! Durch die geöffnete hohe Tür gelange ich in die geräumige und außergewöhnlich hohe Halle, nehme auf einer der Holzbänke im Hauptschiff in Altarnähe Platz. Ich genieße wie erhofft die Stille. Leider nur wenige Minuten! Auf einmal weckt mich ein Aufprall herannahender Schritte auf den Bodenplatten, der unerwartet hart klingt. Und schon steht ein Faktotum, sauber gekleidet neben mir. Als er mich verlegen anspricht, fällt mir seine frische Gesichtsfarbe auf. Der Mann hat sich um Besucher, wohl vor allem aus Großbritannien zu kümmern. Ohne großes Nachdenken gehe ich auf sein Anerbieten ein, mir auf einer hölzernen Palette befestigte Informationen zur Geschichte der Kathedrale zu reichen, die er mir für einen Rundgang überlässt. Also wieder Aktivität statt Ruhe? In diese Zwickmühle hatte ich mich in dem Moment gebracht, als ich auf der Kirchenbank dösend geweckt wurde.
Mein Interesse erwacht jedoch. Herumgehend betrachte ich an den Wänden hängende Urkunden, Figuren, Bilder. Am meisten hat mich ein Foto beeindruckt, auf dem eine Abteilung britischer Soldaten vor einem Altar aufgereiht steht. Ich habe vergessen aufzuschreiben, wann das feierliche Ereignis stattgefunden haben soll. Es handelt sich um ein Gedenken für Gefallene während des Krieges mit Japan, das im zweiten Weltkrieg fast vier Jahre lang auch Rangun besetzt hatte!
Rangun hatte unter den japanischen Luftangriffen im Dezember 1941 (nach ihrem Überfall auf Pearl Harbour) sehr zu leiden. Die kaum vorhandene Luftabwehr und auch die wenigen Jagdflugzeuge verhinderten den Angriff nicht. Die Ranguner Innenstadt war binnen Minuten mit »Körperteilen und schrecklich verstümmelten Leichen übersät. Fast dreitausend Menschen (von insgesamt vierhunderttausend Bewohnern) verloren an diesem Tag (23. Dezember 1941) ihr Leben. Überall brach unkontrollierbar Feuer aus. (Thant Myint-U, Burma, der Fluss der verlorenen Fußspuren, Seite 297 ff.)
Vier Jahre herrschten die Japaner in Rangun. Gerissen hatten sie versucht, eine burmesische Untergrundbewegung auf ihre Seite zu lotsen. Das gelang nur eine gewisse Zeit, bis denen aufgegangen war, was sie von den Japanern, also den Achsenmächten, zu erwarten hatten.
In dem lesenswerten Werk von Thant Myint-U (einem Enkel des UN-Generalsekretärs) wird erwähnt: »... nachdem die Japaner mit ihren Verhörzentralen und standrechtlichen Erschießungen, mit ihrer neuen Sake-Brauerei in der Anglikanischen Kathedrale und ihrem Bordell im Pegu-Klub, mit ihren grauenerregenden Foltermethoden und ihren Sexsklaven immer deutlicher gemacht hatten, wer hier der Herr war.«
Wie die komplizierte Herstellung des Sake, des japanischen Reisweins in der Holy Trinity Cathedral durchgeführt wurde, warum dieser Ort ausgewählt worden war, darüber habe ich bisher keine Quellen gefunden.

 
 

IX. Aus dem Pagodenkult, der dem Buddha gilt, hat sich in Burma die einzige international wettbewerbsfähige Sparte des Landes entwickelt. Ob ich damit allen Ernstes die Tourismusbranche meine, fragte mich jemand in Germany, dem ich meine Antwort bekräftigte. Auf Grund eigener Erfahrung habe ich den Hotels oder Taxifahrern nichts anderes als höchstes Lob auszusprechen. Das mag zynisch klingen. Sicher reicht es nicht aus, um die Wohlfahrt eines Landes zu sichern.
Drei auf absurde Weise verbundene Felder sind es, auf denen das Land trotz seiner anhaltenden Isolation mit Spitzenniveau aufwartet:
Erstens ist es das Angebot buddhistischer Glanzpunkte und Zugnummern, das sich einer weltweiten Nachfrage sicher sein kann.
Zweitens handelt es sich um die Tourismusbranche selbst mit Ausstrahlung auf den Bau erstklassiger Hotels, den Straßenbau und inländischen Flugverkehr, der auf bekannte Orte wie Mandalay, Bagan etc. begrenzt ist.
Und drittens ist hier leider das Militär zu erwähnen. Wie nicht anders zu erwarten tut es alles, was ihm möglich und finanzierbar ist, um seine Bewaffnung, Ausrüstung auf dem neuesten Stand zu halten. Die in Pyin U Lwin, einer ehemals englischen Garnisonsstadt, entstandene »Akademie für Verteidigung« der Militärs betrachtet ihren dort studierenden Offiziersnachwuchs als die »Triumphierende Elite der Zukunft«, wie ich am übertrieben monumentalen Portal ehrfürchtig gelesen habe.
Aber warum wurde in Burma ein solcher Baukult ohne jedes Maß mit Buddha getrieben? Zusammen mit der in den Himmel ragenden Pagodenform, für deren Bau auch heute viel gespendet wird, sieht Buddha dich überall an. Seine Nachbildungen als Figur, Statue oder auf Reliefs gehören zu den Lieblingsarbeiten von Künstlern auch heute und sind unübersehbar zahlreich. Es kann sich um Statuen im Inneren von Pagoden, Tempeln handeln, um alleinstehende Riesenstatuen oder um richtige Buddhaansammlungen. Buddha wird heute in der gleichen Weise künstlerisch geformt wie eh und je. Die Ästhetik der Darstellung hat sich im Laufe der Jahrhunderte nach meinen Eindrücken nicht geändert. Eine Moderne ist hier ausgeblieben.
Als selbst erlebtes Beispiel führe ich die 1994 in Taunggyi, einer offenen Stadt in den Shanbergen Nordburmas, eingeweihte Sula Muni Lawka Chan Thar-Pagode an. Der Riesenbau ist eine getreuliche Kopie der führenden Anandapagode von Bagan, über die faszinierende Details im Reiseführer nachzulesen sind. Die Nachahmung bezieht sich auf die Konstruktion des Baues, die vier stehenden Großbuddhas sowie auf die in den Nischen der Wandelgänge plazierten mehr als achtzig kleinformatigen Buddhaskulpturen. Zugegeben, es sind erstklassige Arbeiten, aber nachgeahmt. Verständlich ist, dass dem Bau die Altersspuren fehlen und er wohl noch lange Zeit weiß und golden schimmern wird. Das betrifft nicht nur den Blick auf die Pagode von außen, sondern auch die Wände innen. Buddha wird meist in einem Meditionssitz mit sechs klassischen Handhaltungen, einer ritualisierten Gesichtshaltung, aber auch liegend, stehend oder schreitend dargestellt. Bei heutigen Aufträgen richten sich die Künstler auf die alten Maßstäbe ein.
Von der aus Indien importierten Buddhakultur her gesehen wäre ja eher eine weniger verschwenderische Bausucht verständlich gewesen. Ist doch der historisch überlieferte Buddha aus dem väterlichen Palast, dem Symbol von Macht, Eitelkeit und Prestige, entflohen und aus eigenem Entschluss zu einem armseligen Wesen auf der Erde geworden, zu einem Mönch, Bettler oder Weisen, als er über den Sinn des Lebens nachzudenken begann.
Die in Burma kaum noch zu überbietende Verehrung lässt vermuten, dass Buddha dort längst den Rang einer göttlichen Erscheinung erhalten hat. In den ersten Jahrhunderten nach Buddhas Tod hatte man jedenfalls seine bildhafte Darstellung vermieden. Er wurde nicht als Gott, sondern als ein realer Mensch angesehen und durch Symbole auf ihn hingewiesen (Rad, Fußabdruck, Bodhibaum). Das hat sich freilich seit den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende dramatisch geändert.
Eine indische Geschichtstheorie nimmt an, dass sich seit Ewigkeit alles zyklisch wiederholt. Danach gibt es keine einmaligen historischen Geschehen. Auch vor Gautama Buddha und nach ihm erscheinen in gewissen Zeitabständen Welterleuchter. Es treten neue Buddhas auf, welche die Lehre neu verkünden. Der führende Mahajanabuddhismus vertritt sogar die Ansicht, dass es unendlich viele Buddhas gibt und geben wird. Das bedeutet, dass im Grunde jeder Gläubige im Laufe seiner zahllosen Wiederverkörperungen schließlich ein Buddha werden kann.
Der historische Buddha wird neben zahlreichen anderen Buddhas und Bodhisatwas zu einem Himmelswesen erhoben, einer Gottheit, die das Heil der Menschen fördert. Das ist ein riesengroßer Unterschied im Vergleich zu einem einzigen Buddha, der sich nur als Wegweiser zum Heil verstand.
Die Überschwenglichkeit, die Burma eigen ist, wenn man dort Buddha wie einen Gott verehrt und anpreist, gilt tatsächlich auch verschiedenen Buddhagestalten. Der ehemalige Königssohn Siddharta Gautama, dessen höchster Rang aus der Überlieferung stammt, hat sich, wie schon erwähnt, die Gotteseigenschaft gar nicht angemaßt.
Auffällig ist, wie in Burma für Buddha die reizvollsten Umgebungen, Flussterrains, Höhenzüge und andere Standorte ausgesucht wurden, die heute zu den Sternstunden des Tourismus avanciert sind
Die Bevölkerung Burmas soll sich noch im frühen 19. Jahrhundert auf nur rund fünf Millionen Menschen belaufen haben, in alter Zeit also noch weniger. Das Land war meist von Dickicht überwuchert und mit dichten Teak-, Eisenholz- und Birkenwäldern oder dem höher gelegenen Rhododendron bewachsen. Es soll von gefährlichen wilden Tieren nur so gewimmelt haben: Elefantenherden, Rhinozerosse, Tiger, Leoparden und Pythonschlangen. Die Könige und ihre Untertanen dürften sich gerade deshalb in kleinen Gebieten entlang von Flüssen wie der Irrawaddyregion niedergelassen haben.
Das überwältigendste Beispiel findet sich in Bagan, dem Höhepunkt jeder Burmareise, das am Irrawaddystrom liegt. Für den König Anawratha, der in der Mitte des 11. Jahrhunderts sich ein sogenanntes Großreich erkämpfte, hatte der religiöse und kulturelle Impuls weitreichende Bedeutung. Der König versammelte die gesamte Bildungselite der Zeit in Bagan, so dass Kunst und Literatur zum Erblühen kamen. Entscheidend wurde schließlich der Therawada-Buddhismus. Der atemberaubende Bauboom buddhistischer Stätten, der unter Anawratha begann, endete erst im 13. Jahrhundert und hinterließ in Bagan auf vergleichsweise engem Raum die aufgelistete Zahl von 2230 architektonischen Bauwerken, also Pagoden, Tempeln, Stupas, Klosteranlagen, Schreinen, Bibliotheken, meist mit Buddha als Bedeutungsträger.
 Die Seelenspeise, um die es geht, die den Menschen mit sich und den Buddhas vereint, ist die Erleuchtung, ein wunderbares Wortgeschenk, das alles bedeuten kann. Vielleicht lähmt die mutlose Skepsis der Lehre, die im Nirvana die Erlösung sieht, menschliche Tatkraft und Pläne. Oder sie landet in Burma in einer Art Kultiviertheit, die für Außenstehende schwer erfassbar ist. Der seit Jahrhunderten künstlerisch geprägte Baueifer zu Ehren Buddhas hat die Moderne aus dem Westen im einfachen Volk noch nicht durchgesetzt.
Ob die Burmesen aber Buddhas Lehre teilen, das Leben sei nur eine Illusion, die man loslassen sollte? Danach sollte der Tod nicht den Verlust des Lebens bedeuten, sondern Höhepunkt eines langen Loslassens sein. Das klingt so, als ob es sich um den Einzug in das Nirvana handelte. Bei den einfachen Menschen ist mir Eitelkeit, Begierde, Ehrgeiz und Frustration im Gebaren nicht aufgefallen; noch weniger in den Gesprächen. Bei den Wohlhabenden dürfte es eine etwas andere Sache sein.
 
X. Ich wollte Bagan verlassen, in dem es im Februar allmählich heißer wird. Ich war knapp zwei Wochen dort. In den Restaurants lobten die Traveller (so werden die Alleinreisenden im Jargon genannt) das mir unbekannte Kalaw in den Shanbergen, eine im 19. Jahrhundert von den Briten gegründete Hillstation (mit Luftkurort unzureichend übersetzt). Dorthin gelange man mit dem Bus an einem Tage.
 Ich wollte mir ein Taxi leisten, in dem ich selbst Regie führe. Ich suchte den jungen Fahrer, den ich vom Vorjahr kannte, in der Garage seines Onkels auf, dem das Fahrzeug gehört. Endlich hatte man bessere Reifen aufgezogen. Wir einigten uns auf 60 Dollar, einen Preis, den ich nur zögernd verrate.
Warum hat man sich für die etwa 200 Kilometer Strecke auf mindestens acht Stunden Fahrt einzustellen? Das wären ja nur lächerliche 30 Kilometer in der Stunde, rechnete ich mir aus. Das sollte bald durchsichtig werden.
Im Einzugsbereich von Bagan, den Abstechern zum Flugplatz und zum Bahnhof, imponierten doppelspurige Autobahnen mit rot-weißen Randsteinen. Auch auf der fast geradlinigen ebenen Strecke bis zum Mount Abu (einem von Buddhafiguren nur so wimmelnden Klosterberg), ging es auf gut asphaltierter Straße flott voran. Als wir jedoch nach links in nordöstlicher Richtung abzubiegen hatten, musste der Fahrer im Schlingerkurs das Tempo drastisch drosseln! Wie sympathisch mir diese Fahrwege voller Risse und Schlaglöchern wurden. Das ist ein Fahrgenuss, den wir in Deutschland vermissen. Langsam werden, auf die konturlose Hetze, auf korrekte Randstreifen und ständig wechselnde Warnschilder verzichten!?
Ich saß wohlgemut neben dem Fahrer, bewunderte seine in der Mitte der Frontscheibe baumelnden Kultfiguren, darunter natürlich ein Buddha.
Ich genoss den einsamen Waldpfad, der sich von der Straße aus gesehen bald in der zitternden Nachmittagssonne verlor. Pflanzliche Farbenpracht überall, Palmenhaine, eine Holzhütte. Als der Wagen eine Höhe erreicht, kamen ferne Horizonte in Sicht, ein größerer See, umgeben von Reisfeldern. Minutenlang war auf der abgeschiedenen Strecke kein anderes Fahrzeug in Sicht! Zweimal widerstand ich der Versuchung nicht, einfach halten zu lassen.
Ich lief einige Schritte in die Wildnis. Gleich am Anfang zerriss ich den glänzenden Faden einer Kreuzspinne, blieb stehen, entdeckte Ameisen, die vor mir kreuzten und atmete tief durch. So viel Grün war überwältigend. Baumstämme waren mit Moos und anderen Pflanzen bewachsen: Farne, Grashalme und winzige Orchideen hatten in Ritzen und Spalten von Bäumen Wurzeln geschlagen. Vögel stießen Warnrufe aus. Irgendwo vor mir knackte ein Zweig unter der Last eines unbekannten Tieres.
 Ich weiß nicht, ob dieser Zauber von mir aus ging oder vom Walde. Leider kann man eine solche Empfindung nicht forttragen, nicht einmal einen Bruchteil. Mir war es jedoch so, als wäre ich ein anderer.
Manchmal ging es unerwartet abwärts, da waren ausgetrocknete Flussbetten (ohne Brücken) zu überqueren, die auf holprigem Sandgrund wiederum das Tempo verlangsamten.
Immer wieder strampelten sich zwischen mehrere Kilometer von einander entfernt liegenden Dörfern Radfahrer und Fußgänger ab, für deren Ausdauer und Energie ich voller Bewunderung war. Wie sie es meist ohne schattige Bäume in der Sonne aushielten, ohne sich eine Kopfbedeckung zu leisten! Ihre gleichmütigen Gesichter, denen weder Schweiß noch Strapazen anzumerken waren, verrieten Spannkraft. Ruhiger ging es bei gemächlich trottenden Ochsen zu, die hochrädrige Karren zogen, auf denen meist mehrere Landleute saßen. Die Ochsenkarren rumpeln häufig auf einer tiefeingefurchten Erdspur neben der Straße.
In Thazi, einem öden Verkehrsknotenpunkt, auch für die uralte Eisenbahn, ging es an simplen Häusern, Geschäften vorbei durch eine eher eintönige Stadt ohne Höhepunkte.
Wir kehrten in ein ungewöhnliches Restaurant ein, das der Fahrer ausgewählt hatte. Es gab nur wenige Gäste, am Zahlungspult thronte der Wirt. Er war tatsächlich, welche Seltenheit, ein Moslem mit Bärtchen und herabfallendem Gewand (nur ca zwei Prozent der Bevölkerung sind Moslems). Er war sympathisch und träge, ließ uns durch seinen Sohn bedienen, dem der Islam nicht mehr anzusehen war.
Am Nebentisch waren zwei ausländische Busgäste in einen heftigen Streit geraten. Einer übertönte den anderen, der sich benachteiligt fühlte. Sie versöhnten sich jedoch wieder, als sie sich darin einig wurden, in Burma nichts Öderes gesehen zu haben als die Stadt Thazi. Diese Äußerung ließ mich als Mithörer für den Ort sofort Partei ergreifen.
»Bleiben Sie eine Woche hier und Ihre Meinung wird sich ändern«, schloss ich schmunzelnd.
Der verdutzte Gast strafte mich mit den Worten:
»Wenigsten Porträts mit den bildhübschen Landeskindern hätte der Wirt hier in dieser Dunkelkammer aufhängen können.«
»Sehen Sie nicht. Er ist Moslem, Menschenbilder verstoßen gegen den Geist des Koran.«
Im raschen Aufbruch hatte sein Reisegenosse an der Tür eine noch Idee. Sie hatten ja zum Bus zurückzukehren. Kaum konnte er sein Lachen unterdrücken:
»Aber warum dann nicht zwei Mondbilder, eben keine Menschenbilder. Die Mondnächte in Thazi, aber so dichterisch, so gehaucht, wie sie noch niemand in Thazi gesehen hat. Das Lokal hier würde zu einer Sehenswürdigkeit. «
Alle lachten, die Ausländer schrieen und so ging es fort, bis die Herren abgefahren waren. Unser Fahrer übersetzte dem Wirt, worum es ging.
»Meine Herren, ich habe im Hause ein Foto, das Thazi von oben gesehen zeigt«.
Er eilte, ob des Interesses begeistert, nach hinten, man hörte ihn rumoren, suchen, Sachen fielen auf den Boden. Es dauerte etwas, aber da erschien er stolzgeschwellt mit einem großformatigen Foto. Ich war entzückt:
 »Wunderbar«, lobte ich das Bild. »Das ist ja Thazi im Mondlicht. Ein wirkliches Märchen. Aber ich finde es in Ihrem Gastraum zu dunkel. Da würde niemand hinschauen.«
Der aufmerksame Sohn wollte sich bemühen, eine geeignete Lichtquelle zu finden. Auf Burmesisch fügte er noch etwas ironisch lächelnd hinzu, das der Fahrer mir übersetzte:
»Dem Sohn fiel erst hinterher die unberechenbare Stromsperre ein. Er meint, sie würde am Abend das Mondlicht direkt viel stärker zur Geltung kommen lassen.
»Eine Stromsperre wäre ja ein Bühnenzauber, den sich bei uns in Germany noch nie ein Regisseur ausgedacht hat. Übersetzen Sie das den Herren«, fügte ich hinzu und hatte mit dieser Bemerkung einen Publikumserfolg.
Die Atmossphäre des hohen, aber düsteren Raumes wirkte mit einem Mal wie ein Theater, das eine neue Kulisse erhielt. Hatte nicht eben ein Einakter begonnen? Wie ein Zauber schien Thazi mich in seinen Bann zu schlagen. Thazi, seine wilde Hoheit, eine schwärmerische Dichtung tat sich auf, die mich trotzig hierher zog. Im Augenblick war Kalaw vergessen. Ich war fest entschlossen, in Thazi zu bleiben, das mir gerade wegen seiner Verlorenheit ans Herz wuchs.
Der Fahrer rüttelte mich indes aus meinem Tagtraum, ich erwachte und setzte mich gehorsam neben ihn.
Hinter Thazi mühte sich die Straße in die Berge hinauf. Es ist anzuerkennen, dass man die Einspurigkeit dieser ab Thazi wichtigen Überlandverbindung mildern will. Jedoch geht es kümmerlich voran, zumal kaum Baufahrzeuge und Geräte zu sehen sind. Material, Steine und was sonst werden von den durch die Plackerei gekrümmten Männern und Frauen herangeschleppt.
Entgegenkommende Lastwagen nötigten uns nicht nur ein Mal auf die unbefestigten Ausweichstreifen. Die Stoßdämpfer eines Wagens vor uns schlugen durch und er setzte sich auf. Mein Fahrer bremste scharf. Es ging weiter, immer weiter hinauf, vorbei an kleinen Hütten am Straßenrand, in denen es den Menschen nicht gerade gut gehen kann. Endlos die Fahrt. Die Straße scheint ins Nirgendwo zu führen.
Kolonnen von Lastkraftwagen! Der Grund für die zahlreichen Riesenbrummer, die auch steckenbleiben, ist die nicht mehr so weit entfernte Grenze mit der VR China.
Zu guter Letzt hatten wir das Höhenplateau erreicht. An der gut ausgebauten Hauptstraße in Kalaw, die sogar einen festen Mittelstreifen auswies, ließ ich halten, nahm mein Gepäck und verabschiedete den Fahrer. Leider wollte der Junge es schon nach einer kurzen Erfrischungspause riskieren, sich auf den Rückweg zu machen, um Zeit und Geld zu sparen.

XI. Ich hatte mich gleich für das Winnershotel entschieden, obwohl es an der Hauptstraße liegt und ich den Fahrer hätte bitten können, erst einmal andere Hotels zu besuchen. Ob das optimistische Image des Hotelnamens den Ausschlag gab, auch in schlechten Zeiten »Gewinner« zu sein? Oder vielleicht die zierliche Chefin chinesischer Herkunft, die in ihrem schwarzglänzenden Kostüm mit der Edelsteinbrosche blendend aussieht? Mir imponierte, wie sie gleich am Eingang im Foyer auf mich, den noch Zögernden, zusteuerte und nicht steif wie eine Puppe hinter dem Rezeptionstisch verharrte, bis ich sie angesprochen hatte. Ihr Englisch ist auf einem Niveau, das Verständnis und kundige Beratung erleichtert. Mit ihrem Bruder, der etwas weniger eloquent ebenfalls Vertrauen ausstrahlt, meistert das Geschwisterpaar die nicht einfache Situation des Hotels. Sie freuen sich, dass ich fast zwei Wochen in Kalaw bleibe und räumen mir einen spürbaren Preisnachlass für das Appartement ein, das im Neuanbau in der stillen Seitenstraße liegt.
Noch in der gemütlichen Eingangshalle wurde ich mit Ted aus Kanada und Bernhard aus Heidelberg bekannt. Unser nicht enden wollendes Gespräch wurde auf Grund einer Einladung der Chefin auf den Abend in das luftige Dachrestaurant vertagt. Hier gesellte sich auch George hinzu, der jahrelang an der französischen Botschaft in Rangun tätig war. Die Chefin durfte nun auch ich Rubi nennen. Bewunderswert, wie sie sich nicht nur an unserem spannenden Gedankenaustausch beteiligte, sondern auch zuhören und schweigen konnte. Ohne Alkohol bestätigten wir uns mit glänzenden Augen, wie gut wir uns in Burma auskannten. Der Kanadier war schon das fünfte Mal hier, interessierte sich für Schlangen, mit deren Lebensart er sich als Professor befasst hatte. Er lachte:
»Nein, heute lauert keine menschenfressende Python mehr auf jedem Baum. Das ist lange her.«
Er hatte gezähmte kleinere Schlangen in Pakokku am mittleren Irrawaddy erlebt, die dort in Körben gehalten werden. An solchen Schlangenzoos war ich bei meinem Besuch von Pakokku (mit dem Schiff von Bagan aus) ahnungslos vorbeigegangen. Als Experte habe er engagiert dem »Geographical Magazine« berichtet. Im übrigen rühmte er die Stille und Einsamkeit um Kalaw, die wohltue.
Ich fand Kalaw auf den ersten Blick anziehend. Wird der Ort doch von einem Kranz von Höhenzügen und leicht zu ersteigenden Bergen umgeben, die durch Taleinschnitte, ja Schluchten verbunden sind. Und zu den auf den Höhen liegenden Klöstern führen zauberhafte Wanderwege ohne Kilometerangaben.
Mit den unvermeidlichen Buddhas begann es jedoch gleich um die Ecke. In einer Seitengasse, nur Fünfzig Meter vom Hotel entfernt, stand der Aung Chang Tha Tempel, dessen spiegelverzierter Stupa im Morgenlicht silbern funkelt. Er beherbergt im Innenbereich vier Buddhas. Jedoch finden sich allein im Zentrum noch drei weitere Tempel. Auf den Straßen reiht sich ein kleines Ladengeschäft am anderen, darunter auch ein gemütliches, aus Holz gebautes Budenrestaurant, dessen Chef mich mit schmackhaften Mahlzeiten versorgt. In Kalaw gibt es kein wirkliches Gedränge. Die Menschen schreiten gemächlich und bleiben stehen, um das Warenangebot anzuschauen. Da rutscht, wie sollte es anders sein, natürlich eine Frau auf den Knien und schrubbt den Gehsteig!
Angesichts der Weite Kalaws bat ich Rubi um einen Wagen für eine erste Orientierung.
Der Fahrer maß wie zu erwarten Punkten die höchste Bedeutung bei, an denen sich Buddhastatuen befinden. Zum Beispiel ging es zu einer Tropfsteinhöhle voller solcher Statuen. Nur wenige Kilometer davon entfernt machten wir einem noch mächtigeren Buddha unsere Aufwartung. Er ist tatsächlich aus Bambus gefertigt und sieht wegen des gelblichen Gesichtstones farblich irgendwie modern aus. Das Kloster, in dem er enigmatisch hockt, liegt auf einem Hügel, zu dem es steil hinauf geht. Man wartet dort sogar mit einer Tasse Tee für den Besucher auf.
Am nächsten Tag mache ich mich ohne Führung zu Fuß auf. Die Straße, auf der ich gestern im Auto unterwegs war, hatte ich mir zunächst ausgesucht. Sie ist wenig befahren. Auf ihr ging es ständig bergauf, bis ich auf einem lieblichen Plateau angekommen war, das etwa 150 Meter über Kalaw liegt. Dort befinden sich auch ehemals britische Landsitze, wie man mir sagte. Was mag aus ihnen geworden sein?
Zwischen dichten Bäumen entdeckte ich eine einstöckige Villa, die leer steht und auf einen Käufer wartet. Noch ist die typisch britische Außenfassade in rötlichem, längst abblätterndem Ton markant zu sehen. Eine verschlafene Frau öffnet mir die Türe. Ich betrete einen großzügigen, natürlich leeren Wohnraum mit dem verrußtem Kamin. Alles wirkt heute düster und ungemütlich. Nach dem Abzug der Briten 1947 haben die Grundstücke nicht so selten mehrfach, den Besitzer gewechselt oder man wartet auf einen Käufer. Aus ihnen sind auch zwei Hotels entstanden, von denen ich erzählen muss.
Vor dem Amara-Ressort stehe ich im erholungsbedürftigsten Moment der Wanderung, bei dem ich aus unerfindlichen Gründen an ein deutsches Schweinefleischsteak denken muss. Hatte ich eine Vorahnung? Zu meiner Überraschung wird mir als einzigem Gast dort auf der Terrasse nämlich etwas in der Art serviert, dass meinem Wunsch ähnelt. Ich erlaube mir, es Steak zu nennen. Wie verblüfft, ja überrumpelt ich mir vorkomme. Ist es doch ausgerechnet ein Geschäftsmann aus dem Steakland Germany, der das Amara-Ressort gegründet hat! Er muss viel Vermögen dafür aufgebracht haben. Offenbar macht es ihm Spaß, ein Schweinesteak auf seiner Speisekarte zu führen. Aber er war nicht anwesend, so dass ich mit ihm nicht über die Qualität sprechen konnte, an der ich leider herumzunörgeln hatte.
Ob der Mann aus München zuerst die drei britischen Altgebäude gekauft und erst danach eine für ihn zu junge Burmesin aus Rangun geheiratet hat oder ob es umgekehrt war? Im Amara bekam ich es nicht heraus. Ich fühlte mich wie ein sensationsgieriger Journalist. Eine Pleite ist auch wahrscheinlich, da die Gäste in dem zu weit abseits gelegenen Haus ausbleiben.
Dem Kalawhotel, der ehemals britischen Residenz, das in der Nähe des Zentrums liegt, räume ich da mehr Chancen ein. Auch bin ich dem Hotel für ein aufregendes Erlebnis dankbar.
In das weitläufige Gelände marschiere ich über einen leeren Parkplatz, betrete ein weitläufiges Terrain aus Zierrasen, in dessen Mitte sich eine größere Gartenanlage befindet. Höhepunkt ist ein erlesenes Blumenrondell, in dem Orchideen und Rosen vorherrschen. Die in der Nähe stehtenden Sitzbänke werden von schlaff herabhängenden Sonnenschirmen geschützt, da sich zur Zeit dort niemand aufhält. Das trifft auch auf das aus Eisenstäben konstruierte Teehäuschen zu, durch das ich durchsehen kann. Die Auffahrten werden von zurechtgestutzten halbhohen Zierbüschen gesäumt. Eine fast zwei Meter hohe Steinwand hält neugierige Blick von Spaziergängern auf dem parallelen Fußweg ab. Auch ist Straßenlärm nicht zu hören.
Beim Herumstreifen gerate ich auch in ein ungepflegtes, ja verwildertes Terrain. Es beginnt mich zu interessieren, als ich plötzlich vor der Schmalseite eines langgestreckten stattlichen Gebäudes stehe. Der Wildwuchs der überall aufschießenden Gebüsche hatte es fast unsichtbar werden lassen. Um das Gebäude hat sich also seit vielen Jahren niemand mehr gekümmert. Es ist unnütz und unbrauchbar geworden. Warum haben aber die neuen Hoteleigentümer den Verfall nicht gestoppt?«, frage ich mich.
Neugierig geworden, gelingt es mir, durch das Gestrüpp hindurch zu einer Freitreppe zu gelangen. Schon beim Hinaufsteigen beeindruckt mich der von einer Säulenreihe geschmückte Vorplatz. Mühsam klettere ich durch ein zweiflügeliges Portal, dessen eine brüchige Hälfte aus den Fugen geraten ist und zerbrochen am Boden liegt. Ich gehe wegen der Risiken vorsichtig und lande unversehrt in einer Halle von beachtlichen Ausmaßen. Sie hat hohe Fenster ohne Glasscheiben, durch die wegen des Dickichts da draußen kaum Licht herein kann. Im Dämmerschein weiche ich vorsichtig herabhängenden Leuchtern aus und stolpere kurz über verstreute Möbelreste auf dem Boden. Wo ich mich befinde, diese Frage vermag ich ohne Hilfe selbst beantworten.
Kein Zweifel, ich bin im alten britischen Ballsaal. Das sagt eigentlich schon alles. Über diese Entdeckung stolz, gebe ich mich einem Bilderrausch hin, den meine Fantasie entfacht. Die damalige Zeit stürmt auf mich ein. Ich schließe die Augen und setze mich hin. Ob auf einen kaputten Stuhl, einen Tisch oder auf Gerümpel, das habe ich vergessen. In diesem Raum fanden die in Kalaw sicher manchmal gelangweilten Briten, die sich ja meist Jahrzehnte im Land aufhielten, ihre Erheiterung in der Musik, im Tanz, beim Tee und dem Flirt. Sicher hatten sie edle Spender, die ihnen gute Musiker, Dirigenten und Spaßvögel lieferten. Und wo sind die bemalten Pferdekutschen heute, aus denen man damals ausstieg? Im gar nicht so weit entfernten Pyin U Lwin in den Bergen nordöstlich von Mandalay sind sie eine putzmuntere Attraktion. Noch träumend kommt es mir so vor, als ob ich jetzt in der Ferne tatsächlich eine Art Orchestermusik höre. Ich bin durch diese wohltönenden Klänge rasch wach geworden, habe die Realität wiedergefunden. Denn nach der Tonart dürfte es sich um burmesische Musik handeln. Die ist ja wie vieles ganz anders. Was geht da vor?
Um Aufklärung bemüht, eile ich draußen überall herum, klopfe an Türen und rufe sogar. Nirgends ist jemand zu sehen oder aufzutreiben, weder Gäste noch Personal. Auch der britische Gouverneur in Gala nicht, der in meiner Fantasie soeben den Ball eröffnet. Aber auch seine khakifarbenen Gurkhaleibwächter sehe ich nicht. Selbst das große Portal des Hotels im Haupthaus bleibt geschlossen.
Also habe ich die Muße, nun auch die aus drei Gebäudeteilen entstandene Hauptanlage des Hotels zu betrachten, die ein Rechteck bildet und deren fachwerkähnliche Fassaden für mich reizvolle Farbkontraste schaffen.
Das Ganze ist nicht mit einem Blick zu erfassen. Als sie darangingen, die Residenz für ihre Zweck zu renovieren, haben die neuen Herren nach meinem Eindruck recht erfolgreich experimentiert. Langjährige Verwitterung, also Abnutzung sollte auf den Fassaden ästhetisch sichtbar bleiben, um den Charakter eines historischen Denkmals zu erhalten. Auch durch Graswuchs verwilderte Alttreppen wurden belassen, die zu Kellern führen, die offenbar nicht mehr existieren.
Wieder gerate ich in eine Traumwelt, fange zu spinnen an. In diesem Winkel kommt mir alles spukhaft, ja skurril vor. Ich bilde mir im dämmrigen Licht alle möglichen Dämonen ein, die aus dem verwunschenen Winkel kommen und nun lachend und kreischend herumgeistern. Dazu gehört als Genre auch ein schwermütig altenglischer Gesang, der überall schwebt. Vielleicht soll eine Hochzeit bevorstehen, auf der Britenjungfrauen grazil und behend Tanzstile vorführen. Anstatt der erwarteten Liebeserklärung stört mich erneut die Realität. Endlich spricht jetzt auch mich eine hübsche junge Frau an, die farbig wie eine Haushälterin gekleidet ist. Sie hat zur Zeit die Regie im Hotel, wie ich sofort erkenne.
Sie hält mich natürlich für einen neuen Hotelgast und kommt mir zuvor:
»Es tut mir leid. Heute kommt ein Bus mit französischen Touristen. Aber ab morgen ist alles wieder frei.«
Voller Stolz führt sie mich durch das innen modernisierte Haus. Den Hotelzimmern ist wahrhaftig der Altbau nicht mehr anzusehen. Auf jedem Nachttisch steht sogar eine Schüssel mit frischem Obst. Da fällt mir sogar eine Bibel auf, in die ich hineinschaue. Als sie mein Interesse sieht, bemerkt sie kurz:
»Sie ist von Pater Paul.«
Da kannte ich mich aus, hatte ich doch schon die katholische Christ the King Church besucht und dort gezeichnet. Von hier aus wäre es ein Spaziergang von einer Viertelsstunde zu der aus Backstein erbauten neugothischen Kirche. Der birmanische Pater Paul, den ich kennengelernt hatte, leitet die Gemeinde seit dem Tod seines Vorgängers, des Italieners Angelo di Meo. Für Europäer eine Bibel auf den Nachttisch zu legen, daran hatte ich hier freilich noch nicht gedacht.
In der urigen Altbar ermutigt ein Slogan in Bauchhöhe an der Theke: »Live the Tiger`s Life« den Gast, seine Selbstbehauptung durch Whisky zu stärken.
Wieder im Freien machte ich Anstalten, wegen der Sonne mich unter den größten Baum, eine stark belaubte Kiefer zu setzen, um zu malen. Auf das Hotelgebäudeensemble blickend, hatte ich mit einem Aquarell begonnen und hierzu die Malutensilien auf den Erdboden gelegt. Als sie meine Umstände sah, schleppte die Hausverwalterin kurzer Hand einen Stuhl und einen flachen Tisch über fast hundert Meter aus dem Hauptgebäude herbei. Und nach einer Stunde brachte sie ungefragt sogar ein Kännchen aus Porzellan mit Kaffee und Plätzchen und schaute neugierig auf mein Bild. Ich bedankte mich überschwenglich.
Der Versuch, von ihr etwas über die Riesenkiefer zu erfahren, unter der ich saß, musste aus sprachlichen Gründen scheitern. Ich hatte fragend auf die zwei ineinander verschlungenen riesigen Baumstämme hingewiesen. Handelt es sich nicht um zwei verschiedene Bäume? Der mächtige Wirtsbaum mit seinem weitgestreckten Nadeldickicht, unter dem ich sitze, scheint mir von einem Rivalen bedroht. Ihr Gesicht leuchtet auf, jedoch verstehe ich das burmesische Wort nicht, das sie mehrere Male wiederholt.
Beim Bier am Abend beschreibe ich Ted das merkwürdige Naturschauspiel. Voller Aufmerksamkeit weiß er sofort, warum es sich handelt.
»Was du so anschaulich schilderst, dürfte nichts anderes als eine Würge- oder Mörderfeige sein. Die tropischen Feigenarten gehören ja zu den höchsten Bäumen und haben oft sehr weit ausladende Kronen. Manche Arten haben Luftwurzeln wie der Banyanbaum, der auch in Burma anzutreffen ist. Aber es gibt auch Kletterpflanzen, die später viele sich kreuzende Luftwurzeln bilden und sich wie ein gitterartiger Mantel um den Tragbaum legen, ihn also auf diese Weise erwürgen. Das hätte ich mir sehr gern an Ort und Stelle angesehen«, meinte er.
Wir verabreden uns zu einem Spaziergang am nächsten Vormittag. Der außerhalb des Geschäftsviertels beginnende und wenig begangene idyllische Fuß- und Radweg führt durch Grünanlagen, in denen es auch einen Spielplatz gibt. Als wir dort ein wenig plaudernd gehen, ist ohne jeden Übergang vor uns eine Art Orchestermusik zu hören, die immer lauter wird. Freilich sind die Urheber der Klänge nirgends zu sehen. Es müssem schwere Instrumente darunter sein, auch Pauken, Trommeln, ein Kontrabass. Eine eher unmelodiöse, einem Marsch ähnelnde Musik, die abgehackt wirkt, etwas dumpf, aber irgendwie doch gefällig, ja sympathisch. Ähnelt das nicht der Musik, die ich gestern im Kalawhotel vernahm?
»Wer spielt da? Das muss doch eine Musikkapelle sein.«
Und Ted lacht aus vollem Halse:
»Da hast du natürlich recht. Links vor uns ist ein Sportplatz, der an unserem Weg eine Tribüne hat.«
»Ja, und?«
»Hast du es noch nicht erraten, wer das nur sein kann?« Ich tue ahnungslos, um Ted eine Freude zu machen. »Vielleicht ein Ensemble, um Touristen zu empfangen?«
»Du siehst es gleich. Dort proben die Musikanten des Militärorchesters, das im örtlichen Kasernengebiet untergebracht ist. Die Herren würden sich über uns als Zuhörer freuen. Schon früher habe ich da auf der Tribüne gesessen und nach jedem Stück begeistert geklatscht.
Inzwischen sind wir neben der Tribüne in Sichtweite der Soldaten, sprich Orchestermitglieder, angelangt, die sich in bester Spiellaune auf den nächsten Auftritt vorbereiten. Hatte man uns als Ausländer nicht längst gesehen? Hatten wir nicht eine freundliche Geste zu erwarten, auf der Tribüne Platz zu nehmen? Mir war mulmig zumute:
»Ted. Eigentlich müssten wir uns doch davonmachen.«
»Warum?«
»Ja, lassen wir uns nicht von einer Kapelle der Armee einlullen, einer Armee, von der wir ungesetzliche Gewalt erwarten?«
Die Herren Musikanten stehen derzeit stramm, ihre Instrumente in der Hand, in Reih und Glied auf dem Spielfeld. War das nicht der fatale Moment, in dem uns der Teufel versucht?
Ohne zu Zögern betreten wir durch eine Zaunlücke das Sportfeld. Und ohne Gewissensbisse besteigen wir die Holztribüne und nehmen im Nu als einzige Zuhörer auf den Bänken Platz. Die Bevölkerung hält sich also fern oder man will sie nicht? Sind wir über die Musik nicht zu Sympathisanten geworden? Ähnlich problematische Gedankengänge, wie sie mir durch den Kopf gehen, dürften den jungen Musikanten nicht in den Sinn kommen. Die Musik hatte das Kommando übernommen und Politik war zum Schweigen gebracht. Ted ironisch:
»Wir sollten nicht hysterisch werden. Ich glaube, Kanada ist im Gegensatz zu Germany nicht an den Sanktionen gegen Burma beteiligt.«
»Aber du kannst mich doch hier nicht im Stich lassen«, knurre ich. Und er lacht schallend:
»Dann verharre wenigstens mir zuliebe auf der Tribüne. Als reiner Akt der Höflichkeit. Dann bleibst du ein wirklicher Demokrat.«
Gott sei Dank besteht nicht die Gefahr, uns mit den Musikanten zu verbrüdern. Schrille Pfiffe ertönen und eilends packen die Soldaten ihre Sachen, ordnen sich in Reih und Glied und marschieren zu ihren Fahrzeugen.
Fast eine Stunde haben wir die Musik genossen. So erfrischt, marschiert es sich flotter, so dass wir bald im Kalawhotel bei dem Riesenbaum angelangt sind. Ted ist begeistert. Er erklärt langsam, als ob er jeden Satz genau prüfen will:
»Die Samen keimen zuerst hoch oben in den Astgabeln der Wirtsbäume. Danach wachsen Luftwurzeln nach unten und umfangen allmählich ihr Opfer. Während der Wirtsbaum wächst, werden auch die Luftwurzeln immer dicker und die Umarmung wird am Ende tödlich. Soweit ist es interessanter Weise noch nicht gekommen« staunt Ted. »Der überaus mächtige Wirtsbaum ist noch immer kräftig und am Leben. Wann es hier so weit kommt, dass Dank zahlreicher Insekten, Pilze und Bakterien der Wirtsbaum sich zersetzt und nur ein skelettartiger Stamm mit einer Höhlung übrig bleibt, das wird noch lange dauern. Wir werden es kaum noch erleben!«, schließt er.
Ich raffe mich zu einem bissigen Kommentar auf:
»Die Art und Weise, wie die Würgefeige ihr Opfer behandelt, entspricht sie nicht dem Vorgehen des Militärs mit Blick auf das Volk?« Ted schaute auf.
»Kein schlechter Vergleich.«

XII. Ich stehe nicht nur auf der Erde, sondern hänge auch am Himmel, an dem fast täglich formschöneWolken vorbeiziehen. Da denke ich an die niedrig gelegene Ebene von Bagan, in der sogar dünne Wolkenschleier unter dem meist gnadenlos blauen Firmament ausbleiben. In den Bergen von Kalaw schwelge ich im Glück einer zeitlosen Existenz. Bin ich hier nicht längst ein zur Verzweiflung Berufener geworden, der die Tage bis zur Abreise auf dem Kalender zu zählen sich weigert?
Alles, was ich entdecke, verlangt nun rasches Zugreifen. Ist diese Vorgehensweise nicht dem Plündern ähnlich, bei dem die Täter rasch kommen und gehen? Aber ich spiele ja auf die geistige Aneignung, ja Erorberung an. Ist nicht das Wort ländliche Nachbarschaft viel zu förmlich. um Neugier zu wecken? Wie bringe ich die Geheimnisse und Reize des Dorfes auch sprachlich unter, zu dem es heute geht?
Jedenfalls will Rubi mit Ted, George und mir aufs Land fahren. Hat doch Ted vor, von einem Bambushaus da draußen morgen in aller Frühe mit einem Guide in drei Tagesmärschen den großartigen Inlesee zu erreichen.
Wenn ich das Wort Shandorf verwende, hoffe ich auf die Mehrdeutigkeiten, die unter der Oberfläche zu finden sind. Noch befinden wir uns jedoch im Wagen auf der noch asphaltierten Ausfallstraße.
Da stört das letzte Quentchen Urbanität, ein Luxuswohnsitz, den wir im Schritttempo passieren. Der Eigentümer soll ein schrulliger Reicher sein, der dem Vernehmen nach sogar am Besuch seines Orchideengartens verdienen will, verlange er doch für den Eintritt einen Dollar. Das reizt uns nicht. Wir haben das letzte Grundstück von Kalaw hinter uns gelassen. Außerhalb des Ortes hört der Straßenbau abrupt auf! Nun gilt es, auf staubigen Erdpisten in hügligem Gelände weiterzukommen. Rubi verteilt Atemschutzmasken gegen den Staub.
Im Augenblick haben wir die erste laut klappernde Holzbrücke eines Baches überfahren. Seine Böschungen sind von üppigen Sträuchern und Büschen bedeckt. Zusammen mit ein paar Bauernhäusern im Hintergrund öffnet sich der Raum immer mehr, lässt meine Neugier wachsen. Inzwischen mit buddhistischer Philosophie vertraut, lege ich ohne Schwierigkeiten sterile Gewohnheiten des Alltags nach Gutdünken ab. Zum Beispiel suche ich mir abzugewöhnen, auf einem Ausflug ungeduldig zu werden.
Recht stabil wirkende Bambushäuser, auch mit schrägen Dächern, liegen meist verstreut und lassen eher auf eigenbrötlerische Einsamkeit als auf die Gemeinschaft eines Dorfes schließen, dessen Zentrum nicht auszumachen ist. Auf dem schmalen Weg, der jetzt ansteigt, haben an den Engstellen die Bäume einen schwarzen Fleck um sich, weil eine Menge Zweige herausgerissen war, als hätte sie jemand zweckentfremden wollen. Der Wagen stoppt, wir sind am Ziel, einem bewaldeten Abhang, angekommen.
Als erstes fällt mir ein gemauerter Brunnen mit den Initialen einer UN-Entwicklungsorganisation auf. Ich betrete einen schmalen Garten, dessen hölzernes Gitter als Zierde gedacht ist. Mit Dieben oder fremden Eindringlingen ist hier nicht zu rechnen. Den Zugang zum Haus säumt zur Rechten eine dichte Wand aus mattgrünen Bambusschösslingen, die ringsherum das tropische Bild prägen. Als ich mich umschaue, sehe ich auf der anderen Seite unseres Zufahrtsweges zwei weitere Bambushäuser, Erlenbüsche und dahinter einen von Feldern gerahmten lieblichen Talgrund. Der Hausherr, mit dem Baby auf dem Arm, macht mich auf die da unten vorbeiführende einspurige Eisenbahnlinie aufmerksam.
Das Haus ist aus Bambus und Holzteilen zusammengesetzt. Es hat ein Erdgeschoss, nein nicht noch ein Stockwerk, so hoch sind die Räume, zu denen eine dreistufige Holztreppe führt. Mir scheint es viel geräumiger als die einfacheren Dorfhäuser. Gleich neben dem Eingang liegt die Küche, die nach außen offen ist. Alles ist zweckmäßig eingerichtet, nicht die kleinste Kleinigkeit fehlt: Etwa das Geschirr oder andere häusliche Geräte, die für die Frauen unentbehrlich sind. Es hat einen Brunnen und sogar Elektrizitätsanschluss. Am Eingang legen wir die Schuhe ab, erhalten Latschen, sehen uns um. Beneidenswert, wie wenig Möbel, Inventar es gibt; vor allem überflüssige Sachen wie bei uns fehlen. Auch einen Fernsehapparat sehe ich nicht. Das Haus dient manchmal als Unterkunft für ausländische Trekkingfans, die für ihre Wanderungen ortskundige Führer anheuern. Gerade waren drei Deutsche mit ihrem Guide angekommen, die auf dem mit Matratzen bedeckten Holzboden zu übernachten sich nicht scheuen.
Der Mittelpunkt des Hauses ist ein großflächiges Zimmer, das in seiner ungewohnten Leere noch weitläufiger wirkt. Der Blick durch die Öffnung holt die tropische Wachstumspracht da draußen fast wirklich herein. Welche hautnahe Nachbarschaft! Es fehlt die gewohnte Trennung durch Glasfenster. In dieser räumlichen Ganzheit fühle ich mich wohl. Sie nimmt auf meinen Geisteszustand und die Gefühle Rücksicht. Was brauche ich mehr? Wen es hierherzieht, zu dessen Glück gehört es ohnehin, der buddhistischen Doktrin der Hauslosigkeit entsprechend irgendwann, sofort oder später,wieder in die Welt aufzubrechen. Nebenbei erwähnt, gibt es auch hier, nur zehn Minuten zu Fuß entfernt, einen Klosterbezirk, den ich auf einem schmalen Pfad über eine bewaldete Anhöhe erreiche.
Rubi hat für uns im Hause ein Reisgericht mit Gemüse zubereitet. An dem kleinen runden Tisch in der Ecke nehmen wir alle Platz. Dieses Bambushaus wird für mich im Laufe des Tages zu einem Brückenkopf der Exzentrik, der mich aus dem gewohnten Trott fallen lässt. «
Ein Spaziergang führt uns nach dem Mahl ins nahe Tal zur Bahnstation. Aber der nur wenige Kilometer entfernte Landbahnhof ist kein radikaler Gegensatz zur Ruhe des Hauses, das wir verlassen haben, um ein fesselndes Schauspiel zu erleben.
Findet hier ein Lehrstück in Geduld statt oder wird ein Alibi fürs Faulenzen geschaffen, frage ich mich? Zahlreiche Landleute warten, so sieht es aus, wohl schon ziemlich lange mit ihrem Gepäck, sitzen oder hocken auf dem Bahnsteig, das heißt der harten Erde. Hin und wieder erhebt sich ein Mann, um zum Teestand zu gehen. Der Verdacht, arbeitsscheu die Situation auszunutzen, ist abwegig, zumal viele Bauern sich ohne moderne Technik behelfen müssen. Sie haben sich häufig genug körperlich zu bewegen und anzustrengen. Wenn die Mönche in Burma nicht so hochgeschätzt würden, könnten Neider oder ungeistige Menschen ihr ewiges Verharren an einem Fleck mit mehr Recht als unsozialen Müßiggang einstufen.
Auf den Gleisen steht noch der sogenannte »Fernzug«. Das ist für Deutsche ein irreführender Ausdruck, da diese Eisenbahn eine Geschwindigkeit von höchstens 30/40 Stundenkilometer zustande bringt. Kein Wunder, dass ziemlich lange auf den lokalen Gegenzug zu warten ist, der seine Mühe hat, von schrillen Pfeiftönen angekündigt, die kurze Strecke von Kalaw zu schaffen. Mit diesem Zug will man in die nächste Kleinstadt fahren. Auch diese technisch längst überholte Eisenbahn war Ende des 19. Jahrhunderts der letzte Schrei, den die Briten eingeführt hatten. Heute bleibt sie ein auch Spielzeug für Geduldige, die sich vom Fenster aus die Provinz ganz da hinten ansehen. Die Burmesen haben ohnehin für alles in ihrem Leben genügend Zeit, das knappste Gut in Europa.
Ist das nicht eine Rückkehr in eine vergangene Kolonialzeit, die wir da im Theater erleben?
Zu diesem Nimbus trägt auch das Stationsgebäude bei, auf dessem Giebel stolz das Jahr der Erbauung 1908 steht, frisch gestrichen versteht sich. Es wird von einem älteren und zuverlässigen Vorsteher mit martialischem Oberlippenbart geführt, der kaum einen Blick auf den Bahnsteig wirft. Wie er sich freut, als wir ihn in seinem Büro die Ehre unseres Besuches machen. Während wir radebrechen, kündigt er Rubi das Ende seiner Dienstzeit an.

XIII. Schon seit Jahrhunderten, also auch vor der britischen Zeit, suchte man Burma »zu entdecken«, eine vielseitig schillernde Tätigkeit. Konnte sie sich doch nicht nur auf damals abenteuerliche Exkursionen hoch zu Ross, sondern auch auf Teakwälder, Edelsteine oder reiche Bodenschätze beziehen. Da waren bald handfeste Interessen im Spiel (Britisches Empire, East-India-Company). Vielleicht war die Bildung der Politiker und Pragmatiker damals jedoch höher als die unserer Finanzgenies. Beispielsweise ließ die britische Kolonialregierung das über 40 Quadratkilometer große Tempelareal von Bagan schon im 19. Jahrhundert systematisch untersuchen. Wissenschaftler haben sich mit den Inschriften befasst und versucht, die Geschichte zu erhellen.
Einem Deutschen, Dr. Th. H. Thomann, der als Archäologe nach Bagan kam, blieb es demgegenüber vorbehalten, »zusammen mit vier Kollegen zahlreiche wertvolle und für Buddhisten heilige Objekte entwendet zu haben (s.Travel Handbuch, Stefan Loose, Myanmar, Seite 221, Affaire Dr. Thomann.)
Die lange Reihe westlicher Entdecker führt eine legendäre Gestalt wie Marco Polo an, der im 13. Jahrhundert auch einmal Berater des mongolischen Kaisers Kublai Khan war. Der Brite Paul Strachmann aus Glasgow, dessen längster Aufenthalt in Burma fast zwei Jahre währte, erwähnt ihn in seinem Buch »Pagan, Kunst und Architektur von Altburma«, Kisdale 1996. Marco Polo war vermutlich der erste Europäer und hat Bagan (damals als Pagan geführt) in seinen in Genua im Gefängnis geschriebenen Memoiren erwähnt.
Rangun wächst unter den Briten etwa ab 1850 immer mehr zu einer glanzvollen Metropole heran, eine Urbanität, die freilich nicht in die Tiefe der Landbevölkerung reicht. Nach ihrem Abzug 1947 wird unter dem Einfluss machtbessener ehrgeiziger Diktatoren wie Ne Win der burmesische Eigenanspruch auch im neuen Stadtnamen »Yangon« deutlich.
Die heutige Militärjunta hat sich dem Druck, zur Demokratie zurückzukehren, bisher stets erfolgreich widersetzt. Die asiatischen Nachbarn lehnen die Sanktionspolitik des Westens ab. Auch die VR China und Rußland sind am Handel mit Burma interessiert. Rußland schickt Sprachlehrer zur »Verteidigungsakademie« in Pyin U Lwin, die dem Offiziersnachwuchs Russisch beibringen sollen.
 
Finale. Ich erinnere mich an das riesige Areal buddhistischen Größenwahnsinns in Bagan, zumindest was die Baukunst anbelangt.
Zum Abschied sitze ich in einem schattigen Gartenrestaurant, im Rücken die grandiose Gawdawpalinpagode und schaue versonnen auf die mächtige Biegung des legendären Irrawaddy, auf dem gerade ein Schiff mit ebenso legendären Teakholzstämmen beladen vorbeifährt. Das Holz oder was noch davon übrig ist, wird noch heute in den Waldgegenden des Shangebirges eingeschlagen. Ich muss an den tragikkomischen Roman »Tage in Burma« von George Orwell denken, den ich vor der Reise herzklopfend verschlungen habe. Flory, der introvertierte Held, hatte in britischer Zeit im entfernten Urwald den Einschlag von Teakholz zu beaufsichtigen, das von Elephanten zum Fluß zu schleppen war. Er litt sehr unter der Einsamkeit und seinem selbstquälerischem Gemüt, obwohl er in Kyauktada, der nächsten Stadt, zu der er reiten musste. in seinem Haus eine burmesische Geliebte hatte. Es bahnt sich ein Konflikt an, als aus England eine junge Frau mit dem schönen Namen Elisabeth ankommt, die auf Kolonialbeamte scharf ist.
George Orwell war fünf Jahre als Offizier der britischen Krone in Burma aktiv. Als er 1927 in England auf Urlaub war, quittierte er den Dienst und beschloss, Schriftsteller zu werden. Die deutsche Übersetzung des äußerst lesenswerten Erstlings von Orwell ist im Diogenes-Verlag erschienen.
Das Restaurant, in dem ich sitze, gehört dem historischen Thandehotel, das wegen der westlichen Verruferklärungen gegenüber Reisen nach Burma zur Zeit unzureichend besetzt ist. Hier residierte im Jahre 1922 der Prince of Wales, der spätere Edvard VIII., in dem Erstbau, der heute wie ein Heiligtum behandelt wird.
Voriges Jahr war ich ganz in der Nähe mit der Fähre übergesetzt, um vom nächsten Dorf aus auf dem Pilgerpfad zu einem Kloster aufzusteigen, hinter dem der Glutball der Abendsonne unterging, wie ich vom Ufer aus sehnsuchtsvoll beobachtete. Die Hitze war noch erträglich. Vor zwei Jahren, als es gerade noch genügend Touristen gab und sich der tägliche Verkehr für die Flußmotorschiffe rentierte, erlebte ich die Idylle des Irrawaddy von Mandalay aus. Elf Stunden Fahrt flussab. Das habe ich damals sehr ausführlich beschrieben. Ich erwähne den Titel des Textes nochmals;
»Burma, ein Land, das (immer noch) anders ist als alle anderen, die du kennst (frei nach Rudyard Kipling)«-
Das Spitzenniveau der burmesischen Tourismusbranche übertrifft schon mit Blick auf den niedrigen Lohn des Personals unsere Hotels an Verwöhnung bei weitem. Allerdings hat auch der Luxusreisende dort häufig unter den nicht voraussagbaren Stromausfällen zu allen Tageszeiten zu leiden. Der Arme! Die Burmesen verlassen sich eher auf ihre Lebenswerte und die buddhistische Skepsis als auf die Launen der Globalisierung. Allerdings bleibt ihnen zur Zeit auch nichts anderes übrig.
Wird doch das Straßenbild, selbst in Städten, manchmal noch von hölzernen Oldtimerbussen, betagten Uraltjeeps, beschaulichen Pferdekutschen oder knarrenden Ochsenkarren geprägt. Während in asiatischen Nachbarländern die Wirtschaftsformen des Westens sich durchgesetzt haben, bewahren die Burmesen ihre Traditionen auch im häuslichen Bereich mit Würde. Die Frauen stecken sich Blumen ins geflochtene Haar, während die Männer oft die zähneschwärzende Betelnuss kauen und sich zu allen Tageszeiten in den Teestuben treffen.
Aber der britische, in Indien geborene Kipling, damals oft hoch zu Roß unterwegs, war auch schon in Tuchfühlung mit einer feindlichen Übernahme. Ich meine damit England, das Burma aus der Traumwelt der Könige vor allem im urbanen Milieu Ranguns und Mandalays in die Moderne geführt hat.
Nach überschwenglichem Lob geriet Burma in letzter Zeit in politischen Verruf, der in eine Art Reiseboykott auch durch Deutschland ausartete:
Wieder inBurma, um das sich plötzlich die ganze Welt sorgt(2008,
überschrieb ich den zweiten Bericht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf den Stein des Anstoßes, die Militärherrschaft einzugehen. Das lässt sich nicht in zwei Sätzen behandeln. Letzlich müsste man die Geschichte bis ins 19. Jahrhundert einbeziehen. Dazu gehört die Frage, warum Burma, das schon seit dem Abzug der Engländer zu keiner Musterdemokratie mutierte, nicht schon früher von Seiten des Westens schärfer angepackt wurde!
Seit dem niedergeschlagenen Aufbegehren der orange-roten Mönche, die sich, es war im heißen Monat August 2007, nicht ohne Gewalt von den Straßen Ranguns »entfernen« ließen, waren es doch mehr als zehntausend, haben westliche Länder, darunter das in Asien unerfahrene Deutschland, auf verschiedene Weise, zum Beispiel durch Handelschikanen gezeigt, wie sie mit dem Freihandel umgehen. Welche Wonne, im Vergleich zu China, dessen Größe und Macht man respektiert, das kleine Burma zu treffen!
Da wurde auch die moralische Aufforderung an uns gerichtet, nicht mehr in dieses Land zu reisen. Getroffen wird dadurch freilich die ohnehin leidende Bevölkerung und ihre Lebensgrundlage. Die Aktion hat jedenfalls das Militär nicht in die Knie gezwungen. Der Erfolg blieb aus, weil auch die asiatischen Länder nicht mitmachten.
Nachdem der Zyklon Nargis 2008 das Delta südlich von Rangun verwüstete, es über hunderttausend Tote gegeben hatte, gab es mit einem Mal viel Streit um ausländische Hilfe, die der Junta förmlich aufgezwungen wurde. Das Regime kapitulierte jedoch wiederum nicht.
Zur leidvollen Vorgeschichte, der ich mich hier nicht widmen kann, empfehle ich die Neuerscheinung von Tant Myint U (einem Enkel des ehemaligen UN-Generalssektretärs), »Burma, der Fluss der verlorenen Fußspuren«, 2009, erschienen bei C. Bertelsmann, der auch analysiert, wie und warum es dem Land seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gelang, zu demokratischen Verhältnissen zu gelangen. Es hat mir viel Neues gebracht, insbesondere ist auf das Jahr 1988 hinzuweisen, in dem nach monatelangen Protesten das Militär der »Anarchie« ein Ende bereitete.
Ich gebe zu, dass sich das Persönliche meiner Erlebnisse und die Großwetterlage im Lande manchmal schwer trennen lassen.
Günther Johne

 
 

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Reise nach Burma
Januar und Februar 2009
 

Eine Information: Die Namen Myanmar für Burma und Yangon für Rangun sind bei uns weitgehend unbekannt. Nur Reiseveranstalter, nicht aber die Medien halten sich daran. Ich werde nicht konsequent sein.
Also das dritte Mal in Burma, um das sich noch immer die ganze »Welt« sorgt. Eigentlich sollte man noch immer nicht dorthin reisen, die Journalisten selbstverständlich ausgenommen. Aber der Reiseverkehr nimmt trotz der Sanktionen unaufhalltsam wieder zu. Das hilft der Bevölkerung.

 

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