litterata  :  Reportagen  :  Weißes Gold im Erzgebirge  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Foto: Die goldene Sonne ...

Unser Ziel war an diesem Morgen das Schneeberger Kulturzentrum »Goldne Sonne«. Volker Schmidt, der Geschäftsführer des Hauses, begrüßte recht munter die Gäste. Anlass für die Tagung sei der 300. Jahrestag der Erfindung des Meissener Porzellans. Aus diesem Anlass gaben die Städte Aue, Freiberg und Schneeberg soeben ein Buch mit dem Titel »Weißes Gold im Erzgebirge?« heraus. Die Autoren dieses Buches, unter Leitung von Professor Eberhard Görner, versuchen den Nachweis, dass erzgebirgische Rohstoff- und Halbzeuglieferanten die Basis für die Erfindung des Meissener Porzellans darstellten. Einheimische Unternehmer hätten mit eigenständigen Rohstofferkundungen wichtige Beiträge zur Entwicklung der Hochtechnologie in Meißen geleistet.

 
 

Foto: Kulturzentrum »Goldne Sonne«

Christof Jeggle von der Universität Bamberg hatte seinen Vortrag unter den Titel »Neue Unternehmer? Organisationsformen wirtschaftlicher Unternehmen im 17. und 18. Jahrhundert« gestellt. Zunächst belegte er an Hand von literarischen Quellen, dass das Wort »Unternehmer« im 17./18. Jahrhundert nicht verwendet wurde, sondern erst im 20. Jahrhundert aufkam. Danach wandte sich der Referent der Familiengeschichte der Schnorrs zu. Diese Hammerherrenfamilie lieferte Anfang des 18. Jahrhunderts hochwertiges Kaolin (nach dem chinesischen Erstfundort, dem Kaoling-Gebirge benannt), das in seiner Qualität das in China verwendete Material übertraf, nach Meißen. Die Familientradition wurde von Veit Hans Schnorr d. Ä. begründet. Doch dieser wurde 1648 auf dem Weg zur Leipziger Messe von polnischen Banditen entführt und an den russischen Zaren verkauft, der ihn zur Aufsicht über die Uralbergwerke einsetzte. Obwohl Veit Hans Schnorr d. Ä. die Flucht aus Russland gelang, kam er auf dem Rückweg nur bis Wien, wo er verstarb.
Seit 1648 hatte jedoch seine Frau Rosine Schnorr die Firma geleitet. Das sei, so Christof Jeggle, in jener Zeit keine Seltenheit gewesen. An der Seite ihrer Männer oder als Witwen konnten Frauen damals Führungspositionen erreichen. Veit Hans Schnorr d. J., ein Sohn der Familie, gelang dann die Auffindung der »weißen Erde«. Doch selbst in seinen Lebzeiten bezog die Meissener Manufaktur zunächst das Kaolin aus Colditz. Nach dem Tode von Veit Hans Schnorr, dem der Titel von Carolsfeld verliehen wurde, und der sich als Kaolin-Lieferant ein Privileg erteilen ließ, erreichte dann die Lieferungen aus der Auer »Weiße Erden-Zeche« Kontinuität.
Jeggle stellte dem Publikum nun verschiedene Unterscheidungen der Problemlage vor. Hier führte er auch den Begriff der »Verwandtennetzwerke« ein, die seiner Meinung nach eine horizontale Kooperation bedeuteten.
Fernand Braudel hatte in seiner Sozialgeschichte des 15. bis 18. Jahrhunderts diesen Sachverhalt »Familienunternehmen« genannt. Diese sind für Braudel ein wichtiges Moment der »Civilisation matérielle«, einer über die Jahrhunderte eher stabilen Basisstruktur, aus der sich Hochkulturen erheben, und in die sie, nach Ablauf ihrer Zeit, wieder zurücksinken.
Diese Familienunternehmen erzeugen aufgrund ihrer Vielfalt nicht nur Stabilität, ähnlich wie in der Natur, in der Stabilität auf Vielfalt beruht, die Familienbetriebe waren es auch, die über Jahrhunderte Innovationen hervorbrachten. Das Beispiel der Familie Schnorr belegt dies anschaulich.
Als nächster Referent sprach Professor Eberhard Görner. Trockene statistische Zusammenhänge vermochte er in seinem Hymnus auf das Erzgebirge in poetische Worte zu kleiden. Er hob hervor, dass er im Projekt »Weißes Gold im Erzgebirge?« den Ehrgeiz hatte, Autoren zusammenzubringen, die bereits vor 20 Jahren unerhört auf die Rolle des Erzgebirges für die Erfindung des Porzellans aufmerksam gemacht hatten. Damit, so Görner, wolle er in Erinnerung bringen, dass die Zukunft des Erzgebirges davon abhänge, in welchem Maße wieder ein Selbstbild einer innovativen, technologisch-kreativen europäischen Region aufgebaut werde. Die heute vorherrschende Bedienung von Touristenklischeesin der Darstellung des Erzgebirges, mit ihrer Reduktion auf Räuchermännel und Schwibbögen, sei hingegen nicht zielführend. Das Jubiläumsjahr der Erfindung des Porzellans sei dazu geeignet deutlich zu machen, dass im Erzgebirge über Jahrhunderte technologischer Wandel auf höchstem Niveau bewerkstelligt wurde. In der Fähigkeit zur beständigen Selbstkorrektur, zum kreativen Neuansatz könne man den Kern der erzgebirgischen Identität sehen. Veranstaltungen, wie die heutige, seien deshalb besonders zu begrüßen. Im Anschluss stellte er das Buch in Auszügen vor.
Es folgte Burkhard Kling M.A. (Museum Steinau) mit einem Vortrag zu »Lebenswelt im Spiegel des Meissener Porzellans des 18. Jahrhunderts«. Der heute vorherrschende Porzellan-Kitsch der Baumärkte lasse uns leicht verkennen, dass Kunstwerke aus Porzellan im 18. Jahrhundert Sammler- und Kennerobjekte waren. August der Starke errichtete das Japanische Palais, um seine Porzellansammlung unterzubringen.
Zunächst habe sich die Porzellangestaltung an asiatischen Vorbildern orientiert, dann seien kleine Statuen des Monarchen als römischer Imperator u.ä. entstanden. Kirchner habe 1727–32 neuartige Figuren, wie den »Bettler«, kreiert. Kaendler, ein früherer Mitarbeiter von Permoser, habe zwischen 1733 und 1775 Tafelaufsatz-Plastiken geschaffen. Im Mittelpunkt des Kaendlerschen Werkes hätten kühle Darstellungen menschlicher Leidenschaften gestanden. Ein Beispiel sei »Der genarrte Schwächling«. (Ein alter Mann wird von verschiedenen Seiten betrogen, die Magd küsst ihn, holt aber derweil Geld aus seiner Tasche usw.) Kaendler habe einerseits Naturstudien betrieben und andererseits genaue Beobachtungen der Zeit des Umbruches vom Spätbarock zum Rokoko geliefert. Die Figuren Kaendlers seien mit symbolischen und emblematischen Zeichen versehen, die die Zeitgenossen zu lesen vermochten.
Die Kaendlerschen Plastiken seien als Tafelaufsätze wesentliche Momente der höfischen Tafelkultur gewesen. Die kostbarsten Plastiken seinen beim Dessert eingesetzt worden, weil hier die teuersten Speisen serviert wurden. Zudem habe man Tafelaufsätze für spezielle Anlässe (Staatsbesuche, Jagden u.ä.) hergestellt. Um 1750 habe Kaendler den berühmten Tafelaufsatz mit den Bergmannsfiguren als Geschenk für das schwedische Königshais gefertigt. (Die Bergmannsfiguren hatten für Sachsen höchsten Symbolwert.)
Mit Kaendler habe die Porzellanplastik in Meißen ein neues Niveau in Europa erreicht. Doch schon sein Schüler Acier habe das Genre des sentimentalen Kitsches gewählt, und damit, unter künstlerischem Aspekt, einen Niedergang eingeleitet.
Hier endete das Kolloqium, ohne Zeitnot, ohne heruntergerattertet Beiträge. Man muss den Organisatoren danken.

 
 

Foto: Der Schneeberger Markt, im Hintergrund die St.-Wolfgang-Kirche.
Auf der linken Seite, im zweiten Haus, leider schlecht sichtbar, hatte die Familie Schnorr einst ihr Stammhaus.

Kommentar
Wie in einem Film zogen an diesem Vormittag in Schneeberg wesentliche Momente der sächsischen Geschichte an uns vorbei. Man konnte herrlich nachdenken. Einerseits war August der Starke ein strategisch denkender Monarch, der die wirtschaftlichen Möglichkeiten Sachsens systematische erkunden ließ und in einzelnen Pilotprojekten, wie dem der Erfindung von Porzellan, konzentriert einzusetzen vermochte. Andererseits war die Wirtschaft Sachsens so leistungsfähig, weil eine Vielfalt von Familienbetrieben die breite Basis für solche Konzentrationen auf einen Punkt darstellte. Familienbetriebe wurden so erfolgreich in staatliche Hochtechnologieprojekte eingebunden und profitierten selbst davon. Das Beispiel der Familie Schnorr macht das deutlich. In der Figur der Pyramide kann man diese Konstellation vielleicht veranschaulichen.
Nach 200 Jahren einseitiger Bevorzugung von Großunternehmen ist es endlich an der Zeit Familienbetriebe in der Wirklichkeit wieder ernst zu nehmen, zumal die einstigen Vorzeige-Großunternehmen heute nur noch als »Sozialfälle« mit Steuermitteln gehätschelt werden und spätestens mittelfristig von chinesischen oder indischen »Investoren« aufgekauft werden.
Besinnung auf Familienunternehmen ist Besinnung auf die Region. Und umgekehrt: ein Europa der Regionen wird nicht von Konzernen getragen, sondern von Familienunternehmen. Dem gilt es endlich Rechnung zu tragen.
Ach ja, warum gibt es eigentlich keinen Film über die Familie Schnorr und die weiße Erde?
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Doris Berchter, die gute Seele des Buchprojektes, und die Autoren Hartmut Schnorr von Carolsfeld (li.), Prof. Eberhard Görner (3. v. li.) und Bernd Lahl (re.)

Information

Görner, Eberhard (Hrsg.): Weißes Gold aus dem Erzgebirge? Veit Hans Schnorr von Carolsfeld (1644–1715). ISBN 978-3-937654-57-7
In jeder Buchhandlung oder direkt beim Verlag beziehbar.
www.mironde.com   verlag@mironde.com

www.goldne-sonne.de
www.wirtschaft-im-erzgebirge.de

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Weißes Gold im Erzgebirge
Kolloquium in Schneeberg
 

Der 24. Juli war ein kühler Sommertag. Von der Autobahnabfahrt ging es durch Hartenstein und Schlema nach Schneeberg. Das Erzgebirge ist eines der wenigen europäischen Mittelgebirge, in dem die Industrie selbst in den höheren Regionen eine Heimat fand. Neben dem Reichtum der Erzlagerstätten und der Kraft der Wasserläufe waren es vor allem die Menschen, die die Ansiedlung der Industrie in der Gebirgsregion ermöglichten. Im 12. Jahrhundert beginnend, erreichte der Erzbergbau im 15./16. Jahrhundert eine Blüte. Die gewaltigen Kirchen der Erzgebirgsstädte künden noch heute von jener Zeit. Doch die Silberfunde erschöpften sich. Seither gelang es den Erzgebirgern mehrfach neue Technologien zu entwickeln und neue Industrien zu erschließen.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata