litterata  :  Reportagen  :  Ein Hofnarr im Lingnerschloss  
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Besucher auf Besucher betrat an diesem Abend den Saal des Lingnerschlosses. Die großen Fenster gestatten einen Panoramablick über das Elbtal. Die Stuhlreihen füllten sich. Fleißige Helfer trugen weitere Stühle herbei. Am Ende hatten sich fast 100 Besucher eingefunden. Eberhard Görner nahm unterdessen auf dem weinroten Samt einer Art von Königsthron Platz. »Der Narr und sein König«, so lautete der Titel des Buches, aus dem Görner an diesem Abend lesen wollte. Ein so genanntes »Heimspiel«, denn es ging um niemand anderen als um den Dresdner Heroen König Friedrich August II., genannt »der Starke«, und seinen steiermärkischen Hofnarren Joseph Fröhlich.

 
 

Eberhard Görner, Publizist, Filmemacher, Regisseur und Medienprofessor, begann verhalten. Mit seiner Stimme ließ er die Atmosphäre des alten Dresdens um 1700 entstehen. Görner erzählte uns eine Geschichte aus einer fernen Zeit, die wir gern mit dem Ausdruck »Barock« bezeichnen. Die Stimme Görners vermochte uns jedoch verstehbar zu machen, wie fern und wie nah zugleich uns diese Zeit ist. Hinter der »Narrenmaske« Fröhlichs verbirgt sich ein Philosophenpoet, der die Absurdität des höfischen Lebens durchschaute und dem Hof seine eigene Melodie vorspielte. Gesunder Menschenverstand ersetzte dekadenten Dünkel. So kam es zu einer Art historischer Begegnung zwischen Geist und Macht.
Görner liest lange. Man hatte den Eindruck, dass er sich fast das ganz Buch vorgenommen hat. Selbst das Nachtwort folgt, und der Hinweis, dass Joseph Fröhlich zu lachen vermochte, über eine todernste Welt.

 
 

Zwischen den einzelnen Kapiteln spielte die brandenburgische Kantorin Anja Liske (gebürtig in Limbach-Oberfrohna) Teile aus dem »Wohltemperierten Klavier« von Johann Sebastian Bach. Spätestens die logische Strenge der Bachschen Musik ließ uns erhören, dass »der« Barock eben nicht »barock« war.

 
 

Am Ende dankten die Zuschauer den beiden Akteuren mit herzlichem Beifall. Beide verzichteten zugunsten des Wiederaufbaues des Lingnerschlosses auf ein Honorar. Eberhard Görner fügte an, dass das Lingnerschloss vielleicht der schönste Ort Dresdens sei. Die Bürgerinitiative zur Rekonstruktion des Lingnerschlosses sei sinnvoll und wichtig. Auch die Frauenkirche sei schließlich auf Grund einer Bürgerinitiative wieder aufgebaut worden. Wie die Frauenkirche werde auch das Lingnerschloss ein Leuchtturm Dresdens im Ozean der Zeit sein.


Kommentar
Wer bei Görners Text vorschnell eine Begegnungen zwischen Geist und Macht in unserer Zeit erhoffte, der sei daran erinnert, dass August der Starke ein König mit universellem Geist und ein ganzer Kerl war. Er vermochte auch über sich selbst zu lachen und sich in Frage zu stellen. Das war die Voraussetzung für sein Verständnis der Späße Fröhlichs. Heutige Führungsfiguren lassen sich eher von PR-Agenturen beraten. Diese können oft nur über andere lachen und bestätigen sich permanent immer wieder selbst. Es müsste schon ein Wunder geschehen, wenn ein heutiger Politiker zu Görners Buch griffe. Oder?
Johannes Eichental


Information
K. A. Lingner (geb. 1861) gründete am 3.10.1892 das »Dresdner Chemische Laboratorium Lingner«. Mit der Herstellung des Mundwassers »Odol« verdiente er ein zweistelliges Millionenvermögen. Er erwarb die Villa Stockhausen (später Lingnerschloss genannt). Neben seinem Aufsehen erregenden Lebensstil, z.B. mit seiner Motorjacht auf der Kieler Woche, widmete sich Lingner gemeinnützigen Projekten in Dresden.
Nach dem Scheitern von Lingnerschloss-Investitionsprojekten nach 1990 gründeten kulturell interessierte Dresdner Bürger auf Initiative der »Von Ardenne Anlagentechnik GmbH« im April 2002 den gemeinnützigen Förderverein Lingnerschloss e.V.
Der Verein veranstaltet regelmäßig Führungen, Lesungen und Konzerte im Schloss.

info@lingnerschloss.de
www.lingnerschloss.de
Förderverein Lingnerschloss e.V., Bautzner Straße 132, 01099 Dresden

Aktuelle Publikationen von Eberhard Görner (Auswahl)
Eberhard Görner: Der Narr und sein König. Der Taschenspieler Joseph Fröhlich in Dresden. Chemnitzer Verlag 2009. ISBN 978-3-937025-49-0
Eberhard Görner: Himmel aus Stein. George Bähr und die Frauenkirche zu Dresden.
Chemnitzer Verlag. 7. Auflage 2009. ISBN 978-3-937025-12-4
www.chemnitzer-verlag.de

Eberhard Görner: Am Abgrund der Utopie. Gespräche. Aufsätze. Selbstporträts.
Faber und Faber. Leipzig 2007. ISBN 978-3-86730-037-7
www.faberundfaber.de

Eberhard Görner als Herausgeber
Eberhard Görner, Uwe Schneider, Klaus Walther (Hrsg.): Ortstermin. Bilder aus dem Stollberger Land. Mironde-Verlag 2008. ISBN 978-3-937654-28-7
Eberhard Görner (Hrsg.): Pater Gabriel K. Lobendanz OCist: Kloster-Aphorismen.Mironde-Verlag 2009. ISBN 978-3-937654-39-3
www.mironde.com

 
 

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Der Hofnarr im Lingnerschloss
Ein literarisch-musikalischer Abend
 

Der 13. August war ein trüber Tag. Leichter Nieselregen hing über der Autobahn. Auf den Spuren links neben uns hektisches Gefahre. Fast alle wollen überholen. Die rechte Spur ist dagegen fast frei. Immer wieder staut die linke Spur. Endlich die Elbbrücke von Dresden. Das schlammbraune Wasser kündet von starken Regenfällen. Die Elbdampfer erreichen mit der Strömung Rekordgeschwindigkeiten. Zwischen den Schiffen schwimmen Äste und kleine Baumstämme. Wanderer und Radfahrer bevölkerten die Uferwege. Hier und da ein Weinberg. Hoch über der Elbe die Villa Stockhausen, das so genannte Lingnerschloss.

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