litterata  :  Reportagen  :  Goethe in Schwarzenberg  
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Die Details sind es dann, die unsere großen Ziele behindern. Hier noch ein Anruf, dort eine Bestellung usw. usf. Aber dann saßen wir endlich im Auto. Die A 72 entlang, über den Zubringer in Richtung Aue; diesmal hatten wir kaum einen Blick auf den Fichtelberg, der sich hier kurz auftut. Endlich kamen wir in Schwarzenberg an. Die »Bücher-Welt« war unser Ziel.

 
 

Das Publikum saß bereits erwartungsvoll auf den Stühlen. Immer wieder drängten sich Besucher auf die wenigen freien Plätze. Weitere Stühle wurden herangeholt. Die Spannung stieg bis zum Äußersten. Wie alle großen Stars ließ Goethe auf sich warten. Ein Blick in die Runde: kein Vertreter der Obrigkeit war gekommen. Bedauerlich, aber symptomatisch für die Lage in unserem Land. Doch die Aufmerksamkeit der Liebhaber klassischer deutscher Kultur ersetzte das fehlende Interesse der Bürokratie.

 
 

Dann war es endlich soweit. Er trat vor das Publikum. Ich war völlig überrascht, hatte ich doch einen älteren Herren erwartet. Doch er wirkte erstaunlich vital und beweglich. Auf dem Buch-Umschlag sieht er wesentlich älter aus. (Diese Werbe-Fuzzis sind auch nicht mehr das, was sie einmal ...) Aber schon ging es in die Mitte der Sache. Locker und mitunter sogar fast etwas überaktiv, begleitet von ausgreifenden Gesten, erklärte er dem Publikum an diesem Dienstagabend komplizierteste Details ausgefeiltester Management-Theorie. Im Unterschied zu Mainstream-Intellektuellen verwendete er dabei keine Power-Point-Präsentation!! Das Publikum hörte ihm gespannt zu. Ab und an streute er eines der bekannten Goethe-Zitate ein. Einzelne Zuschauer sprachen diese Worte auswendig mit. (Es ist immer wieder beeindruckend, wenn man merkt, dass nicht nur die Worte unseres großen Dichterfürsten im Volk bekannt sind, sondern auch sein Geist lebt.) Aber wie alle großen Stars überzog er natürlich die Zeit. Doch niemand protestierte. Keiner verließ seinen Platz.
Nach dem Ende stellten sich die Zuhörer geduldig an, um eine Signatur in das erworben Buch zu erhalten. Er nahm diese Strapaze gelassen, hatte für jeden Leser einen kleinen Spaß oder ein aufmunterndes Wort bereit. So klang dieser anstrengende Abend heiter aus.

 
 

Kommentar
Man muss den Schwarzenberger Michael Schneider wieder einmal bewundern. Die Reaktion des Publikums zeigte, dass ein großes Bedürfnis nach geistiger Orientierung besteht.
Dem Anschein nach verloren in den letzten Jahren vor allem männliche Leser zunehmend die Fähigkeit aus längeren Texten der klassischen Weltliteratur Bezüge auf ihr eigenes Leben herzustellen. Die Assoziationsfähigkeit ist ein Merkmal wirklich großer Literatur. Hier können Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Doch das allgegenwärtige Fernsehen wirkt wie eine Massenvernichtungswaffe auf solche Kulturtechnik. Zudem sind die Buchhandlungen mit bloßen Unterhaltungsbüchern in nie gekannter Masse verstopft.
Als eine Art Helfer in der Not springt seit einigen Jahren die so genannte Ratgeber-Literatur dem bedrängten Leser bei. Sie bietet gegen die ausufernde Unterhaltungs-Masse einfache Regel für den praktischen Gebrauch. Dem im aktiven aber grauem Leben stehenden Menschen erscheinen diese Ratgeber wie die farbigen Verheißungen auf das gelobte Land.
Das Problem dieses Genres wird bereits in der einfachsten Gebrauchanweisung deutlich. Wir erinnern uns alle jener Szene, in der Evelyn Hamann und Loriot nach einer solchen Anweisung vergeblich versuchen eine einfache Küchenmaschine zusammenzubauen. Einer der intelligentesten Kritiker solcher Ratgeber-Literatur ist Richard David Precht. Allerdings installiert er nach seiner Kritik auch nur abstrakte Ratgeber-Regeln.
Die Besonderheit von Unternehmensberater-Ratschlägen besteht im Hinweis auf Zielstellungen für das eigene Leben. Doch mit der Zielstellung fangen die Probleme erst an. Große Ziele sind nicht ohne Rückschläge und Niederlagen zu erfüllen. Streng genommen verfehlen wir unsere Ziele ständig, da es immer eine Differenz zwischen Zielstellung und Resultat gibt. George Tabori formulierte mit Bezug auf Goethe, das wir immer »scheitern«. Sein Imperativ lautete deshalb »Besser scheitern!«
Wie gehen wir damit um?
Gerade in solchen Dingen kann man von Goethe viel lernen. Hans Mayer, Manfred Osten u.a. veröffentlichten interessante Bücher über Goethes Sicht auf Niederlagen und Fehler. Goethe meinte, dass wir die Erfahrungen unseres Scheiterns zu Stärken ausbauen sollten.
Im heutigen Zeitgeist sind solche Erwägungen nicht gefragt. Im PR-Zirkus der Eliten wird alles zum »Erfolg« umgebogen. Aber genau das ist Teil der großen Problemlage.
Ein Blick auf das wirkliche Schaffen Goethes hätte heute durchaus Erkenntnisgewinn bringen können. Diese Chance nutzen die Autoren leider nicht.
So mutet es leider wie ein großes Missverständnis an, wenn ausgerechnet unser alter Querulant und Individualist Goethe als Stichwortgeber für simple Unternehmensberaterregeln her halten soll.
Vielleicht bringt Michael Schneider aber doch noch eine Tafel mit der Aufschrift »Goethe war ...« an seiner Buchhandlung an? Vielleicht ermuntert dies den einen oder anderen doch wieder einmal einen der alten Goethe-Bände wieder hervorzuholen und im Original nachzulesen? Vielleicht fahren wir auch wieder einmal nach Weimar? Nach Weimar!
Johannes Eichenthal


Information
Monika Schuch, Stefan Küthe: Goethe für Manager. Wie Sie einfach genial Arbeit und Leben meistern.
www.lieblingsbuchhaendler.de

 
 

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Goethe in Schwarzenberg
Neuerscheinung vorgestellt
 

Bereits beim Aufstehen wusste ich, dass dieser 7. September 2010 in die Geschichte eingehen würde. Lange hatte ich auf diesen Tag gewartet. Immer wieder liest man hier und dort eine Tafel mit der Aufschrift »Goethe war hier«. Immer hatte ich mir vorgestellt, wie herrlich das gewesen sein muss. Den großen deutschen Dichter, Philosophen und Naturwissenschaftler, der auch noch ein Ministeramt ausübte, wollte ich schon immer einmal in einer Lesung bewundern. Einmal kam ich zu spät, ein anderes Mal wurde ich nicht eingeladen oder hatte es einfach vergessen. Da kam die Einladung eines Schwarzenberger Buchhändlers dann wie gerufen: Goethe wollte sein neues Buch vorstellen.

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