litterata  :  Reportagen  :  Rilke in Leipzig  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

Der Literatur-Förderer Michael Hametner stellte den Zuhörern als Gast Tina Simon, eine promovierte Germanistin, vor. Sie werde heute Abend ihr Buch über Rainer Maria Rilke vorstellen. Rilke habe vor 100 Jahren in Leipzig »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« beendete. Michael Hametner verwies darauf, dass wir an diesem Abend mit dem bereits 2007 erschienen Buch der Autorin eine neue Seite von Rilke kennen lernen würden. Zur Einstimmung zitierte Michael Hametner einige Zeilen des großen Meisters.

 
 

Tina Simon verwies zunächst darauf, dass Rilke ein großer Briefschreiber war. Der Fundus umfasse etwa 12.000 Briefe. Es würden aber ständig weitere Briefe aufgefunden. Unter den Briefpartnern Rilkes seien zahlreiche Frauen gewesen. An dieser Stelle ging Tina Simon auf die Kunstauffassung Rilkes ein. Dessen Versuch sich auf die Kunst zu Konzentrieren dürfe man nicht mit Weltabgewandheit verwechseln. Es sei Rilke um die strenge, geduldige Arbeit gegangen.. Die Arbeit selbst betrachtete Rilke als Feierstunde. Eine solche Lebensweise sei für Rilke aber nicht mit einer Familie vereinbar gewesen.
Tina Simon verwies darauf, dass sie für ihr Buch sieben Frauen vorgestellt habe, mit denen Rilke im intensiveren Briefwechsel stand. Das Publikum wünschte sich durch Zuruf die Vorstellung von Paula Modersohn-Becker.

 
 

Michael Hametner fragte im Anschluss Tina Simon, ob nicht Rilke das autobiographische Genre abgelehnt habe. So habe Rilke doch gesagt, dass, wenn ein Dichter blind sein sollte, es das schlimmste sei, wenn dieser über das Blindsein schriebe.
Tina Simon stimmte ihm zu. Sie verwies darauf, dass Rilke über Jahre selbstlos junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller förderte.
Michael Hametner fragte, wie man die Förderung verstehen könne, wenn Rilke kein Lehrer sein wollte.
Tina Simon antwortet, dass Rilke mehrfach äußerte, dass er nur sagen könne, welcher Text gelungen sei. Er könne nicht sagen, wie man schreiben müsse.
Michael Hametner fragte, ob man Rilkes Mäzenatentum nicht vielleicht auch als Kontaktversuch verstehen könne, um nicht einsam zu sein?
Tina Simon antwortete, dass Rilke anderen Menschen helfen wollte, dass zu tun, zudem sie berufen seien.
An dieser Stelle wurden Zuschauerfragen zugelassen.
Auf die Frage, wie Rilke die gesuchte Einsamkeit verstanden habe, antwortete Tina Simon, dass Rilke neben seiner hochkonzentrierten Arbeit ein geselliger Mensch war. Rilke sei auch politisch interessiert gewesen, habe Zeitungen aus 17 europäischen Ländern gelesen. Rilke habe aber als Dichter politische Äußerungen vermieden.
Ein Zuhörer wollte wissen, wie man Rilkes Auffassung, wonach man Literatur nicht lehren könne, verstehen könne. Schließlich gäbe es in Leipzig ein Literaturinstitut. Tina Simon verwies in der Antwort etwas pragmatisch darauf, dass man Malerei ja auch lehre. (Lehren kann man Voraussetzungen, Grundlagen. Anwenden muss jeder Mensch diese Grundlagen selbst. Dazu wollte Rilke junge Menschen ermuntern. Nach dem eigenen Stil suchen, nicht nachahmen.)
Eine Zuhörerin meinte, dass man einen Psychologen befragen solle, um herauszufinden, ob es Rilke in den Beziehungen zu jungen Künstlerinnen und Künstlern nur um die Kunst oder auch um Sexuelles gegangen sei.
Tina Simon antwortete, dass es immer auch um Beziehungen zwischen Menschen gehen musste, weil die Kunst immer an Menschen gebunden sei. Rilke habe immer versucht sich gegen Vereinnahmungen zu wehren, um seine Unabhängigkeit zu bewahren.

 
 

Foto: In der Leipziger Mozartstraße 9 findet man Bührnheims Literatur-Salon

Kommentar

Der Ansturm auf einen Abend mit Rilke war ermutigend. Vielleicht verwechselten einige Besucher aber auch Rilke mit Sloterdijk? Der hatte vor einem Jahr mit viel Medien-Wind einen Satz von Rilke, »Du musst Dein Leben ändern«, zu einem Theorem aufgeblasen. (Aber unser Leben ist ja gerade die Verquickung von Zielen und Wünschen mit dem Schicksal. Das Leben ist also nicht zu ändern, nur unsere Ziele und Wünsche.) Sei dem wie es sei. Es lohnt sich wieder einmal bei Rilke selbst nachzulesen. Die junge Wissenschaftlerin Tina Simon ist von ihrem Gegenstand ohne Zweifel begeistert. Aber es bedurfte eines souveränen Geprächsführers wie Michael Hametner, um das überquellende Wissen über Rilke zum Leser hinzuführen. Hametner gehört zu den wenigen Kulturjournalisten, die ein solch klassisches Bildungsideal noch zu vertreten vermögen.
Wir danken Herrn Bührnheim für diesen schönen Abend in seinem Salon.
Johannes Eichenthal

Information
Simon, Tina: »In Gefahr gewesen ... und bis ans Ende gegangen«, Rilke als Mentor junger Künstlerinnen. Insel Verlag 2007. ISBN 978-3-458-17369-4)

www.buehrnheims-literatursalon

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Rilke in Leipzig
Ein Abend in Bührnheims Literatur-Salon
 

Der 11. September 2011 war ein sonniger Tag. Der Wind jagte leichte Wolken über den blauen Himmel. Der Abend dann so, wie man sich einen Spätsommertag früher vorstellte. Unser Ziel war die Leipziger Mozartstraße. In Bührnheims Literatursalon herrschte unerwartet großer Andrang, obwohl ein ernsthaftes Thema angekündigt wurde, kein »Event«. Wir schwanken zwischen einer gewissen Freude und der Befürchtung, keinen Platz mehr zu bekommen. Am Ende finden alle Besucher einen Platz. Nahezu jede Möglichkeit wird zum Sitzen genutzt. Man rückt zusammen.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata