litterata  :  Reportagen  :  Der Untergang des Sommerlandes  
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Es gibt aber in unserer schlimmen, traurigen Welt auch Menschen, denen man den Namen »Herbst« gab. Wolfgang E. Herbst ist so einer. Was macht er? Er lädt am Vorabend des Herbstanfanges auch noch zu einer Lesung und Ausstellungseröffnung ein. Wohin? Nach Golberode, in das Bauerngut der Familie Jackisch-Schwieg. Die Galerie befindet sich in einem ehemaligen Kuhstall. Die Besucher kommen paarweise und sichten die ausgestellte Malerei, Grafik und Künstlerbücher. Wolfgang E. Herbst blätterte konzentriert in seinen Büchern. Dann spiel das Gastgeberehepaar auf Steinflöten.

 
 

Am Anfang trägt Herbst Goethes Verse von der Suche nach seinem Land frei vor: »Das Glück ist, wo Du nicht bist!« Dann trägt er stakkatoartig Texte vor. Er sucht im Wort, dem gemeinen, nach dem Ort, bei dem er kann verweilen, muss nicht weiter eilen, nur nach dem Wort, dem einen ...
Man hört dem niederrheinischen Akzent des Meisters nicht an, dass er in Schlesien geboren wurde, in Bayern und Siebenbürgen lebte, und erst vor wenigen Jahren nach Meißen kam. Die Suche, das Unterwegs-Sein prägten sein Leben. Davon erzählt er in seinen Texten, die sich einer simplen Einordnung widersetzen. Am Ende sind es vielleicht Hymnen. Die Melodie seiner Sprache macht immer wieder Rhythmen hörbar. Das ist nicht verwunderlich: der gelernte Bäcker und Schriftsetzer studierte nicht nur freie Grafik, sondern auch Gesang.

 
 

Das Publikum hört auch den schnell vorgetragenen Passagen mit schwierigen Assoziationen konzentriert zu. Zwei Personen verlassen den Raum. Am Ende bleibt ein Ereignis, ein einmaliger Vortrag. Mit Beifall versucht das Publikum dem Künstler zu danken, ohne schon erfasst haben zu können, was an ihren Sinnen vorbeizog. Hätten wir nicht unsere Sprache, sagt Johann Gottfried Herder in seinen »Hodegetischen Abendvorträgen«, wären diese Sinneseindrücke an uns vorübergezogen, wie ein Traum. Die Sprache ist die »Heimat«, nach der Wolfgang E. Herbst eigentlich suchte. Aber er will sich nicht zur Ruhe setzen, sondern versucht immer wieder die Grenzen des uns Bekannten zu überschreiten, immer wieder einen neuen Anfang zu wagen. Ende und Anfang zugleich. Das ist der Herbst, der W. E. Herbst. Der Göttergleiche!

 
 

Kommentar
Auf der Heimfahrt durch die mondhelle Nacht lassen wir noch einmal den Abend an uns vorüberziehen. Wolfgang E. Herbst gab dem Herbst ein Gesicht. Er schert sich nicht um Genregrenzen und vermag unser kulturelles Erbe neu zusammenzusetzen. Auf einmal wissen wir, dass jedem Herbst ein neuer Frühling innewohnt. Billiger ist der neue Anfang nicht zu haben. So wollte übrigens Oswald Spengler seinen »Untergang des Abendlandes« auch verstanden wissen. Doch vergeblich versuchte er dem Publikum zu erklären, dass er »Untergang« in seinem Buch nicht so beschrieben habe, wie den der »Titanic«. Doch er hatte keinen Erfolg. Warum? Weil das Publikum nur den Titel seines Buches zur Kenntnis genommen hatte. Man ersparte sich die Mühe der Lektüre des Textes. So ist das bis heute. Neu ist aber, dass heute selbst Journalisten einer früher einmal interessanten Tageszeitung über Bücher schreiben, die sie nicht kennen.
Wir lesen Herbst und Herder. Wo diese beiden sind, da kann man getrost mitwandern und mitlesen. Wer auf die Lektüre verzichtet, der verliert die intellektuelle Kompetenz.
Mirjam Schwarzwald


www.weherbst.de

 
 

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Der Untergang des Sommerlandes
Ende oder Anfang?
 

Noch können wir es kaum fassen: am 23. September soll der Herbstanfang sein? Kein Sommer, der dieses Namens würdig war. Und nun schon Herbst, Vor-Winter, Trübsal, Finsternis, Regen, Schnee, Kälte, Untergang. Was soll das Ausland von uns denken? Sollten wir nicht aus Gründen der »politischen Korrektheit« ab sofort das Wort »Herbst« durch »Spätsommer« ersetzen? (Zumal ja Oswald Spengler auch schon vom »Untergang« ...) Sollten wir nicht auch alte deutschen Geistesgrößen verdammen, die das Wort »Herbst« gebrauchten? Wir müssen nicht einmal die Texte lesen, denn »alles ist gesagt«. Die »Tageszeitung« demonstriert in ihrer Internetausgabe vom 23.9.10 gegen Johann Gottfried Herder sogar vorauseilende »Korrektheit«. Wahrscheinlich, weil Herder u.a. das Wort »Herbst« gebrauchte? Oder?

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