litterata  :  Reportagen  :  Hamann in Halle  
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Foto: Teilansicht des rekonstruierten Wohnhauses von August Hermann Francke

In diesem Gebäudekomplex sind heute Einrichtungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg untergebracht. Das »Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung« hatte vom 23.–25. September zu einer Tagung über den Briefwechsel von Johann Georg Hamann (1730–1788) eingeladen. Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland und Europa. Ein Gast reiste gar aus Japan nach Halle an. Der heutige deutsche Durchschnittsbürger kennt wahrscheinlich Hamann nicht, selbst in der Elite aus Politik und Großwirtschaft dürfte dieser Name unbekannt sein. Doch der heute vergessene Hamann, der in Königsberg in bescheidenen Verhältnissen lebte, war ein Geistesriese. In seinem Briefwechsel findet man intellektuelle Brillanz gepaart mit dem Willen zwischen zerstrittenen Freunden zu vermitteln, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und selbst dem in professoraler Denkweise befangenem Immanuel Kant immer wieder die Hand, oder besser das Wort anzubieten. Hamanns Rolle in der deutschen Geistesgeschichte wird selbst von den akademischen Zeitgeist-Philosophen bis heute nicht angemessen anerkannt. Der einflussreiche britische Ideen-Historiker Isaiah Berlin verunglimpfte in seinem Buch »Die Wurzeln der Romantik« neben Kant und Herder auch Hamann als diejenigen, die das deutsche Geistesleben von der westlichen Tradition entfernt hätten. Berlin scheut nicht einmal davor zurück, Hamann in einem Atemzug mit Hitler zu nennen. Der gebildete Berlin, 1909 in Riga geboren, hätte es eigentlich besser gewusst haben müssen. Außerwissenschaftliche Gründe waren es wohl, die ihn zu solchen Abwegen in die Ideologie verleiteten.
Ohne Zweifel war es also verdienstvoll, dass die Organisatoren um Johannes von Lüpke, Theologie-Professor in Wuppertal, dieses 10. Internationale Hamann-Kolloquium in die Wege leiteten. Mit der Thematik »Hamanns Briefwechsel« hatte man sich in ein weites Feld begeben.

 
 

Foto: Rekonstruiertes Hauptgebäude der Franckeschen Stiftungen, immer noch umgeben von Baustellen.

Die Stadt Halle hat dem Anschein nach in der Verkehrsplanung keine Anleihen bei der Aufklärung genommen. Die Straßenführung überfordert selbst heutige Routenplanungs-Computer. Um ein Haar wäre das »Zentrum der Aufklärungsforschung« im Dunkel verborgen geblieben. Aber da, eine Fügung, eilte vor unseren Augen Dr. Günter Arnold aus Weimar vorbei. Ihm schlossen wir uns schnell an. Rechtzeitig gelangten wir in den engen Tagungsraum.
Der Tagungsleiter Johannes von Lüpke eröffnete die Plenartagung. Der eine oder der andere organisatorische Hinweis, und schon zündete Vladimir Gilmanov aus Kaliningrad, dem früheren Königsberg, ein intellektuelles Feuerwerk. Am Beispiel dreier Briefe an Kant dokumentierte er Hamanns Versuche dem Professor Kant klarzumachen, dass die »Vernunft« die Natur nicht »nötigen« könne, wie dieser es in der Vorrede seiner »Kritik der reinen Vernunft« formuliert hatte.
Der nächste Referent war Günter Arnold aus Weimar. Er betonte zunächst, dass er im strengen Sinne eigentlich keine Zeit für die Tagung hatte, weil er selbst harte Termine am letzten Kommentarband des Herderschen Briefwechsels einzuhalten habe. Doch der kritische Editions-Stand des Hamann-Briefwechsels habe es ihm geboten in Halle zu erscheinen.
Er könne zum Thema Briefwechsel zwischen Johann Georg Hamann und Johann Gottfried Herder nur Anmerkungen eines Editionsphilologen machen. Dabei könne er nur von seinen Erfahrungen in der Edition des Herder-Briefwechsels ausgehen.
Zunächst erinnerte er daran, dass in den 1970er Jahren die Briefwechsel-Editionen dreier großer Geister des 18. Jahrhunderts, die miteinander im Kontakt standen, begonnen wurden: Hamann, Herder und Friedrich Heinrich Jacobi. Eine Zusammenarbeit zwischen den Herausgebern sei in Erwägung gezogen worden, leider aber nie zustande gekommen.
Der frühe Tod von Siegfried Sudhoff, des erstem Leiters der Jacobi-Briefausgabe, sei nicht spurlos an der Edition vorübergegangen. Vom Jacobi-Briefwechsel lägen 5 Bänden vor. Dazu drei Kommentarbände. Weitere Bände seien angekündigt.
Die Anfänge der Hamann-Briefwechsel-Ausgabe durch Walther Ziesemer lägen vor 1941. Der Text der Hamann-Briefausgabe von Walther Ziesemer und Arthur Henkel liege seit 1979 vor. Er sehe in den bisherigen unvollständigen Kommentaren unterschiedliche Ansätze walten. Zum Teil seien die Kommentare im Internet einsehbar. Er sehe in der vorliegenden Hamann-Briefausgabe wesentlich eine Leistung der Doktoranten und Habilitanden von Professor Arthur Henkel. Aber mit der Emeritierung von Henkel sei ihm, mit dem Lehrstuhl, auch sein wissenschaftlich-organisatorischer Apparat verloren gegangen. Dadurch sei die Arbeit an der Edition stark beeinträchtigt worden. (Hier liege das Risiko der Ansiedlung großer Editionen an Universitäten.)
Konzeptionelle Vorarbeiten zum Herder-Briefwechsel habe Wilhelm Dobbek vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Begonnen habe Dobbek die Arbeiten dann um 1960. Der Herder Briefwechsel-Text habe Mitte der 1980er Jahre vollständig vorgelegen. Seither werde an der Kommentierung gearbeitet.
Zum Editions-Stand des Briefwechsel Hamann-Herder sagte Arnold, dass in den Registerband von 1996 neun zweispaltige Seiten mit Einträgen zu Hamann und dessen Werken aufgenommen seien. Es seien 90 Briefe von Herder an Hamann bekannt und davon 75 erhalten. Seine Kommentare seien in den Bänden von 2001 und 2005 veröffentlicht. Er habe den Eindruck, dass weder der Registerband noch die Zeilenkommentarbände zu den 75 überlieferten Herder-Briefen an Hamann von den Bearbeitern des im Internet präsentierten Kommentars zum Hamann-Briefwechsel berücksichtigt wurden.
Bereits die Abschriften der Hamann-Briefe durch Ziesemer/Henkel seien außerordentlich fehlerhaft. Deshalb habe er auf die Ausgabe des Briefwechsels Herder-Hamman von Otto Hoffmann, einem Mitarbeiter Bernhard Suphans, aus dem Jahre 1889 zurückgegriffen.
Er habe Prof. Henkel einem Sonderdruck mit den wichtigsten abweichenden Lesarten der in Krakòw befindlichen Briefe Herders an Hamann zugänglich gemacht. Der Sonderdruck sei ein Auszug aus dem erst 1991 erschienen Tagungsband von Professor Karl-Heinz Hahn mit dem Titel »Im Vorfeld der Literatur« gewesen.
Aus seiner Sicht sei eine gründliche Überarbeitung der Editionsgrundlagen für die Hamann-Briefe notwendig. Mitunter neigten Editoren zu einem gewissen Purismus. Grundsätzlich sei aber jede Edition eine Interpretation, ob man das wisse oder nicht. Daher könne es nur darum gehen kühl, nüchtern und absolut sachlich zu kommentieren.
Im Anschluss nannte Arnold einige Beispiele schwerwiegender Fehler in der Kommentierung der Hamann-Briefe. Zum Teil liege die Ursache dieser Fehler darin, dass die Autoren nicht versucht hätten die konkrete Situation der entsprechenden Briefäußerung zu rekonstruieren und zu verstehen.
Die versammelten Hamann-Spezialisten danken Arnold für die offenen Worte mit Beifall, Hans Graubner, der Moderator, fragte: wie soll es weitergehen?
Zunächst wurde Arnold aber gefragt, ob Herder Freimauerer war. Der antwortete, dass Herder in Riga aus geschäftlichen Gründen der Loge beitrat, aber immer der Meinung war, dass ein solches Ansinnen nur Bedeutung gewinnen könne, wenn es sich öffne. Die Geheimnistuerei sei für ihn als Geistlichen ohne Bedeutung und ohne Wert gewesen. Hier fügte er noch an, dass Herder in späten Jahren in Sachen Freimaurerei für einen Hamburger Bekannten recherchiere. Für seinen Kommentar benötige er unbedingt Unterlagen aus dem Staatsarchiv Hamburg. Diese habe er seit Monaten beantragt, aber nicht erhalten. Ein solch unkollegiales Verhalten habe er selbst in den Zeiten des Kalten Krieges nicht erlebt.
Der Tagungsleiter Johanns von Lüpke fragte, wie der institutionelle Rahmen für die Fortsetzung der Arbeit am Hamann-Briefwechsel zu schaffen sei. Eine Person wie Günter Arnold stünde in Sachen Hamann leider nicht zur Verfügung.
Er erhielt auf diese Frage keine Antwort.
Aber ein Teilnehmer der Runde meinte, dass der Herder-Briefwechsel eigentlich kein Briefwechsel sei, da ja nur die Herder-Briefe abgedruckt wurden.
Arnold antwortet, dass die Briefe der Herderschen Briefpartner erst Mitte der 1980er Jahre, nach Abschluss der Herder-Briefausgabe in Krakòw aufgefunden wurden. Er habe die Edition der Herder-Briefe nicht rückgängig machen können. Er beziehe aber die Absender der Gegenbriefe deshalb ausführlich in seine Kommentare ein, zitiere sie ausführlich. Er habe auch ein Verzeichnis der von Herder nicht beantworteten Briefe angefertigt. In den letzten Lebensjahren Herders seien viele Briefe nur beantwortet worden, weil Herders Frau Karoline als seine Sekretärin tätig war.

 
 

Foto: Günter Arnold (li.) und Oswald Bayer. Zwei Gelehrte im Gespräch.

Im Reigen der Referenten folgte Oswald Bayer, ein emeritierter Professor der Theologie aus Tübingen. Dieser ist unter anderem der Herausgeber der »Londoner Schriften« Hamanns. Seine akribische Untersuchung des Hamannschen Artikels »Metakritik über den Purismus der Vernunft« ist in ihrer Bedeutung von der Wissenschaft bislang leider noch nicht im Ansatz erfasst worden. Hamann hatte die Druckfahnen der Kantischen »Kritik der reinen Vernunft« gelesen und auf etwa knapp acht Brief-Seiten kritische Fragen formuliert. In einem Brief vom 15. September 1784 schickte er eine Abschrift dieser Fragen an Johann Gottfried Herder. Für Herder war dieser Hamannsche Brief eine Denkhilfe für seine umfassenden Kant-Kritiken von 1799 (Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft) und 1800 (Kalligone. Kritik der Kantischen Kritik der Urteilskraft). Oswald Bayer sezierte in seiner umfassenden Dokumentation und Kommentierung aus Hamanns Fragenkomplex heraus, dass dieser daran zweifelte, ob es je eine »reine« Vernunft geben könne. Hamann ging es nicht um eine Bezeichnungsfrage. Vielmahr machte Hamann darauf aufmerksam, dass Vernunft nur in Verbindung mit Sprache existieren kann. Wer also die Sprache nicht untersucht, wie Immanuel Kant, der könne von Vernunft nur in einem eingeschränkten Sinne sprechen. Hamann und Herder sprechen deshalb vom »Purismus der Vernunft« bei Kant.
In Halle referierte Bayer unter dem Titel »Geschmack an Zeichen« über einen Brief Hamanns vom 18. Januar 1778 an Johann Caspar Lavater. Hamann antworte auf einen Brief Lavaters vom 26. Dezember 1777. (Lavater war in seiner Zeit vor allem durch seine »Physiognomischen Fragmente« bekannt. Er versuchte das Antlitz eines Menschen mit dessen Charakter in Verbindung zu bringen.)
Arthur Henkel habe diesen Brief in seine einbändige Auswahl von Hamann-Briefen aufgenommen. Hegel habe diesen Hamann-Brief hoch geschätzt. Ernst Cassirer habe sich in seiner »Philosophie der symbolischen Formen« auf diesen Brief bezogen, ohne allerdings den Hamannschen Zeichen-Begriff angemessen aufnehmen zu können.
Lavater habe eine große Anhängerschar gehabt und sich immer auch um seine Selbstdarstellung bemüht. Im Mittelteil seines Briefes habe Lavater sein Hauptanliegen vorgebracht. Er wolle Gewissheit mit dem Geschmack an Zeichen verbinden. In einem anderen Brief habe Lavater von »handgreiflichen Beweisen« gesprochen.
Die Frage war, ob nicht ein positiver Begriff vom Zeichen und der Gegenwart Gottes gegeben werden könne. Von Hamann habe Lavater Kritik und Trost erwartet.
Hamann lehnte Lavaters Gier nach Gewissheit als »Thomasglauben« ab. Aber Hamanns Antwort sei ein seelsorgerischer Brief gewesen.
Zunächst hab er bemerkt, dass der »Durst« nach Zeichen oft nur Lüsternheit sei. Zur Frage Lavaters: »Es gehört zu den empfindlichsten, jedoch wohlverdienten Dehmütigungen meines Fleisches, daß selbst Christen – mir Geschmack an Zeichen zutrauen. Mir ist um Gewißheit für mich, und Hilfe für Brüder zu thun. Das darf ich sagen. Mein innerer Mensch verabscheut alles, was Aufsehen macht, – was nicht hilft (...) Ihnen von Grund meiner Seele zu sagen, ist mein ganzes Christentum, (...) ein Geschmack an Zeichen, und an den Elementen des Wassers, des Brods, des Weins. Hier ist Fülle für Hunger und Durst. – Eine Fülle, die nicht bloß, wie das Gesetz, einen Schatten der zukünftigen Güter hat, sondern (...), durch einen Spiegel im Räthsel dargestellt, gegenwärtig und anschaulich gemacht werden können.«
Bayer konstatierte hier, dass bei Hamann trotz seiner Skepsis eine elementare Lebensbejahung zu finden sei. Aber die Lebensbejahung sei bei Hamann aus durch Leiden gewonnenen Erfahrungen hervorgegangen. Die Lebensbejahung sei keine naturalistische Selbstverständlichkeit. Vielmehr basierte diese Lebensbejahung auf dem prophetischen Wort. deshalb habe Hamann der Lavaterschen Suche nach »Gewissheit« auch den Glauben entgegen gehalten.
Eigentlich seien Glaubens- und Heilsgewissheit im Lutherischen Sinne selbstverständlich. Hamanns Kritik richte sich gegen Lavaters Durst nach Zeichen.
Hamann habe darauf verwiesen, dass die Vollkommenheit jenseits liege. »Unsere Ein- und Aussichten hier sind Fragmente, Trümmer, Stück- und Flickwerk.«
Hamann habe hier zwei Bibelstellen ausgewählt, die er Lavater mitteilte: »Hat er doch, woran er litt, Gehorsam gelernt.« (Hebräer V,8) »Bis zur Lästerung Bedürfnis, Etwas, das alle Zweifelwelten aufwiegt.« (Matthäus 13,25)
Hier gehe es darum, dass die Sache selbst, nicht das Bild, das Zeichen sei. Signifikat und Signifikant sei hier nicht zu unterscheiden.
Hier nehme Hamann in seiner Antwort ein Zitat aus Prediger (Salomon) auf: »Iß dein Brod mit Freuden, trink deinen Wein mit guthem Mut, denn dein Werk gefällt Gott. Brauche des Lebens mit deinem Weibe, das du lieb hast,so lange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat, so lange dein eitel Leben währt.« (Prediger 9,7 u. 9,9)
Die Vollkommenheit liege jenseits. Das erscheine paradox. Einerseits ist Gott im Lutherischen Sinne der, der die Welt vollenden wird. Andererseits habe er in die Gegenwart eingegriffen, indem er Fleisch geworden sei (Wasser, Brot, Wein). Was geschehen wird, wenn wir von Gott erkannt werden.
Abschließend wünschte Hamann Lavater: »Mehr Diät in der Arbeit, mehr Umgang mit Fressern und Weinsäufern ...«
Zusammenfassend sagte Oswald Bayer, dass Hamanns Geschmack an Zeichen identisch mit seinem Glauben an die Anrede durch Gott des Schöpfers sei. Die Frage sei, ob sich diese Sichtweise verallgemeinern und damit säkularisieren lasse, ob der biblische Hintergrund formalisiert und damit verallgemeinert werden kann.
Professor Ulrich Gaier fragte kritisch, was Geschmack im 18. Jahrhundert bedeutet habe und ob es nicht das Aufladen durch Urteile sei?
Oswald Bayer antwortete, dass dies selbstverständlich, also keine Frage sei.
Darauf antwortete Gaier, dass es drei Typen von Zeichen gäbe.
Oswald Bayer fraget zurück, was dies bedeute, ob er sein Fazit ändern müsse?
Gaier antwortet, dass auch Lavater nur die Sache selbst gesehen habe.
Oswald Bayer entgegnete, dass es schwer sei, die Unterschiede zwischen Hamann und Lavater herauszuarbeiten.
Ein anderer Teilnehmer fragte nach dem Verhältnis von Skepsis und Lebensbejahung bei Hamann.
Oswald Bayer antwortet, dass die Lebensbejahung nicht logisch zwingend aus der Skepsis abzuleiten sei.
Johannes von Lüpke warf ein, dass die Möglichkeit zur Säkularisierung des Hamannschen Hintergrundes nur gebrochen möglich sei.
Ein anderer Teilnehmer warf die Frage ein, ob für Hamann die Wirklichkeit nicht grundsätzlich sakramental gewesen sei.
Ein weiterer Teilnehmer fragte, ob, wenn man das Urbild (Eikon) habe, überhaupt eines Zeichens bedürfe?
Oswald Bayer antwortet, dass Eikon wesentlich die Sache selbst sei, Eikon sei ein christologischer Begriff.
Rainer Fischer warf ein, dass man zwischen Repräsentanz und Anteilnahme (Geschmack) unterscheiden müsse.
Der nächste Referent war Jörg-Ulrich Fechner. Er sprach zum Briefwechsel zwischen Hamann und Jacobi. Nach seinen Worten war Matthias Claudius der Anreger und entscheidende Vermittler des Briefwechsels zwischen Hamann und Jacobi gewesen.

 
 

Kommentar
1983 machte Günter Arnold mit einem Vortrag zur Luther-Rezeption Herders auf die Bedeutung Hamanns für Herder aufmerksam. (Der Artikel wurde erst 1986 in dem Jahrbuch der ehemaligen Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten veröffentlicht.) Wenn man Herder begreifen will, dann muss man sich auf Hamann einlassen. Unsere Reportage konnte nur einen Eindruck davon vermitteln, dass dies nicht so einfach ist.
Hamann macht uns auch darauf aufmerksam, dass Philosophie ohne den Begriff des Glaubens nicht auskommt. Die Bibel ist für einen Philosophen unverzichtbar. Allerdings bedarf eine gründliche Bibellektüre wiederum der Kenntnis der Philosophiegeschichte.
Andererseits war Hamann kein übereifriger Kirchgänger. Er klagte gar über die »Schwätzer an heiliger Stätte«, die Pfarrer seiner Heimatstadt Königsberg, und formulierte solche Sätze, wie »im Versuch die Existenz Gottes zu beweisen liegt mehr Atheismus als in dem, seine Nichtexistenz nachzuweisen«.
Ohne Zweifel ist Hamann für alle Seiten ein harter Brocken. Zu bedenken ist aber, dass Hamann für Herder der Mentor in Sachen Kant-Kritik war. Man machte Herder wegen dieser Kant-Kritik viele unberechtigte Vorwürfe. Angefangen damit, dass er Kant grundsätzlich nicht hätte kritisieren dürfen. Sicher kann man Herder auch Fehler nachweisen. Aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er die »Kritik der reinen Vernunft« nicht gelesen habe. In seiner Metakritik geht er Schritt für Schritt den Kantischen Text durch. Dadurch entsteht sogar der Eindruck, als ob Herder keine eigene Auffassung gehabt habe. In der Zeit der Drucklegung der Metakritik hielt Herder aber seinem Sohn Emil und dessen Freund Gotthilf Heinrich Schubert Abendvorträge zur Vorbereitung auf das Studium. (= Hodegetischen Abendvorträge in SWS Bd. XXX) Hier erscheint Hamanns und Herders Auffassung, dass es keine Vernunft ohne Sprache geben könne, in den Zusammenhang von Herders Weltsicht eingeordnet. Hier wird die Dimension der Hamann/Herderschen Kant-Kritik sichtbar. Hier wird aber auch sichtbar, dass wir von Herder aus wiederum Hamann besser verstehen können. (Z. B. mit Herders Unterscheidung von Vernunft/Skepsis und Religiosität/Hoffnung)
Oswald Bayer hat die Genesis der Hamannschen Kant-Kritik beispielhaft dokumentiert und kommentiert. Eine vergleichbare Untersuchung zu Herder fehlt.
Im Hallenser Tagungsraum wurde uns wieder einmal klar, dass der Briefwechsel das Verstehen eines Werkes von innen her wesentlich erleichtern kann.
Frau Professor Anne Bohnenkamp fragte in der Hallenser Diskussion, warum es in der heutigen Zeit nicht möglich sein soll, dass man die verschiedenen Datenbanken der Briefwechsel-Editionen von Herder, Hamann und Jacobi miteinander verknüpft. Technisch ist das sicher kein Problem. Man müsste sogar noch weiter gehen, denn alle geistig aktiven Menschen des 18. Jahrhunderts standen miteinander im Briefwechsel. Aber die Universitäten können heute dem Anschein nach nicht mehr den Rahmen für große Editionen bieten. In der Zeit der drastischen Kürzungen von Finanzmitteln für Geisteswissenschaften sind hier auch keine Wunder mehr zu erwarten.
Andererseits zeigt Günter Arnold, was ein einzelner Mensch leisten kann. Er ersetzt ein ganzes Institut. Schon Herder meinte, dass die Universität, mit ihrer fabrikmäßigen Ausbildung von Staatsbeamten nicht der rechte Ort für die Philosophie sei, eher sehe er diesen bei Liebhabern, Akademien und in Sozietäten. Vielleicht ist es mit großen Editionen ebenso?
Sei es wie es sei, wir müssen den Organisatoren der Hallenser Tagung danken: Der Briefwechsel von Johann Georg Hamann kann selbst für uns Laien eine Entdeckung sein, wie der von Johann Gottfried Herder. Allerdings bedarf es der Anstrengung der Lektüre. Aber, so sagte Klaus Walther in seinem Buch »Was soll man lesen?«, es gibt keinen Genuss ohne Anstrengung.
Johannes Eichenthal

Information
Johann Georg Hamann Briefe. Ausgewählt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Arthur Henkel. Frankfurt/Main 1988.

Johann Georg Hamann. Briefwechsel. Sieben Bände. Herausgegeben von Walther Ziesemer und Arthur Henkel. Wiesbaden/Frankfurt/Main 1955–1979.

Johann Gottfried Herder. Briefe. Gesamtausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Dobbek und Günter Arnold. Weimar 1977 ff. Zur Zeit liegt der Kommentarband 14 vor. Band 15 ist in der Bearbeitung.

Hamann, Johann Georg: Londoner Schriften. Hrsg. Oswald Bayer und Bernd Weißenborn. München 1993.

Bayer, Oswald: Vernunft ist Sprache. Hamanns Metakritik Kants. Stuttgart 2002. (= Bd. 50 Texte und Untersuchungen zum Deutschen Idealismus.)



 
 

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Hamann in Halle
10. Internationales Hamann-Kolloquium in den Franckeschen Stiftungen
 

Wenn man mehreren Lesungen oder Filmvorführungen von Prof. Eberhard Görner beiwohnte, dann hat man dessen Credo im Kopf. Drei »Leuchttürme« seien es, die im Zuge der deutschen Wiedervereinigung auferstanden seien. Es folgen keine mit Milliarden subventionierten Konzernbetriebe, sondern Görner nennt immer wieder drei kulturelle Größen: die Dresdner Frauenkirche, das Zisterzienserinnen-Kloster Waldsassen und die Franckeschen Stiftungen in Halle. (Nur in der Reihenfolge ist sich der Professor nicht ganz sicher.) Hinter dem Wort »Franckesche Stiftungen« verbirgt sich der gewaltiger Gebäudekomplex einer »Schul- und Krankenhaus-Stadt«, die aus der anfänglichen Sorge für verwahrloste Kinder des Pfarrers und Professors August Hermann Francke (1663–1727) hervorging.

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