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Etwa 70 Besucher waren an diesem Herbstsonntag in die Stadtbibliothek Chemnitz gekommen. Die Musiker des Streichensembles »Quartetto Lucarino« vermochten an diesem Morgen mit Melodien von Joseph Haydn den Geist der Besucher zu wecken. Schon trat Uwe Hastreiter vor und begrüßte zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe drei Schriftsteller aus der Region.

 
 

Klaus Walther, ein promovierter Germanist, der an diesem Tage in einem gelben Pullover auftrat, dankte zunächst den Gastgebern für die Einladung. Sodann stellte er sein neues Buch mit dem Titel »Spur des Lebens« vor, das unmittelbar vor der Auslieferung an die Buchhandlungen stand. Der Buchtitel ist eine Anspielung auf den Schriftsteller Erik Neutsch und seinen Titel »Spur der Steine«. Klaus Walther kennt Erik Neutsch seit seiner Jahrzehnte zurückliegenden Lektorentätigkeit im »Mitteldeutschen Verlag«. Im heutigen literarischen Leben spielt Erik Neutsch dem Anschein nach keine Rolle mehr. Die Jurys der zentralen Preiskomitees kennen seinen Namen nicht. Dies, obwohl »Spur der Steine« in 35 Auflagen erschien und einen anarchistischen Subtext transportierte, der in der Verfilmung durch den Bauarbeiterbrigadier Hannes Balla, gespielt von Manfred Krug, seine Verkörperung fand.
Das neue Buch, so Walther, enthalte etwas 200 Seiten gedruckter Gespräche zwischen Erik Neutsch und ihm. Die geführten Gespräche umfassten etwa 1000 Seiten. An dieser Stelle las Klaus Walther das Vorwort: Im Jahre 2008 hatten die Gespräche begonnen. Der Interviewer und der Schriftsteller schenkten sich nichts. Zwei oder drei Mal drohte das Projekt zu scheitern. Zum Glück für den Leser kam es nicht dazu.
Im Nachwort machte Klaus Walther deutlich, dass das heutige Schweigen über das Werk von Erik Neutsch nicht zu ernst genommen werden sollte. Nichts bleibt, wie es ist. Erik Neutsch sei wirklich ein schwieriger Schriftsteller, dem man aber eine gewisse Originalität nicht absprechen könne. Mit »Spur der Steine« habe Neutsch viele Kollegen angeregt, so auch Heiner Müller. Erik Neutsch habe große Stoffe sichtbar machen können. Eines von Neutschs schönsten Büchern sei für ihn »Der Hirt«. Man sollte den Schriftsteller Erik Neutsch weiterhin ernst nehmen. Wie künftige Generationen die Bücher Neutschs beurteilen werden, das könne niemand sagen.
Im Gesprächsbuch gehe es aber auch um das Leben von Erik Neutsch. Nicht immer und nicht direkt sei dies in die Bücher eingegangen. So sei der Jugendliche Erik Neutsch 1945, wahrscheinlich unter Werwolf-Verdacht, von den sowjetischen Besatzungstruppen ins Gefängnis gesperrt worden. Dort aber habe Neutsch zum Lesen gefunden. Abschließend erzählte Klaus Walther, dass er einst an den Rand eines Manuskriptes schrieb, lieber Erik, dieses Wort steht aber nicht im »Grimmschen Wörterbuch«. Darauf habe sich Neutsch das »Grimmsche Wörterbuch« bestellt, und es sei lieferbar gewesen, in allen 33 Bänden ... Dies alles, so Walther, wegen eines Wortes, das nicht einmal in den Bänden zu finden gewesen sei.
Das Publikum dankte dem Grandseigneur der mitteldeutschen Literaturkritik für seinen Beitrag. Für einen Augenblick wurden Jahrzehnte Literaturgeschichte vor den inneren Auge der Zuhörer sichtbar. Ohne Zweifel ein Ereignis.

 
 

Nach einem musikalischem Zwischenspiel trat Andreas Eichler, ein promovierter Philosoph, mit seinem neuen Buch über Gotthilf Heinrich Schubert auf. Wir kennen ihn. Er neigt zu ausufernden Betrachtungen, die immer bei Johann Gottfried Herder enden. Aber an diesem Tage war die Zeit knapp. Wir waren gespannt, wie er sich aus der Affäre ziehen wollte.
Wie immer begann er mit der rhetorischen Frage: »Wer war Gotthilf Heinrich Schubert?« Nun gut, selbst gebildete Leser kennen diesen Schubert (26.4.1780–30.6.1860) nicht oder legen das Buch wieder weg, weil der Vorname nicht »Franz« lautet. Naja. Im Schnelldurchgang stellte Eichler Schuberts Lebensstationen Hohenstein, Lichtenstein, Greiz, Weimar, Leipzig, Jena, Altenburg, Freiberg und Dresden vor. Er las Ausszüge aus Briefen Schuberts zwischen seiner Gymnasialzeit in Weimar (1998) und seinen Weggang aus Dresden (1808).
Warum kann Schubert heute interessant sein? Weil er ein vergessener Stichwortgeber der Romantik war. Romantik, so Eichler, habe nichts mit Irrationalismus zu tun, wie es Georg Lukács 1954 in seiner »Zerstörung der Vernunft« und Isaiah Berlin in seinem Buch »Die Wurzeln der Romantik« von 1998 behaupteten.
Am Leben Schuberts werde deutlich, dass Romantik keine Anti-Aufklärung war. Vielmehr sei »Romantik« die literarische Strömung einer Jugendrevolte gewesen, die um 1800 aufbrach. Man habe sich vornehmlich gegen die Reduktion des Lebens auf »Vernunft« und die Reduktion von »Vernunft« auf mathematische Logik erhoben.
Gotthilf Heinrich Schubert, der in Medizin promoviert wurde, habe mehr als ein halbes Dutzend Sprachen gesprochen, nahezu alle Naturwissenschaften studiert, sei Theo­loge und Philosoph gewesen und als Literat hervorgetreten. Auf Anregung Herders habe Schubert Natur als ein organisches System erforschen und darstellen wollen. Herder, der die Poesie als »Brücke« zwischen Naturwissenschaft und Glauben betrachtete, war es auch, der Schubert die Übersetzung des Naturhymnus von Dr. med. Erasmus Darwin »The Botanic Garden« nahelegte. Aus seinen wissenschaftlichen Erfahrungen heraus wollte Schubert, wie andere Vertreter seiner Generation, die unsinnigen akademischen Disziplingrenzen überwinden. Nicht zufällig habe Friedrich Schlegel die »universitas litterarum« mit einer weiten Literaturauffassung erneuern wollen, die auch Wissenschaft, Theologie und Philosophie einschloss.
In Schuberts Vorlesungen über »Die Nachtseiten der Naturwissenschaft« im Dresdner Palais Carlowitz von 1807 sei es um die Selbstaufklärung der Wissenschaft gegangen. Schubert habe die Wissenschaft erhellen wollen und auf ihre Verantwortung für einen sorgsamen Umgang mit der Natur, für die Abschaffung imperialer Kriege (Napoleon, einstiges Idol der jungen Generation, hatte mit seinem Rückfall in überholte Machtpolitik alle Hoffnungen enttäuscht) und für die Respektierung der Kulturen fremder Völker verwiesen.
Diese grenzüberschreitende Gedankenwelt der romantischen Jugendrevolte sei, so Eichler, mit bisherigen Katalogisierungen nicht zu erfassen, erst recht nicht mit einer eng begrenzten Auffassung von »Literatur« oder »Aufklärung«. So seien zentrale Intentionen der Aufklärung durch die jungen Leute in einer veränderten Welt weitergeführt worden. Die Alternative Aufklärung oder Romantik habe in der Wirklichkeit nicht bestanden. Allerdings, so Eichler, habe Schubert bereits in einem Brief an Emil Herder von 1810 konstatiert, dass ihre Generation mit ihren Idealen gescheitert sei.
Und dann kam Eichler wieder auf sein Lieblingsthema, wir hatten es befürchtet: Schubert sei für ihn deshalb interessant, weil an der Biographie die Art und Weise des Anknüpfens an den Erfahrungen der Generation von Hamann, Wieland, Herder, Goethe, Schiller und anderen nachvollziehbar sei. Die Generation der zwischen 1770 und 1785 Geborenen habe dem Erbe ungestüm etwas Neues entgegensetzen wollen – und sei damit gescheitert. Nach dem Tode Herders habe Schubert schrittweise diese Einseitigkeiten seiner Generation übernommen. Doch Herder habe schon um 1800 in seiner Zeitschrift »Adrastea« in Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution programmatische Gedanken veröffentlicht: Kulturelles Erbe kann nur bewahrt werden, wenn es erneuert wird. Die Basis für eine kulturelle Erneuerung ist die Generation. Aber ein kultureller Generationenumbruch kann nur erfolgreich sein, wenn so viel wie möglich vom guten Alten bewahrt wird.
Die Generation der Romantik habe viele Impulse gegeben, sei aber in ihren wichtigsten Zielen gescheitert. Schubert habe sich später seiner Jugendideale geschämt. Doch keine Generation bräuchte sich ihrer Jugendideale zu schämen.
Auch für die Französische Revolution, so Eichler, sei zutreffend, was Kant anmerkte: Was früher »unten« war, ist jetzt »oben«, und was »oben« war, ist jetzt »unten«. Sonst ist alles gleich geblieben.
Auch hier gebe es keinen Grund zur Idealisierung.
Herder schrieb in seinem letzten Artikel für die Adrastea, im Rückblick auf die Französische Revolution, dass er sich wünsche, dass künftige Umwälzungen langsamer abliefen, weil dies eine Voraussetzung dafür sei, dass nicht so viele Fehler gemacht würden.
Hier beendete Eichler zum Glück seinen furiosen Vortrag. Mit Herder könnte man sagen, ein Vortrag ist nur gut, wenn er langsam ..., naja. Aber wo er recht hat, hat er recht. Dieser Gotthilf Heinrich Schubert aus Hohenstein-Ernstthal wäre eigentlich der Namensgeber für die TU in Chemnitz. Ein Mann dieser Gewichtsklasse ist aus den biederen Chemnitzer Gewerbschulen nicht hervorgegangen. Vielleicht entdeckt man Schubert auch in Chemnitz?

 
 

Nach einem musikalischen Zwischenspiel trat der in Hohenstein-Ernstthal lebende, in Chemnitz geborene, Schriftsteller Rainer Klis auf. Seine Fans erwarteten von ihm neue Abenteuergeschichten. Er las aus einer noch nicht veröffentlichten Novelle mit dem Titel »Laus im Pelz«. Ohne Zweifel hatte er die höchste Lesegeschwindigkeit des Tages. Mit todernstem Gesicht las er lustige Geschichten. Unschwer erkannte man hinter phantasievollen Namen den einen oder anderen Literaten, Musiker oder Künstler aus der Region. Lachend verlies nach dem Ende der Lesung das Publikum den Saal. Man hatte drei völlig verschiedene »Gesichter« von »Information« kennen gelernt. Was will man an einem Oktobersonntag mehr?
Johannes Eichenthal

Information
Klaus Walther: Erik Neutsch. Spur des Lebens. Verlag Neues Deutschland/Das Neue Berlin 2010.
ISBN 978-3-360-01985-1
www.das-neue-berlin.de

Andreas Eichler: G. H. Schubert – ein anderer Humboldt. Mironde-Verlag 2010.
ISBN 978-3-937654-35-5
www.mironde.com


 
 

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Information hat viele Gesichter
Auftakt-Leseveranstaltung in der Stadtbibliothek Chemnitz
 

Der Herbstwind bringt immer auch einen Hauch von Abschied. Die Umstellung auf die Mitteleuropäische Normalzeit macht uns auf einen Schlag klar, dass das Tageslicht schwindet. Aber jenem Abschied liegt auch ein neuer Anfang inne: wir beginnen im Herbst wieder mehr zu lesen. Die Bibliotheken haben sich darauf eingestellt. Am 24. Oktober eröffneten die Leiterinnen der Stadtbibliothek und der Universitätsbibliothek Chemnitz gemeinsam eine Veranstaltungswoche mit dem Titel »Information hat viele Gesichter«.

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