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Foto: Dr. Klaus Walther, in der Mitte der Runde, während seines Vortrages.

Der Sächsische Schriftstellerverein traf sich an diesem Tag im »Haus des Gastes« – dem Annaberger »Erzhammer«, zu einem Kolloqium mit dem Titel »Literatur und Landschaft«. Zugegen war auch die Gastgeberin des Hauses, die Bundesvorsitzende des Erzgebirgsvereines e.V., Frau Dr. Gabriele Lorenz, und einer der beiden Sekretäre des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen, Herr Steffen Meyer.
Der Präsident des Schriftstellervereines, Dr. Andreas Eichler, bedankte sich zunächst bei der Gastgeberin für die Möglichkeit der Zusammenkunft und für ihre Teilnahme. Ebenso bei Herrn Meyer. Dann erinnerte er an die Grundlagen der Thematik. Sprache und Landschaft stünden in einem Zusammenhang. Die Schriftsteller der Region trügen eine hohe Verantwortung für das Sprachbewusstsein. In der Wochenzeitschrift »Die Zeit« habe Ulrich Greiner vor einigen Monaten darauf verwiesen, dass Deutschland in der Mitte Europas liege und dass die deutsche Sprache immer Einflüssen der Nachbarländer ausgesetzt gewesen sei, und diese auch zu integrieren vermochte. In der Gegenwart gefährde allerdings die wirtschaftliche und politische Oberschicht das Niveau der Sprache, indem sie ohne Not auf ein schlecht gesprochenes Englisch oder auf Unterschichtenmanierismen verfalle.
Sprachbewusstsein sei heute, so formulierte es Eichler, nur als eine Art von kulturellem Widerstand zu erlangen. Dies sei doppelt problematisch, da wir uns als Menschen auch in der Sprache konstituieren, und nicht im Bewusstsein.

 
 

Foto: Frau Dr. Gabriele Lorenz (li.) und Herr Steffen Meyer

Dr. Klaus Walther, der Vizepräsident des Schriftstellervereins, erörterte sodann die Thematik »Literatur und Erzgebirge«. Hier gehe es um unwegsames Gelände. Alles, was in der Provinz liege, habe auch schnell den Geruch der Provinzialität. Landschaft sei aber die vom Menschen veränderte Natur. Hier gehe nichts ohne die Tradition, ohne die Kultur der Großväter.
In der Literatur zeige sich dieser Zusammenhang in zwei extremen Herangehensweisen.
Einerseits könne man eine fast völlige Abwesenheit von Landschaft in der neueren Literatur konstatieren. Nur in wenigen Texten komme Landschaft vor, meist in Form von Versatzstücken.
Bei den Vorvätern dagegen sei oft eine konkrete Ansicht von Landschaft zur Sprache gekommen. Ein Beispiel hiefür sei Karl May. In dessen Bibliothek, die sich in Radebeul befindet, finde man neben vielen Büchern über Sprache eine große Zahl von Büchern geographischen Inhaltes. Beides sei in die Schilderungen seiner Bücher eingegangen. Aber, nicht die Landschaftsbeschreibungen haben die Leser für Karl May eingenommen, sondern die Handlung seiner Bücher. Karl May habe große Mühe auf eine möglichst genaue Schilderung der Landschaft verwendet. Aber die Leser interessierte eigentlich mehr, was Winnetou in den nächsten Minuten tun werde. Die Landschaft habe am Ende, so Klaus Walther, bei Karl May die Rolle einer bloßen Staffage gespielt.
Es gebe aber noch eine andere Möglichkeit. Landschaft könne in der Literatur auch ein konstituierendes Moment sein. So könne jeder, der sich einmal in der Umgebung von Königswart umsehe, sinnlich erfahren, dass für einen Autor wie Adalbert Stifter, der seinen Büchern Titel wie »Kalkstein« oder »Bergkristall« gab, Schloss und Landschaft den Roman »Nachsommer« konstituierten.
Noch vor Jahren habe er, Klaus Walther, behauptet, dass Stifter einer der langweiligsten Autoren sei, die es gegeben habe. Nach einem Besuch in Könisgwart habe er den »Nachsommer« noch einmal gelesen. Er müsse eingestehen, dass Stifter in der Beschreibung der Landschaft mehr auszudrücken vermochte, als in seinen Handlungen. Die Stärke Stifters sei seine »Bilddichte«. In seinen Bildern bringe Stifter »Ordnung« in die Welt. Auf diese Weise gelinge ihm, was ihm in seinem eigenen Leben nicht gelang: Ordnung herzustellen. Stifter schildere in seinen Büchern nicht »Landschaft«, sondern er stelle eine übermächtige Landschaft dar, in die er den Menschen und sein Tun einordne.
Aber Literatur sei nicht nur die Folge von Wirklichkeit, sondern immer auch die Folge von anderer Literatur. Die Beziehung zur Landschaft könne für den Menschen ein Glücksfall oder ein Unglücksfall sein. Im Erzgebirge sei dies eine schwierige Beziehung, weil sich ein großer Teil der Literatur in Mundart konstituiere. Daraus ergäben sich enge Grenzen für die Verbreitung dieser Literatur. Der Roman »Rummelplatz« von Werner Bräunig habe erstmals das Geflecht von Landschaft, Geschichte und Menschenschicksalen des Erzgebirges einem breiten Leserkreis erlebbar gemacht, weil er nicht in Mundart geschrieben wurde.
Insgesamt sei die Mundart aber immer noch die dominierende Literatursprache im Erzgebirge. Am Beispiel von Anton Günther werde aber auch deutlich, dass die Mundart auch soziale Probleme deutlich machen könne. Bei Günther finde man sowohl eine Romantisierung der Wirklichkeit als auch den unverstellten Blick auf die Wirklichkeit, in der Anton Günther lebte. Bei Günther fänden sich beide Momente immer in Reinkultur nebeneinander. Zum Beispiel sei dessen Gedicht »Martha Weber«original und ordinär. Poesie falle hier mit Landschaft zusammen, erschöpfe sich aber nicht in Landschaft.
Wenn wir aber von »Literatur« sprechen, dann denken wir heute nicht an Gedichte, sondern an dicke »Bestseller«. Eine dieser Bestseller-Autorinnen, die historische Romane schreibe, habe in einem Interview gesagt, dasses im Leben wie in der Literatur nur um Gewalt, Geld und Sex gehe.
In solchen Büchern sei vieles Historisches stimmig. Aber gleichtzeitig gäbe es gerade im Kern solcher Bücher antiliterarische Elemente.
Ein anders Beispiel sei das Werk von Eberhard Görner. Von ihm seien im Chemnitzer Verlag die Romane »Ein Himmel aus Stein« und »Der Narr und sein König« erschienen. Görner versuche seine eigenen Erwartungen im Historischen mitspielen zu lassen.
Ein anders Beispiel sei Erik Neutsch, der versuche seine Leser vorsichtig zu belehren und sich dazu bekenne, Geschichte denken zu wollen.
Lion Feuchtwanger habe dagegen gesagt, dass Literatur nicht Geschichte deuten und den Leser belehren wolle, sondern dass Literatur den Leser Geschichte erleben lassen könne.
Abschließend kam Klaus Walther auf sein Lieblingszitat zu sprechen: Ein Kind fragt die Mutter, ob hinter den Bergen auch Menschen lebten. Die Mutter antwortete: nicht grübeln Junge, nicht grübeln.
Es gäbe, so Klaus Walther, heute immer noch zu viele »Mütter«, die »nicht grübeln« riefen.
Mit einer interessanten Diskussion fand die Veranstaltung ihren Abschluss.

 
 

Foto: Dr. Klaus Walther stellte Prof. Eberhard Görner vor

Am Abend des 26. Oktober fand sich der harte Kern des Schriftstellervereins gemeinsam mit Annaberger Bücherfreunden nocheinmal in der Buchhandlung Bücher-Walther zusammen. Dr. Klaus Walther stellte dem Publikum seinen Freund und Kollegen Prof. Eberhard Görner vor. Dieser, wegen einer leichten Erkältung mit dickem Schal versehen, brachte den Hörern das Buch »Weißes Gold im Erzgebirge?« nahe. Er verwies auf die Unternehmerfamilie Schnorr, später Schnorr von Carolsfeld, die die weiße Erde, das Kaolin, für die Meißner Porzellan-Produktion lieferte. Und er schilderte die komplexen Lernprozesse, die bei der Entwicklung der Porzellan-Technologie abliefen. Die anschließende Diskussion lief auf die Frage hinaus, wie eine solche Leistung, wie die Erfindung des Porzellans, in der heutigen Zeit aussehen müsste.
Der 26. Oktober 2010 war ein langer und anstrengender Tag. Auf dem Weg ins Parkhaus, Wolfgang Eckert sprach gerade über »das Sittengesetz in uns und den bestirnten Himmel über uns«, ... doch da war auf dem ebenen Fußweg eine unerwartete Stufe angelegt ... wir hatten alle Mühe, Wolfgang nicht fallen zu lassen ... »Typisch Schriftsteller«, hörten wir jemanden rufen, »will uns was über die Sterne erzählen und sieht die Probleme auf der Erde nicht.«
Ach ja, so können nur Leute reden, die gar nicht wissen, dass es Sterne über unserer Heimat gibt!
Johannes Eichenthal

 
 

Foto: Der Turm der St.-Annen-Kirche von Annaberg am frühen Abend des 26. Oktober. Eine der bedeutensten spätgotischen Hallenkirchen Sachsens. Der Bau begann 1499. Die wichtigsten Baumeister waren Peter von Pirna und Jakob Heilmann von Schweinfurth. In der Kirche befinden sich Plastiken und Malereien von großen Künstlern (Christoph Walther, Hans Witten, Franz Maidburg, Adolf Daucher, Hans Hesse, Peter Breuer u.a.) Noch heute zeugt St.-Annen auch von der einstigen Weitsicht, dem Kunstverstand und der Größe der Annaberger Bürgerschaft.)

 
 

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Literatur und Erzgebirge
Kolloquium des Sächsischen Schriftstellervereins in Annaberg-Buchholz
 

Der 26. Oktober war am Fuße des Erzgebirges ein nebliger Herbsttag. Nur in der Mittagszeit setzte sich die Sonne gegen die feuchte Luft durch. Doch je höher sich unsere Straße ins Erzgebirge schlängelte, um so klarer wurde es. In Annaberg Buchholz herrschte reges Treiben. Touristen drängten durch die Straßen. Der Marktplatz war überfüllt. Baustellen an jeder Ecke. Im Parkhaus war gerade noch ein Platz für uns frei.

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