litterata  :  Reportagen  :  Eberhard Görner an der HTW in Dresden  
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Frau Petra-Sybille Stenzel begrüßte an diesem Abend Prof. Eberhard Görner zu einer Lesung im Rahmen der Bibliothekswoche »Information hat viele Gesichter«. Gemeinsam mit der Buchhandlung Thierbach hatte die Bibliothek zur Vorstellung des Buches »Weißes Gold im Erzgebirge?« eingeladen. Die »Vorstellung« des Professors wäre eigentlich nicht nötig gewesen, denn die etwa 70 Besucher, darunter Professoren-Kollegen des Autors, kannten Professor Görner bereits. Seit 1998 ist er an der Hochschule Honorarprofessor für »Bewegte Bilder«.

 
 

Foto: Die Hochschulbibliothek am Abend des 27. Oktober

Routiniert begann Prof. Görner Entstehungsgeschichte und Struktur des Buches, an dem mehrere Autoren gearbeitet hatten, vorzustellen. Er hob die Initiative der Städte Aue, Freiberg und Schneeberg hervor, die sich zur Herausgabe des Buches entschlossen hatten. Wieder las er Beiträge von verschiedenen Autoren und verwies darauf, dass Kurfürst August der Starke mehr als zehn Jahre einen Forschungsprozess finanziert hätte, von dem er nicht gewusst habe, ob dieser erfolgreich sei. Wieder hob er hervor, dass August einen Satz, wie »Das rechnet sich nicht« nicht gekannt habe.
Hier gab es, sicher durch die momentanen einseitigen Kürzungen der Kulturleistungen in staatlichen Haushalten animiert, keinen offenen Widerspruch. Erst nach dem Ende der Veranstaltung hörte man mitunter, dass das mit August und dem »sich-nicht-rechnen« nicht so einfach sei. Dabei wäre eine Diskussion solcher Fragen wichtig gewesen. Wir hatten an anderer Stelle darauf verwiesen, dass Görner dem Hofnarren Joseph Fröhlich den Satz in den Mund legte, dass »Kultur viel Geld koste, aber nie so viel wie Rüstung und Krieg.«
Wenn wir einmal davon absehen, dass »Kultur« hier in einem alten, engen Sinne gebraucht wird, kann man zumindest verstehen, was Görner im Sinne hat.
Doch es bleibt die Frage, ob man die Situation um 1700 einfach auf unsere Gegenwart übertragen kann. Der Kurfürst war ohne Zweifel eine Ausnahmeerscheinung in seiner Familie. Görner verweist immer wieder gern darauf, dass mit der Wahl zum König von Polen eine kulturelle Partnerschaft aufgebaut wurde und dass August der Starke keine Neigung zur militärischen Eroberung anderer Länder zeigte. Das ist richtig. Doch der Kurfürst schuf eine Konstellation, mit der seine Nachfolger nicht mehr zurecht kamen.
Hier wird die Problematik deutlich. Das Visionäre war Stärke und Schwäche des starken Kurfürsten zugleich. Wer ihn auf diese Gefahr hinwies, und sei es die beliebteste Mätresse, der verlor schlagartig die Gunst des Potentaten und landete im Edel-Gefängnis.
Und hier sind wir beim entscheidenden Punkt: Es mag sein, dass ein gebildeter Kurfürst vor 300 Jahren den Staat verkörpern konnte, »l'etat cest moi« hätte auch vom sächsischen Kurfürsten stammen können, aber das ist heute nicht mehr so. Selbst wenn heutige Politiker wieder in die alten Kostüme des Adels schlüpften, könnten sie an dieser Lage nichts ändern.
In Deutschland hält sich bis heute selbst bei Linken der Glauben, dass »der Staat« Probleme lösen und Kultur bringen könne. Aber bereits Johann Gottfried Herder stellte gegen solche Illusionen bei seinem Lehrer Immanuel Kant klar, dass der Staat weder das eine noch das Andere leisten könne. Der Staat könne nur verwalten.
In der heutigen Gesellschaft, die nicht mehr von der zentralisierten Industrie getragen wird, steht auch eine Dezentralisierung der Verwaltung an. Der Staatsrechtler und Vater der Weimarer Verfassung Hugo Preuß, dessen 100. Geburtstag gerade hier und da erwähnt wurde, bezeichnete die kommunale Selbstverwaltung als »Rückgrat« des Staates. Er verwies auf die Gefahr, dass Selbstverwaltung auf »Verwaltung« reduziert und zur Zentralisierung frei gegeben würde. So kam es denn auch in Deutschland, und so geht eine »Reform« nach der anderen in Richtung Verwaltungszentralisierung.
Doch eine barocke Lichtgestalt an der Spitze, wie einst Kurfürst August, wird es heute nicht wieder geben. Es steht ein Umbruch an. Dezentralisierung in der Verwaltung beginnt aber mit sozialen Lernprozessen und Dezentralisierung im Denken.
Die interessante Geschichte, die Eberhard Görner vorträgt, reduziert sich nicht auf das Wirken des Kurfürsten. Ein Zuhörer fragte an diesem Abend nach dem Anteil von Böttger oder Tschirnhaus an der Erfindung des Porzellans. Professor Görner wich in der Antwort auf den Rückentext des Buches, und damit auf die zentrale Rolle des Kurfürsten für die Finanzierung des Ganzen aus. Das war sicher nicht falsch. Gerade das Zusammenwirken des Experimentalphysikers Böttger, des Wissenschaftsorganisators, Erfinders und strategischen Planers Ehrenfried Walther Freiherrn von Tschirnhaus mit den Praktikern des Freiberger Bergbaues führten schließlich zur Erfindung des Porzellans. Wir sollten aber dabei die Fähigkeiten von Tschirnhaus zur Gestaltung und Auswertung komplexer Lernprozesse im Gelingen des Prozesses nicht unterschätzen. Das wäre ein Punkt, der für unsere Gegenwart eine andere Dimension hat als der barocke Landesfürst. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass Tschirnhaus gerade von der Wissenschaft vernachlässigt wurde, obwohl er einst der Initiator für eine Sächsichen Akademie der Wissenschaften war. Meines Wissens wurde die Arbeit an einer Tschirnhaus Werkausgabe schon vor Jahren abgebrochen. Die konkrete Forschung in den sächsischen Archiven müsste hier offene Fragen klären helfen.
Die Hochschule für Wissenschaft und Technik in Dresden wäre der Ort gewesen, um solche wichtigen Fragen zu diskutieren, zumal auch kompetente Hörer zugegen waren. Es kam aber nicht dazu. Wenn man die Diskussion will, dann sollte man vielleicht eine solche Veranstaltung in Zukunft von Anfang an als ein Streitgespräch ansetzen, und nicht als einfache Vorlesung. Das Buch transportiert einen Komplex von Anregungen. Die Sache selbst wäre schon des »Schweißes der Edlen« wert.
Zu danken ist neben dem Autor Görner den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hochschulbibliothek und der Buchhändlerin Cornelia Thierbach für die Mühe der Organisation dieses anregenden Abends.
Johannes Eichenthal

 
 

Nach der Lesung signierte Prof. Eberhard Görner das Buch über die Erfindung des Porzellans.

 
 

Information

Görner Eberhard (Hrsg.): Weißes Gold im Erzgebirge? Veit Hans Schnorr von Carolsfeld.
Mironde-Verlag 2010. ISBN 978-3-937654-57-7
www.mironde.com

www.htw-dresden.de

www.buchhandlung-thierbach-htw-dresden.de

 
 

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Eberhard Görner an der HTW in Dresden
Ein Beitrag zum 300. Jahrestag der Erfindung des Porzellans
 

Der 27. Oktober führte uns nach Dresden. Wir suchen die Hochschule für Technik und Wirtschaft. Die offizielle Adresse ist Friedrich-List-Platz 1. Der Platz erinnert an einen der wenigen deutschen Politökonomen und Verkehrsplaner. An der HTW gibt es die Fakultäten Bauingenieurwesen/Architektur, Elektrotechnik, Geoinformation, Gestaltung, Informatik/Mathematik, Landbau/Landespflege, Maschinenbau/Verfahrenstechnik und Wirtschaftswissenschaft. In der Andreas-Schubert-Straße (erinnert an den technischen Erfinder und Architekten der Göltzschtalbrücke) finden wir endlich die Hochschulbibliothek.

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