litterata  :  Reportagen  :  G. H. Schubert in Erlangen  
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Für den späten Nachmittag des 20. November hatte die Universitätsbibliothek zu Buchvorstellung »G. H. Schubert – ein anderer Humboldt« eingeladen. Die Leiterin der Bibliothek, Frau Konstanze Söllner, begrüßte die Gäste im Festsaal. Die Mitarbeiterinnen der Bibliothek hatten eine Schubert-Ausstellung vorbereitet. Eine Büste Schuberts von Maximilian von Widnmann aus dem Jahre 1843, in der Form identisch mit der Büste an der Hohensteiner St.-Christopherus-Kirche, aber in einem anderen Oberflächenzustand. In einer Vitrine die Ernennungsurkunde Schuberts als Professor in Erlangen, Porträts von Schubert und Schelling, aufgeschlagene Werke Schuberts.
Frau Söllner hob hervor, dass ein Teil des Nachlasses Schuberts in Erlangen aufbewahrt werde. In seinen Lebenserinnerungen habe Schubert Erlangen sehr angenehm beschrieben. Frau Söllner fügte an, dass sich Schubert in Erlangen wohl gefühlt habe. Hier traf er seine Freunde und Kollegen den Orientalisten Kanne, den Mathematiker Pfaff und den Physiker Schweigger. Später kamen auch Schelling, Rückert und Platen hinzu.

 
 

Foto: Schubert Büste in Erlangen aus dem Jahre 1843

Andreas Eichler dankte zunächst der Gastgeberin für die Einladung und die liebevolle kleine Ausstellung zum Leben Schuberts. Man erhalte hier einen lebendigen Eindruck und könne sich Schubert in dieser Stadt und an dieser Universität vorstellen. Eichler dankte auch der Universitätsbibliothek für geleistete Hilfe. Die Handschriftenabteilung habe bislang unveröffentlichte Briefe zur Veröffentlichung in dem Buch »G.H. Schubert – ein anderer Humboldt« frei gegeben. Der im Buch wiedergegebene Briefwechsel zwischen Schubert und der Familie Herder sei ein kleiner Schatz, die Seele des Buches.

 
 

Eichler zitierte zunächst aus einem Brief Schuberts aus Erlangen an Rudolph Wagner vom 24.12.1826: »In Paris bitte ich, wenn er noch dort ist, den Fürsten der Naturforscher, Alexander von Humboldt auch von mir zu begrüßen und ihn meine innigste Verehrung zu versichern. Sie kennen meine Gemütsart und wissen, dass ich eben nicht der dreisteste bin. Ich habe es daher nie gewagt etwas von meinen Arbeiten an diesen trefflichen Mann zu senden oder jemals an ihn zu schreiben. Bei meiner zuletzt geschriebenn großen Naturgeschichte kam ich sehr in Versuchung sie ihm zu senden. Aber die alte, gewöhnliche Schüchternheit kam wieder und band mir Hand und Feder.«
In seinen Lebenserinnerungen habe Schubert darauf verwiesen, dass er als Student in Jena von dem mit Alexander von Humboldt befreundeten Orientalisten C. B. Ilgen die neuesten Nachrichten über den Verlauf der Weltreisen erhielt. In ihm, so Schubert, habe sich damals die Sehnsucht nach Reisen weit über das Meer in ferne Erdteile entzündet.
Eichler ging dieses Mal auch etwas genauer auf die Schubertsche »Symbolik des Traumes« von 1814 ein. Er stellte aber, wir hatten es erwartet, eine Verbindung zur Herderschen Sprachauffassung her. Ein zentrales Moment des Herderschen Schaffens sei der Versuch gewesen, zu begründen, dass die Menschen sich in Sprache und nicht in reinem Denken oder Vernunft konstituieren. So habe er die Abendvorträge an seinen Sohn Emil und an G. H. Schubert mit dem Zuammenhang von Erfahrungen, Sinnen und Sprache begonnen. Mit der Sprache könne der Mensch Sinneseindrücke festhalten und wieder aufrufen. Wenn sie die Sprache nicht hätten, wie die Tiere, dann würden die Sinneseindrücke an ihnen vorbeiziehen, wie ein Traum.
Herder habe die Sprachkompetenz interessiert. Deshalb habe er sein Augenmerk auf das Bestimmen der Sinneseindrücke gelegt.
Schubert habe in der »Symbolik des Traumes« die »Rückseite« dieser Bestimmung berührt. In der Tat ist jede Bestimmung mit einer Negation, einem Ausschluss von anderen Gesichtspunkten verbunden. Schubert und seine Generation hätte dieses Negierte, das Nicht-Bewusste interessiert. Aber Schubert, wie seine Generation, hätten nicht die Sprachauffassung Herders aufzunehmen vermocht. Vielmehr suchte diese Generation nach »Ur-Symbolen« des Traumes, wie nach einer »Ur-Sprache«.

 
 

In diesem Vortrag konzentrierte sich Eichler auf die Herder-Rezeption Schuberts. Dieser habe durch seine besondere Nähe zu Herder, und auch die Zuneigung Herders und seiner Frau, einen gewissen Modell-Status. In der Schubertschen Herder-Rezeption könne man auch allgemeine Momente der Aneignung des Weimarer Kulturerbes durch die Generation der zwischen 1770 und 1785 Geborenen vermuten.
Lange Zeit habe man versucht diesen Prozess mit relativ starren Begriffen wie »Aufklärung«, »Klassik« oder »Romantik« zu erfassen und zu beschreiben.
Aber unter logischen Aspekt seien das nicht einmal Begriffe gewesen, sondern nur abstrakte allgemeine Vorstellungen.
Einen anderen Weg habe der Literaturwissenschaftler Gerhard Schulz in seiner Geschichte der deutschen Literatur im Zeitraum von 1789 bis 1830 eingeschlagen (München 1983/2000). Im Rahmen dieser Epoche wollte er auf starre Begriffe verzichten. Es gäbe nicht »die« Aufklärung und nicht »die« Romantik. Die Romantik sei nicht Gegensatz und Weiterführung der Aufklärung, sondern Fortsetzung und Weiterführung unter veränderten Verhältnissen. Die Übergänge seien fließend.
Unter logischem Aspekt führt dieses Verfahren aber zu einem ähnlichen Resultat, wie das der starren Begriffe. Es ist im entscheidenden Punkt am Ende gleich, ob wir alles oder nichts definieren. Insofern zweifle er, so Eichler, ob das von Gerhard Schulz vorgeschlagene Verfahren tragfähig sei.
Er erinnerte daran, dass Friedrich Schlegel in seinen Wiener Literaturgeschichtsvorlesungen einen weiten Literaturbegriff zu Grunde legte und versuchte, Literatur als Folge von Generationen zu begreifen. Man könne sich über die Details bei Schlegel, so Eichler, sicher streiten. Aber der Ansatz sei interessant. Denn selbstverständlich sei die »Romantik« nicht nur Fortsetzung und Weiterführung der »Aufklärung«, sondern zugleich auch Gegensatz und Aufhebung. Aus den veränderten Verhältnissen erwachse der Drang zur Veränderung des kulturellen Erbes. Gerade die Generation Schuberts neigte von 1798 bis 1806 sogar zur Hypertrophierung der Veränderung und des »Neuen«. Gerade deshalb standen Kant und Fichte bei Ihnen so hoch im Kurs, weil jene den »Bruch« proklammierten.
Letztlich habe die Generation der zwischen 1770 und 1785 Geborenen aber nicht die Herdersche Position zum Verhältnis von Erbe und Tradition aufgenommen, die vor allem in der Zeitschrift »Adrastea« formuliert wurde: man kann das kulturelle Erbe nur bewahren, wenn man es verändert. Aber man kann es nur maßvoll verändern, muss so viel wie möglich vom guten Alten aufnehmen.
Es gebe, so Eichler, ein Sprichwort, wonach die erste Generation aufbaue, die zweite verwalte und die dritte alles wieder auf den Kopf stelle. Unter diesem Aspekt sollte man auch den Literaturprozess untersuchen. Leben und Werk Gotthilf Heinrich Schuberts seien ein wichtiges Moment in dem Prozess der Aneignung der Erbschaft der Weimarer Zeit durch die nächste Generation. Deshalb eigne sich das Schubertsche Leben und Werk auch in besonderem Maße für die Forschung.
Johannes Eichenthal


Information

www.bib.uni-erlangen.de
Gotthilf Heinrich Schubert. Gedenkschrift zum 200. Geburtstag des romantischen Naturforschers. Erlanger Forschungen. Reihe A. Band 25/1980

 
 

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G. H. Schubert in Erlangen
Buchvorstellung in der Universitätsbibliothek Erlangen
 

Der gebürtige Sachse Gotthilf Heinrich Schubert verstarb im Jahre 1860 in München. In diesem Jahr jährte sich sein Todestag zum 150. Male. Doch weder seine Geburtsstadt Hohenstein-Ernstthal, noch seine Studienorte Leipzig und Jena nahmen dieses Datum zu einem Anlass für eine Ehrung. Weder in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden, in der Schubert als junger Publizist Aufsehen erregte, war das Datum Anlass, noch für die bayerische Landeshauptstadt München. An der Universität Erlangen war Schubert von 1819–1827, seiner Berufung nach München, Ordinarius für Naturgeschichte. Die Universität Erlangen ehrte Schubert im Jahre 1980, aus Anlass seines 200. Geburtstages, mit einer Festschrift. So verwundert es auch nicht, dass die Universitätsbibliothek Erlangen sich auch des 150. Todestages von Gotthilf Heinrich Schubert erinnerte.

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