litterata  :  Reportagen  :  Wieder kein Bernsteinzimmer  
Veranstaltungen
Freundeskreis
Reportagen
Mironde Verlag
      login
  E-Mail  
  Passwort  
      login
  Registrieren Sie sich hier oder bearbeiten Sie Ihr Profil
Suche  
   

In der Buchhandlung Bücherwelt in Schwarzenberg hatten sich schon einige Gäste versammelt. Sie stöberten im antiquarischen Teil der Buchhandlung. Pünktlich um 19.30 Uhr begrüßte Buchhändler Michael Schneider seine Gäste und stellte den Schriftsteller des Abends, Dietmar Reimann vor. Jener wirkte zunächst etwas zurückhaltend, schaute kaum auf. Aber schließlich begann er mit der Vorstellung seines neuen Buches.

 
 

Reimann, der den Gästen durch seine spektakulären Aktionen in der Suche nach dem sagenumwobenen, kostbaren »Bernsteinzimmer« bekannt ist, der auch zahlreiche Bücher zu diesem Thema verfasste, betont zunächst, dass sein neues Buch nichts mit diesem Thema, oder wenigstens nur am Rande damit zu tun habe. Einige Zuhörer waren darauf etwas enttäuscht, gaben aber die Hoffnung nicht auf, dass Reimann doch auf sein Lieblingsthema zu sprechen käme. Doch Reimann versucht zunächst etwas schwerfällig zu begründen, dass sein neues Buch Hintergründe der Geschichte behandle. Sobald man eine andere Lesart der Geschichte vertrete als die offizielle Version, werde man schon der »Verschwörungstheorie« beschuldigt.
Anstatt gegen die Geschichte als Staatsideologie eine besonders nüchterne, sachliche Herangehensweise zu praktizieren, nannte der Autor eine Reihe von Fakten, die auf das Wirken von »Geheimgesellschaften« hinwiesen. Die Aufzählung reichte bis hin zu Johann Gottfried Herder, den er Johann Gottlieb nannte, und dem er den Besitz eines Kirchenwaldes bei Hartenstein andichtete. Ursache war die vorgebliche Mitgliedschaft Herders im Geheimorden der »Illuminaten«, einer Geheimgesellschaft in der Geheimgesellschaft der Freimaurer.
Andererseits versuchte Reimann deutlich zu machen, dass er sich als radikalen Aufklärer in der Tradition von Erasmus von Rotterdam und Benedict de Spinoza verstehe, die rücksichtlos auf Fakten, auf die Wahrheit insistiert hätten.

 
 

Schließlich kam Reimann doch auf das Bernsteinzimmer zu sprechen. Er habe den Standort gefunden. In einer Höhle im so genannten »Poppenwald«. Aber man habe ihm die  weitere Suche dort untersagt.
Es zeigte sich, dass ein sachkundiges Publikum zuammen gekommen war. Wenn der Meister einmal nicht weiter wusste, rief man ihm das Stichwort zu. Eine Diskussion wäre durchaus möglich gewesen. Es gab einige Frageversuche des Publikums. Aber der Autor ging davon aus, dass er alles wusste. Schade.

 
 

Kommentar
Es ist Michael Schneider für diese Veranstaltung zu danken. Das Thema »Bernsteinzimmer« bewegte die Erzgebirgsregion in den letzten Jahren. Ohne Zweifel hat Reimann recht, wenn er darauf verweist, dass die heutige Geschichtsideologie und zahlreiche Mythen die Schicht der Ereignisse im Jahre 1945 überlagern.
Reimann war in den letzten Jahren als praktischer Ausgräber tätig. Mitunter wurde in der »Schatzsuche« nicht zimperlich mit dem kulturellen Erbe umgegangen. Auch andere Suchgruppen sind tätig. Aber niemand hat bisher Fundstücke vorweisen können.
Für die theoretische Arbeit verfügt Reimann nicht über entsprechendes Handwerkszeug. In der Ideologie und bei Mythen reicht es nicht aus, auf »die« Wahrheit zu verweisen.
Vor Jahren versuchte eine Dame in einer Diskussion im Schwarzenberg »Tunnel« den »Mythos Schwarzenberg« (gemeint ist die Selbstregierung im Frühjahr 1945) zu »dekonstruieren«, in dem sie auf »die« Wahrheit verwies. Ein Theologe entgegnete damals milde, dass man Mythen nicht mit Fakten widerlegen könne. Ähnliches könnte man Reimann auch raten. Doch auch jene Dame war für den Rat nicht zugänglich.
Das notwendige Verfahren ähnelt dem der Archäologie. Johann Gottfried Herder entwickelte ein Verfahren zur Bibelinterpretation, der Hermeneutik, das auf dem Verstehen der verschiedenen Interpretationsschichten aufbaute, und dass er auch »Archäologie« nannte. (Etwa 200 Jahre später kam Michel Foucault auf ein ähnliches Verfahren, ohne eine Zeile Herders zu kennen.)
Herder hielt übrigens nichts von Geheimgesellschaften. Und Spinoza nannte er einen ehrenwerten Mann, der aber keinen Humor gehabt und nichts von Poesie vertanden habe.
Also: Mythen sind Elemente unseres Lebens, die etwas mit Poesie zu tun haben. Mythen basieren nicht auf formaler Richtigkeit. Es sind Versuche der Menschen, mit einer schwer durchschaubaren und grausamen Wirklichtkeit zu recht zu kommen, Mythen haben etwas mit Poesie zu tun. Umberto Eco machte sich vor Jahren über unseren Hang lustig, hinter der historischen Resultante das Wirken einer einzigen geheimen Kraft zu vermuten. Doch selbst in Sachen mächtiger, geheimer Interessengruppen gilt das, was Georg Friedrich Wilhelm Hegel schrieb: die Menschen verwirklichen ihre Interessen, es wird dabei aber etwas realisiert, was nicht in ihren Zielen und Absichten lag. Die Weltgeschichte ist das Weltgerichte. Diesen Satz hatte Hegel von Schiller übernommen. Der Verlauf der Weltgeschichte war immer anders als es sich selbst die mächtigsten Interessengruppen vorgestellt hatten, zumal ja alle Interessengruppen machen, was sie wollen. Heraus kommt, was keiner wollte. Und so wird es auch bleiben. Die wichtigsten Faktoren für diesen Prozess sind die Komplexität der Wirklichkeit und die Arroganz der Mächtigen.
Dem Buchhändler Michael Schneider ist zu danken, dass er die Möglichkeit zur öffentlichen Diskussion interessierender Fragen bot, auch wenn sie an diesem Tag nicht ausreichend genutzt wurde.
Johannes Eichenthal

Information
Dietmar B. Reimann: Des Kaisers neue Krone. VP 15,- ISBN 978-3-86155-125-6
Das Buch ist in der Schwarzenberger Buchhandlung Bücherwelt erhältlich.

 
 

Copyright © 2009 Mironde Verlag.
Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Die Nachrichten sind nur für die persönliche Information bestimmt. Jede weitergehende Verwendung ist untersagt.

Wieder kein Bernsteinzimmer
Buchvorstellung in der Schwarzenberg Bücherwelt
 

Der 25. November war ein grauer Spätherbsttag. Meine Fahrt begann 18.29 Uhr. Auf der Autobahn lief der Verkehr normal. Dann die Abfahrt Hartenstein. Grauer Nebel senkte sich über die Erzgebirgslandschaft. Im Scheinwerferlicht ergaben die kahlen Bäume überdimensionierte Schatten, wie riesenhafte Gestalten. Einzelne Schneeflocken lösten sich aus dem verhangenen Himmel. Ein eisiger Wind wirbelte gefallene Blätter über die Straße. Da, der Abzweig nach Hartenstein. Wir wollten aber weiter nach Schwarzenberg.

Artikel versenden
Artikel drucken
Mapsite
litterata