litterata  :  Reportagen  :  Dieses Städtchen muss man lieben  
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Foto: Blick auf den Wolkensteiner Markt

Der Winter hatte am 30. November bereits putschartig den altersschwachen, unentschlossenen Herbst hinweggefegt. Aber im Erzgebirge hatte man das schon erwartet. Dennoch war es an diesem Tag nicht ganz einfach nach Wolkenstein zu gelangen. Einen Abend davor oder danach wäre es für einen Flachländer wohl sogar aussichtslos gewesen.
Dem Anschein nach entfalten sich diese Landschaft und ihre Bewohner erst im Winter. Der erleuchtete Markt erinnerte an einen Märchenfilm. Der Parkplatz war beräumt. Die Stadtbibliothek Wolkenstein lud mit ihren großen, offenen Fenstern zum Besuch ein. Da ein Plakat: heute Abend wird ein neuer Band aus der Edition Kammweg präsentiert. »Edgar Hahnewald: Sächsische Schönheit.«
Und schon geht es los. Steffen Meyer, einer der Sekretäre des Kulturraumes Erzgebirge-Mittelsachsen, der eigentlich bis über beide Ohren im bürokratischen Prozedere steckt, lässt es sich nicht nehmen, den Band selbst vorzustellen. Er weist darauf hin, dass die Reihe Kammweg gemeinsam vom Kulturraum und vom Sächsischen Schriftstellerverein herausgegeben wird und dass mittlerweile sechs Bände vorliegen. Der Band mit den Landschaftsreportagen Hahnewalds sei mit Linolschnitten von Hans Weiß aus Aue illustriert. Für ihn sei dieser Band der bisher schönste der ganzen Reihe. Dann las er Hahnewalds Erörterungen ob es Schönheit in Sachsen gäbe, oder ob es ein unansehnliches Industrieland sei. Hahnewalds Gedanken lösten bei den Zuhörern Assoziationen aus. Wir kennen selbst noch nicht alle interessanten Orte und Landschaften Sachsens.
Dr. Andreas Eichler, der Lektor des Mironde-Verlages, verwies zunächst darauf, dass der Herausgeber der Reihe und des Bandes, Dr. Klaus Walther, aufgrund der Witterung leider nicht nach Wolkenstein durchgekommen sei. Doch sei es ihm überhaupt zu verdanken, dass wir auf den vergessenen Autor Edgar Hahnewald aufmerksam wurden. Auch habe Klaus Walther durch intensive Recherche erst vor 14 Tagen herausgefunden, dass Hahnewald, der am 21. August 1884 bei Dresden geboren wurde, am 6. Januar 1961 in Schweden verstarb.
Eichler las zunächst die »Böhmischen Dörfer«, weil, wie er sagte, Klaus Walther diese wahrscheinlich gelesen hätte. Neben der Landschaft interessieren sich Hahnewald, wie auch Walther, für kulinarische Feinheiten.

 
 

Foto: Steffen Meyer (re.) und Andreas Eichler beim Vortrag

Steffen Meyer las dann, als Höhepunkt des Abends, Hahnewalds Reportage über seinen Wolkenstein-Besuch. Die Zuhörer quittierten viele Wendungen Hahnewalds mit Schmunzeln. Insgesamt schien der Autor die Seele des Städtchens getroffen zu haben.
Andreas Eichler schloss den Reigen mit dem »Ausklang«. Für Hahnewald ist der Herbst der Ausklang eines Jahres. Die Erinnerungen an Frühling und Sommer ziehen noch einmal vorbei. Auch die Natur hat sich auf Abschied eingestellt. Der Winter, so Hahnewald, ist dann schon etwas ganz anderes.

 
 

Foto: Die Leiterin der Stadtbibliothek Uta Liebing (2. v. li.) im Gespräch mit Birgit Eichler, der Leiterin des Mironde-Verlages

Es gibt noch eine kleine Diskussion. Die Zuhörer stimmen Steffen Meyer in seiner Begeisterung zu. Andreas Eichler verweist darauf, dass Hahnewald sein Handwerk versteht. Der Stil sei singulär. Ähnlich einem Maler gehe Hahnewald vor, verstehe sich auf leise und subtile Töne. Ab und zu lässt er die Härte des Lebens in die Beschreibung hereinbrechen. Aber wie ein guter Maler stelle er die Wirklichkeit nicht so dar, wie sie ist, sondern komponiere auch die Reportagen. Das Leben selbst sei ihm eher langweilig, erst die Kunst macht es interessant.
Ich sträubte mich erst gegen solche Gedanken. Eichler neigt oft zu Übertreibungen. Aber auf der Heimfahrt, im Autoradio, sagte Woody Allen, den man wegen seines Geburtstages interviewte: Die Kunst dürfe nicht das Leben abbilden, sondern das Leben solle sich gefälligst an guter Kunst orientieren. Das normale Leben komme ihm leider vor, wie eine schlechte Fernsehserie.

 
 

Foto: Im Erdgeschoss des Rathause sind die neuen Räume der Wolkensteiner Stadtbibliothek

Zu Hause, vor dem Einschlafen las ich nocheinmal die Wolkenstein-Reportage Hahnewalds: Sie endet mit den Sätzen: »Nach dem Abendbrot zog es mich noch einmal aus der Gaststube in das Städtchen. Die Gassen lagen dunkel und still, und die kleinen Häuser kuschelten sich weißlich schimmernd unter hohen Schieferdächern dranhin. Darüber lag der Himmel als nachtblaue Decke von First zu First.
Hoch und dunkel gedrängt stand das Schloss auf der Klippe. Das Mondlicht rieselte durch die Bäume.
Tief unten lag um die Berge gewunden das Tal, von weißen, mondlichtdurchflossenen Nebeln erfüllt. Und die waldbehängten Berge schwebten geheimnisvoll unterm Sternenhimmel.
Die herbstlichen Linden schimmerten nur noch ganz matt – goldene Kuppeln, von der Nacht umflort.
Und dahinter, verhängt und geborgen, schlief das Städtchen. Mit zweitausend und dreihundert Seelen, mit Ackerbauern und Gorlstickern und Feuerwehrmännern und Posamentiererinnen und Amtsrichtern und Knopfmachern und einem Turnverein, schlief als eine arglose, artige Schläferin.« (Edgar Hahnewald)
So endete mein Wolkenstein-Besuch.
Johannes Eichenthal

Information
Edgar Hahnewald: Sächsische Schönheit. Zwischen Kammweg und Mittelsachsen.
Edition Kammweg Bd. 6, Engl. Broschur, 12,4 × 18,6 cm, 96 Seiten.
Mit Linolschnitten von Hans Weiß.
VP 9,50 €.
Mironde-Verlag 2010. ISBN 978-3-937654-41-6

 
 

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Dieses Städtchen muss man lieben
Buchpremiere in der Stadtbibliothek Wolkenstein
 

»Wolkenstein. Dieses Städtchen muß man lieben, wenn man es kennen lernt. Hoch oben über der rauschenden Zschopau hängt es hart am Hange wie ein behagliches Nest. Kommt man im Tale daher, so guckt gerade nur die weiße, mollige Kirche aus einer Krause blauer Dächer über den wolkigen Laubmantel der Berge hinweg. Und das alte Schloss horstet beinahe waghalsig auf der schroffen Felsklippe. Aber dass es da Felsklippen gibt, wird man auch erst gewahr, wenn man über Treppchen und Zickzackwege und Steinplatten, an tiefklaffenden Schründen vorbei den Waldhang hinaufsteigt – von unten gesehen guckt auch das Schloss nur halb aus dem Laubgebausch heraus.«  (Edgar Hahnewald)

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