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Foto: Petra Hammer (re.), die Leiterin der Kleinen Rathausgalreie, begrüßte Birgit Eichler

Die kleine Rathausgalerie ist hell erleuchtet. An der Decke befestigte Papierfahnen teilen den Raum. Beim näheren Hinsehen erkennen wir den Text des Johannis-Evangeliums. Es sind 18 Blätter. Auf jedem ist ein Buchstabe besonders groß geschrieben. Nacheinander gelesen ergibt sich: Im Anfang war das Wort.
An den Wänden hängen kaligraphisch gestaltetet Blätter mit Texten von Heraklit und Meister Eckhart. Steindrucke und Radierungen sind zu sehen. In einer Vitrine werden Bücher ausgestellt, die von Birgit Eichler gestaltet wurden. Zwei überlebensgroße Drahtplastiken »Tanzende«, die nach Miniaturen von Marianne Brandt als Hommage an die berühmte Chemnitzerin gestaltet wurden, dominieren einen anderen Teil des Raumes.

 
 

Nach einer musikalischen Einstimmung von Michael Fröhlich am Keyboard begrüßte Petra Hammer vom Heimatverein Niederfrohna, die Leiterin der Kleinen Galerie, mit Freude die Gäste, darunter auch Bürgermeister Klaus Kertzscher und mehrere Gemeinderäte. Frau Hammer stellte den Gästen Birgit Eichler vor. Ausführlich erläuterte sie den Gästen einzelne Arbeiten und Techniken.
Michael Fröhlich improvisierte zwischen den Wortbeiträgen. Petra Hammer las einige Aphorismen aus dem mit Kaligraphien versehenen Buch Kloster Aphorismen von Pater Dr. Gabriel K. Lobendanz OCist.

 
 

(Foto von  Heinz Hammer)

Im Anschluss versuchte sich Dr. Andreas Eichler, der Vorsitzende des Heimatvereins Niederfrohna e.V., an der Beantwortung der Frage, warum jemand in der heutigen Zeit Texte aus gedruckten Büchern kunstvoll mit der Hand neu schreibt.
Der Ausstellungstitel »Buch-Zeichen-Schrift« habe die Sprache als sachlichen Zusammenhang im Hintergrund. Sprache fasse er hier weit, als Einheit von Laut-, Symbol- und Schriftsprache.
Die Sprachen alter Völker zeigten noch unverkennbare Spuren der Sinnlichkeit. »Blumig« nennen wir diese mitunter. In der Tat seien Sprache und Sinnlichkeit verbunden, Sprache und Verstand als der innere Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmungen zu verstehen.
Aber Sprache sei noch mehr. Johann Georg Hamann habe einst gegen Kants illusionäre Vorstellung einer »reinen Vernunft« argumentiert, dass es keine Vernunft ohne Sprache geben könne: Vernunft ist Sprache war sein Credo.
Dieser Satz habe Hamann wahrscheinlich den Nobelpreis gekostet, wie Helge Schneider bemerkte. Dennoch treffe Hamann den Sachverhalt nicht umfassend. Johann Gottfried Herder, wir hatten vermutet, dass Eichler diesen Namen ins Spiel bringen würde, habe Sprache als für den Menschen konstitutiv angesehen, habe sie im Großen und Ganzen mit dem griechischen Begriff Poisis, Hervorbringen, Poesie gleich gesetzt. In der Poesie/Sprache kämen bei Herder, so Eichler, neben der Vernunft noch deren Gegensatz, die Religiosität zusammen. In der Poesie gehe es also um das Sagen des Unsagbaren, das Sichtbarmachen des Unsichtbaren, um das hervorbringen des Verborgenen.
Um poetische Texte zu verstehen, sei die Methode der Hermeneutik entwickelt worden. Die Mönche der frühen Klöster hätten diese Methode aus der antiken Kultur in des Mittelalter gerettet. Die Mönche, die alte Texte abschrieben, verstanden in der Regel den Sinn der Texte. Bildhafte Darstellungen, besondere Schriftgestaltung gehörten nach deren Auffassungen zu den alten Texten.
Mit der Erfindung des Buchdruckes sei der Text in einzelne Buchstaben zerlegt worden. Der Zeichencharakter der Buchstaben bedingte deren Doppelcharakter: Träger von Bedeutung und von Sinn zu sein. Die einzelnen Buchstaben haben eine Bedeutung, der Text hat einen Sinn, einen kulturellen Kontext.
Wie sei das zu verstehen?
Hier ging Eichler auf einen der ausgestellten kaligraphischen Texte ein: Die Predigt »Selig sind die Armen im Geiste« von Eckhart von Hochheim, auch Meister Eckhart genannt.
Wer war dieser Autor? Sein genaues Geburtsdatum sei unbekannt. Die Wissenschaft gehe davon aus, dass er 1260 in Tambach, in der Nähe des thüringischen Gotha geboren wurde. Die Wissenschaft habe dieses Jahr seinen 750. Geburtstag begangen.
Eckhart habe in deutscher Sprache gepredigt, aber nicht in Hochdeutsch, sondern in Mittelhochdeutsch.
An dieser Stelle trug Eichler einen Passage aus dem mittelhochdeutschen Text vor.
Wie sehe es mit der Textgrundlage aus? Die sei unsicher. Eckhart habe zwar viele hohe Ämter im Dominikaner-Orden begleitet, sei zwei Mal für ein Jahr Professor in Paris gewesen, wurde aber schließlich von Kölner »Mitbrüdern« der Häresie bezichtigt. Trotz seiner professionellen Verteidigungsstrategie seien einzelne Sätze Eckharts vom Papst verurteilt worden. Eckhart sei wahrscheinlich am 28. Januar 1328 in Avignon, dem Sitz des Papstes, verstorben. Sein Name sei nach der Verurteilung aus allen Dokumenten getilgt worden.
Auf subversive Weise seien Texte und Gedanken von einzelnen Dominikanern wie Johannes Tauler und Heinrich Seuse überliefert worden. Bekannt sei auch eine anonyme Schrift mit Gedanken Eckharts, die den Titel »Theologie deutsch. Anleitung zum rechten Leben.« trägt
Erst die Romantiker hätten im 19. Jahrhundert wieder Texte Eckharts gesucht. Seither habe die Wissenschaft zahlreiche Texte aufgefunden, von denen man annimmt, dass sie von Eckhart stammen.
Eine absolute Sicherheit gäbe es aber nicht.
Wie kam Eckhart zu einer Predigt über die Armen im Geiste?
In Paris wurde 1310 die, heute als Begine bezeichnete, Marguerite Porete als »rückfällige Ketzerin« verurteil und verbrannt,. Sie hatte ein Buch über die Armut im Geiste geschrieben, das schon damals in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.
Einige Wissenschaftler vermuten, dass Eckhart, der zu dieser Zeit in Paris weilte, das Buch kannte. Der Inquisitor, der die Frau verurteilte, lebte im gleichen Kloster, wie Eckhart.
Die Predigt Eckharts entstand vermutlich in seiner Straßbourger Zeit. Dort predigte er in deutscher Sprache vor Beginen. Nach einer Anordnung des Papstes sollte der Orden diese Frauen aufnehmen. Der Erzbischof von Straßbourg ging jedoch restriktiv gegen diese Frauen vor. Eckhart teilte die Ansicht des Erzbischofs nicht. Er wollte mit den Frauen, die in der Regel aus reichen Kaufmannsfamilien kamen und keine Nonnen werden durften, aber nach klösterlichen Prinzipien lebten, d.h. in selbstgewählter Armut, sich von handwerklichen Arbeiten ernährten, die Bibel studierten und das Gebet pflegten, in einen Dialog treten.
Wie können wir »Armut im Geiste« verstehen?
Eckhart bezieht sich auf einen Satz des Evangelisten Matthäus: »Selig sind die Armen im Geiste, den ihnen gehört das Himmelreich.« (Matthäus 5,3)
Eckhart habe zunächst die äußerliche Armut erwähnt. Diese sei lobenswert, aber nicht der Weg zu Gott. Der Weg zu Gott sei ein geistiger. Die geistige Armut sei der Weg zum inneren Frieden.
Hier zitierte Eckhart zunächst die dominikanische Autorität Albert den Großen. Er fügte aber an, dass er geistige Armut noch anders fasse als Albert: Selig sei der Mensch, der nichts wolle, nichts wisse und nichts habe.
Eichler versuchte hier zu erklären, dass es Eckhart mit diesen Formulierungen um so etwas, wie Vorurteilsfreiheit gehe. Wir müssen wieder so werden, wie wir waren, als wir noch nicht waren. Also wie die Kinder. Im Mittelalter habe das Wort »Jungfrau« die Bedeutung eines solchen vorurteilsfreien Menschen gehabt. Eckhart habe in einer anderen Predigt ein Jesus-Zitat erklärt, dass eine Maria Jungfrau und Frau gewesen sei. Für uns Heutige sei das ein Widerspruch. Im Mittelalter habe man aber die Metaphern verstanden. »Frau« habe hier die Bedeutung eines fruchtbaren Menschen, eines tatenreichen, aktiven Menschen gehabt. Jungfrau und Frau seien damals gleichzeitig denkbar gewesen.
Am Ende fasste Eichler noch einmal zusammen: Es liege ein Text von einem Autor vor, dessen genaue Lebensdaten man nicht sicher kenne. Der Text sei im Original in Mittelhochdeutsch verfasst worden, einer Sprache, die heute nur noch von wenigen Wissenschaftlern beherrscht werde. Im Text werden Metaphern gebraucht, die uns heute nur schwer verständlich sind. Es ist zudem nicht völlig sicher, dass der Text von Eckhart stammt.
Wie können wir diesen Text dennoch versuchen zu verstehen?
Die Wissenschaft wende Methoden an, die mit der Kriminalistik vergleichbar seien.
Die Kaligraphie versuche dagegen die sinnliche Dimension des Textes wieder wach zu rufen.
Insofern seien die vorliegenden Arbeiten von Birgit Eichler Versuche, den überlieferten Text wieder von seinen sinnlichen Grundlagen her zu verstehen. Ohne Zweifel werde der Sinn des Textes damit auch verändert. Doch es gäbe kein Bewahren ohne vorsichtiges Verändern.

 
 

Mit Kyrie-Klängen aus dem Keyboard von Michael Fröhlich ging der offizielle Teil der Eröffnung in der Kleinen Rathausgalerie der eingeschneiten Gemeinde Niederfrohna zu Ende. Es stand aber Brot und Wein bereit. Die von Eichlers üblicher langer Rede sichtlich erschöpften Zuhörer, so wie auch meine Wenigkeit, mussten sich daraufhin ausgiebig stärken.
Johannes Eichenthal


Information
Mesister Eckhart: Deutsche Predigten. Eine Auswahl. Mittelhochdeutsch-Neuhochdeutsch. Herausgegeben und übersetzt von Uta Störmer-Caysa. Reclam Verlag. Stuttgart 2001.
ISBN 978-3-15-0181117-1

Die Meister Eckhart Gesellschaft veranstaltete im Mai 2010 in Paris eine Tagung zur Erinnerung an den 750. Geburtstag Meister Eckharts und an den 700. Todestag von Marguerite Porete.
www.meister-eckhart-gesellschaft.de

 
 

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Ausstellungseröffnung in der Kleinen Rathausgalerie von Niederfrohna
 

Schnee und Schneeverwehungen prägten den 9. Dezember. Dennoch bewegten sich an diesem Abend Menschen aus ihren warmen Wohnungen. Die kleine Rathausgalerie in Niederfrohna war ihr Ziel. Doch es war nicht einfach, dahin zu gelangen.Wegen eines Wohnungsbrandes war die Hauptstraße zeitweise gesperrt. Unentwegte versuchten über eine Nebenstraße nach Niederfrohna vorzudringen. Einige schafften es, indem sie ihre Autos gemeinsam aus den Schneeverwehungen schoben. Andere kehrten entnervt um. Alle waren sie aber, zumindest in Gedanken, bei der Ausstellungseröffnung von Birgit Eichler »Buch-Zeichen-Schrift«.

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