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Idylle pur ist der erste Eindruck. Sonnendurchflutete hohe Baumkronen inmitten eines grünen Teppichs, durch das nur zurückhaltend die einzelnen Grabsteine hindurchdringen. Die Natur scheint hier – mitten in der Großstadt unweit der Otto-Wagner-Stadtbahnbögen – die Oberhand zurück gewonnen zu haben.

Der jüdische Friedhof ist der letzte verbleibende Teil des Währinger Friedhofs. Der vormals angrenzende christliche Friedhof ist heutzutage in einen öffentlichen Park verwandelt worden. Ursache dafür ist zum Einen der glückliche Umstand, dass die jüdischen Friedhöfe in Wien weitgehend unbeschadet die NS-Zeit überstanden haben und zum Anderen das nach dem jüdischen Glauben das Grab nur dem Toten gehört – es ist sozusagen seine letzte Immobilie, die er zu Lebzeiten erwirbt und für die er zeitlebens einzahlt, so dass sie über seinen Tod hinaus erhalten bleibt und gepflegt wird.

Die monetären Rücklagen für die Erhaltung des Friedhofs wurden nach dem 2.Weltkrieg nicht restituiert. Die israelitische Kultusgemeinde, die Besitzerin des Friedhofs, ist somit auf die Unterstützung Dritter angewiesen um ihrer Aufgaben gerecht zu werden.

 
 

Im Rahmen der zweistündigen Führung lässt die Historikerin Tina Walzer die hier Begrabenen durch ihre interessanten Biographien, prominenten Nachfahren und enge Verwobenheit mit den Anfängen Österreichs wieder lebendig werden. Wie zum Beispiel die Familie des bekannten Unternehmers Epstein, Mitbegründer der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn und Erbauer des gleichnamigen Ringstraßenpalais. Auch viele Vorfahren berühmter Schriftsteller, Forscher, Künstler, etc. die finanziellen Grundstein für das Schaffen ihrer Nachfahren gelegt haben sind hier anzutreffen, wie der Großvater des Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal der unter anderdem die Salzburger Festspiele mitbegründet hat. Auch Fanny von Arnsteins Grab findet man vor, sie setzte wichtige Impulse in der Wiener Gesellschaft. Siegfried Wilhelm Wertheimer, einer der „tolerierten“ Juden – eine Bezeichnung die aus der k.u.k.-Zeit Österreichs stammt und eine Art Aufenthaltsgenehmigung war, die für die gesamte Familie galt. Diese umfasst teilweise bis zu 200 Familienmitglieder.

 
 

Begibt man sich nun weiter zum neueren Teil des Friedhofs verändert sich die skulpturale Sprache der Grabsteine. Der hier zu verzeichnende orientalische Einfluss weist auf die Gruppe der sephardischen Juden, die nach dem Frieden von Passarowitz als osmanische Untertanen zwischen den beiden Reichen frei verkehren konnten. Daraus entwickelte sich die besondere Stellung Wiens zum Orient.

 
 

Ein großer Teil des neueren Friedhofs ist durch Zerstörungen gezeichnet. So wurde hier im zweiten Weltkrieg ein Löschteich angelegt, bei dem weit über tausend Gräber zerstört wurden. Der Bereich des Löschteiches wurde für die Unterstützung der Stadt bei der Schaffung von Schul-, Sozial- und Pflegeanstalten eingetauscht. Die Stadt Wien verpflichtete sich damals den Grund, zur Wahrung der jüdischen Gesetze, als Grünland zu widmen. Heute erblickt man dort den sanierten Arthur-Schnitzler-Hof der im Jahre 1959 als Gemeindebau errichtet wurde.

Autoren/ Fotos: Genoveva, Carl Gustavsson

www.waehringer-friedhof.at


 
 

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Walzer im Grünen
Zur Führung auf dem Währinger Friedhof
 

Sonntagmorgen. Die Straßenbahn 37 der Wiener Linien führt uns durch die noch verschlafene Stadt nach Norden in den 19. Bezirk. Noch wenige Gehminuten und wir erreichen die Friedhofsmauer des Währinger Friedhofs. Nicht gerade einladend wirken die in den Mauerabschluss eingelassenen Glasscherben und der darüberverlaufende zweireihige Stacheldraht. Ebenso wirkt das Eingangstor, vollständig aus Holz, dass keine neugierigen Blicke durchdringen lässt.

Wir unterschreiben einen Haftungsausschluss und treten ein. Eine unerwartet große Gruppe von Interessenten hat sich bereits versammelt und lauschen den Worten der Historikerin Tina Walzer – im Gegensatz zur Politik scheint sich die Bevölkerung außerordentlich für diesen vernachlässigten Ort zu interessieren.
(siehe: 'Jüdischer Friedhof: "Heiße Kartoffel im Kreis geschoben" im Standard' vom 16.03.2007 - link)

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