Skepsis und Hoffnung
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SKEPSIS UND HOFFNUNG

Im Jahre 1990, nach dem Ende des Kalten Krieges, hatten viele Menschen die Hoffnung, dass nun endlich eine friedliche Entwicklung der Menschheit möglich sein werde. Doch bereits ab 1991 wurden neue Kriege geführt und 60 Millionen Flüchtlinge suchten eine Heimat. Seither ergaben sich immer neue Umbrüche. Nichts bleibt dem Anschein nach in unserer Welt wie es war. Unser Autor Johannes Eichenthal versucht dem interessierten Leser Anregungen für die selbstständige Orientierung zu geben.

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1. Nachdem Oswald Spengler (1880–1936) im Jahre 1918 den ersten Band seines Bestsellers „Der Untergang des Abendlandes“ veröffentlichte, musste er gegenüber seinen Lesern betonen, dass sich dieser „Untergang“ nicht wie bei der „Titanic“ abspielen, sondern, dass er historische Gesetze entdeckt habe, nach denen sich der Prozess über 300 Jahre erstrecken werde. 

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2. Die große Historikerin, Literatin und Philosophin Ricarda Huch (1864–1947) veröffentlichte 1922 ein Buch mit dem Titel „Entpersönlichung“ gegen die fatalistischen Vorstellungen Spenglers, ohne dessen Namen nur einmal zu erwähnen. Huch kritisierte die Methode Spenglers. Auch sie konstatierte jedoch, dass Europa von wachsender Entpersönlichung und Verantwortungslosigkeit betroffen ist. Als Ursache machte sie die europäische Naturwissenschaft aus: Francis Bacon war nach ihren Worten derjenige, welcher die Wissenschaft auf rein quantifizierende Verfahren reduzierte. Diese Wissenschaft sei zur Beherrschung der Natur und anderer Kulturen instrumentalisiert worden und erwecke den Eindruck, dass Natur etwas „neben unserem Leben“ sei. Diese Art von Simulation von Wirklichkeit ist für Ricarda Huch die Ursache der wachsenden Entpersönlichung und Verantwortungslosigkeit. Als Beispiel führte sie den verflossenen Kaiser Wilhelm II. an. Selbst wenn dieser als Politiker wirklich einmal eine Entscheidung aus eigenem Ermessen getroffen habe, dann sei diese dadurch entwertet worden, dass er für deren Folgen nicht verantwortlich gemacht wurde. Unsere Zukunft hängt für Ricarda Huch davon ab, ob wir uns für Selbstbestimmung, Selbstständigkeit und Selbstverwaltung entscheiden.

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3. Der Techniker, Manager, Maler, Musiker, Außenpolitiker, Verhandlungsstratege und große Philosoph Walther Rathenau (1867–1922), der „Leibniz des 20. Jahrhunderts“, hatte am zweiten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges ein Buchmanuskript fertiggestellt, um die Diskussion über die Aufgaben der Nachkriegszeit anzuregen. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung, so Rathenau, müsse der Ressourcenverbrauch der Industrieländer spürbar gesenkt werden. Ein Drittel der Produktion sei überflüssig (Luxus, Kitsch, Ramsch, Rüstungsschrott). Zudem sei die mehrfache Ausbeutung eines großen Teils der Weltbevölkerung nicht länger vertretbar. Mit einem Drittel der bisherigen Kriegskosten hätte man die europäischen Staaten zukunftsfähig machen und die Ursachen des Hungers beseitigen können. Diese Ressourcen-, Energie- und Arbeitskraft-Verschwendung habe sich die Menschheit noch nie leisten können, ab jetzt jedoch könne sie es sich überhaupt nicht mehr leisten. Der Ausgang des Krieges werde mit einer Verarmung weiter Teile der Bevölkerung und einer Umverteilung des Vermögens verbunden sein. Die europäischen Staaten werden zu „Bettlern“. 

In seiner Rede zur abschließenden Vollversammlung der Konferenz von Genua, am 19. Mai 1922, forderte Rathenau, dass die schwer rückzahlbaren Kriegsschulden, die alle europäischen Staaten – Sieger und Verlierer – beim Gläubiger USA aufnehmen mussten, zu Gunsten eines gemeinsamen Wiederaufbaus Europa, „geopfert“ werden sollten. Die Schulden blieben jedoch bestehen und wurden zu einer schweren Bürde (Michael Hudson: Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus. Klett-Cotta-Verlag. Stuttgart 2017).

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4. Rathenaus Analyse zeigte, dass sich die große Industrie mit „Vernunft“ verbunden hat, die gesamte Menschheit zwangsweise zu einer Art Maschine zusammenfügt und das menschliche Leben mit der Forderung nach Effizienz durchdringt. Diesen Prozess nannte Rathenau „Mechanisierung“. Ursache sei einerseits die wachsende Weltbevölkerung. Andererseits sei die Mechanisierung eine notwendige Folge des menschlichen Arbeitsprozesses: „ein Zusammenschluss der Welt zu einer unbewussten Zwangsassoziation, zu einer lückenlosen Gemeinschaft der Produktion und Wirtschaft“ (VKD, S. 35). „Ein Blendwerk äußerer Freiheiten verdeckt die tatsächlichen Abhängigkeiten“ (S. 43). „Trotz ihres höchst rationalen und kasuistischen Aufbau ist Mechanisierung ein unwillkürlicher Prozess, ein dumpfer Naturvorgang, der unter dem Deckmantel und der Maske der Zivilisation auf primitive Menschheitszustände hinstrebt“ (VKD, S 46 f.). Wenn der Mensch keine Gegenkraft entwickelt, dann wird er von der Mechanisierung versklavt. Aber gegen diese materielle Gewalt helfen keine materiellen Mittel. Die Menschen sollten ihre Seelenkräfte stärken, um nicht versklavt zu werden. Rathenau hob hervor, dass man auch mit einem mäßigen Wohlstand menschenwürdig leben könne, wenn man über Seelenstärke verfüge. 

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5. Es war der legendäre Verleger Samuel Fischer, der den Buchtitel festlegte: „Von kommenden Dingen“. Rathenaus Hauptwerk (VKD) ist als Einzelausgabe oder als Band 3 der im S. Fischer-Verlag erschienenen „Gesammelten Werke in fünf Bänden“ zur Lektüre zu empfehlen. Das Buch ist antiquarisch verfügbar.

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6. Rathenaus Buch erschien im Februar 1917 im S. Fischer-Verlag in Berlin. Zur gleichen Zeit, im Februar 1917, erfolgte ein Aufstand im russischen St. Peterburg. Dieser läutete nicht nur in Russland das Ende des Ersten Weltkrieges ein, zu dem die Europäer bis dahin nicht fähig waren, sondern war selbst Teil der Bewegung der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas zur Überwindung der Kolonialherrschaft. 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, versuchten einige Ex-Kolonialmächte erneut Anspruch auf ihre früheren Kolonien zu erheben, doch das Streben nach nationaler Selbstbestimmung war nicht mehr aufzuhalten. Es entstand eine Gegenbewegung, die im Jahr 1960 kulminierte und 1990 nicht mehr zu übersehen war. 

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7. 1993 konstatierte der große konservative Politikwissenschaftler, Harvard-Professor, Institutsdirektor und Sicherheitsberater mehrerer Präsidenten Samuel P. Huntington (1927–2008) in einem Zeitschriftenartikel mit dem Titel „The Clash of Zivilisations“ (In: Foreighn Affairs 3/1993), dass der Westen mit seiner Politik-Strategie den Kalten Krieg gewonnen habe. Wenn man aber die einst erfolgreiche Politik, die darauf zielte, die westliche Kultur weltweit auszudehnen, weiter betreibe, dann werde das unter den veränderten Bedingungen scheitern. Die Anwendung militärischer Mittel zu diesem Zweck werde die Erfolglosigkeit noch potenzieren. Die westliche Kultur sei einzigartig, eine Besonderheit, jedoch nicht die Universalkultur. Nach dem Ende des „Zeitalters der Ideologien“ wolle die Mehrheit der Menschheit wieder den eigenen regionalen Kulturen und Religionen folgen. Die Kraft dieser Mehrheit nehme beständig zu. Die „Waage der Macht“ neige sich deshalb zu Ungunsten des Westens, selbst wenn dieser keine Fehler mehr machen würde. Ein „Weiter so!“ führe jedoch in die Katastrophe. Noch sei Zeit zu Verhandlungen. Huntington hatte betont, dass er nur von politikwissenschaftlichem Standpunkt auf die Probleme aufmerksam machen könne, dass er kein Historiker oder Ethnologe sei. Dennoch besteht ein Verdienst Huntingtons darin, dass er „Kultur“ wieder zum Gegenstand der Politikwissenschaft machte. Huntingtons Buch „The Clash of Zivilisations“ (deutsche Ausgabe: Der Kampf der Kulturen. Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München/Wien 1996) war eine konservative Kritik der Ideologie des sogenannten „Neokonservatismus“. Die US-Administration ignorierte Huntingtons Vorschläge und folgte dem „Weiter-so-Konzept“ des Neocons Zbigniew Brzezynski (Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategien der Vorherrschaft. Frankfurt/Main 1998).

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8. Huntingtons Buch wurde von westdeutschen Rezensenten stark beachtet, doch es gab keine wirkliche Debatte darüber (Ulrich Menzel: Globalisierung versus Fragmentierung. Frankfurt 1998). Die absolute Mehrheit der Rezensenten warf Huntington vor, dass er die westliche Kultur nicht als die „Universalkultur“, das „Allgemeine an sich“, begreife. In ihrer Mehrheit versuchten die Rezensenten nicht, Huntingtons Argumentation zu verstehen oder zu widerlegen. Man unterstellte ihm eine schlechte „Gesinnung“. So setzte man ihn u.a. mit „Hitler“ gleich. Er wurde als „Abweichler“ vom „einzig wahren Glauben“, als „Kulturrelativist“ gebranntmarkt. Aber das Allgemeine kann nicht „an sich“, nicht „rein“ existieren. Das Allgemeine existiert nur als innerer Zusammenhang des Besonderen.

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9. Mit der Stigmatisierung „Kulturrelativist“ wurde 1911 erstmals der deutsche Auswanderer und Ethnologie-Professor an der Columbia-Universität Franz Boas (1858–1942) markiert. Er hatte ethnologische Forschungen mit Herders Geschichts- und Sprachtheorie verbunden. In seinem Buch „The Mind of primitiv Man“ von 1911 (deutsch 1914) entzauberte er die herrschenden Rassenvorurteile und stellte fest, dass es die eine Stufenfolge der Kultur, die die Europäer angeblich als erste absolviert hätten, nicht gibt. Von verschiedenen Ausgangspunkten, auf verschiedenen Wegen, sind ähnliche Ergebnisse möglich. Alle Kulturen besitzen einen Selbstwert. In ihrer Besonderheit sind alle Kulturen vergleichbar. (Die deutsche Übersetzung des Buches wurde 1933 in Berlin, gemeinsam mit Büchern anderer herausragender Autoren, öffentlich verbrannt.)

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10. Nur einzelne westdeutsche Rezensenten, wie z.B. Wolf Lepenies oder Henning Ritter, bewahrten die wissenschaftlichen Standards, die für eine Debattenkultur unverzichtbar sind. Nachdem Ritter Huntingtons Vorschlag eines künftigen Verbotes der Intervention in anderen Kulturen hervorhob, fügte er an: „Positiv gewendet enthält dies [Verbot] die Aufforderung an die westliche Gesellschaft, sich als Kultur ‚zu erneuern‘, wie es die anderen Kulturen im Widerstand gegen den Westen schon erfolgreich begonnen haben.“ (Henning Ritter: Amerikas Spengler? In: FAZ vom 18.4.1997, S. 41) Zuvor hatte Ritter auf die eigentliche Motivation Huntingtons verwiesen: die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt der USA. In den multikulturellen Zentren der USA und des Westens, so Ritter, werde Huntingtons Prognose bestätigt: „Dort erlebt man zwar nicht täglich den Zusammenprall der Kulturen, wohl aber deren Desintegration. Vor allem die Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Jahren Zeuge geworden für die nachlassende Integrationskraft der europäisch-amerikanischen Zivilisation und ihres Universalismus. Wie soll das, so fragen sich viele Amerikaner, was im eigenen Lande nicht gelingt, global von Erfolg gekrönt sein?“ (Ebenda)

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11. Einer der wenigen ostdeutschen Rezensenten Huntingtons war damals Andreas Eichler (Der Streit der Kulturen. In: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie. Felix Meiner-Verlag. Hamburg 2004). Eichler verwies darauf, dass die Übersetzung des Buchtitel „Clash of Zivilisations“ mit „Kampf der Kulturen“ durch den Verlag den Sinn des Originaltitels entstellt habe. „Clash“ bedeute „Zusammenprall“. Eichler erinnerte daran, dass Huntington Vorlesungen des französischen Historikers Fernand Braudel (1902–1985) gehört habe. Braudel war ein Vertreter der französischen Annales-Schule, die sich besonders mit dem Phänomen der langen Dauer, der langen Wellen befasste. In seinem dreibändigem Hauptwerk „Civilisation matérielle, économie et capitalisme“ (deutsche Ausgabe: „Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts“) verwendete Braudel den Ausdruck „Zusammenprall der Kulturen“ und überschrieb sogar ein Kapitel zum Vordringen der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent mit „Zusammenprall der Kulturen“.

Für Eichler war Huntingtons interessanter Ansatz eher als eine Anregung zum Weiterdenken gedacht, denn einer erschöpfenden Erklärung.

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12. Eichler verwies in seinem Versuch des Weiterdenkens auf das Phänomen der „langen Wellen“ oder „Kondratjeff-Zyklen“. Der russische Mathematiker Nikolai Kondratjeff (1892–1938) hatte in den 1920er Jahren einen Artikel mit dem Titel „Strittige Fragen der Weltwirtschaft und der Krise“ veröffentlicht. Dabei hatte er darauf aufmerksam gemacht, dass in Europa aller 50–60 Jahre eine gravierende Umwälzung stattfand. Tatsächlich kann man diese Zyklen seit dem 18. Jahrhundert nachweisen: 1765/75, 1820/30, 1865/75, 1920/30, 1965/75. Diese Zahlen widersprechen allen üblichen politischen und historischen Zäsuren. Für die Wirtschaftswissenschaft war von Anfang an klar, dass es sich nur um Zyklen der Produktivität oder Innovation handeln könne. Man begann die Zyklen zu nummerieren und als „Innovationsschübe“ zu verstehen. Andreas Eichler stellte dagegen einen Zusammenhang zwischen Kondratjeff und der Generationen-Theorie des Soziologen Karl Mannheim (1883–1947) her. (Das Problem der Generationen. Kölner Vierteljahresschrift für Soziologie. 1928) Mit dem Generationen-Begriff erschloss er den Zugang zur Tätigkeit der Träger wesentlicher sozialer Verhältnisse. Eichler vermutete, dass es sich bei den Zyklen um die Aufeinanderfolge der Führungstätigkeit dreier Generationen handelt. Er ging davon aus, dass eine Pioniergeneration am Anfang steht und dass die aktive Führungstätigkeit einer Generation etwa 20 Jahre betrage. In der Aufeinanderfolge von drei Generationen, mit ihrer spezifischen Motivationsstruktur, kommen die Zyklen von etwa 60 Jahren zustande. 

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13. Der Zusammenhang der Generationenfolge ist über Jahrhunderte bekannt, nicht nur im sogenannten „chinesischen Horoskop“. Ein altes deutsches Sprichwort besagt: die erste Generation baut auf, die zweite verwaltet und die dritte stellt alles wieder auf den Kopf. 

2020/30 befinden wir uns in einem entscheidenden Generationen-Übergang. Es geht ein großer Zyklus zu Ende. Die „dritte Generation“ stellt gerade alle Errungenschaften ihrer Vorgänger auf den Kopf. Gleichzeitig beginnt aber ein neuer Zyklus. Die Natur hat es mit dem Generationen-Zyklus so eingerichtet, dass Bewahren und Erneuern in eine Form gebracht werden. Mit dem Ende des Zyklus entsteht auch die Möglichkeit der Befreiung von belastenden Traditionen und eines Neuanfangs, wenn sich eine neue Pionier-Generation findet und dazu entscheiden kann. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass die neue Generation die Entscheidung der „KI“ überlassen möchte. 

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14. Das vorweggenommene Ergebnis des derzeitigen welthistorischen Übergangs wird oft „multipolare Welt“ genannt. Aber eine „multipolare Welt“ ist eigentlich keine polare Welt mehr, sie ist eine „nichtpolare Welt“ (Hans Jürgen Wendler). Dieser Übergang könnte ein Ende der Blockkonfrontationen bringen. Aber jeder welthistorische Übergang birgt Chancen und Gefahren. 

Heute besteht eine Gefahr darin, dass der Effizienzdruck zur neoliberal motivierten Beschränkung auf „kurzfristig lukratives Wissen“ die Weitergabe existenziell-notwendigen Wissens gefährdet. Ähnlich der Aussonderung und Vernichtung „nicht häufig ausgeliehener Bücher“ in öffentlichen Bibliotheken, wird dem Anschein nach das „nicht-systemrelevante Wissen“ selektiert. Dazu kommt, dass der Wissenschaftsbetrieb über alle Maßen spezialisiert ist (45.000 Studienrichtungen in Deutschland) und mit bloß quantifizierenden Verfahren arbeitet, welche nur Folgerichtigkeit und Wahrscheinlichkeiten erfassen können, keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Gravierende Wissens-Verluste sind angesichts dieser strukturellen Voraussetzungen im weltweiten Umbruch bereits zu verzeichnen.

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15. Gibt es Alternativen? Hier sei an den Ausgang der Antike erinnert. Die Völkerwanderung und christliche Bilderstürmer bedrohten die Weitergabe antiker Kultur durch Bibliothekszerstörungen u.a. In dieser Situation entstanden christliche Orden, die Netzwerke von Klöstern anlegten. Nicht die großen antiken Städte, sondern das Land war der Bereich dieser dezentralen Klostergründungen. Die Klöster existierten wirtschaftlich selbstständig, verfügten über eine Bibliothek, schrieben Bücher und produzierten deren Materialien selbst. Die Mönche leisteten körperliche Arbeit, geistige Arbeit und Seelsorge. Wenn ein Kloster z.B. durch Kriegseinwirkung beschädigt wurde, dann halfen die anderen beim Wiederaufbau. Mit dieser dezentralen Struktur gelang den Benediktinern und Zisterziensern die Überführung, Neuanwendung und Weiterentwicklung existenziell notwendigen antiken Wissens, z. Bsp. in der Landwirtschaft, im Obst- und Gartenbau.

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16. Der welthistorische Übergang zu einer nichtpolaren Welt muss mit der Wiedereinordnung der Menschheit in den Naturkreislauf verbunden werden. Die Frage ist, wie unter diesen Bedingungen existenzielles Wissen bewahrt, angewendet und weiterentwickelt werden kann. Wie kann man heute, in Anlehnung an das Kloster-Modell, dezentrale wirtschaftliche Selbstständigkeit und regenerativen Garten- und Landbau mit einer sicheren Forschungsbibliothek traditioneller Bücher zusammenführen? Wie kann man mittels praktischer und theoretischer Forschung neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wiedereinordnung in den Naturkreislauf gewinnen? Vielleicht ist der „Gärtnerhof“ die zeitgemäße Form für diese Pionieraufgabe, die vor 1200 Jahren die Klöster erfüllten? Johann Gottfried Herder verwies aus biblischer Sicht darauf, dass der „Garten“ älter als das Feld ist. „Garten“ hat bei Herder auch eine metaphorische Bedeutung. Spätesten seit der Romantik ist klar, dass die Intellektuellen auf dem Land leben. In der Stadt ist das blaue Band nicht zu finden. Aber die Intellektuellen müssen, wie Richard Sennett (geb. 1943) vor Jahren schrieb, ein Handwerk erlernen, um ihrem Denken ein Fundament zu geben. So können Resonanzkreise entstehen, ähnlich den Kloster-Netzwerken. 

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17. Walther Rathenau war selbst Teil jener Schicht gewesen, deren Leben auf „finanzielle Effizienz um der Effizienz Willen“ beschränkt ist und die von Börsenkurskurven träumt. Zeitweise war er Mitglied von mehr als 100 Aufsichtsräten gewesen. Aber mit seinem Abschied von der operativen Führung der AEG, der einflusslose Posten „AEG-Präsident“ war als „Abfindung“ gedacht, gewann er 1915 endgültig einen neuen Zugang zum Leben. Weder die Wohlfühlkirchen, noch der Marx’sche Sozialismus und erst recht nicht die akademische Intellektualphilosophie können uns, so Rathenau 1917, helfen. Es bedarf anderer Wege. Rathenau verwies deshalb auf den Ausdruck „schauendes Leben“. Die Formulierung geht auf den großen Philosophen und Theologen Meister Eckhart (1260–1328) zurück und meint die Verbindung eines aktiven Lebens mit Meditation. Den Hinweis auf Eckhart erhielt Rathenau dem Anschein nach von Gustav Landauer (1870–1919), mit dem er auch im Briefwechsel stand. Landauer hatte 1903 eine Auswahl mitteldeutscher Predigten Eckharts in neuhochdeutscher Sprache herausgegeben. Er führte den Leser mit seiner Übersetzung auf so furiose Weise in die Denkwelt Eckharts ein, dass man nur begeistert sein konnte, auch wenn er dabei akademisch-philologische Regeln verletzte.

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18. An erster Stelle der ausgewählten Texte finden wir bei Landauer eine Predigt mit der Überschrift „Vom Schweigen“ (Meister Eckharts mystische Schriften, 2. Auflage, Karl Schnabel-Verlag, Berlin 1920, S. 13. In der ME-Werkregistratur hat diese „Weihnachtspredigt“ die Nummer 57). Eckhart predigte vor Mitbrüdern, aber auch vor Laien, Beginen und Begarden: „Wir begehen hier in der Zeit das Fest der ewigen Geburt, die Gott der Vater geboren hat und ohne Unterlaß in Ewigkeit gebiert, und feiern, daß diese Geburt jetzt in der Zeit und in der Menschennatur geboren ist. Der heilige Augustin sagt, diese Geburt geschehe immer. So sie aber nicht in mir geschieht, was hilft es mich dann? Denn daß sie in mir geschehe, daran liegt alles.“

Wie ist diese ewige Geburt des Göttlichen in uns möglich? „Wir haben ein Wort des Weisen: ‹Da alle Dinge mitten in einem Schweigen waren, da kam in mich von oben hernieder von dem königlichen Stuhle ein verborgenes Wort.›“

Eckhart ging davon aus, dass die Geburt des Göttlichen im Menschen „ohne Unterlaß“ vor sich geht. Die Erinnerung an die Geburt Jesu ist aus dieser Sicht ein Ritual, das uns immer wieder an die Möglichkeit erinnert. Eckhart nennt die Voraussetzung für die Aufnahme der Göttlichkeit: Abgeschiedenheit, Stille, Schweigen.

Als Ort der Begegnung des Göttlichen mit der menschlichen Natur nannte er den „Seelengrund“, zu dem keine Kreatur und kein Sinneseindruck einen Zugang besitzen, nur das Wort.

Zudem erinnert Eckhart immer wieder daran, dass die Fähigkeit zum Empfang des göttlichen Wortes der beständigen Übung bedarf. Hinter den Ausdrücken „Schau“ und „Kontemplation“ verbirgt sich die Technik der Meditation, des konzentrierten Gebetes. Dabei geht es nicht um Wünsche des Menschen. Meditation ist unsere vorurteilslose Öffnung, konzentrierte Passivität, Zugang zum Ganzen, zum Kosmos, zu Gott. In der Passivität, hier zitiert Eckhart Thomas von Aquin, sind wir vollkommener, als in der Aktivität.

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19. Eckhart übte zeitlebens hohe Funktionen in seinem Orden aus. Er war Prior des Erfurter Klosters, Vicarius von Thüringen, Ordensprovinzial für Sachsen und Generalvikar für Böhmen. Grundstückskäufe und Personalentscheidungen gehörten zu seinen täglichen Aufgaben. Er war zum Studium in Köln und Paris. Zweimal ging er danach für ein Jahr als Professor an die Pariser Universität und diskutierte mit den besten Theologen und Philosophen seiner Zeit. Alle Reisen legte er zu Fuß zurück. Er lebte ein sehr aktives Leben. Zugleich vermochte er mit Meditation den Gegensatz zur Aktivität bewusst zu setzen. Die Vereinigung der Gegensätze war für ihn das „schauende Leben“. 

Eckhart wurde nicht müde zu betonen, dass weder häufige Kirchenbesuche, noch Spenden oder Selbstkasteiungen den Zugang zu Gott herstellen könnten. Der Weg zu Gott ist ein geistiger. Der Ausdruck „Gelassenheit“ bedeutete für Eckhart nicht „Coolness“, sondern das Fallenlassen aller Dinge, die uns an einem menschlichen Leben hindern: Selbstzufriedenheit, Eitelkeit und Anmaßung.

Eckhart vermochte in einer Zeit des ruinösen Machtkampfes zwischen Kaisertum und Vatikan, der Erosion der politischen Strukturen, den einzelnen Menschen die Voraussetzungen und die Techniken des individuellen Zugangs zu Gott nahe zu bringen, um Auswege aus der äußeren Krise zu finden. Dieses Verständnis von Religiösität praktizierte Eckhart zweihundert Jahre vor der Reformation.

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20. Walther Rathenau praktizierte die Idee des „schauenden Lebens“: „All unser Tun hat etwas Seherisches, denn jeder Schritt trägt in die Zukunft. Glauben wir aber an das Vorausschauende im Menschen, so laßt uns recht daran glauben. Schließen wir uns im guten Willen zusammen, so wird dem gemeinsamen Schauen das Trügerische zerrinnen, das Rechte sich verklären; Bedingung ist, daß der Fuß nie den Boden, das Auge die Gestirne nie verliere“ (VKD, S. 27). In Auseinandersetzung mit der vulgärmaterialistischen Auffassung, dass der Mensch allein ein Produkt der „Umwelt“ sei, plädiert Rathenau für das Primat des Geistes: „Glauben wir aber, daß der Geist sich seinen Körper formt, daß der Wille nach oben die Welt emporträgt, daß der Funke der Gottheit in uns lebt: dann ist der Mensch sein eigenes Werk, dann ist sein Schicksal sein eigens Werk, dann ist die Welt sein eigenes Werk“ (VKD, S. 57 f. ). Er stellt die rhetorische Frage: „Warum sollen wir Formen und Güter des Lebens achten und pflegen, wenn nicht sie, sondern Stille und Betrachtung das höchste schaffen?“ Und plädiert für die Verbindung von aktivem und passivem Leben: „Das irdische Leben bedeutet die Formation und Waffe, die dem Geiste verliehen ist, darin er um sein Recht, Dasein und Künftiges kämpfen soll; ist er tauglich zum unsichtbaren Kampf, so soll er auch zum sichtbaren Kampf tauglich sein. Das edle Geschöpf schafft sich Schönheit, das gesunde schafft sich Glück, das starke Macht, nicht um dieser Güter selbst willen, sondern als irdisches Kleid seines geistigen Daseins; nicht strebend und gierend, sondern selbstlos und selbstverständlich“ (VKD, S. 58).

Johann Gottfried Herder hatte bereits darauf verwiesen, dass der Mensch über sich hinausgehen müsse, um Mensch zu werden. Rathenau führt diesen Gedanken weiter: „Der Einzelmensch ist Endzweck; in ihm endet die Reihe der sichtbaren Schöpfung und beginnt die Reihe der Seele; ist in ihm die Seelenkraft erwacht, so bedarf er nicht mehr der irdischen Vorzüge und Vorteile“ (VKD, S. 59).

Seine Methode skizziert Rathenau nur. Im Kern geht es ihm darum, „… die Zukunft im eigenen Geist entstehen zu lassen. Ihre Wirkungsweise ist reale Phantastik, Entschlußkraft, Wagemut und jene Verbindung von Skepsis und Optimismus, die auf einfache Naturen sinnlos und widerwärtig wirkt …“ (VKD, S. 348).

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21. Bereits 1917 hob Walther Rathenau in seinem Hauptwerk hervor, dass alle Menschen auf der Erde voneinander abhängig geworden sind, dass Politik und Wirtschaft diese tatsächliche Vergesellschaftung endlich anerkennen müssen. Aber heute ist es immer noch so, wie zu Rathenaus Zeiten: 20 Prozent der Menschheit verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen (Papst Franziskus: Lautado si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Rom 2015) Franziskus betonte, dass es nicht die eine Umwelt- und die andere Armutskrise, sondern nur die eine Menschheitskrise gibt. Der welthistorische Übergang zu einer nichtpolaren Welt und einer Wiedereinordnung in den Naturkreislauf muss gleichzeitig allen Menschen auf der Erde ermöglichen, an ihrem Geburtsort menschenwürdig zu leben. 

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22. Neal Young schrieb 1989 eine Melodie mit dem Titel „Rockin’ in the Free World“. Gerhard Gundermanns vertonte 1991 diese Melodie neu. Der Text der ersten Strophe von „Alle oder keiner“ lautet: „Ich traf eine Frau / mit’m Kind an der Hand / die hatte kein Haus / und die hatte kein Land / die hatte kein’ Stuhl sich auszuruhn / die hatte kein Bett schlief in ihren Schuh’n / und war kein Mensch mehr / und war noch kein Tier / und wollt doch auch nicht so leben wie wir.“ Der Refrain lautet: „Aber alle oder keiner …“ (Gerhard Gundermann: Das Liederbuch 1. Buschfunk Musikverlag). Gundermann vermochte gegen die Sprachdominanz der Unterhaltungsindustrie eigene Worte und Bilder zu finden. Weil wir in bezeichnender Sprache zu Menschen werden, kommt der sprachlichen Selbstbestimmung entscheidende Bedeutung für unsere geistige Handlungssteuerung zu. Das Wesen unserer Seele ist das Wort. In der Sprache können wir zu uns selbst finden.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Von Johannes Eichenthal erschien im Mironde-Verlag

Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau.

23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche farbige Fotos, Karten und Abbildungen 

VP 29,90 € ISBN 978-3-96063-026-5

https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-2-von-goethe-bis-rathenau

Skepsis und Hoffnung.

14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag

Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell)

VP 12,50 € ISBN 978-3-96063-004-3

https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-skepsis-und-hoffnung

3 thoughts on “SKEPSIS UND HOFFNUNG

  1. Dank an Adreas Eichler für diesen beeindruckenden Text. Man muß ihn mehrmals lesen, um zu verstehen. Nicht nur in der LitteratA sollte er veröffenticht werden. Behalten wir die Hoffnung auf Erkenntnis.

  2. eine Menge an Informationen die so einfach nicht zu verarbeiten sind, aber die Bilder dazwischen zeigen die Ruhe und Schönheit der Natur mit dem Fluss des Wassers als sich ständig bewegendes und veränderndes Element

  3. Der Vorzug des Textes besteht darin, vom eigenen Vorhaben abgelenkt, zu anderen weitgreifenden Gedanken „verleitet“ zu werden. Oder zurückgeführt, zu einstigen Gedankengängen, die von Meister Eckharts beschaulichen Unterweisungen ausgingen, an die gedacht werden kann, wenn man an Siegfried Krepps bronzenem Gedenkportal für Meister Eckehart von 1999 an der Predigerkirche Erfurt sinnend vorbeigeht.
    Ihr Text wird begleitet von schönen Fotos, die von der Quelle zur Mündung führen. Wer hat die Fotos gemacht, und welchen Fluss zeigen sie?

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