ostdeutsche Identität
Reportagen

OSTDEUTSCHE IDENTITÄT?

Die Berliner Zeitung veröffentlichte am 13. Mai einen Artikel von Alexander Capistran mit dem Titel »Gibt es eine ostdeutsche Identität? Ludwig Wittgenstein zweifelt daran.« Der Autor versucht mit Bezug auf den österreichischen Logiker Ludwig Wittgenstein (1889–1951), der wohl daran gezweifelt hätte, nachzuweisen, dass es keine ostdeutsche Identität gibt. Wir möchten zwei Bemerkungen zu diesem interessanten Ansatz machen.

1. Ludwig Wittgenstein beschäftigte sich sein Leben lang mit künstlichen Sprachen, mit formal folgerichtigen Systemen. Von menschlicher Sprache hatte er wenig Kenntnisse. In der formal-folgerichtigen Sprache war Eineindeutigkeit eine Voraussetzung. Fantasie, Synonyme, Homonyme, Metaphern oder gar Humor haben keinen Platz. Sein hier zitiertes Aperçu, dass man über Dinge schweigen sollte, über die man nicht reden kann, meinte formal folgerichtige Kunstsprache. Deshalb antwortete Martin Heidegger darauf: man kann [in echter Sprache] nur über Dinge schweigen, über die man reden kann.

2. Mit seiner Kritik an der »Identität« geht der Autor in die richtige Richtung. Aber Identität im Sinne von Kongruenz, wie sie ausgerechnet Wittgensteins Logik fordert, hat für kulturelle Prozesse keine Relevanz. Der Gebrauch des Wortes kommt aus dem Bereich der Konzernwelt: corporate identity – als »ci« bekannt. Auch die EU begann vor Jahrzehnten für eine »europäische Identität« zu werben. Dagegen entwickelte die französische Annales-Historikerschule in den 1920er Jahren das Konzept der Mentalitätsgeschichte. In deren Sinne gibt es schon eine ostdeutsche Mentalität. Ich würde diese aber auch einbetten in eine mitteldeutsche Mentalität, die sich zwischen 11. und 13. Jahrhundert zwischen Niedersachsen und der Lausitz herausbildete, und die noch heute lebendig ist. Zudem gehört diese Region zu Mitteleuropa, während die alten Bundesländer zu Westeuropa gehören. 

Johannes Eichenthal

Information

ostdeutsche Identität

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

Die LITTERATA – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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