Frieder Bach
Reportagen

WIE CHEMNITZ ZU EINEM »DKW«-MUSEUM KAM

Der 16. Juli war ein schwül-heißer Sommertag. Das Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz hatte zur Premiere eines neuen Buches Frieder Bachs eingeladen. Das Buch trägt den Titel »Wie Chemnitz zu einem Fahrzeugmuseum kam«. Langsam füllte sich am Abend der Parkplatz. Ein Besucher nach dem anderen betrat die kühlen Räume der ehemaligen Hochgarage. Die Journalistin der »Chemnitzer Morgenpost« führte ein Interview mit Frieder Bach. Pressefotografen bereiteten sich sorgfältig auf die Veranstaltung vor. Viele Besucher nutzen die Zeit, um sich nach ihrer Platzreservierung in einem Rundgang durch das Museum einen Überblick zu verschaffen: Diamant-Fahrräder, DKW/MZ-Motorräder, Auto-Union/IFA-Autos demonstrieren die frühere Leistungsfähigkeit der Region. Schließlich waren alle Plätze besetzt.

Frieder Bach

Ludwig Karsch, der Vorsitzende des Fahrzeugmuseums-Fördervereins, begrüßte voller Freude die Gäste und übergab das Wort an Frieder Bach,

Frieder Bach

Der Grandseigneur der DKW/Auto-Union Forschung begann die Vorgeschichte des heutigen Fahrzeugmuseums zu erzählen. Erzählen heißt bei Frieder Bach: eine Anekdote an die andere zu reihen. Wie nebenbei macht er auf Querverbindungen aufmerksam, nennt diesen oder jenen Namen. Ursprünglich hatte er nicht die Absicht ein Museum zu gründen. Neben vielen beruflichen Aufgaben als Kraftfahrzeug-Ingenieur im Barkas-Werk suchte er immer wieder die sportliche Herausforderung. Neben Leistungssport im Turmspringen und Schwimmen war er bekanntlich auch Rettungsschwimmer auf Hiddensee. Später betrieb er intensiven Motorsport. Doch das Schicksal wollte es anders. Eine Woche vor der Deutschen Meisterschaft im Geländesport kehrte Frieder Bach vom Training an der Kupferbergschanze heim. Ein rücksichtsloser Autofahrer wendete vor ihm unangekündigt. Um die Maschine zu retten ließ er sie zur Seite wegrutschen, verletzte jedoch dabei sein linkes Knie. Der behandelnde Arzt war Dr. Finsterbusch (ein Raunen ging bei diesem Namen durch die Chemnitzer Zuhörer). Es blieb längere Zeit ein »geschientes« Bein zurück. Darauf nahm Fieder Bach das Angebot eines Bekannten an, der ihm ein älteres NSU-Motorrad mit Trittbrett für 80 Mark verkaufte. (Dazu gehörte auch ein Ersatzmotor). Von diesem Tag an war Frieder Bach ein »Oldtimersammler«.

Frieder Bach

Wenn man in den »modernen« 1970er Jahren noch ein Motorrad älterer Bauart fuhr, dann fiel man auf: »Du sammelst wohl solche alten Dinger?« – diese Frage bekam Frieder Bach oft zu hören. Nun ging es Schlag auf Schlag. In alten Scheunen, in verfallenen Garagen, auf unzugänglichen Oberböden, unter Schutzplanen in Obstplantagen – überall wurde Frieder Bach fündig. »Ich habe Glück gehabt« – diese Formulierung gebrauchte Frieder Bach immer wieder. So gelang es ihm, mit dem Gehalt eines normalen Ingenieurs, Schritt für Schritt eine Sammlung mit dem Schwerpunkt DKW/Auto-Union aus der Region Chemnitz-Erzgebirge-Zwickau, aufzubauen. Das war nur durch eine Szene von Gleichgesinnten möglich. In den »Fahrzeugspuren in Chemnitz. Band 3« schreibt Frieder Bach am Ende, dass in manchen Kraftfahrzeug-Werkstätten erst nach Feierabend der eigentliche Betrieb einsetzte. Dann wurden Überrollbügel geschweißt, Motorsteuerungen entwickelt und sogar Motorblöcke im Garten gegossen.  Der Ehrgeiz der Kollegen habe darin bestanden, besser zu sein als die großen Firmen. Manchmal, so Frieder Bach, hätten sie es sogar geschafft. Geld spielte in diesen Beziehungen keine Rolle: man tauschte aus und half sich jeweils gegenseitig. Einmal im Jahr traf sich die DKW-Gemeinde in Garitz zum Sommertreffen.

Frieder Bach

Bereits in den 1980er Jahren tauchte Herr Dittrich aus Zwickau bei Frieder Bach auf. Die Sachsenring-Werke waren aus Berlin zur Anlage eines Werksmuseums verpflichtet worden. Dittrich suchte jemanden, der die Fahrzeuge dafür restauriert. Er bestärkte Frieder Bach in dem Vorhaben, das Gewerbe der Oldtimerrestaurierung anzumelden. Der sofort gestellte Antrag wurde auch bewilligt, jedoch erst einige Jahre später, im Frühjahr 1990. Solange brauchte es, damit Frieder Bach seine berufliche Bestimmung finden konnte. Nun wurde auch ein Förderverein möglich und der Aufbau eines Fahrzeugmuseums in den Wirtschaftsgebäuden des Wasserschlosses Klaffenbach. Aber das Schicksal wollte einen anderen Ort. Bei einem Hochwasser fluteten düngemittelbelastete Wassermassen von den Feldern in das Museum und verursachten schwere Schäden. Mit Vermittlung der damaligen Chemnitzer Kulturamtsleiterin Petra Borges wurde der jetzige Standort in der Chemnitzer Hochgarage gefunden. Das Fahrzeugmuseum ist zentrumsnah und gut erreichbar.

Frieder Bach

Die Zuhörer waren beeindruckt von der Erzählung Frieder Bachs. Sie dankten ihm mit Applaus.

Frieder Bach

In einer langen Schlange wartete viele Gäste auf ein persönliches Wort und die Signatur von Frieder Bach.

Frieder Bach

Noch lange wurde an diesem Abend im Fahrzeugmuseum diskutiert. 

Auf der Heimfahrt fragten wir uns, worin die Besonderheit des Chemnitzer Fahrzeugmuseums zu suchen ist. Das Museum strahlt noch echte Werkstattatmosphäre aus. Keine Werbeagentur tauchte hier alles in Schwarz oder stellte Monitore auf. Man kann sich die Exponate in aller Ruhe ansehen. Der Umfang ist gerade groß genug, um von einem normalen Besucher erfasst zu werden. Natürlich wäre mehr Raum für das Museums-Archiv nicht schlecht. Wichtig ist aber, dass dieses Museum von Frieder Bach und anderen DKW-Freunden in Eigeninitiative aufgebaut wurde. Zudem wirkt das Museum als Anreger und Ideenfundus für viele kleine Kraftfahrzeugfirmen in der Region, in denen nach dem »Aus« der Motorradwerke Zschopau das Wissen über Zweitaktmotoren eine Heimat gefunden hat. Mit dem Sammelschwerpunkt DKW/Auto Union musste Frieder Bach in der DDR Widerstände überwinden. Selbst heute gibt es solche noch, nur andere. Aber Frieder Bach und seine Freunde erinnern beharrlich an die strategische Leistung Jörgen Skafte Rasmussen, der  mit der DKW-Gründung und der Serienproduktion in Zschopau einen Strukturwandel in der Region einleitete, der mit dem des Bergbaus vergleichbar ist. Und dann wurde die in der Region erfundene Technik und Technologie in die ganze Welt getragen, wie Frieder Bach am 3. Juli die Lebensleistung Prof. D. Carl Horst Hahns definierte.

Eigentlich ist das Fahrzeugmuseum ein »DKW«-Museum.

Johannes Eichenthal

Information

Fahrzeugmuseum Chemnitz: https://fahrzeugmuseum-chemnitz.de

Das neue Buch Frieder Bachs ist in jeder Buchhandlung bestellbar oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/p/frieder-bach-wie-chemnitz-zu-einem-fahrzeugmuseum-kam

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

Hinweis. Die Funktion »Ausdruck als PDF-Datei« ist im Moment nicht fehlerfrei möglich. Wenn Sie den Artikel ausdrucken möchten, dann markieren sie bitte den Inhalt (Text und Fotos) und fügen diesen in ein Textprogramm ein. Danach können Sie den Artikel ausdrucken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert