Rudolf Zuckermann
Reportagen

MIT DOKTOR SCHWARTZE IM GESPRÄCH

Der Mediziner Dr. Dieter Schwartze veröffentlichte im Mironde-Verlag Einführungen in Leben und Werk des ersten deutschen Kardiologie-Lehrstuhl-Inhabers Prof. Rudolf Zuckermann und des aus Ungarn stammenden Prominentenarztes János Plesch. Clara Schwarzenwald fragte ihn, warum er sich den beiden Kollegen zuwandte und warum er sich im Moment mit Samuel Ritter von Basch beschäftigt.

Rudolf Zuckermann

Sehr geehrter Herr Dr. Schwartze Sie veröffentlichten eine Einführung in Leben und Werk des Kardiologen Prof. Dr. Rudolf Zuckermann. Welches Lebensmoment Zuckermanns gab den Ausschlag, was wollten sie in der Erinnerung besonders hervorheben?

Die Beantwortung dieser Frage ist viel komplizierter als die Fragestellung, denn einen solchen einzelnen Moment gab es nicht. Zunächst war es eine schicksalhafte und folgenreiche Fügung, die mich als Medizinstudenten 1959 mit diesem Mann in Kontakt brachten, der zu dieser Zeit im Bereich der Universitätsklinik Halle/S. eine »mysteriöse« Person war, von der »geraunt« wurde, er sei eine Kapazität für Herzkrankheiten und wäre aus Mexico gekommen. Die Geheimnisse um R. Zuckermann blieben zu DDR-Zeiten weitgehend ungelüftet. Ihm Nahestehende – der Autor fühlt sich dazu gehörend – bekamen nur »homöopathische« Episoden zur Kenntnis. Aber die Tatsache, dass dieser R. Z. 1962 als erster deutscher Arzt einen Lehrstuhl für Kardiologie erhielt, wurde von der deutschen Ärzteschaft nicht zur Kenntnis genommen. Das musste der Autor nach der Veröffentlichung der ersten Zuckermann-Biografie 2010 (100. Geburtstag) durch Zuschriften alt-bundesdeutscher Kardiologen erfahren. Verständlicherweise war es dieser Umstand für den Autor, das abenteuerliche Leben dieses Mannes darzustellen und – wie es sich ergab – auch zu der ihm zustehenden gesamtdeutschen Anerkennung zu verhelfen. Die Details seines Lebenslaufes zu erkunden war erst nach der deutschen Einigung im Universitätsarchiv (mit Sondergenehmigung der Familie Z.) und Zuarbeit von »Kämpfern und Freunden der Spanischen Republik 1936 bis 1939 e. V.« (explizit Dr. Werner Abel) möglich. Der Autor verdankt R. Z. durch »persönliches Training« am Patienten das Rüstzeug für eine nachfolgend noch 30-jährige erfüllende ärztliche Tätigkeit auf kardiologischem Fachgebiet.

Das generelle Interesse des Autors für die Geschichte und insbesondere die Wissenschaftsgeschichte sowie der leider wohl berechtigte Eindruck, dass mit zunehmend zeitlichem Abstand nicht nur das Wissen, aber auch das Interesse an Erkenntnissen und deren Wurzeln verloren geht, befördert das Anliegen des Autors für eine Erinnerungskultur. Die junge Ärztegeneration wirkt »leitliniengesteuert« und übersieht dabei, dass auch der heutige Patient in jedem Einzelfall keine KI-gesteuerte Person ist, sondern eine komplexe physisch-psychische Einheit darstellt und einer individuellen Zuwendung bedarf.

Rudolf Zuckermann

Danach wandten Sie sich einer Einführung in Leben und Werk des Prominentenarztes Prof. Dr. János Plesch zu. Warum? An welches Moment wollten Sie erinnern?

Im Jahre 1987 wurde der Autor aufgefordert, im Kreis von Fachkollegen einen Vortrag über »Exkursion in die Geschichte der Blutdruckmessung und Hypertonologie« zu halten. In der Folge stieß der Autor auch auf die Bemühungen des Berliner Internisten János Plesch, mit seinem auf oszillometrischem Prinzip beruhenden »Tonometer« eine objektive Bestimmung und Registrierung des systolischen und diastolischen Blutdrucks zu erhalten. Bei genauerer Betrachtung der Vita dieses Menschen stieg das Interesse, denn er war nicht nur »der genialste Mitarbeiter« des Geheimrates Friedrich Kraus von der Charité, sondern – vermögend verheiratet – bis zur Emi­gration (1934) war sein Haus in Berlin ein Zentrum, in dem sich die führenden Persönlichkeiten der Kultur und auch der Politik zu »Herrenabenden« versammelten. Darüber hinaus war Plesch ein großer Mäzen der zeitgenössischen Malerei und des genialen Albert Einstein. Ist es verwunderlich, wenn man auch an das Andenken eines solchen Menschen erinnern will?

Rudolf Zuckermann

Im Moment arbeiten Sie an einer Einführung in Leben und Werk des Wiener Mediziners Samuel Ritter von Basch, einem der Begründer der wissenschaftlichen Blutdruckforschung. Was macht das Leben dieses Arztes für Sie heute noch so interessant? Die wissenschaftlichen Forschung ist doch seither weitergegangen?

Auch die Bekanntschaft mit Wirken des Ritter von Basch verdankt der Autor dem Vortrag von 1987. Die Beschäftigung mit dem Leben dieses Mannes, der über weite Strecken seines Forscherlebens als »Privatgelehrter« arbeitete und die erforderlichen Mittel als »Bäderarzt« in Marienbad in den Sommermonaten verdienen musste, erst kurz vor seinem Lebensende eine besoldete ordentliche Professur bekam, führte zur Erkenntnis mehrerer »historischer Fußabdrücke“, indem er 1. als Leibarzt des Kaisers Maximilian von Mexico dessen Amts- und Leidenszeit (bis zur Exekution) in einem noch heute edierten Buch dokumentierte, 2. die ärztlichen Erkenntnisse bei der Diagnose der Dysenterie (im mexikanischen Militärlazarett) in einer Art veröffentlichte, dass in der Folge der Pathologe Rudolf Virchow von Basch als einen »Begründer der modernen Bakteriologie« bezeichnen konnte und 3. für uns »heutige« mit seiner Beschreibung des »Metallsphygmometers« 1883 das Handwerkszeug zur Verfügung stellte, sowohl ambulant als auch am Krankenbett fortan den systolischen Blutdruck dokumentieren zu können. Basch hatte auch nach 100.000 Messungen eine noch heute akzeptierte Grenze des Blutdrucks bei Gesunden erkannt (140 mm Hg). Dafür hat man ihm in Marienbad ein Denkmal gesetzt.

Abgesehen von der »Geburtsstunde der klinischen Blutdruckmessung« hat von Basch, der in Österreich als Begründer der experimentellen Kreislaufpathologie gilt, in seiner »Allgemeinen Physiologie und Pathologie des Kreislaufs« (1892) unter Verwendung eines Kreislaufmodells erkannt, dass die Kreislaufphysiologie die »Lehre von der primären Gleichmäßigkeit und sekundären Ungleichmäßigkeit der Herzarbeit bei gleichbleibenden und wechselnd physiologisch bedingten Widerständen der Gefäßbahn« ist. In »Herzkrankheiten bei Arteriosklerose« (1902) wird angeführt, dass hoher Blutdruck durch Gefäßverengung vasomotorisch oder durch Gefäßwandverdickung entstehen kann und demzufolge die langfristige Kontrolle des Blutdrucks eine Möglichkeit ist, im Sinne der Prophylaxe vorzubeugen, bevor »der Organismus in Trümmer geht« und der Kurarzt von Basch gab Hinweise zur Verbesserung der Kondition, Gedanken, welche an moderne Rehabilitationskonzepte erinnern.

Bei allem Fortgang der medizinischen Forschung sind in den Gedanken von Baschs bereits »moderne« Erkenntnisse bei der Behandlung der chronischen koronaren Herzerkrankung enthalten. An diese Verdienste sollte erinnert werden.

Sehr geehrter Herr Dr. Schwartze, vielen Dank für das Gespräch.

Clara Schwarzenwald

Information

Dieter Schwartze: Der blockierte Mensch. Das Schicksal des Arztes Rudolf Zuckermann. Broschur  21 × 21 cm  84 S., 31 Fotos und 38 Abbildungen  ISBN 978-3-96063-054-8

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/p/dieter-schwartze-der-blockierte-mensch-das-schicksal-des-arztes-rudolf-zuckermann

Dieter Schwartze: János Plesch (1878-1957). Europäischer Arzt, Herz-Kreislauf-Forscher und Bonvivant. Broschur  21 × 21 cm,  60 S., 54 z. T. farbige Fotos und Abbildungen V P 16,00 € ISBN 978-3-96063-064-7

Erhältlich in jeder guten Buchhandlung oder direkt beim Verlag: https://buchversand.mironde.com/p/dieter-schwartze-janos-plesch-europaeischer-arzt

Vorankündigung (erscheint voraussichtlich im November 2026)

Dieter Schwartze: Samuel (Siegfried) Karl Ritter von Basch. Der Vater der klinischen Blutdruckmessung. Broschur  21 × 21 cm,  ca. 84 S., zahlreiche z. T. farbige Fotos und Abbildungen, Karten, Tabellen, ca. V P 17,50 € ISBN 978-3-96063-071-5

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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