Der Historiker Peter Hoffmann (Jg. 1924) verstarb am 16. Mai diesen Jahres. Nach der Einberufung zum Kriegsdienst und seinem körperlichen Überleben fand er in dem großen Theologen, Philosophen und Historiker Eduard Winter (1896–1982) einen Lehrer für das Überleben seiner Seele. Winter, in Böhmen, im Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn geboren, studierte in Innsbruck und Prag katholische Theologie und bekannte sich zur Priesterschaft. Er wurde in Prag promoviert und habilitierte sich auch dort . Nach einer außerordentlichen Professur wurde er 1934 auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Patristik an der Theologischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag berufen. Er ließ sich 1940 als Priester entpflichten und heiratete. 1941 wurde Winters kirchengeschichtlicher Lehrstuhl auf die Philosophische Fakultät übertragen und in eine Forschungsprofessur für europäische Geistesgeschichte umgewandelt. 1947 berief man Winter auf den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle. Von 1948 bis 1951 war er deren Rektor. Von 1951 bis 1966 lehrte Winter an der Humboldt-Universität Berlin und wurde ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften. In einer ganzen Serie von Tagungen, Diskussionen und Dokumentationsbänden demonstrierte er über seine Emeritierung hinaus eine in der DDR singuläre Methodologie zur Erforschung der mitteleuropäischen Geistesgeschichte. So erschien bei Winter die sachliche Darstellung religiöser Strömungen und die Einsicht, dass es auch eine »religiöse Aufklärung« gab, ganz selbstverständlich. Peter Hoffmann konnte unter Winters Leitung bereits auf der Tagung zum 250. Geburtstag Lomonosovs, im Jahre 1961, zum Thema referieren. Dem Anschein nach beschäftigte er sich sein Leben lang mit dem russischen Gelehrten. Die 2011 vorgelegte Biographie »Michail Vasil’evitsch Lomonosov. Ein Enzyklopädist im Zeitalter der Aufklärung« ist das Resultat eines langen Forscherlebens.

Auszug aus einem Brief Lomonosovs an den Mathematiker, Astronomen, Geographen und Ingenieur Leonhard Euler
Selbstverständlich bietet Hoffmann auf souveräne Weise den neuesten internationalen Forschungsstand, einschließlich der Rezeptionsgeschichte und Lebensdetails Lomonosovs. Wir wollen uns jedoch auf die Frage konzentrieren, wie er seinen Titel »Ein Enzyklopädist im Zeitalter der Aufklärung« begründet.
Hoffman beschreibt glaubhaft den Wissenshunger, mit dem der Bauernsohn aus der Nähe von Archangelsk alle Möglichkeiten des Wissenserwerbes nutzte, angefangen mit Büchern der Russisch-Orthodoxen Kirche. In der Aufnahmeprüfung für die »Slawisch-Griechisch-Lateinische Akademie« im Moskauer Spasskij-Kloster, vergleichbar mit einem früheren deutschen Gymnasium, in dem die beiden Oberklassen Hochschulniveau besaßen, beeindruckte Lomonosov im Januar 1731 bereits durch ein ungewöhnlich breites Wissen (S. 44). Letztlich wurden ihm eine klassische slawisch/russisch-orthodoxe und lateinisch orientierte Bildung vermittelt. Damit stand ihm der Bildungsweg zur europäischen Wissenschaft seiner Zeit offen (S. 54).
Aufgrund einer Vereinbarung wurde Lomonosov im Januar 1736 gemeinsam mit elf anderen Absolventen der Schule an die Petersburger Akademie der Wissenschaften zur weiteren Ausbildung delegiert. Die Petersburger Akademie war eine zur Forschung und Ausbildung geschaffene Institution. In Petersburg suchte man damals nach einem Chemiker mit Bergbaukenntnissen für Vitus Jonassen Berings (1681–1741) zweite Kamtschatka-Expedition. Es wurde jedoch weder in Russland noch in Europa ein geeigneter Wissenschaftler gefunden, der in der Lage und bereit wäre, dem Ruf zu folgen. So wurden aus den Petersburger Absolventen drei ausgewählt und für ein Studium in Deutschland vorbereitet (S. 58).

M. W. Lomonossow: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Akademie-Verlag. Berlin 1961. Band 2. Geschichte, Sprachwissenschaft und anderes, Briefe.
Im November 1736 trafen Lomonosov und zwei weitere Studenten an der Universität Marburg ein und wurden vom Rektor Christian Wolff (1679–1754) empfangen (S. 64). Wolf war nach einer Denunziation pietistischer Eiferer 1723 von der preußischen Universität Halle vertrieben worden. Erst König Friedrich II. holte ihn 1740 nach Halle zurück. Zu Wolff hatte Lomonosov sofort ein gutes Verhältnis. Er sah in dem Wissenschaftler, der auch aus einfachen Verhältnissen stammte, sich den Weg zur Wissenschaft durch eigene Leistung erkämpfen musste, Theorie und Praxis zu vereinigen suchte und seine Vorlesungen in verständlicher Sprache hielt, ein Vorbild. Wolff besaß die Souveränität, trotz des dichten Lehrprogramms, den drei Studenten auch Freiraum zu lassen. In Chemie wurde Lomonosov die Auffassung von Georg Ernst Stahl (1659–1734) vermittelt, der ein Vertreter der Phlogiston-Theorie war. Lomonosov kaufte sich das Buch Georg Friedrich Stabels (1687–1782), eines Gegners der Phlogiston-Theorie, um sich selbst ein Bild zu machen. In Marburg wurden ihm bereits grundlegende Einsichten in den Stand der chemischen Wissenschaft seiner Zeit vermittelt. Lomonosov bezog zudem vom Marburger Apotheker Detlef Friedrich Michaelis Reagenzien für Versuche. Hoffman verweist auch darauf, dass Lomonossow in Marburg lateinische Klassiker (Ovid, Plinius, Seneca u.a.), den französischen Dichter François de Salignac de La Mothe (Fénelon), den englischen Dichter Jonathan Swift, den deutschen Dichter Johann Christian Günther und den Literaturwissenschaftler Johann Christoph Gottsched las.
Der Abschluss des Studiums sollte in Freiberg stattfinden. Am 25. Juli 1739 trafen die drei russischen Studenten dort ein. Ihr Mentor sollte Bergrat Johann Friedrich Henckel (1678–1744) sein. Der studierte Mediziner, und frühere Freiberger Stadtarzt, war vor allem durch Buchpublikationen über Mineralien und seine experimentelle Praxis in einem Forschungslabor hervorgetreten (S. 75 ff.). Aber Henckel vertrat eine andere Methodologie als Lomonosov. Sein Ziel war die detailliert Erforschung des Einzelnen und entsprechende Einordnung bzw. Klassifizierung: »Mit seinen systematischen Untersuchungen der Erze legte Henckel Grundlagen für die weitere Entwicklung der Montanwissenschaften und der Chemie, selbst wagte er den Schritt zur theoretischen Verallgemeinerung jedoch nicht« (S. 76). Henckel war zu diesem Zeitpunkt nach Charakter und Methode nicht mehr in der Lage, andere Gedanken aufzunehmen. So kam es zu einzelnen Konflikten zwischen ihm und den Studenten. Lomonosov verließ nach einer solchen Auseinandersetzung Freiberg vorzeitig. Dennoch gaben sowohl Henckel als auch Lomonosov gegenseitig sehr gute Beurteilungen ab (S. 83).

M. W. Lomonossow: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden. Akademie-Verlag. Berlin 1961. Band 1. Naturwissenschaften.
Hoffmann geht im Weiteren auf die einzelnen Arbeitsgebiete ein, in denen Lomonosov nach seiner Rückkehr aus Deutschland herausragende Ergebnisse erzielte (Geschichte Russlands, Sprachgeschichte, Literaturgeschichte, Mathematik, Chemie, Physik, Astronomie, Mineralogie, Geologie, Montanwissenschaften u.v.a). Die Breite seiner Forschungsinteressen, und die Versuche Zusammenhänge zwischen allen Forschungsgegenständen zu erfassen, ist für Hoffmann die Begründung für seine Bezeichnung »Enzyklopädist«. Dabei verschweigt Hoffmann weder Irrtümer noch Fehlschläge Lomonosovs. Auch auf dessen überkonfessionelle Religiösität, die eine Art Voraussetzung seiner Wissenschaftsentwicklung war, geht Hoffmann ein. Er verschweigt auch nicht, dass Lomonosov ausschließlich mit Wissenschaftlern verkehrte, die seine Ansichten teilten. Dem Anschein nach war Lomonoov kein Wissenschaftsorganisator gewesen. Hoffman zitierte einen Akademie-Präsidenten, der auf den Satz, man bräuchte zehn Lomonosovs, erschrocken antwortete: »Um Gottes Willen, einer reicht uns«. Vielleicht kann man die Persönlichkeit Lomonosovs eher mit einem assoziativ denkenden Künstler vergleichen, denn mit einem abstrakt denkenden Wissenschaftler?

Was bleibt?
Ohne Zweifel liefert Hoffmann wichtige Informationen, um die besondere Rolle zu begreifen, die Lomonosov in der russischen und europäischen Geistesgeschichte spielte. Richtig stellt er klar, dass man Lomonosov als Kind seiner Zeit begreifen muss (S. 30). An vielen Stellen verweist Hoffmann jedoch auch darauf, dass einzelne Gedanken Lomonosovs erst Jahrzehnte später begriffen wurden. So stellt sich die Frage, ob ein Biograf am Ende nicht über Lomonosov hinausgehen muss, um ihm gerecht zu werden.
Dazu einige Gedanken:
1. Hoffmann reflektiert leider nicht den Begriff »Aufklärung«, obwohl sein Lehrer Eduard Winter die Gleichsetzung einer Epoche europäischer Geistesgeschichte mit »Aufklärung« überwunden hatte. Johann Gottfried Herder war es gewesen, der zuerst dem allgemeinen wissenschaftlichen Vorurteil widersprach: Aufklärung ist keine bloße Epoche, keine alleinige Errungenschaft europäischer Kultur, sondern der gesamte Emanzipationsprozess des Menschen.
2. Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts war also eine besondere Form des allgemeinen Prozesses. Stärke und Schwäche der europäischen Aufklärung, die sie von anderen Kulturen unterscheidet, war deren Rationalitäts-Fixierung. Damit versuchten die Europäer die Natur und andere Kulturen zu beherrschen.
3. Erst vor diesem Hintergrund wird die Spannung deutlich, die Hoffmanns Titel »Enzyklopädist im Zeitalter der [europäischen] Aufklärung« ausdrückt. Die Enzyklopädie zielt auf den gesamten Kreis des Wissens. Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts bereitete dagegen den Weg in die bloß quantifizierende Denkweise und die enge Spezialisierung, die seit dem 19. Jahrhundert Wissenschaft und Technik dominieren.
4. Die ersten Resultate des Wirkens Lomonosovs als Enzyklopädist kann man bereits wenige Jahre nach seinem Tod erkennen. So war es für Kaiserin Katharina II. (1729–1796) schon selbstverständlich, mit dem französischen Enzyklopädisten Denis Diderot (1713–1784) über wissenschaftliche Fragen zu korrespondieren. Sie kaufte auch Diderots Bibliothek, ohne sie einzufordern, um seine Arbeit zu unterstützen.
5. Der erste Band von Diderots »Enzyklopädie« erschien 1751. Diderot wurde zeitweise inhaftiert. Behörden legten ihm Steine in den Weg. Madam de Pompatour, einzelne Richter und Zensoren halfen ihm dagegen, mit den Steinen etwas zu bauen. Nach Aufhebung eines Verbotes erschien der zweite Band 1752, bis 1757 sieben und bis 1765 folgten weitere zehn Bände. Nach Voltaire war die Herstellung und der Vertrieb der Enzyklopädie eines der umfangreichsten Wirtschaftsunternehmen des damaligen Frankreichs. Mehr als 4000 Subskribenten hatten im Voraus bezahlt! Für lange Zeit beeinflusste diese Enzyklopädie breite Bildungsschichten Europas.
6. Die Besonderheit des Pariser Enzyklopädie-Projektes bestand in der alphabetischen Anordnung des Wissens. Querverweise sollten den Zusammenhang herstellen. Aber mit dieser Methode war der Kreis des Wissens nur bedingt erfassbar.
7. Johann Gottfried Herder (1744–1803) stellte mit seinem Hauptwerk »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« 1784 den ersten Band einer Enzyklopädie vor, die er nach genetischen Grundsätzen ordnete. Er überstieg damit alle Disziplingrenzen des Universitätsbetriebes. Die Menschheitsgeschichte begann mit der Darstellung der Entstehung der Erde. Die erste Überschrift lautete: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«. Erst nach der Entstehung der Kontinente, der Pflanzen, Tiere und der Menschen kam Herder zur Menschheitsgeschichte im engeren Sinn. Herder rezipierte jeweils die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaften, erfasste die Zusammenhänge aller Lebensformen und vermochte damit die Erde als einen lebenden Organismus – als ein Lebewesen – darzustellen. Die Sicht Herders ist der Schlüssel, um den Beitrag Lomonosovs für die Wissenschaftsentwicklung angemessen erfassen zu können.

Peter Hoffmann. Michail Vasil’evic Lomonosov (1711–1765). Ein Enzyklopädist im Zeitalter der Aufklärung. Verlag Peter Lang GmbH. Frankfurt/Main, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien. 2011. ISBN 978-3-631-61797-7
Peter Hoffmann und dem Verlag ist zu danken. Die lebenslange Arbeit war eine Voraussetzung für Hoffmanns souveränem Umgang mit dem Thema. Er ermuntert uns, Lomonosovs Texte neu zu lesen. Vorworte und Kommentare sind immer zeitbedingt und eher zweitrangig. Wichtig ist der originale Text, der immer wieder neu entdeckt und verstanden werden kann. Jede Generation muss sich ein eigenes Bild verschaffen.
Zudem ist Hoffmanns Buch ein wichtiges Vermittlungsglied im Ringen um eine enzyklopädische Wissenschaft, da die Erfassung des Naturkreislaufes den Kreis des Wissens voraussetzt. Eine Ironie der Geschichte besteht darin, dass Papst Franziskus in seiner Enzyklika »Laudato si’›« (2015) die Wissenschaft ermuntern musste, mehr Verantwortung bei der Wiedereinordnung der Menschheit in den Naturkreislauf zu wagen.
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
Hinweis. Die Funktion »Ausdruck als PDF-Datei« ist im Moment nicht fehlerfrei möglich. Wenn Sie den Artikel ausdrucken möchten, dann markieren sie bitte den Inhalt (Text und Fotos) und fügen diesen in ein Textprogramm ein. Danach können Sie den Artikel ausdrucken.
Information
Von Johannes Eichenthal erschien im Mironde-Verlag
Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau.
23,0 × 23,0 cm, 320 Seiten, fester Einband, zahlreiche farbige Fotos, Karten und Abbildungen
VP 29,90 € ISBN 978-3-96063-026-5
Skepsis und Hoffnung.
14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag
Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell)
VP 12,50 € ISBN 978-3-96063-004-3
https://buchversand.mironde.com/p/johannes-eichenthal-skepsis-und-hoffnung


Ich hatte selbst an der Petersburger Universität am „Humanwissenschaftlichen Institut“ ein Zusatzstudium absolviert. Später war ich Professor für Management-Theorie an derselben Einrichtung und Akademiemitglied für Humanwissenschaften. Die Sowjetzeit war sehr freundlich zu Ostdeutschen. In den neunziger Jahren unter dem ständig „alkoholisierten“ Präsidenten Jelzin war geprägt durch hohe Kriminalität und offenen Machtkämpfe einzelner Kapital-Fraktionen der „nachholenden“ ursprünglichen Akkumulation, die den von US-Beratern (Geoffrey Sachs – Harvard)empfohlenen Turbokapitalismus prägte, gekennzeichnet. Deutschfeindlichere, nationalistische Haltungen entwickelten sich. Leonhard Euler, als deutscher Professor wurde in der Professoren-Galerie verschwiegen. Der Dekan der Fakultät schnitt mich offensichtlich – mit ukrainischem Namen. Korruption war offensichtlich. Reichlich US-amerikanisches Geld floss, Putin war Wirtschaftsbürgermeister von Petersburg – ein unbekannter KGB-Mitarbeiter aus Dresden. Wissenschaft verfügte in ganz Petersburg – wieder so benannt – kein Geld. Fakultäten wurden aus finanziellen Gründen geschlossen. Chaos herrschte. das deutsche Innenministerium unterstützet über die evangelische Kirche die Restaurierung evangelischer Bauten und Einrichtungen. Studenten liebten dennoch deutsche Professoren währen korrupte Wissenschaftler intrigierten. Es gäbe vieles zum Umfeld der Wissenschaft, des Volkes und zur Jahrhundertfeier Petersburgs zu sagen. Hier genug. dazu vielleicht mehr in der Debatte. .