Reportagen

Utz Rachowski oder Reichenbach ist nicht weit

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Die Buchhandlung Walther in Stollberg bietet seit April diesen Jahres einen monatlichen Leseabend für Bücherfreunde. Den Auftakt machte am 23. April Lokalmatador Uwe Schneider mit seinem neuen Buch »Kathi und die Männer«. Am 21. Mai stellte Moderator Dr. Klaus Walther den Reichenbacher Schriftsteller Utz Rachowski mit seinem neuen Gedichtband »Miss Suki oder Amerika ist nicht weit« vor. Von Dr. Klaus Walther stammt auch das informative Nachwort zum Buch.

Wenn er, so Walther, noch einige Jahre lebe, dann könne er auch ein Buch mit dem Titel »Meine Freunde die Poeten« schreiben. Es gäbe wahrscheinlich heute mehr Menschen, die Gedichte schrieben, als solche die Gedichte läsen. Dabei sei das Gedicht für den lesenden Menschen unverzichtbar. Was der Autor Rachowskis meine, wenn er im Titel schreibe »Amerika ist nicht weit«, das solle er selber sagen.

Utz Rachowski bedankte sich für die Einladung in die Walthersche Buchhandlung.

Klaus Walther habe ihn bei seiner Rückkehr aus dem Westberliner Exil 1992 mit offenen Armen aufgenommen und auch sein erstes Buch beim Chemnitzer Verlag ermöglicht und lektoriert.

Mit dem Band »Miss Suki oder Amerika ist nicht weit« reflektiere er seinen Aufenthalt in den USA als »Writer in Residence« am Gettysburg-College im Jahre 2010. Sein Gesprächspartner in den Gedichten sei der kleine Hund »Miss Suki«, der dort in seine Obhut gegeben wurde. Wenn im Text das Wort »Du« auftrete, dann sei damit das Hündchen gemeint.

 

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Utz Rachowski las dann mit lakonischer Melodie solche Sätze:

 

»Wir überblickten die Schlacht

von Gettysburg

[…]

Hier starben an drei

Tagen

50 000 Soldaten

im Juli 1863

heute war ein sonniger

Nachmittag im Frühling

[…]

Cory unser Guide in civil war 

studies führte uns hinauf zu

Culp’s Hill

schenkte mir zur Erinnerung

eine 58 Caliber Union Bullet

[…]

Krieg und Frieden

Nach der Revolution

Militarismus und Staat

Verrat der Intellektuellen

Der Einzelne und die Macht

[…]

Das Erschrecken

über die eigene Geschichte

[…]

Ich bin das Gras. Ich decke

zu. Häuft Berge bei

Gettysburg. Häuft Berge

bei Ypern und Verdun.

[…]

Wir gingen hinunter zur Stadt

ohne Last im Rücken

zum Semester-Ende hin

die langen Strahlen

der sinkenden Aprilsonne

färbten die Fenster des College

die alten Mauern in tiefes Rot

ihr hattet das Leben vor euch

 

Du zuckeltest wie immer

ein wenig übermütig

zogst an der Leine

bliebst an keinem Baum

lange mehr stehen

 

nie gingen wir glücklicher

nach dem Haus zurück

 

wo ein blassrosa Magnolienbaum

stand der scheinbar nur

für uns blühte

 

nie kamen wir glücklicher

nach Hause als von Culp’s Hill«

 

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Das Publikum ließ sich auf die ungewohnte Sprache und die fremden Bilder des Dichters ein. Der Hund antwortet nicht wirklich auf die Fragen seines Herrchens, obwohl Hundefreunde dies wohl anders sehen werden. Bei Utz Rachowski nimmt der Hund die Rolle eines unideologischen Gesprächspartners ein, ähnlich den Kindern in Gert Hofmanns Erzählungen. Dadurch ist es möglich poetisch auf die eigenen Fragen zu antworten, und auch nach einer solchen Schlacht Gedichte zu schreiben. Gerade Gedichte.

Wir sehen, so Klaus Walther zum Abschluss, Reichenbach ist nicht weit.

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Schließlich wurden doch noch Fragen aus dem Publikum nach dem Anlass für die Gedichte, nach den Umständen der Entstehung und nach dem kleinen Hündchen »Miss Suki« zugelassen.

Utz Rachowski antwortet, dass er die Texte erst mit einem etwa zweijährigen Abstand zu schreiben vermochte, dass man die Distanz zu einer solchen Reise brauche und dass man am Ende auch etwas über sich selbst erfahre.

Klaus Walther fügte an, dass dies auch der Sinn von Reisen sei.

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Erfreulich viele Gäste kauften einen Gedichtband und ließen ihn von Utz Rachowski signieren. Andere stärkten sich am Buffet. Man sprach über Literatur. Es wurde spät. Nach und nach leerte sich die Buchhandlung. Der letzte Signierwunsch kam von Jan Oechsner, der für seine Texte am 14. Mai 2013 den Reiner-Kunze-Förderpreises 2013 erhalten hatte.

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Nach dem Ende der Veranstaltung werden zwei »Miss-Suki-Bände« wieder in das Themenschaufenster gestellt. Der Buchhandlung Walther ist für das interessante kulturelle Ereignis zu danken. Mit Liebe und Kompetenz macht das Familienunternehmen auf das Potenzial des einheimischen Buchhandels aufmerksam.

Johannes Eichenthal

 

Anmerkung des Redaktors

Johannes Eichenthal ist ein junger Mann, der keine ewigen Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen will. Er glaubt, dass verbindliche Diskussionen um wesentliche Fragen unseres existenziellen Sinns heute fehlen. Sinnstiftung ist aber ohne Diskurs nicht möglich.

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Information

Bücher-Walther, Hauptmarkt 11, 09366 Stollberg

www.buecher-walther.de

 

Die nächste Veranstaltung findet am 25. Juni, um 18.30 Uhr statt.

 

Utz Rachowski: Miss Suki oder Amerika ist nicht weit. 2013. ISBN 97839376542

Mit einem Nachwort von Klaus Walther

 

Uwe Schneider: Kathi und die Männer. 2013. ISBN 9783954863327

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