Technologie

Zwischen Technik und Kunst

Am Montagmorgen in Wien ist um acht Uhr nichts von der Gemütlichkeit zu spüren, die dieser Stadt nachgesagt wird. Wir erreichen soeben den Westbahnhof und schieben uns mit dem Pendlerstrom in die U-Bahn Richtung Innere Stadt. Wenige Minuten später erreichen wir die Herrengasse und hier empfinden wir langsam ein klein wenig von der Wiener Gemütlichkeit.

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In der Nationalbibliothek am Josefsplatz, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet wurde, findet am Montag, den 17. November, der 1. Österreichische BIM-Kongress statt. BIM ist die Abkürzung für den englischen Begriff »Building Information Modelling«. Dahinter verbirgt sich, wie wir im neuen »BIM-Leitfaden« auf Seite 157 lesen können, ein integrierter, referentieller, bauteilorientierter, transdisziplinärer Planungsprozess in der Bauwirtschaft. Wir hoffen, dass wir am Ende der Tagung diese Worte zu verstehen vermögen.

 

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Das Camineum, ein großer Raum im Erdgeschoss, mit meterdicken Wänden und Gewölbe, füllt sich an diesem Montagmorgen beständig. Bauträger, Fachplaner, Architekten und Softwareexperten mehrerer Generationen finden hier zusammen. »BIM« wurde seit einiger Zeit in Österreich, Skandinavien und den USA ein Trend-Schlagwort. Manche Auguren sprechen von einer »Revolution« in der Branche. Damit verbunden ist, dass die einen von der neuen Technologie hoffnungsvoll »alles« erwarten, während eine Minderheit trotzig »nichts« skeptiziert. Wir sind gespannt.

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Um 9.30 Uhr begrüßt András Haidekker, Geschäftsführer von Graphisoft Deutschland und Vize-Präsident von Graphisoft Europa, die Gäste. Er stimmt auf die Tagesordnung ein und hebt hervor, dass Graphisoft die einzige Architektur-Software ist, die bereits vor 30 Jahren »BIM« integrierte. Für die Zukunftsfähigkeit der Software spricht, dass es seit einiger Zeit ein »OPEN-BIM« gibt.

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Prof. Achammer (re.) und Dipl. Ing. Salzburger (li.)

Der erste Vortragende im Plenum ist der Innsbrucker Architekt, Geschäftsführer der Planungsfirma ATP (550 Mitarbeiter) und Professor an der TU Wien, Christoph Achammer. Charmant witzelt er zunächst, dass er mit Verwunderung zur Kenntnis nähme, dass die Revolutionen in Wien stets in historischen Gebäuden stattfänden. Danach bringt er um so konzentrierter sein Statement vor: BIM ist das (Architektur-)Werkzeug des 21. Jahrhunderts. Die Architekten-Ausbildungsstruktur befinde sich dagegen noch am Beginn des 20. Jahrhunderts.
In der Automobilindustrie habe es vor 20 Jahren von der Erstplanung bis zur Aufnahme der Serienproduktion noch 60 Monate gedauert. Mit der Anwendung integrierter Planungstechnologie sei der Prozess inzwischen auf 13–16 Monate verkürzt.
Seit drei Jahren arbeite sein Büro in einer Interessengemeinschaft mit, die sich mit dem Lebenszyklus von Gebäuden befasse. Man unterscheide heute sechs Zyklen im »Leben des Hauses«. Die Anforderungen, die heute an ein Gebäude gestellt werden, gehen in der Regel über die Leistungskraft eines traditionellen Architekturbüros hinaus. Man müsse in ganz anderem Maße mit Partnern zusammenarbeiten. Das sei der erste Punkt, der für BIM spreche.
Der weltweite Ressourcenverbrauch werde in einem hohen Maße durch die Bauwirtschaft getätigt. Der verantwortungsbewusste Umgang mit den Ressourcen könne heute nur durch die Einführung der integrierten Planung gewährleistet werden.
Interessanterweise seien die Planer die Vorreiter bei der Einführung von BIM, obwohl sie selbst den geringsten Nutzen davon hätten. Vielleicht sei das so, weil die Planer die ersten im Bauprozess seien? Im Ergebnis der Einführung von BIM kommt es wieder zum gemeinsamen Agieren von Architekten, Planern und Ingenieuren, wie es bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts üblich war. Die bisher übliche Arbeitsteilung habe Zeit, Kosten und Produktivität in der Planung gebunden. Die Planung verursache 2 % der Gesamtkosten, könne aber 30 % der Gesamtkosten beeinflussen.
Wichtig ist am Ende, dass es auf der Bauseite wieder eine physische Person als Entscheider gäbe. Wenn der Bauherr als Schiedsrichter zwischen den Gewerken auftrete, dann sei das nicht gut für die Bauwerksqualität.
BIM sei der ideale Ansatz, um die integrale Planung durchzusetzen. Viel wichtiger als der Paradigmenwechsel sei die Modernisierung der Planung selbst. Man könne nun die Rahmenbedingungen schon am Beginn der Planung durchspielen.
Allerdings bestehe kein Anlass für Euphorie. Im Maschinenbau habe die Einführung der Prozessmodellierung bisher 30 Jahre gedauert und sei immer noch nicht abgeschlossen.
Deshalb möchte er an die Software-Hersteller appellieren: bitte investieren Sie in die Softwareentwicklung, dass künftig alle notwendigen Planungsschritte im BIM durchgeführt werden können. Bisher ist das noch nicht der Fall.
Bisher müsse in der Planung mehrfach von der alphanumerischen Darstellung der Planung in die graphische und umgekehrt gewechselt werden. Dadurch gibt es Informationsverluste sowie unnötigen Ressourcenaufwand, der nicht zur Qualität des Bauwerkes beiträgt. BIM könne insofern zur Qualitätssicherung beitragen.
Viel wichtiger sei aber, dass BIM die Herzen und Hirne der Mitarbeiter erreiche.
Insgesamt verändere BIM also Ausbildung, Stil und Verantwortung der Architekten.
Hilfe sei aber nicht von »oben« zu erwarten. Die Branche müsse die Sache selbst in die Hand nehmen.
Im Anschluss berichtete Dipl.-Ing. Alois Salzburger über die Erfahrungen der Arbeit mit BIM im Planungsbüro ATP. Man habe die neue Stelle eines BIM-Managers, als eine Art von Assistent des Gesamtprojektleiters, geschaffen. Man habe ein firmeninternes BIM-Netzwerk und arbeite im Österreichischen Normenausschuss mit. Letztlich sei durch BIM die Zusammenarbeit unterschiedlicher Abteilungen befördert worden. Man habe in den Firmenräumen zusätzliche »Zusammenarbeitsbereiche« geschaffen.
Der Moderator fragte am Ende, wie viele Projekte bei ATP mit BIM realisiert wurden.
Prof. Achammer antwortete, dass heute alle Projekte mit BIM erstellt würden. Man habe aber die Mitarbeiter zunächst eigene Erfahrungen mit der neuen Technologie sammeln lassen, die Anwendung nicht »organisiert«, um der Eigenmotivation willen.
Der Moderator fragte weiter, ob mit BIM Zeit eingespart werden konnte.
Dipl.-Ing. Salzburger antwortet, dass man momentan noch in der Anlaufphase sei und noch keine Zeit einspare. Die Prognose gehe aber von 30–40 % Einsparung aus.
Abschließend fragte der Moderator, wann BIM Standard werde.
Professor Achammer antwortete, dass BIM in den USA schon Standard sei, in Skandinavien und England werde es noch zwei bis drei Jahre dauern, und in Österreich sei es wie mit der Revolution, d.h. fünf Jahre später.
Damit hatte der Innsbrucker Architekt und Wiener Professor die Lacher auf seiner Seite.

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Im Anschluss sprach die Zukunfts- und Trendforscherin Oona Horx-Strathern über die Realisierung ihrer persönliche Idee vom Haus der Zukunft. Damit brachte sie die Wünsche und Motive der Bauherren in die Debatte ein.
Auf die Fragen des Moderators antwortete Frau Horx-Strathern, dass Flexibilität des Hauses heute wichtig sei und in Zukunft noch wichtiger werde, obwohl wir von den Grundbedürfnissen in Zukunft nicht viel anders leben werden als heute. Die Bauplanung sollte (für den Bauherren) nicht zu kompliziert sein und eher im Hintergrund laufen.

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Es schloss sich der Vortrag von Professor Tomohiko Yamanashi, Vize-Präsident des Architekturbüros Nikken Sekkei in Tokio, über die praktische Anwendung von BIM an.
Dabei blendete er in der Beamer-Wand Darstellungen von Modellüberprüfungen auf bestimmte Rahmenbedingungen (Windbelastung, Sonneneinstrahlung, Wärmeleitung usw.) ein.

141120Wien4399MAA Jakob Andreassen (re.)

Es folgte ein ähnlich gewichteter Beitrag von Architekt MAA Jakob Andreassen, BIM-Manager der Bjarke Ingels Group (BIG) in Kopenhagen. Bei seinen Präsentationen wurde deutlich, dass nicht nur die Rahmenbedingungen mit einem BIM-Modell frühzeitig durchgerechnet werden können, sondern dass der Prozess der Modellierung selbst in neuartiger Weise möglich ist. Die »Form« wird hier nicht mehr als »Hülle« definiert. Mit BIM kann die Form im Zusammenhang mit der Struktur des Gebäudes auf Extremwerte hin durchgeplant werden.

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An dieser Stelle hatten die Organisatoren für eine exzellente Mittagspausenbewirtung gesorgt.
Die Konferenzteilnehmer nahmen das Angebot dankbar an. Bei gutem Essen und Trinken ließ es sich vorzüglich plaudern.

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Nach der Mittagspause teilte sich das Plenum in drei Arbeitsgruppen. Im Camineum trat Dipl.-Ing. Franz Gruber, Geschäftsführer BEHF-Architects in Wien, auf. Er hatte seinen Beitrag mit »Auf zu einer neuen Planungskultur« überschrieben.
Zunächst fragte er, woher sich der neue Planungsansatz mit BIM begründe. Mit einem Zeitstrahl machte er die historische Dimension in der Architekturplanung sichtbar. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschten universal tätige Baumeister die Architektur. Die beginnende Arbeitsteilung und Spezialisierung und Typisierung erzeugte unterschiedliche formale Sprachen und machte komplexe Projekte zunehmend schwierig.
Weil sich aber auch die Bauwirtschaft der Digitalisierung nicht verschließen könne, sei es zur Entwicklung von BIM gekommen. Mit dieser Technologie könne weitgehend datenverlustfrei kommuniziert und aus einem Plan heraus das Projekt unter verschiedenen Aspekten gleichzeitig geplant werden. Damit sei die Möglichkeit der Zusammenarbeit am virtuellen Gebäudemodell entstanden. Das heiße, dass alle ein Projekt sähen und daran arbeiten könnten. Zudem könnten von Anfang an die verschiedenen Lebensphasen eines Gebäudes geplant werden.
Das bedeute aber auch, dass sich der Architekt nicht nur ökonomische und ökologische Aspekte neu stellen müsse, sondern sich auch der Ästhetik. BIM sein ein Werkzeug. Es sei keine Frage, dass die »Werkzeuge« der Architekten in der Vergangenheit auch Einfluss auf die ästhetischen Vorstellung ihrer Zeit entwickelten.
Im Anschluss stellte Franz Gruber fünf Projekte vor, die BEHF mit BIM realisiert. Das Spektrum reichte von der Übernahme eines Künstlerentwurfes, über die Gestaltung eines Olympia-Skigeländes, die Renovierung eines Wiener Gründerzeithauses, ein Hochhausprojekt und die Sanierung eines alten Kaufhauses.
Moderator Alexander Gutzmer, der Chefredakteur der Zeitschrift »Baumeister«, fragte zunächst nach einem Beispiel in der Zeitleiste, das Opernhaus von Sidney. Dieses sei doch ein Planungsdesaster gewesen. Oder?
Franz Gruber antwortete, dass die Architekten unter schwierigen Bedingungen arbeiten mussten. Der Computer habe 14 Monate gerechnet, um die Werte für das Betonschalen-Modell zu erhalten. Es habe schon die richtigen Teilplanungen gegeben. Es habe aber jemand gefehlt, der das Gesamtprojekt überblickte.
Aus dem Publikum wurde gefragt, wie BEHF es schaffe alle Planungen über 3D-Schnittstellen gehen zu lassen.
Franz Gruber antwortete, dass das Zusammenwirken aller Planer eine Notwendigkeit sei. Die 3D-Schnittstelle sei eine technische Voraussetzung. Zur Zeit funktioniere das Verfahren bereits in Teilaspekten aber leider noch nicht durchgehend. Die Behebung der Software-Mängel sei eine echte Herausforderung.
Ein Zuhörer wollte wissen, ob sich die Bauherren mit möglichen Verlängerungen der Planungszeit abfänden.
Franz Gruber antwortete, dass die Bauherren in der Regel relativ schnell relativ viele Ergebnisse erwarteten. Im Bauprozess zeige sich dann, dass viele Probleme im Detail steckten.
Insgesamt habe er mit BIM gute Erfahrungen in der Effizienzsteigerung des Bauprozesse gemacht.

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Im Anschluss an Franz Gruber von BEHF sprach Dipl.-Ing. Christoph Eichler, BIM Operations Director bei BEHF Architects. »BIM-Leitfaden. Struktur + Funktion« war die Überschrift seines Beitrages, und der Titel seines eben erschienen Buches.
Zunächst stellte er die Frage, wie ein virtuelles Gebäudemodell »gemacht« werde?
Die Voraussetzungen für ein Zusammenwirken verschiedener Bereiche sei eine gemeinsame Sprache. Im Alltag sei die Terminologie entweder noch nicht voll durchstrukturiert oder der lockere Gebrauch englischer Begriffe erzeuge eine gewisse Unschärfe.
Es gehe deshalb beim Erstellen eines virtuellen Modells zunächst um die Definition primärer Ebenen und Voraussetzungen, damit wir wissen wovon wir reden, wenn wir davon sprechen.
Er habe deshalb als Ausgangspunkt notwendiger Diskurse Vorschläge formuliert. Zunächst also die Leitsätze für die Erarbeitung von virtuellen Modellen. Darauf folge ein Phasenmodell und am Ende ein so genannter Knotenplan. (Bei der bauteilorientierten Planung werden die Gebäude nicht mehr im herkömmlichen Sinne gezeichnet sondern in Bauteile zerlegt und diese Bauteile werden im virtuellen Modell zusammengesetzt. »Knoten« sind die Punkte im Modell, in denen Bauteile zusammenkommen. – j.e.)
Am Ende des Buches seien die Definitionen der wichtigsten Begriffe zu finden. Diese Terminologie sei wiederum die sprachliche Voraussetzung für die Arbeit mit BIM, weil wir so denken wie wir sprechen.
Nun zu einigen Aspekten. Die Illustrationen des Buches sollen zeigen, dass der Architekt im Gesamtprozess auch die ästhetische Führungsrolle spielen muss.
Die Darstellung der Planungsschleife sei notwendig, weil in Europa, anders als im angelsächsischen Raum, keine lineare Planung erfolge, sondern eine Art reflexiver Planung in einer Schleife. In jedem Land sei die Planungsmethode etwas anders. Die Softwareindustrie habe lange gebraucht, um das zu respektieren.
Das virtuelle Architektenmodell sei auch in der Wirklichkeit die zentrale Ebene. Mit vertikalen Linien habe er die Schnittstellen gekennzeichnet, über die mit dem TGA-Modell (Technische Gebäudeausstattung) und dem TWP-Modell (Tragwerksplanung) verbunden seien.
Der Architekt könne seiner Verantwortung künftig nur gerecht werden, wenn er auch wieder zu einem Bauingenieur wird, wenn er ein Gebäude modellieren will.
Das Architektenmodel sei bei ihm in horizontaler Linie dargestellt. Dieses Modell nehme alle Informationen auf (Entwurf, Errichtung, Betrieb, Abriss). Künftig werde ein virtuelles Gebäudemodell genau so lange existieren, wie ein Gebäude. Deshalb müsse sich der Architekt heute als erster die Kompetenz in der Arbeit mit BIM aneignen.
Derzeit gibt es noch Probleme in der Zusammenarbeit mit den Fachplanern, die auf die Softwarestruktur zurückzuführen seien.
Im Anschluss erläuterte Christoph Eichler einzelne Leitsätze und einzelne Termini.
Der Zwang zur Grundlagendefinition werde durch die Einbeziehung von Altbausanierung in die BIM-Projekte noch verschärft. Als Beispiel nannte er die Frage, ob ein Geschoss ab der Fußboden-Oberkante oder der Oberkante der tragenden Schicht definiert werde.
Weil es für jedes Problem immer verschiedene Lösungen gäbe, müsse man sich im virtuellen Modellieren auf einheitliche Voraussetzungen einigen.
Am Ende stellte der Moderator die Frage, wann wir Informationen definieren müssten. Christoph Eichler antwortete, dass man den Maßstab der Entwicklung und den des Details unterscheiden müsse.

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Nach der Kaffeepause besuchten wir einen anderen Arbeitskreis, der im »Oratorium« tagte.
Hier trafen wir gerade ein als Dipl.-Ing. Peter Kompoltschek über BIM-Normen in Österreich sprach.
Er referierte gerade darüber, dass das Schicksal ihn als freien Architekten in einen ehrenamtlichen Arbeitskreis geführt habe, der sich mit den Normen für die Arbeit mit BIM befasse. (Komitee 011, AG 011.09 Hochbau). Dieser Arbeitskreis habe zunächst mit der ÖNorm 6240-4 einen Standard für den Austausch digitaler Dokumente erarbeitet. Es folgten die ÖNormen 6241-1 und 6241-2, die digitale Dokumente für Hochbau auf dem BIM-Level 3 definierten.
Die dem Anschein nach einfachsten Fragen seien am schwierigsten zu beantworten gewesen. So habe man für den Austausch lange gesucht, um die Sprache »DFX« in der Version von 2010 für den Datenaustausch festzulegen. Die einfachsten Struktureinheiten für Daten Export/Import seien »Blöcke«. Die heute favorisierte Datensprache IFC sei vor allem in Europa gebräuchlich (England, Norwegen, Österreich).
Die Arbeitsgemeinschaft habe auch einen »Merkmalserver« eingerichtet. Über diesen seien kostenfrei alle Klassifizierungs-Informationen zugänglich. Selbstverständlich habe man die Entwicklung auch mit EU-Normen abgestimmt. (EN 15643-3:20129, EN16311) Zugleich versuche man auf diesem Wege die Entwicklung in der EU-Normierung positiv zu beeinflussen.

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András Haidekker fasste gegen 16.45 Uhr im Plenum noch einmal die Tagung zusammen. Er erinnerte an einzelne Referenten und deren Beiträge. Auch die Softwareentwickler seien noch nicht mit dem bisherigen Stand zufrieden. Man arbeite intensiv weiter und habe noch viel vor.
Im Anschluss dankte er der Direktorin der Österreichischen Nationalbibliothek für die Gastfreundschaft und den Hauptorganisatoren für ihre gute Arbeit.
Um 16.56 Uhr erklärte Haidekker den 1. Österreichische BIM-Kongress für beendet, fügte jedoch an, dass es nicht der letzte gewesen sei.

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Im Anschluss luden die Veranstalter zu geführten Besichtigungen der Österreichischen Nationalbibliothek ein. Hier konnte man auf beeindruckende Weise das Wissen von Mittelalter und Neuzeit zum Teil in wertvollen Leder-Einbänden bewundern. Die Bibliothek von Prinz Eugen, eine der wichtigsten Sammlungen, wurde einst für 150.000 Taler angekauft. Große Teile des historischen Bestandes sind bereits digitalisiert und kostenfrei im Internet einsehbar.

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Eindrucksvolle Deckenmalerei ziert die Bibliothek.

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Derweil diskutierten in der Halle immer noch viele Besucher über BIM. Auch der ausgezeichnete Wein verhinderte ein abruptes Ende der Tagung …

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Kommentar
Auf unserem Heimweg ins Hotel ließen wir uns noch einmal diese Tagung durch den Kopf gehen.
Wird die Einführung dieses neuen Werkzeuges, der BIM-Technologie in der Architektur alles ändern oder nichts? Ist die Einführung von BIM eine Revolution? Ja oder nein?
Im Alltag fragen wir uns oft auf diese Weise. Wir erwarten entweder, dass alles so bleibt, wie es ist oder dass sich alles ändert. Immanuel Kant hatte die Französische Revolution mit dem »Sturm« auf die Bastille in Verbindung gebracht. Sein Resümee war, dass das, was vorher unten war jetzt oben ist, und was oben war, jetzt unten. Die wichtigsten Dinge seien aber so geblieben, wie gehabt.
Diese Art der Beobachtung entspricht der des »gesunden Menschenverstandes«. Michel Foucault und Umberto Eco stellten 200 Jahre später zur »Revolution« klar, dass die Macht in Frankreich 1789 bereits vor dem »Sturm auf die Bastille« wechselte, dass dieser »Sturm auf die Bastille« nur eine Art »Theateraufführung« war, der auch dem letzten Franzosen klar machte, dass sich etwas verändert habe.
»Revolution« muss etwas anderes sein als es sich die Gang-und-Gäbe-Denkweise vorstellt. Das Wort »Revolution« wurde lange für die Bezeichnung von Planetenumläufe gebraucht. Im Wort Re-Volution selbst stecken die Momente des Zurückgehens und der Bewegung. Zurückgehen um Voranzukommen.
Unter diesem Aspekt ist die Einführung von BIM schon Moment einer Revolution, die mit der Einführung des Personalcomputers im Jahre 1981 begann. Seither braucht man keine Großrechner in Turnhallenformat mehr, um komplizierte Zusammenhänge zu berechnen. Die Dezentralisierung, die Dekonstruktion der zentralistischen Industriegesellschaft wurde damit eingeleitet. Aber dieser revolutionäre Prozess vollzieht sich eher unbemerkt, unterirdisch, leise, dennoch aber unaufhaltsam.
Es wurde auf der Tagung mehrfach hervorgehoben, dass die neue Technologie die Rolle des Architekten verändere. Er wird wieder, wie zum Beispiel in der Renaissance, der Baumeister eines Gebäudes. Professor Achammer hatte in diesem Zusammenhang auf die notwendige Veränderung der Ausbildung hingewiesen. Wie kann man das verstehen? In diesem Moment kommen wir am Gebäude der Secession vorbei. In ihrem Manifest hatten die Helden von einst nach dem Verhältnis von Architektur, Plastik und Malerei gefragt. Die »Urfrage der Bildenden Kunst«. Ist es ein Nebeneinander der Genres oder ein Ineinander?
Hier lohnt sich ein Zurückgehen. Marianne Brandt und Heinz Begenau hatten für die Ausbildung an der Kunstakademie in Dresden Ende der 1940er Jahre den Plastik-Aufsatz von Johann Gottfried Herder als Studienmaterial herausgegeben. Herder ging davon aus, dass wir die Wirklichkeit mit allen Sinnen, mit dem ganzen Körper wahrnehmen. In unserer Seele stellen Sprache/Vernunft den Zusammenhang unserer Sinneswahrnehmungen in einem inneren Bild her. Weil wir mit dem ganzen Körper wahrnehmen, sind die inneren Bilder oft Körper. Die Plastik ist für Herder das Zentrum der Bildenden Kunst, weil sie den menschlichen Körper darstellt. Architektur ist dann die Darstellung von Körpern im Raum. Malerei, die zweidimensionale Darstellung von Körpern. (Herder hatte empirische Untersuchungen vorliegen, wonach Kinder oder geheilte Blinde die Wirklichkeit als Fläche wahrnehmen. Erst durch die Einbeziehung des Tastsinns können wir die Wirklichkeit auch dreidimensional »sehen«.)
Die Einführung der BIM Technologie kann zur zeitgleichen, transdisziplinären Planung der Sparten, zum Austausch zwischen den Fachleuten, zur Einbeziehung von Rahmenbedingungen und sogar zur Effizienzsteigerung führen. Noch wichtiger ist vielleicht, dass BIM Fehlplanungen sehr frühzeitig kommunizierbar und korrigierbar machen kann. Das ist um so wichtiger, da selbst die genaueste Planung in einem formalen Modell/System unvollständig ist (hier sei an Kurt Gödel erinnert!) und praktisch immer wieder korrigiert werden muss. BIM ermöglicht diese Korrekturen in einer Dichte, von der frühere Generationen nicht einmal zu träumen wagten.
Zudem ermöglicht und erfordert BIM eine Person, die den Gesamtprozess zu überblicken vermag.

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Der Architekt muss seine Rolle als Künstler mit der als Techniker wieder vereinigen, wie in der Renaissance.
Der wichtigste Punkt ist aber vielleicht, dass der Architekt mit dieser Technologie dass Modellieren selbst auf virtuelle Weise zu handhaben verstehen muss. Die Möglichkeiten der Gestaltung werden nicht mehr über Modellbau durchdacht, sondern der Zusammenhang von Struktur und Form des Gebäudes kann im Rahmen der Projektentwicklung bis an die Grenzen der Belastbarkeit variiert und letztlich bestimmt werden. Der Architekt modelliert mit einer strukturierten Form / formierten Struktur. Eben weil dem Architekten auf diese Weise unendlich viele Möglichkeiten zur Verfügung stehen, braucht er ein hohes Form-Bewusstsein. Von je her ist es das Kriterium in der Kunst, Literatur und Wissenschaft.
Die Beschränkung auf eine der beiden Seite Kunst oder Technik reicht heute also nicht mehr aus. Insofern liegt in der neuen Technologie, dem neuen Werkzeug, das Potenzial für eine Erneuerung der Architektur. Renaissance hieß nichts anderes als Erneuerung oder Wiedergeburt. Johann Gottfried Herder gebrauchte das griechische Wort Palingenesis für Wiedergeburt. Zurückgehen um zu Erneuern ist ein ganz normaler Vorgang in der Kette der Generationen.
BIM ermöglicht nicht nur einen neuen Arbeits- und Planungsstil sondern bedingt zugleich die Vereinigung von Kunst und Technik auf heutigem Niveau. Einerseits muss sich der Architekt die neue Architektursoftware aneignen. Andererseits geht es in ganz anderem Maße um die Bilder in der Seele der Architekten. Es müssen Sprachformen (Zeichen-, Schrift-, Lautsprache) gefunden werden, in denen man diese Gegensätze so vereinigen kann, dass sie sich weiter bewegen können.
Die Technik verlangt nach eineindeutigen Definitionen während die Kunst sich darüber klar ist, dass sich unsere Erkenntnis des Neuen nicht in Definitionen, sondern in Symbolen vollzieht.
Die Begriffe müssen also so genau sein, wie unvermeidlich und so unscharf wie möglich.
Die Tagung in Wien machte uns deutlich, dass die Frage nicht mehr darin besteht, ob man sich der neuen Technologie stellen soll oder nicht. Die Frage für die Architekten ist heute nur noch wie diese historische Chance zum Wohle der Menschheit genutzt werden kann.
Johannes Eichenthal

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