Reportagen

Die Söhne des großen Meerane

Am späten Nachmittag des 14. Mai, einem sonnigen Frühlingstag, hatte die Stadt Meerane in das Kunsthaus, gegenüber der Stadtbibliothek eingeladen. Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer begrüßte die Gäste zur Eröffnung einer Ausstellung der besonderen Art. Die Stadt nahm die Schenkung des Nachlass ihrer großen Söhne Werner Bochman und Ralph Arthur Roberts, zum Anlass, nicht nur beiden eine Ausstellung zu widmen, sondern zudem auch Erich Knauf in diese Ausstellung einzubeziehen, dessen Nachlass sich ebenso in Meerane befindet. Der Meeraner Schriftsteller Wolfgang Eckert, Knauf-Biograph, Kenner Bochmanns und Roberts, hielt die Laudatio.

Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer begrüßte die Gäste
Laudator Wolfgang Eckert in Aktion (Wortlaut im Anhang)

Die Gäste hörten Wolfgang Eckert gespannt zu

Nach der Eröffnung nahmen die Gäste die Ausstellung mit ihren zahlreichen großformatigen Fotos und Requisiten in Besitz

Nach der Ausstellungseröffnung fügten der Chor des Meeraner Bürgervereins Meracante und die Meeraner Big Band auf dem voll besetzten Meeraner Marktplatz ein beeindruckendes akustisches Ereignis hinzu. Stimmlich hervorragend eingestellt und geleitet der Chor mit schönen Liedern. Und die Big Band, professionell mit Musikern ausgestattet, die ihre Instrumente exakt beherrschen und zum beswingten Klang brachten, spielten u. a. Melodien des Meeraner Werner Bochmann. Texte darunter vom Meeraner Erich Knauf. Begleitet wurde die Big Band vom Sänger Hans-Jürgen Beyer, von Julia Axen, Angelina Bianco und dem Meeraner Siegfried Jordan, der Jahrzehnte mit Heinz Quermann die Schlagerrevue führte. Hans-Jürgen Beyer, nun ständiger Begleiter der Meeraner Big Band, begeisterte durch seine starke Stimme und sein Temperament. Nachhaltig sein Mackie-Messer-Song. Siegfried Jordan, schon über 80 – erstaunlich, was er gesanglich noch zum Publikum herüber bringen kann! Angelina Bianco zauberte italienisches Flair in die Abendstimmung und Julia Axen, vom vorwiegend älteren Publikum erinnernd begrüßt, brachte mit ihren Liedern wie »Papa, du bist so reizend« mit unveränderter Stimme alte Zeiten wieder. Das waren gesangliche Höhepunkte. Und das Publikum spendete langen begeisterten Beifall am Ende eines gelungenen Tages.
Pünktlich und zum Glück erst jetzt begann mit der Abschiedsmelodie der Big Band der Regen.
Johannes Eichenthal

Rede zur Eröffnung der Werner-Bochmann-Ausstellung

am 14. Mai 2011 von Wolfgang Eckert, Schriftsteller.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Gestalter dieser Dauerausstellung, sehr geehrte Gäste! Gestatten Sie mir bitte zunächst einige Grußworte von Dr. Hansjoachim Schönherr aus Freiberg, dem Neffen von Ralph Arthur Roberts, zu verlesen, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht hier sein kann. Ich mache das besonders gern, da er leider als einer der Nachlassspender im Vorfeld dieser Ausstellung durch die Medien nicht genannt wurde.
»Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Frau Albrecht, sehr geehrte Frau Zückmantel, meine Damen und Herren!
Wenn es bei Schiller im Prolog zu Wallensteins Lager heißt: »Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze«, so wird mit dem heutigen Tag der Präsentation zur Erinnerung an den in Meerane geborenen Schauspieler Ralph Arthur Roberts das Schillerwort ad absurdum geführt.
In Zeiten der angespannten Finanzlage wird leider nur allzu oft der Rotstift bei der Kultur angesetzt. Umso dankenswerter ist es, dass die Stadtväter von Meerane unter einem der Kultur so zugetanen Bürgermeister es geschafft haben, heute diesem Haus ein ganz besonderes Glanzlicht hinzuzufügen.
Ralph Arthur Roberts wurde am 2. Oktober 1884 als Sohn des Bäckermeisters Robert Schönherr und seiner Ehefrau Bertha, geb. König in der Friedrichstraße 10 geboren. Nach Umzug der Eltern wuchs er in Dresden auf, flog wegen verbotener Statistentätigkeit am Albert-Theater vom Gymnasium, genoss Schauspielunterricht und Kompositionslehre, spielte einige Jahre an verschiedenen Theatern in Hamburg, führte Regie und schrieb sein zum Evergreen gewordenes Lied ‹Auf der Reeperbahn nachts um halb eins›.
Ebenfalls in Hamburg kam er bereits 1919 zum Film, einem Genre, dem er bis zu seinem frühen Tod am 12. März 1940 treu blieb. Seine erste Rolle war ein chinesischer Mörder, seine letzte ein Bankdirektor. Welch eine Entwicklung! (Und hoffentlich keine symbolische für alle Banker).
1928 erfüllte sich Roberts einen Jugendtraum, indem er in Berlin sein Theater in der Behrenstrasse eröffnete. Hier fungierte er als Direktor, Regisseur, Autor und Hauptdarsteller. Zuvor spielte er an verschiedenen Theatern der Theatermetropole Berlin, führte Regie, war aber auch in zahlreichen Unterhaltungsfilmen als komisch-skurrile Type zu sehen.
Erst in den späteren Jahren war Roberts als Charakterschauspieler zum Beispiel im 1938 gedrehten Film ‹Der Maulkorb› in der Lage, sein wahres Können zu zeigen.
In seinem Theater bot er bestes Boulevardtheater, so ganz dem Publikum entsprechend. Als Mitautor der von ihm inszenierten Stücke sorgte er dafür, dass ihm die meisten Pointen zufielen.
Wer mehr über Ralph Artur Roberts wissen möchte, dem empfehle ich – unter entschiedener Zurückweisung des Verdachtes der Schleichwerbung! – meine 1992 erschienene Roberts-Biografie.
Möge dieser Ausstellung ein reger Besuch beschieden sein! Sie ist für alle Generationen ein wichtiges Denk-mal (!), sei es als Erinnerungshilfe, sei es zum Kennenlernen von drei Schicksalen, die unterschiedlicher nicht sein können; das des erfolgreichen Komponisten Werner Bochmann, oder des von den Nationalsozialisten ermordeten Schriftstellers Erich Knauf, sowie des zu seiner Zeit sehr bekannten Schauspielers Ralph Arthur Roberts. Zugleich vermittelt die Ausstellung einen Einblick in so wechselvolle Epochen unserer deutschen Geschichte.
Zuletzt möchte ich Dank sagen und Anerkennung allen denjenigen, die diese Ausstellung möglich machten und ausgezeichnet gestaltet haben. Sehr froh bin ich darüber, dass die Exponate in der Roberts-Präsentation aus meiner Ralph-Arthur-Roberts-Sammlung auf diese Weise der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.
Dr. Hansjoachim Schönherr«

Ich kann mich, was diese nun zukünftige Dauerausstellung betrifft, nur den Worten von Dr. Schönherr anschließen.
Die scheinbar überwundene Wirtschaftskrise zeigt sich in einer beispiellosen finanziellen Verödung auf dem Gebiet der Kultur und führt auch zu einer Verflachung. Umso erfreulicher und erstaunlicher ist es, dass in Meerane eine bekannte Galerie existiert, eine moderne hervorragende Stadtbibliothek und nun – ein Novum wohl hier in dieser Gegend – eine ständige Dauerausstellung einprägsamer Künstler. Danke all denen, welche diese Einrichtungen zustande brachten!
Wenn ich jetzt ein paar Worte zu Erich Knauf sage, tut es mir fast angesichts des Vermarktungsrummels, den die Medien im Vorfeld zu Werner Bochmann betrieben, ein bißchen Leid, an Grausames und Trauriges zu erinnern. Aber unsere Welt ist nicht nur voller beschwingter Melodien, sondern auch voller Bitternis und bösen Dingen und Mißtönen.
Vorher noch eine kurze Bemerkung zu Bochmann: Ich bin kein Musiker, also kein Sachverständiger. Ich glaube aber, dass sich in seinem Sog viele Meeraner Musiker entwickelten wie zum Beispiel unter anderen Ernst Fiedler, Alfred Kämpfe und Siegfried Jordan. Mein Kontakt zu Werner Bochmann war brieflicher Art im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit dem Leben Erich Knaufs. Aber schon Anfang der 70er Jahre schrieb ich in dem Buch »Sachsen – ein Reiseverführer« etwas ironisch über das beharrliche Verschweigen Werner Bochmanns: Die Meeraner Stadtväter sollten doch einmal ihr Verhältnis zur Stadtgeschichte überprüfen. Bochmann schrieb mir darauf, ob die Siedlung, in der ich wohne, unterhalb der Schönberger Straße liegt, wo ihn einst sein Kindermädchen aus dem Kinderwagen verlor. Er wollte mir etwas schenken, und ich wünschte mir eine Langspielplatte seiner Melodien. Aber er schrieb mir darauf, die könne er in die Malediven oder nach Hawaii schicken, doch nicht zu mir in die DDR. So war das damals.
Nun zu Erich Knauf, dessen Nachlass ich von seiner Witwe bekam und der nun hier zu meiner Freude in der ständigen Ausstellung sich befindet und der mich in die Lage versetzte, die Biografie »Heimat, deine Sterne« über Erich Knauf zu schreiben.
Er wurde am 21. Februar 1895 in der Meeraner Philippstraße 3 geboren. Zeitig ging er mit seinen Eltern nach Straßburg. Sein Vater, der Schneidermeister Heinrich Knauf, Mitglied der SPD, wurde von seiner Partei dorthin delegiert. Bald aber kehrten die Knaufs nach Gera zurück. Knauf wurde in den Ersten Weltkrieg gezogen, kehrte heil zurück und wurde in Gera Theaterkritiker. Dann bekam er eine Anstellung als verantwortlicher Redakteur in der »Plauener Volkszeitung für das Vogtland«. Dort wurde er ein Förderer der Arbeiten des Zeichners Erich Ohser aus Untergettengrün, bekannt unter dem Pseudonym e.o.plauen. Ende der 20er Jahre ist Knauf dann in Berlin Schriftleiter der Büchergilde. Mit dem Machtantritt der Nazis und ihrer Zerschlagung der Gewerkschaften verlässt er die Büchergilde. Er fristet sich mit Zeitungsarbeit durch, schreibt eine deftige Kritik der Oper „Carmen“, die in der Staatsoper aufgeführt wurde, und zieht sich den Hass des Schirmherrn Hermann Göring zu. Die Folge ist ein 10wöchiger Aufenthalt im KZ, wo er den Tod Erich Mühsams indirekt miterlebt. Danach wird er Pressechef der Filmgesellschaft Terra. Es beginnt die erfolgreiche Zusammenarbeit als Textdichter mit Werner Bochmann. Melodien entstehen wie »Heimat, deine Sterne« oder »Mit Musik geht alles besser«. In Berlin leben die ausgebombten e.o.plauen und Knauf mit einem Hauptmann der Reserve im Oberkommando der Deutschen Wehrmacht namens Schultz zusammen. In ihrer bissigen Art erzählen sie arglos politische Witze über Hitler, Goebbels, die SS. Schultz schreibt sich alles fein auf und denunziert sie. Beide werden verhaftet und vom Volksgerichtshof Freislers zum Tode verurteilt. e.o.plauen erhängt sich vor der Hauptverhandlung in seiner Zelle, Knauf wird am 2. Mai 1944 in Brandenburg-Görden enthauptet. Ein paar Witze genügten. Und auch der Text zu »Heimat, deine Sterne«, dem Lied, das zu einem Fronthit gemacht wurde, hat ihm nicht das Leben gerettet. Er wurde einfach irgendwo verscharrt.
Knauf schrieb geistvolle und kämpferische Bücher wie den Roman über den Kapp-Putsch »Ca ira!«, »Künstlerprofile von Dix bis Kollwitz«, ein Buch über den französischen satirischen Karikaturisten Daumier und den Gedichtband »Das Traumboot«. Er war ein sprachlich brillanter und scharfsinniger Schriftsteller.

1934 schrieb er ein Gedicht zum Tod von Joachim Ringelnatz, den vielleicht traurig-heitersten Dichter der damaligen Zeit. Ringelnatz wurde in aller Stille auf dem Waldfriedhof Heerstraße beigesetzt. Er hatte die Mitwelt so satt, dass er sie nicht einmal mehr an seinem Grabe sehen wollte.
Das Gedicht Knaufs heißt »Ringelnatz ist tot« und es sagt auf tragische Weise auch viel über die Stimmung Knaufs aus. Und es hat auch, wenn man sich das Jahr 1934 in Deutschland betrachtet, versteckt symbolischen Charakter.

Sein Schiff kam nicht mehr recht vom Fleck
Da ging er still nach Achterdeck.
Er wusste es: Der Kahn ist leck,
bald sackt er, – kannste’s ändern – weg.

Was ist die Welt? Ein Kabarett,
oft nicht viel größer als ein Brett,
drei Meter breit, fünf Meter lang,
ein Brett, ein Wrack, ein Untergang.
Der Stärkste hat das letzte Wort: Mann über Bord.

Was ist die Welt? Ein Rummelplatz,
ein Greisenkopf mit Kinderlatz,
mit Flittergold und Alkohol.
Es riecht nach Blut und nach Karbol.
Rümpfst du die Nase, Herzensschatz?
Jetzt ist er tot, der Ringelnatz.

Ein Kranz mit Schleife ist bestellt,
noch einmal Mühe, Zeit und Geld,
ein Sarg, ein Grab, der Regen fällt …
Ein Dichter wen’ger auf der Welt.

So ähnlich ist es auch Knauf, aber auf eine brutalere Weise durch Mord, ergangen. Ich lese Ihnen zum Schluß den Abschiedsbrief von Erich Knauf, den er kurz vor seiner Hinrichtung an seine Frau geschrieben hat:

2. Mai 1944

»Meine über alles geliebte Erna!
Gern hätte ich Dich noch einmal gesehen, Deine Stimme gehört, Dich zum Abschied geküsst. Es soll nicht sein. Und so bleibt mir nur, Dir zu schreiben, wie dankbar ich Dir für alles bin, für alles, was Du mir gegeben hast. Es waren zwölf wunderbare Jahre an Deiner Seite. Oft schwere Jahre für uns beide. Du hast es nicht verdient, dass Du nun auch noch das Schwerste durchmachen musst. Ich bitte Dich, erhalte Dich dem Leben. Du bist so lieb und gut. Werde wieder glücklich. Verschenke nur Dein großes herrliches Herz nicht so leicht. Werde recht glücklich. Ich bin bis zum letzten Augenblick gefasst. Herzliche Grüße an alle meine Geschwister, Verwandten und Freunde. Behaltet mich in lieber Erinnerung. Bis zum letzten Herzschlag bin ich, Deinen Namen auf den Lippen, Dein Dir dankbarer, Dich im Geiste beschützender, Dein Erich.«

 

Information

Schönherr, Hansjoachim: Ralph Arthur Roberts. Lebensbild eines großen Schauspielers. Hildesheim, Zurich, New York 1992

Eckert, Wolfgang: Heimat, deine Sterne. Leben und Sterben des Erich Knauf. Eine Biographie. Chemnitz 1998

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