Rezension

Der Herbst des Gerechten – Erinnerung an Georg Trakl

 

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Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 in Salzburg geboren. Nach Schulabbruch und einer Apothekerlehre studierte er von 1908 bis 1910 in Wien Pharmazie. Seit seiner Jugend versuchte er sich als Schriftsteller. Ab 1912 war Trakl in Innsbruck Militärapotheker. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Er diente als Leutnant in einer Sanitätskolonne. Nach der Schlacht von Grodek verstarb Trakl am 3. oder 4. November 1914 in Krakau. Es ist bis heute nicht geklärt, ob durch Selbstmord oder einen Unfall in der Folge einer hohen Kokaindosis.

2014 jährte sich der Todestag Trakls zum 100. Male. Aus diesem Anlass erschienen zahlreiche Bücher, die sich dem Werk des österreichischen Dichters widmeten.

Wir möchten auf die Arbeit von Rüdiger Görner verweisen, die 2014 unter dem Titel »Georg Trakl – Dichter im Jahrzehnt der Extreme« im Wiener Zsolnay-Verlag erschien.

Vor 90 Jahren, im Oktober 1925, ließ Ludwig von Ficker, der Herausgeber des »Brenner-Archivs« und Förderer Trakls, dessen sterbliche Überreste von Grodek nach Mühlau bei Innsbruck umbetten. Hier wurde später auch Ludwig von Ficker bestattet. Die beigefügten Fotos sollen einen Eindruck von dieser Grabstätte geben.

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Rüdiger Görner nimmt den Leser mit aus der Schicht der Vorurteile, mit denen heute die Erinnerung an Georg Trakl verdeckt sind. Er konzentriert unsere Aufmerksamkeit, auf Dinge im Leben des Dichters, die für das Werk bedeutsam sind. Das einzige Foto Trakls zeigt einen sportlich-muskulösen jungen Mann am Strand bei Venedig.

Schritt für Schritt nähert sich Görner dem Leben des jungen Mannes. Er schildert sachlich Trakls Verhältnis zu seiner jüngsten Schwester Grete und stellt klar, dass es die behauptete Inzest-Verbindung tatsächlich nicht gab. Er beschreibt den Freundeskreis Trakls, der die am Gymnasium gelehrte deutsche Klassik radikal und überzogen ablehnte und statt dessen Schnitzler, Wedekind, Hofmannsthal, Björnson, Strindberg, Rimbaud, Verlaine, Ibsen las und diskutierte. Görner geht auf den Einfluss der Apotheker-Kenntnisse über Rauschmittel und die Wirkung dieser Stoffe auf Trakl ein. Görner macht sich auch die Mühe, die Studien-Zeugnisse Trakls dem Dunkel der Archive, zu entreißen. In allen theoretischen Fächern waren seine Leistungen eher durchschnittlich. Nur beim praktischen Experiment bescheinigt man ihm ein »sehr gut«.

Ausführlich behandelt Görner Trakls erste Gedichtsammlung von 1909, die Veröffentlichung in der Zeitschrift »Brenner-Archiv« und die Veröffentlichung eines Gedichtbandes im Kurt Wolff Verlag in Leipzig von 1913. Görner kommentiert einzelne Gedichte, einzelne Zeilen und Worte. Dabei stellt er kenntnisreich Verbindungen zu anderen Literaten, Musikern, Malern, Skulpturisten und Architekten her. (Zu den Wiener Bekanntschaften Trakls gehörten Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Peter Altenberg u.a.)

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Besonders interessant für die Biographie ist ein Zeitungsbericht über eine Lesung Trakls auf Einladung des Brenner-Archivs im Musikvereinssaal von Innsbruck am 10. Dezember 1913. Trakl las acht Gedichte (»Die junge Magd«, »Sebastian im Traum«, »Abendmuse«, »Elie«, »Sonja«, »Afra«, »Kaspar Hauser Lied«, »Helian«). Trakl soll sehr leise und monoton gelesen haben.

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Rüdiger Görner zitiert hier ausführlich den »Tiroler Anzeiger« vom 13. Dezember 1913: »(Aus der Vorlesung Trakls) sprach die überzeugende Kraft einer eigenartigen Persönlichkeit des Geistes. Der Dichter las leider zu schwach, wie von Verborgenheit heraus, aus Vergangenheiten oder Zukünften, und erst später konnte man in dem monotonen, gebethaften Zwischensprachen (später wiedergegeben als »Insichsprechen«) dieses schon äußerlich ganz eigenartigen Menschen, Worte und Sätze, dann Bilder und Rhythmen erkennen, die seine futuristische Dichtung bilden. Alles wird Bild und Gleichnis in ihm, tauscht sich in seiner Seele zu andren Ausdrucksmöglichkeiten um, die dann den Menschen von heute noch nicht liegen, aber doch so überzeugend gebracht werden, daß man ihre Möglichkeit glaubt. Allerdings, wann dieses Dichters Zeit gekommen sein wird? – Denn ein Dichter ist dieser stille, alles in sich umtauschende Mensch gewiss, davon überzeugt jedes seiner Gedichte, die Offenbarungen gleich, wirken. Aber das Publikum von heute und morgen versteht ihn noch lange nicht, und die Klaköre, die gar so laut taten, am allerwenigsten.« (Görner, S. 138f)

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Görner hatte mehrfach darauf verwiesen, dass sich Trakl nur in seinen Dichtungen auszudrücken vermochte. Aber selbst die Lesung seiner Dichtung war für andere Menschen nicht einfach zu verstehen. Der ungenannte Journalist des »Tiroler Anzeigers« stellte ein Ausnahme dar.

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Abschließend widmet sich Görner ausführlich der Nachwirkung des Werkes Trakls.

Kennzeichnend für den Stil Görners ist die Weite des Blicks wie die Wertschätzung des Details. Die Vereinigung beider Extreme kommt unter Literaturwissenschaftlern nicht oft vor. Dem Autor und dem Verlag ist zu danken.

Kommentar

Görners Trakl-Biographie erschien im Jahr des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In der Wiener Presse erschien 2014 eine Rezension und in der Mitteldeutschen Zeitung in Halle. Der Neuigkeits-Wahn unserer Medienwelt hat, wenn er das Buch überhaupt wahr nahm, dieses jedoch schon längst wieder vergessen. Das mag man bedauern. Aber so ist die Lage. Hegel hätte angefügt: um so schlimmer für diese »Medienwelt«.

Sicher kann man Trakl nicht zu jeder beliebigen Zeit lesen. Heute berührt uns dessen Gefühl für Zeichen und Bilder des Niedergangs. Unscheinbar und schleichend beginnt der Niedergang, gerade dann, wenn alles »bestens funktioniert«, wenn unser »Wohlbefinden« am größten ist, wenn wir »stolz« sind auf uns. Die Symptome sind zunächst nur schwer zu erkennen oder nur dem Unbewussten zugänglich. Doch auch das Unbewusste hat eine sprachliche Struktur. Trakl vermochte diese Struktur mit all seinen Sinnen und seiner Vernunft, das heißt mit seiner Seele in Worte und Wortbilder zu setzen. Darin liegt seine Besonderheit begründet. Er nahm sehr sensibel die geistige Atmosphäre seiner Zeit wahr. In den Zeitungen wurde seit den 1890er Jahren ein Konflikt zwischen »Pangermanismus« und »Panslawismus« herbeigeredet. Den Herrscherfamilien gingen die Thronfolger aus. Das Britische Empire reagierte mit diplomatischen Intrigen und Wettrüstung auf seinen ökonomischen Abfall gegenüber Deutschland und den USA.

Diese verhängnisvolle Spirale blieb einigen Menschen nicht verborgen. In Wien engagierte sich Bertha Freifrau von Suttner gegen den bevorstehenden Krieg: »Die Waffen nieder!« Auch Karl May reiste auf Einladung Suttners zu einem Vortrag für den Weltfrieden nach Wien. Die internationale Arbeiterbewegung stellte, wie in einem Film von Monty Python, Resolutionen gegen den Krieg auf, die dann zuerst von der Führung der deutschen Sozialdemokraten missachtet wurden usw. usf.

Georg Trakl hatte durch seine Jugend einen anderen Zugang zu seiner Zeit als Angehörige ältere Generationen. Er engagierte sich in einer Art von Ohnmacht weder für oder gegen den Krieg. Er nahm als Militärapotheker am Krieg gegen Russland teil obwohl er die russische Kultur schätzte. In seiner Dichtung verarbeitete er all die widersprüchlichen Bestimmungen. Seine von Traurigkeit dominierte Dichtung war ihm Verständigungsmittel und Orientierungshilfe. Wo viel Weisheit ist, da ist viel Traurigkeit, meinte Salomo. Er fügte aber an, dass er lieber zu den Trauernden gehe als zu den ewig Feiernden.

Mit seiner Darstellung der Innenwelt Trakls gibt Görner wie nebenbei auch Einblick in die Seelenlage einer ganzen Generation. Diese Jugendgeneration, von einer überalterten Führungsschicht in den Weltkrieg gezogen, durch den Krieg verstört, nach Kriegsende wieder den »unfähigen alten Männern« unterworfen, wählte dann den Weg des Nihilismus, weil sie glaubte, die »Welt von gestern«, die »Herrschaft der Alten«, die »Last der Tradition« nicht anders überwinden zu können. Dem widerspricht nicht, dass die Instrumentalisierung dieses Nihilismus zu einer noch größeren Katastrophe führte.

Alles in allem legt Görner ein bemerkenswertes Buch vor. Ohne Zweifel verlangt es vom Leser auch einige Anstrengung. Gibt es aber irgendwo ein echtes Vergnügen ohne Anstrengung?

Johannes Eichenthal

 

 

Trakl neu lesen! Hier der Anfang:

GeorgTrakl: Kaspar Hauser Lied

(Für Bessie Loos)

Er wahrlich liebte die Sonne,

die purpurn den Hügel hinabstieg,

Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel

Und die Freude des Grüns.

 

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums

und rein sein Antlitz.

Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen:

O Mensch!

 

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend;

Die dunkle Klage seines Munds:

Ich will Reiter werden.

 

Ihm aber folgte Busch und Tier,

Haus und Dämmergarten weißer Menschen

Und sein Mörder suchte nach ihm.

 

Frühling und Sommer und schön der Herbst

Des Gerechten, sein leiser Schritt

An den dunklen Zimmern Träumender hin.

Nachts blieb er mit seinem Stern allein;

 

Sah, dass Schnee fiel in kahles Gezweig

Und im dämmernden Hausflur den Schatten

des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

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Information

Rüdiger Görner: Georg Trakl – Dichter im Jahrzehnt der Extreme. Wien, Zsolnay Verlag 2014, 352 S., fester Einband, Schutzumschlag. VP (D) 24,90 €

ISBN 978-3-552-05697-8

www.zsolnay.at

Rezensionen

Die Presse, Wien: http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/3876052/Grodek-und-kein-Ende?from=suche.intern.portal

Mitteldeutsche Zeitung, Halle: http://www.mz-web.de/kultur/neues-buch-ueber-einen-ganz-eigenartigen-dichter,20642198,28933244.html

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One thought on “Der Herbst des Gerechten – Erinnerung an Georg Trakl

  1. Salzburg – St. Peters-Friedhof – hier trifft man auf viele Berühmtheiten, die hier ihre letzte Ruhe fanden. U.a. die Schwester Mozarts, Maria Anna von Berchtold zu Sonnenburg, auch als Nannerl bekannt, Johann Michael Haydn, der Bruder von Joseph Haydn, oder Santino Solan, der Architekt und Baumeister des Salzburger Doms.
    Georg Trakl nannte dieses Kleinod europäischer Friedhofskultur
    „traumverschlossenen Garten“
    und dichtete dazu 1909 das folgende Gedicht:

    Ringsum ist Felseneinsamkeit.
    Des Todes bleiche Blumen schauern
    Auf Gräbern, die im Dunkel trauern –
    Doch diese Trauer hat kein Leid.

    Der Himmel lächelt still herab
    In diesen traumverschlossenen Garten,
    Wo stille Pilger seiner warten.
    Es wacht das Kreuz auf jedem Grab.

    Die Kirche ragt wie ein Gebet
    Vor einem Bilde ewiger Gnaden,
    Manch Licht brennt unter den Arkaden,
    Das stumm für arme Seelen fleht –

    Indes die Bäume blüh´n zur Nacht,
    Dass sich des Todes Antlitz hülle
    In ihrer Schönheit schimmernde Fülle,
    Die Tote tiefer träumen macht.

    Ergebenst der Ihre, ars.

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