Reportagen

Unser Mann in Madras

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Am Abend des 28. Januar begrüßten Christine Erler, die langjährige Leiterin der Stadtbibliothek Limbach-Oberfrohna, und Dr. Andreas Eichler vom Freundeskreis Gert Hofmann, gemeinsam etwa 25 Besucher zu einer szenischen Lesung von Gert Hofmanns Theaterstück »Unser Mann in Madras«. Anlass war der bevorstehende 85. Geburtstag des aus Limbach stammenden deutschen Dichters Gert Hofmann (29.1.1931–1.7.1993).

An diesen Abend stellten die Damen die absolute Mehrheit des Publikums. Unter den Besuchern waren auch Oberbürgermeister Dr. Jesko Vogel, die Meeraner Buchhändlerin Silvia Hengmith und der Chemnitzer Künstler Osmar Osten.

Eichler gab zunächst eine kleine Einführung in Gert Hofmanns Stück »Unser Mann in Madras«. Er verwies darauf, dass neben Gert Hofmann (Jg. 1931), der in Eppendorf geborene Dramatiker Heiner Müller (Jg. 1929) im heutigen Limbach-Oberfrohnaer Ortsteil Bräunsdorf seine Kindheit verbrachte, dass der in Chemnitz geborene Lektor und Schriftsteller Peter Härtling (Jg. 1933) seine Jugend im nahen Hartmannsdorf verbrachte und dass der in Limbach geborene Dramatik-Historiker Werner Mittenzwei (Jg. 1927) nur wenige Straßen von Gert Hofmann entfernt aufwuchs. Aus dieser Literaten-Generation seien auffällig viele in Limbach-Oberfrohna, in Chemnitz und Umgebung aufgewachsen.

An diesen vier Literaten werde aber auch deutlich, dass jeder die Generationserfahrung auf besondere Weise verarbeitete.

Gert Hofmann habe 1957 sein Studium an der Universität Freiburg mit einer Dissertation in Anglistik abgeschlossen. Thomas Mann und Henry James seien die »Säulenheiligen« des jungen Wissenschaftlers und Literaten gewesen. Neben der Literatur liebte Gert Hofmann die Genre der Bildenden Kunst und des Filmes, besonders Filme von Federico Fellini.

Von den 1950er Jahren bis 1979 schrieb Gert Hofmann vor allem Hörstücke, Hörspiele, Theaterstücke und Fernsehspiele. Regisseure wie Helmut Qualtinger in Hamburg oder Ivo Nagel in München inszenierten damals seine Werke.

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Foto: Der Schreibtisch von Jim Siegel

 

Das Theaterstück »Unser Mann in Madras« entstand 1969, nach einem längeren Aufenthalt in den USA. Die Veröffentlichung erfolgte im Fischer Verlag Frankfurt unter dem Titel »Kündigungen – zwei Einakter«. Der Cheflektor bei Fischer hieß Peter Härtling.

Gert Hofmann gebe keine Hinweise auf Handlungsort und -zeit des Stückes. Es könne in USA spielen aber auch irgendwo auf der Welt, vor 70 Jahren oder in unserer Zeit.

Im Stück treten drei Personen auf: Jim Siegel – ein Konzernmanager in der Zentrale, Jane, eine Sekretärin, und Bob – ein Konzernvertreter im indischen Madras.

Wie in anderen Stücken Hofmanns, kommt der »Hauptheld« Bob nicht selbst zu Wort. Das Stück ist eigentlich ein Monolog von Jim Siegel, bis auf die Wechselsprechanlagenkommunikation mit der Sekretärin Jane.

Gert Hofmann nimmt die Motive aller Personen ernst. Er bezieht keine Stellung, legt kein »Bekenntnis« für oder gegen eine Person, eine Firma oder eine Ideologie ab. Er nimmt dem Zuhörer jedoch seine Vorurteile und lässt ihn allein in seinen Kopf entscheiden, wie er sich selbst in der Rolle der Protagonisten verhalten hätte.

Zum Verfahren Gert Hofmanns gehört die Dramatisierung der Handlung. Er formuliert eine Extremsituation, eine Verdichtung, eine Fiktion. Er setzt Bob einer Katastrophe aus, die er nur andeutet, aber nicht benennt. Wir nehmen an, dass es ein massierter Atombombenabwurf war.

Für dieses Stück gibt es kein »realistisches« Ereignis, es beruht nicht auf eigenem Erlebnis, es gibt keine Recherche. In gewissem Sinne wird eine absurde Situation dargestellt.

Aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Leben und dem Krieg hielten Gert Hofmann und die Vertreter seiner Generation das Leben vielfach für »absurd«. Von Martin Esslin, dem Hörspielchef von BBC, einem Freund Gert Hofmanns, stammt der Buchtitel »Theater des Absurden«.

Im Hofmannschen Werk ist das »Neue« jedoch nie plakativer Selbstzweck, sondern es tritt immer hinter die Kontinuität der europäischen Literaturgeschichte zurück. Bereits im ersten Studienjahr las Gert Hofmann Anton Tschechows Erzählungen und Theaterstücke und Fjodor Dostojewskis Romane, die bereits eine Tendenz zum Absurden aufweisen, im russischen Original. Er schätzte das ganze europäische literarische Erbe und erneuerte die Tradition auf zeitgemäße Weise. Wenn die Kunst nach »Neuigkeit« und »Aktualität« heischend ein Wettrennen mit dem Leben beginne, so Hofmann, dann verlören am Ende beide: das Leben und die Kunst.

Endlich kam Eichler in seiner weit schweifenden Erklärung zum heutigen Stück »Unser Mann in Madras« zurück. Verlauf und Ende werden bei den Zuhörern eine gewisse Verstörung hervorrufen, meinte Eichler. Die beiden Schauspieler, die Rolle der Sekretärin Jane wurde von Angelika Bretschneider und die von Jim Siegel von Siegfried Arlt, dem Vorsitzenden der Goethegesellschaft Chemnitz, übernommen, wollten versuchen, den Intentionen Gert Hofmanns gerecht zu werden.

Da, so Eichler, kommt gerade Mr. Siegel in sein Büro und nimmt an seinem Schreibtisch Platz …

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»Jane«, so der Ruf in die Wechselsprechanlage, »verbinden Sie mich doch bitte einmal mit unserem Mann in Madras.«

»Gerne Mr. Siegel« – antwortet die Sekretärin.

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»Hallo Bob! – Hier ist Jim, richtig, von der Zentrale …«

Es entspinnt sich ein absurder Dialog. Bob muss einen Schicksalsschlag nach dem anderen hinnehmen. Jim Siegel weckt Hoffnungen, die der Hörer aber sofort als absurd erkennt. Man hofft, dass es nicht noch schlimmer … Ab und zu geht ein Stöhnen durch die Zuschauer, wenn es denn doch noch schlimmer … kommt.

 

Am Ende herrschte zunächst betroffenes Schweigen. Es dauerte einige Sekunden, bis die Zuschauer den beiden Akteuren Angelika Bretschneider (li.) und Siegfried Arlt (2. v. li.), dem Bühnentechniker Peter Kuhn (3. v. li.) und der Gastgeberin Christine Erler, mit herzlichem Beifall dankten.

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In der anschließenden Diskussion kam aus dem Publikum der Vorschlag, der Stadtbibliothek von Limbach-Oberfrohna den Namen ihres großen Sohnes Gert Hofmann zu verleihen. Der Vorschlag stieß auf einmütige Zustimmung.

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Am 29. Januar, dem Tag des 85. Geburtstages von Gert Hofmann, brachten Mitglieder des Freundeskreises Gert Hofmann an der historischen Gaststätte »Stadt Wien« eine Tafel an, die auf den Besuch Gert Hofmanns in seiner Geburtsstadt im Juli 1990 hinweist.

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Die Gaststätte »Stadt Wien« ist einer der wenigen verbliebenen authentischen Ort aus der Jugend Gert Hofmanns.

Johannes Eichenthal

 

Information

Am 28. Januar erschien ein kenntnisreicher und liebevoller Artikel zum 85. Geburtstag Gert Hofmanns aus der Feder von Klaus Walther in der Chemnitzer Freien Presse.

http://www.freiepresse.de/KULTUR/Der-Taenzer-auf-dem-Seil-artikel9419556.php

Dr. Klaus Walther »entdeckte« Gert Hofmann bereits in den 1980er Jahren, als der Berliner Aufbauverlag unter der Leitung Elmar Fabers Romane, Erzählungen und Novellen Gert Hofmanns in Lizenzausgaben veröffentlichte.

Klaus Walther ist auch der Initiator und Herausgeber einer Neuausgabe von Gert Hofmanns Novelle »Die Rückkehr des verloren Jakob Michael Reinhold Lenz nach Riga«.

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Gert Hofmann: Die Rückkehr des verlorenen J. M. R. Lenz nach Riga

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Walther

Engl. Broschur, 12,4 × 18,6 cm, 2010, 64 S.

Mit Illustrationen von Wolfgang E. Herbst-Silesius

Verkaufspreis: 9,50 €

ISBN 978-3-937654-44-7

Bestellung: www.mironde.com

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