Essay Feature

TOMORROW – DIE WELT IST VOLLER LÖSUNGEN

Der Abend des 1. Februar war feucht und kalt. Nur wenige Menschen sah man noch in Penig. Selbst die Hundebesitzer scheuten, sich durch die Straßen ziehen zu lassen.

 

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Wir kamen wieder einmal zu spät. Die Vorstellung in »Karstas kleinem Kino« hatte schon begonnen. Die Lichter waren erloschen und auf der breiten Leinwand sieht man eine Gruppe junger Familien, die sich in englischer Sprache über ein Horrorszenario für die Zukunft der Menschheit austauscht, das von Naturwissenschaftlern in einer renommierten Zeitschrift veröffentlicht worden ist. Für die Jahre nach 2050 prognostizieren die Wissenschaftler einen Kollaps der menschlichen Zivilisation. Der nüchter-fatalistische Stil der Wissenschaftler provozierte die jungen Leute, vor allem im Interesse ihrer Kinder, nach Alternativen zu suchen.

 

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Sie nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise um die Welt. Sie lassen uns teilhaben an der Bekanntschaft mit Menschen, die versuchen, im Stadtgelände des brachen Detroit in harter Arbeit Obst und Gemüse zur Selbstversorgung anzubauen. Wir lernen »Propagandagärten« und lokale Kundenbindungsbewegungen in Groß-Britannien kennen. Hier gibt man in einer ergänzenden Währung zum Beispiel eine »21-Pfund-Note« heraus. Ein promovierter Biochemiker hat seinen Beruf an den Nagel gehängt und mit dem schweren Beruf eines alternativen Landwirts vertauscht. Wir lernen Kommunalpolitiker in Dänemark kennen, die ihre Kommunen Schritt für Schritt auf alternative Energieumwandlung umstellen. Wir besuchen einen Permagarten in der Normandie, der von einer studierten Juristin und ihrem Mann angelegt wurde. Ein Bürgermeister aus Indien, der zur Kaste der »Unberührbaren« gehört, stellt sein Konzept der Vermittlung von starren Kastenstrukturen durch Selbstorganisation vor.

 

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Ausgerechnet aus Basel erfahren wir von einer parallelen Wirtschaftswährung, dem »Wir-Franken«. Fast neidisch nehmen wir zur Kenntnis, dass in Kopenhagen 61 Prozent der Menschen als Fußgänger, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. (Und was für Radwege es dort gibt!) Wir sind dabei, als die Bürger von Island nach dem auf Börsenspekulationen folgenden Staatsbankrott ihre Regierung und den Zentralbankchef zum Rücktritt zwingen mussten. Wir erleben, wie diese Bürger alternative Vorschläge in einen Verfassungsentwurf einbringen, müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die etablierte Politik diese Vorschläge seit Jahren blockiert. Ein finnischer Schuldirektor erklärt uns, wie das Schulwesen in seinem Land ohne Ranking und Kontrolleure Spitzenplätze im Pisa-Ranking erreicht.

 

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Dazwischen erhalten interessante Nachdenker die Möglichkeit auf Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Besonders bleibt uns einen Inderin in Erinnerung, die darauf verweist, dass über allen juristischen Gesetzen das Gaia-Gesetz der Mutter Erde stehe. So, wie wir nicht gegen die Menschlichkeit verstoßen dürften, dürften wir auch keine Handlungen begehen die unserer Erde schaden.

 

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Während des ganzen Filmes strömen Fakten auf uns ein. Ein Gärtner aus Detroit verweist darauf, dass die Lebensmittel heute im Durchschnitt 2400 km Transport hinter sich haben, ehe wir sie verbrauchen. Wir erfahren, dass industrielle Landwirtschaft nicht der Hauptlieferant für Lebensmittel, sondern von Industrierohstoffen ist. Die Lebensmittel werden weltweit mit absoluter Mehrheit von Kleinbetrieben erzeugt. So verwundert es nicht, dass im Film darauf verwiesen wird, dass nur die Vielfalt der regionalen landwirtschaftlichen Kleinbetriebe die Welternährungsfragen lösen kann, nicht monopolistische Biochemie-Agrarkonzerne. Wir erfahren eine Kritik der herrschenden zentralistischen »Globalisierung«, die die heutigen Probleme nicht lösen kann. Ein älterer Mann verweist darauf, dass kein System der Welt unendliches »Wachstum« besitzen könne. Man weist darauf hin, dass der Ausdruck »Finanzindustrie« eigentlich falsch ist. Diese Branche produziert nichts. Wir erfahren, dass die bisherigen Wahlsysteme folgerichtig an den massiven Interessen von wirtschaftlichen Großakteuren scheitern. Statt für die Wahl plädiert ein junger Mann für die Auslosung von Mandaten. Gegen Einwände verweist er darauf, dass das Auslosungs-Verfahren bei der Auswahl der Geschworenen für Gerichte sehr gut funktioniere.

 

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Den ganzen Film hindurch erklingt immer wieder engagierte Rock- und Pop-Musik, wie man sie im Radio selten hört.

Wir sind am Ende des Filmes begeister und angeregt. Ach ja, wie hieß der Filmgleich? »Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen«. In englischer und französischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

Kommentar

Auf der Heimfahrt sind wir noch ganz vom Film beeindruckt. Interessant, wie hier endlich einmal ein Denken in Bilder umgesetzt wird, das unserer Zeit gemäß ist. Die Botschaft dieses Filmes wird am Ende nocheinmal zusammgefasst: Globale Netzwerke lokaler Innitiativen statt monopolistischer, hierarchischer, zentralistischer Pseudo-Globalisierungs-Strukturen.

 

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Der Film nimmt dem westlichen Durchschnittsbürger so ziemlich alle Gewissheiten des 20. Jahrhunderts. Aber diese »bittere Arznei« wird durch Esprit bekömmlich. Die Interviewpartner besitzen zu einem großen Teil beneidenswerten, geistreichen  Humor. Das macht es uns leicher, Abschied zu nehmen, von den Gewissheiten einer Phantom-Politik, die vor der Wirklichkeit schon lange in externe Berater-Konstrukte flüchtet.

Der Film erlebte seine Premiere im Vorfeld des so genannten »Welt-Klima-Gipfels« von Paris im Jahre 2015. Dem Anschein nach deshalb wurden die Staatschefs der so genannten »Großen 20« einmal kurz kommentarlos eingeblendet. Sie wirken im Kontext wie von »vorvorgestern«.

Der Film bietet eine kaum nachvollziehbare Vielfalt an Anregungen. Ohne Zweifel sprühen die Akteure vor Enthusiasmus. Ohne Zweifel müssen die Gesetze endlich geändert werden, um die einseitige Bevorzugung von »wirtschaftlicher Größe« zu überwinden. Aber allein mit Enthusiasmus und mit Gesetzesänderungen wird man die Menschen nicht langfristig an der Problemlösung interessieren können. Es ist Weisheit notwendig, um die Reduktion menschlichen Daseins auf »Geldmachen« zu überwinden. Vernunft ist nur die eine Seite, die andere Seite ist Hoffnung. Diese kann nur aus der literarischen theologisch-philosophischen Überlieferung gewonnen werden. Auch das angesprochene Gaia-Gesetz hat seine Wurzel in mythischer  Überlieferung. Im persischen, indischen, chinesischen, jüdischen, arabischen Mythos und bei den christlichen Mystikern wurden Glaube und Vernunft in poetischer Form vereint. Die Poesie ist jedoch nicht nur die Brücke zwischen Glaube und Vernunft, sondern auch die, zwischen den besonderen Religionen und Kulturen. In vielen Religionen wird die Einordnung des Menschen in die Natur und die Immanenz Gottes in der Natur hervorgehoben. Wir brauchen alle diese spirituellen Erfahrungen, um die Einseitigkeiten der Industriegesellschaft überwinden zu können. Gleich, ob der Klimawandel allein durch Menschen oder allein durch Naturprozesse oder durch beide oder durch keinen von beiden hervorgebracht wurde: wir müssen uns der Lage anpassen. Wir müssen respektieren, dass die Natur eine Macht ist. Im Universum vollziehen sich Naturgesetze, denen gleichermaßen der Mensch, das Staubkorn und der Planet unterworfen sind. Diese Gesetze der göttlichen Vernunft sind berechenbar, vollziehen sich aber gemäß einer Notwendigkeit, die wir niemals vollständig erfassen werden. Über Jahrtausende sammelten die Menschen Erfahrungen der notwendigen Demut oder Erfurcht gegenüber der Natur. Der Mensch hat den Kosmos und die Erde nicht erschaffen. Wir sind nur zu Gast. Der Mensch ist gegenüber der Natur nicht allmächtig. Der gewinnträchtigste, höchstbörsennotierte Monopolkonzern kann daran nichts wirklich ändern.

 

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Der Film machte uns bewusst, dass alle Menschen in die Rettung unserer Zukunft einbezogen werden müssen. Voraussetzung ist aber die Einsicht, dass wir Menschen unsere Existenz nicht uns selbst verdanken. Wir bedürfen der Spiritualität, um dies zu verinnerlichen und uns selbst zu motivieren. Deshalb müssen wir endlich die bestehenden Religionsstreitigkeiten überwinden: Es gibt nur einen Gott, nur ein Wesen des Universums. Die unterschiedlichen religiösen Überlieferungen stehen deshalb alle im allgemeinen Zusammenhang. Es sind »Urerzählungen der Schöpfung« (Herder), die von den Völkern auf jeweils besondere, verändernde Weise weitererzählt wurden. Vor allem die Überlieferungsgeschichten können unsere Vorstellungen vom allgemeinen Zusammenhang und von gleichzeitigen Besonderheit aller Kulturen befördern. »Die Stimme der Völker in Liedern« lautetet der Titelentwurf Johann Gottfried Herders für seine Sammlung internationaler Volkslieder. Wenn ihm die Zeit vergönnt gewesen wäre, dann hätte er vielleicht eine Sammlung mit dem Titel »Der Glaube der Völker in ihren Heiligen Schriften« herausgegeben.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel knüpfte auch in diesem Punkt an Herder an. Spätestens seit der Hegelschen Logik kann der Identitätsbegriff nicht mehr auf das dürftige, formallogische A = A beschränkt bleiben. Ein wissenschaftlicher Begriff von Identität muss mindestens den Gegensatz von allgemeinem Zusammenhang und Besonderheit erfassen.

 

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Zurück zum Film: Wer noch Geld als Sinn des Lebens ansieht, wer noch allein die Größe von Unternehmen bevorzugt, wer noch Wirtschaftswachstum um jeden Preis durchsetzen will, wer noch Krieg als Mittel der Politik betreibt, der verstößt gegen Gesetze des Universums, gegen göttliche Vernunft.

Johannes Eichenthal

 

Information

Der Dokumentarfilm »Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen« wird im Rahmen des französischen Jugendfilmfestivals CINÉFÊTE17 gezeigt.

2015/ Regie: Cyrill Dion und Mélanie Laurent / Länge 118 Minuten

www.cinefete.de, www.tomorrow-derfilm.de, www.tomorrow-derfilm.at

www.karstaskleineskino.npage.de       karsta.hoenicke@gmx.de

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2 thoughts on “TOMORROW – DIE WELT IST VOLLER LÖSUNGEN

  1. Das Kuriosum ist, dass sich die meisten Menschen den längst erkannten Zusammenhängen wie über-mütige Tollhäusler bewusst verschließen und den Surrogaten unserer Zeit, den Statussymbolen mehr Glauben schenken, als der entscheidenden Frage: Es geht einzig und allein um das Überleben der Menschheit. Der Allmacht der Natur, deren Teil auch ein jeder Mensch ist, gebietet, dass der Mensch nur in Harmonie mit sich und dem All – also allen Menschen als Teil der Natur leben kann. Alles andere verstößt gegen dieses Grundgesetz, ist Raubbau an der Natur und damit an uns selbst. Dieser Zusammenhang sollte für alle Menschen zum Maßstab ihres Verhaltens werden. Machtstrukturen jeglicher Art sind tötlich, inhuman – die Menschen sollten lernen, sich selbst zu regieren, das beginnt mit der Erfüllung selbstgesteckter Ziele zum Wohle des eigenen, wie zum Wohle des Lebens der anderen.
    Das mutet vielleicht in dieser Welt als “weltfremd” an, wenn aber die elementaren Fragen, Sein oder Nichtsein an die Tür klopfen, dann entscheidet der Einzelne doch für das Sein, für das schlichte Leben.
    So entscheidet am Ende doch das Humanum – deshalb hat Herder die Stimmen der Völker nach ihren Wohlklang hin untersucht und Goethe in seiner Tonlehre nicht anders und kommt zu dem Ergebnis, dass Sprache und Musik letzten Endes in der Genealogie der Erde in Symbiose mit der Genealogie der Musik gipfeln. Denken wir dabei an die “Pädagogische Provinz” in Wilhelm Meisters Wanderjahren, dann entdecken wir, das es Lösungen gibt. Die harmonisierende, gemeinschaftsbildende Kraft der Musik – als dem inneren Klang der Menschheit. Mag das alles fantastisch klingen – aber die Weltgesetze sind nun mal die von Polarität und Steigerung – und das große Spiel der Kräfte im All sind darauf eingespielt. Minutiös! Dass im Angesicht dessen alles andere klein und unbedeutend wird – sollte auch jedem davon überzeugen, dass jegliche Religion im Glauben gipfelt – nicht im Vorrecht des einen oder anderen Gottes. Wendet sich der Gläubige nicht an ein unsichtbares Wesen? An eine Kraft, die ihn in seinem Sinnen und Trachten bestätigt, vergibt, tröstet, schützt und möglichweise sogar liebt? Erst dann beginnt er an sich selbst zu glauben – und entfaltet seine Wesenskräfte, die er nicht in sich vermutet hat. Sie sind ihm gegeben, wie die Zeit – denn so gesehen, sind wir alle Kinder des Lichts!

  2. Was für eine Freude, Herrn Eichenthal zu lesen. Und was für ein Schluss nach dieser genialen Einbindung ins Ganze.
    Einziger Punkt, der mich verunsichert, sind die deutschen Untertitel. Ich könnte Stein und Bein schwören, dass ich ihn in deutscher Sprache angeschaut habe. Wiederum täusche ich mich so oft…
    Jedenfalls gehört der Film für mich in die Reihe der Aufreger der letzten Jahre und transportiert dazu unendliche Hoffnung. Ob Al Gores “Eine unbequeme Wahrheit” oder der österreichische Knaller “Lets make money”, auch “Plug &pray” über die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, alles Filme, die tief beeindrucken und den Zusammenhang der Zeiten erlebbarer machen, der neue Film in dieser meiner Liste ist ein besonderes Geschenk- Zukunft nicht als Horrorszenario, Zukunft denkbar und machbar in kleinsten Schritten, die vorstellbar werden, Mut machen, Hoffnung geben und Demut stärken.

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