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LEIPZIGER BUCHMESSE 2018

Vor vielen Jahren nannte man die Leipziger Messe im März einmal »Frühjahrsmesse«. In diesem Jahr war alles anders. Der Winter weigerte sich abzutreten, obwohl seine Regierungszeit vorbei ist. Zum Beweis seiner Leistungsfähigkeit ließ er noch einmal Schnee und Eis heranbringen, gemixt mit eisigem Winde aus? – aus Russland natürlich! Mit dem relativ geringen Aufwand von 8 Grad Minus, weniger schafft er nicht mehr, gelang es ihm, mehrere Hauptbahnhöfe in Mitteldeutschland lahmzulegen, Züge und Busse zu verspäten, Autobahnen und Innenstädte zu blockieren. Kurz: ein Winterchaos anzurichten.

Doch die Buchliebhaber ließen sich nicht beirren. Der vogtländische Schriftsteller und Dichter Utz Rachowski (re.) besuchte gleich am ersten Tag den Stand des Mironde Verlages. Hier veröffentlichte er den Gedichtband »Miss Suki oder Amerika ist nicht weit«.

Der Verbandsvorsitzende des ZV-Frohnbach, Bürgermeister Klaus Kertzscher (li.), hob im Rahmen der Vorstellung von Forschungsergebnissen zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm durch Prof. Dr.-Ing. Karin Heinrich (Beuth-Hochschule Berlin, 2. v. li.) und ZVF-Geschäftsleiter Dr.-Ing. Steffen Heinrich (3.v. li.) im »Innokonservativen Jahrbuch 1« hervor, dass diese technologische Innovation in einem der kleinsten Zweckverbände Sachsens entwickelt wurde, und dass die Innovationsfähigkeit die ausgesprochene Stärke kleiner Gemeinden, Unternehmen und Verbände sei.

Nach der Vorstellung des Niederfrohnaer Phosphor-Rückgewinnungs-Projektes, die Aufnahme des Dauerbetriebes wird gerade vorbereitet, trafen sich alle Beteiligten zu einem Gläschen Wein von Saale und Unstrut.

Immer wieder neue Gäste, darunter der Büchersammler und Malik-Verlag-Experte Dr. Werner Abel (Mitte) und Enrico Hilbert (1. v. li.), die Autoren des Biographischen Lexikons »Sie werden nicht durchkommen. Deutsche an der Seite der Spanischen Republik«, sowie der Journalist und Dichter Matthias Zwarg (2. v. li.) Von ihm erschien im Mironde Verlag der Gedichtband »Flugblätter«.

Am 16. März erzählte Frieder Bach, der Autor von »Fahrzeugspuren 2. Fahrzeugschicksale«, wie in der Nachkriegszeit das Leben der Autos ins Unendliche verlängert werden sollte und wie aus Autos auf einmal »Veteranen« und »Oldtimer« wurden. Der Teil 1 der Fahrzeugspuren soll in diesem Jahr neu aufgelegt werden. Neu erscheinen wird Teil 3: »Rennsport von 1900 bis 1990«.

Die Meeraner Buchhändlerin Silvia Hengmith (2. v. re.) informiert sich bei Frieder Bach über den kommenden Teil 3 der Fahrzeugspuren.

Die Pirckheimer-Gesellschaft, eine der letzten Bastionen zur Verteidigung des guten Buches, trat mit großer Mannschaft und vollem Einsatz in Leipzig an. Dr. Ralph Aepler (vorn, 2. v. re.), der Vorsitzende der Gesellschaft.

Thomas P. Konietschke, der Inhaber der Kaefertal-Presse, und Elke Reinhard, kommen aus dem Frankfurter Raum zur Leipziger Buchmesse.

Ministerpräsident a.D. Reinhard Klimmt, Inhaber des Antiquariats »Der Büchergärtner« aus Saarbrücken, ist mit seinen Büchern auf der Antiquariatsmesse vertreten. Er präsentiert das großformatige, zweibändige Werk »Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter«. Klimmt berücksichtigt alle Taschenbücher, die im deutschsprachigen Raum erschienen, auch die in der DDR.

 

Alexander Walther entdeckt das neue Buch seines Vaters Klaus Walther: »Wie ich mit Carl Gustav in Kyoto ein Bier trank«

 

Die Chemnitzer Schriftstellerin Regina Röhner und der Journalist Jürgen Sorge.

Die Zwickauer Buchhändlerin Gabriele Hertel nutzte gemeinsam mit Ihrem Gatten, wie jedes Jahr, den Sonntag zum Besuch der Buchmesse.

Am Sonntagnachmittag stellte Professor Eberhard Görner das Buch von Franz Cohn »Wir leben weiter. Die Geschichte einer Familie« vor. Der 1927 in Chemnitz geborene Autor beging an diesem Tag in Stockholm seinen 91. Geburtstag. Eberhard Görner vermochte den Zuhörern einen authentischen Eindruck von diesem Buch zu verschaffen, so, als ob Franz Cohn selbst zugegen gewesen wäre.

Antje Contius (li,), die Geschäftsführerin der S. Fischer Stiftung, übergab das im Auftrag der Stiftung im Argon Verlag erschienene Hörbuch von Franz Cohn, mit dem Titel »Wir leben weiter«, mit der Stimme von Franz Cohn selbst. Birgit Eichler übergab das eben erschienen gedruckte Buch mit dem Titel: »Wir leben weiter«. Mit diesem Ereignis ging der Buchmessesonntag zur Neige. Ganz langsam wurden es weniger Besucher. Um 18 Uhr der Schlussgong. Dann bauten die vielen Aussteller ihre Stände wieder ab und begaben sich auf die Heimfahrt nach Deutschland und ganz Europa. Das war die Leipziger Buchmesse 2018. Es war eine Frühjahrsmesse!

Kommentar

Es gibt viele Gründe um die Stärke und Fähigkeiten der Leserschaft zu bangen. Ein Viertel aller achtjährigen Kinder verfügt über keinen Mindestwortschatz mehr. Es gibt in Deutschland Millionen funktioneller Analphabeten. Die Zahl der Buchkäufer ging in den letzten Jahren um mehrere Millionen zurück. Das sind Indizien einer Entwicklung mit negativer Langzeitwirkung. Aber trotz des Wintereinbruches und katastrophaler Verkehrsverhältnisse kamen etwa 271.000 Menschen zur Leipziger Buchmesse. Warum? Die Motivation für einen Buchmessebesuch ist sicher vielfältig. Man traf jedoch unverhältnismäßig viele Menschen, die auf der Suche nach Antworten waren. Selbst am letzten Tag, 17.55 Uhr, fünf Minuten vor Schluss, kamen solche Besucher noch an den Mironde-Stand. Das ist aber auch nicht verwunderlich. Wir leben in einer »brennenden Welt« (Pankaj Mishra). Alles ist im Umbruch. Einige Gewissheiten sind inzwischen verschwunden. Viele bisherige Institutionen versagen bei der Ausübung von humanitärer Verantwortung. Wir erleben heute den Kampf der alten Mächte um die Neuaufteilung des Nahen Ostens. Eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Völker haben sich im 20. Jahrhundert schon einmal vom Kolonialismus befreit. Nichts vergessen und nichts dazugelernt? Antworten sind Worte, über die wir noch nicht verfügen. Politik und Medien sagen auf jede Frage etwas, geben aber keine Antworten. Immer mehr Menschen suchen nach einem neuen Verhältnis zur Natur, nach einer neuen Lebensweise. Fast bei allen Verlagen konnte man Bücher zu diesem Thema finden. Von der naturnahen Ernährung über sportliche Bewegung bis hin zur »Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm«, denn ohne Phosphor wäre unser Leben gar nicht möglich, und die Weltphosphorvorräte sind nahezu erschöpft. Aber warum suchen die Menschen gerade auf der Buchmesse Antworten? Wir leben in der Industriegesellschaft ein Leben aus zweiter Hand. Heute werden uns nicht nur Waren über das Internet geliefert, sondern auch unsere Meinungen und Anschauungen über »soziale Medien« konformiert. Selbst die Träume der Menschen werden inzwischen industriell vorgefertigt. Auf der Buchmesse kann man diese Macht der Unterhaltungsindustrie erleben: junge Erwachsene ahmen brav Figuren aus irgendwelchen Trickfilmen nach. Aber die Buchmesse ist dem Anschein nach auch ein Ort der Begegnung und Gespräche außerhalb der massenmedial vorgegebenen Grenzen, in dem die Suche nach Antworten möglich ist. Voraussetzung für diese Suche ist unsere geistige Wachheit. In Gert Hofmanns Roman »Der Kinoerzähler« zelebriert der Hauptheld diese Eigenschaft geradezu. Mit Henry James sah Gert Hofmann die geistige Wachheit als das einzige Kriterium für wirkliche Größe an. Henry James ging auf weitere Quellen zurück: »Darum wachet, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde …« (Matthäus 25,13). Solche Antworten kann man auf der Buchmesse finden. Allerdings muss man dafür auch weite Wege zurücklegen.

Clara Schwarzenwald

 

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