Reportagen

ANMERKUNGEN ZU VOLKER BRAUNS KAMENZER REDE

Der Schriftsteller und Dichter Volker Braun (Jg. 1939) hielt am 26. September in der Kamenzer Klosterkirche St. Annen eine Rede. Der MDR macht den Redetext vom 2.10. an sieben Tage nachhörbar (https://www.mdr.de/kultur/radio/ipg/sendung-343034_date-2018-10-02_ipgctx-true_zc-f72de3a3.html) Dem Redner ging es um den Zustand unserer Welt und die verlorene Anschauung von der Welt, der Welt-Anschauung. Er erwähnte viele Aspekte, gebrauchte Bilder, Metaphern, zitierte wichtige Gewährsleute, und das alles in einer herrlich altmodisch-nachdenklichen Sprache.

Die Rede wirkte ungeheuer anregend. Zum Beispiel beklagt Braun am Ende, dass es den Menschen heute zu sehr um das Erhalten, um das Bewahren gehe, dass sie für die Veränderung der Welt nichts anzubieten hätten. Aber wird nicht die Welt von den »Kräften des Fortschritts« in rasentem Tempo verändert? Befindet sich unsere Welt dadurch nicht im Umbruch so ziemlich aller Verhältnisse? Ist unter solchen Umständen das Bewahren-Wollen nicht verständlich?

Ein Blick auf den von Volker Braun oft erwähnten deutschen Bauernkrieg zum Vergleich. Die Bauern unterlagen um 1500 einer immer drückenderen Ausbeutung, weil der Adel immer größere Geldsummen plus gepfefferte Zinsen zurückzahlen musste, die zuvor von den Kräften des »Fortschritts«, dem Bürgertum des Geldkapitals, ausgeliehen worden waren. Die Bauern fanden in ihrer Not selbst in der traditionellen Kirche keine geistliche und geistige Lebenshilfe mehr. Sie konnten im »Fortschritt« keine Perspektive sehen, um ihre Not zu wenden. Deshalb brachen die Aufstände der frühbürgerlichen Revolution aus, um zur mittelalterlichen Dorfgemeinschaft zurückzukehren. Walter Benjamin merkte später an, dass dies in jeder Revolution so sei: Revolutionen sind nicht die Lokomotiven der Geschichte sonder das Ziehen der Notbremse durch die mitreisende Menschheit. Freilich hätten die Bauern manches im Land verändern müssen, um wichtige Dinge bewahren zu können. Bewahren und Erneuern bedingen sich und schließen sich im Leben gleichzeitig gegenseitig aus. Das ist das Problem.

Volker Braun bei einer Lesung aus »Helle Haufen« im Jahre 2011 in Chemnitz

 

Ist es nicht heute wieder so, dass die »sozialen Kräfte des Fortschritts«, die sich aufgrund äußerer Merkmale ihres Jet-Set-Lebensstiles selbst als »Kosmopoliten« bezeichnen, eine Art Metropolisierung der Welt vorantreiben, koste es, was es wolle? Muss man diesen Kräften nicht das Bewahren von Natur, Kulturen und Bildung entgegenstellen? Geht es nicht heute darum, die zentralisierte, überkomplizierte, monopolistische westliche Industriegesellschaft durch ein Zurückgehen auf Selbstständigkeit, Selbstverwaltung und Dezentralisierung zu dekonstruieren und Familienbetriebe als Basis jeder Wirtschaft zu begreifen?

Von der großen Wirtschaft ist keine Umkehr zu erwarten. Sie denkt nur an sich selbst. Auch die hochmodernen digitalen Planungs- und Steuerungssysteme in Wirtschaft und Politik können nicht zurückgehen. Sie kennen nur den programmierten Weg.

Ein erfahrener Bergsteiger wie Reinhold Messner berichtet dagegen, dass er ohne die Fähigkeit rechzeitig umzukehren, zurückzugehen und neu anzusetzen, heute nicht mehr leben würde.

Volker Braun beendete seinen Vortrag mit der Hoffung auf eine andere Welt. In der jede Religion, jede Lebensweise ihr Recht behalten und ihr Eigenes entwickeln können soll. Jeder soll sich selbst hineinziehen ins unabsehbare Neue, jeder soll sich selbst humanisieren.

Also doch Bewahren? Selbstverständlich! Um wichtige Dinge in unserem Leben zu bewahren, müssen wir aber manches verändern. Um dahin zu kommen, bedürfen wir einer anderen Art von Welt-Anschauung, eines Gegengewichtes zur physischen Gewalt der Digitalisierung und zum Konsum-Wachstums- Kosmopolitismus. Unsere geistigen Fähigkeiten hängen nicht von der Einwohnerzahl der Gemeinde ab, in der wir leben, es geht nicht um die Anzahl der Menschen, sondern um ihre Fähigkeiten. Das Weltbürgertum im Kopf kann sich auf zwei Säulen stützen: Vernunft (im Kern Zweifel) und Glaube (im Kern existenzielle Hoffnung). Vernunft und Glaube bedingen sich und schließen sich gegenseitig in der Weisheit aus. Wir können uns im Streben nach Weisheit auf Vorarbeiten von Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder und vieler anderer großer Geister stützen. Insofern war Kamenz der richtige Ort.

Volker Braun schloss die Rede mit einem Satz zu seiner Vision von einer anderen Welt, dem die Zuhörer voll zustimmen können: »Ich darf es glauben und zweifeln.«

Für seine Anregungen sind wir Volker Braun und den Organisiatoren der Rede dankbar.

Clara Schwarzenwald

 

Information

Ein Buch zur Thematik:

Johannes Eichenthal: Skepsis und Hoffnung. 14,0 × 20,5 cm, 60 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag, Grafik von Rüdiger Mußbach (Materialdruck, Bleistift, Aquarell) VP 12,50 €, ISBN 978-3-96063-004-3 www.mironde.com

Zum Forschungsstand des Verhältnisses Metropolen-Landkreisräume

https://www.mironde.com/litterata/5424/reportagen/kulturpolitik-und-wirklichkeit

https://www.mironde.com/litterata/6673/reportagen/wenn-zornige-buerger-berlin-den-nackten-hintern-zeigen

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