Rezension

100 JAHRE UNTERGANG DES ABENDLANDES

Vor 100 Jahren erschien der erste Band von Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes« im Braumüller Verlag in Wien. Das Buch erregte großes Aufsehen, sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch unter Wissenschaftlern und Literaten, und wurde ein großer Verkaufserfolg.

Ab 1919 verlegte der C.H. Beck Verlag in München das Werk. Der zweite Band folgte 1922. Der Buchtitel spiegelte dem Anschein nach die Hoffnung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung wieder, im allgemeinen Untergang Trost zu finden. Das Buch wurde deshalb als Grundlagenwerk des Geschichtspessimismus angesehen.

Spengler versuchte im Nachhinein die falschen Eindrücke zu korrigieren. Es half aber nichts. Das Urteil des Publikums stand fest.

Was wollte Spengler darstellen?
Oswald Spengler (1880–1936) lebte als »Privatgelehrter«. Er machte mit seinem 1914 begonnenen Werk »Der Untergang des Abendlandes. Eine allgemeine Morphologie der Weltgeschichte«, darauf aufmerksam, dass in der bisherigen Geschichte dem Aufstieg einzelner Kulturen stets auch deren Niedergang folgte. Um diese Position zu belegen, versuchte Spengler bekannte Kulturen hinsichtlich ihrer Entwicklungsstadien zu vergleichen.
Was sind die Voraussetzungen Spenglers?
Er glaubt, »die unwiderlegliche Formulierung eines Gedanken« vorgelegt zu haben (Band I und II in einem Band. München 1998, S. VII), eine »Philosophie des Schicksals« (S. VIII). Von Johann Wolfgang Goethe reklamierte er »die Methode« und von Friedrich Nietzsche die »Fragestellung« (S. VIII). Eigentlich ist aber Nietzsches polemischer Aphorismus von der »ewigen Wiederkehr des Gleichen« keine Fragestellung.

Spengler schränkt bereits im Vorwort zur Erstauflage ein, dass er keine Allgemeine Philosophie der Geschichte darstelle, sonder eigentlich nur einen Kommentar zur Geschichte (S. X).
Der erste Satz seiner umfangreichen Einleitung heißt: »In diesem Buch wird zum erstenmal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, und zwar der einzigen, die heute auf diesem Planeten in Vollendung begriffen ist, der westeuropäisch-amerikanischen, in den noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.« (S. 3). Wenn man aber erfahren wolle, in welcher Gestalt sich das Schicksal der abendländischen Kultur erfüllen werde, müsse man zuvor erkannt haben, was Kultur ist (S. 4). Spengler fragt nach einer Logik der Geschichte, nach einer metaphysischen Struktur der Menschheit (ebenda).
Zur Methode äußert er sich dann ohne jeden Bezug auf Goethe: »Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz. Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt.« (S. 4).
Spätestens hier hätte Goethe gegen den Glauben protestiert, man könne die Natur allein mit Zahlen begreifen. Den Ausdruck »Analogie« bringt Spengler mit »Periodizität« in Verbindung. Wenig später spricht er von der Wiederholung von Geschichte (S. 4/5). Frei von Selbstzweifeln reklamiert er seine »Entdeckungen«: Von einer Technik des Vergleichs sei früher nie die Rede gewesen: »Noch hat niemand daran gedacht, hier eine Methode auszubilden.« (S. 6). »Ich habe noch keinen gefunden, der mit dem Studium der morphologischen Verwandtschaft, welche die Formensprache aller Kulturgebiete innerlich verbindet, Ernst gemacht hätte …« (S. 8).
Als Hauptkritikpunkt an der bisherigen Weltgeschichtsschreibung macht Spengler das Schema Altertum-Mittelalter-Neuzeit aus (S. 21). Damit werde man der tatsächlichen Weltgeschichte, die sich auch in Indien, China und Mexiko abspiele, nicht gerecht. Das Schema bestätige nur eine Überbewertung der Vorstellung von »Westeuropa« (S. 22).
Ohne Bescheidenheit vergleicht Spengler seinen Ansatz mit dem Übergang vom »ptolemäischen System« zur »kopernikanischen Entdeckung« (S. 24).
Als seine Aufgabe im engeren Sinne nannte Spengler die westeuropäisch-amerikanische Lage zunächst zwischen 1800 und 2000 zu bestimmen: »Eine vergleichende Betrachtung ergibt die ‹Gleichzeitigkeit› dieser Periode mit dem Hellenismus, und zwar im besonderen die ihres augenblicklichen Höhepunktes – bezeichnet durch den Weltkrieg – mit dem Übergang der hellenistischen in die Römerzeit« (S. 36). Die Vollendung und der Ausgang einer Kultur sei die Zivilisation, das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Der Untergang des Abendlandes sei also ein Problem der Zivilisation (S. 43). Verbunden sei das Endstadium einer Kultur, die Zivilisation, immer mit Imperialismus (S. 51). Spengler zitiert hier zum wiederholten Male den britischen Kolonialpolitiker Cecil Rhodes: »Ausdehnung ist alles!« (S. 51.)
Die Einleitung schließt mit drei Tabellen ab. Beide sind nach den Zyklen Frühling-Sommer-Herbst-Winter (der Kulturen) geordnet. In der ersten geht es um »Gleichzeitige Geistesepochen« (indische Kultur, antike Kultur, arabische Kultur, abendländische Kultur). In der zweiten Tabelle geht es um gleichzeitige Kunstepochen (ägyptische Kultur, antike Kultur, arabische Kultur, abendländische Kultur). In der dritten Tabelle geht es um »Gleichzeitige Politische Epochen« (ägyptische Kultur, antike Kultur, chinesische Kultur, abendländische Kultur) (S. 71 ff).
Der westeuropäisch-amerikanischen Kultur, die sich nach seiner Sicht im abschließenden Stadium der »Zivilisation«, also im »Winter« befinde, prophezeit er in der Politik bis zum Jahr 2000 ein System der Großmächte, stehende Heere, Übergang der verfassungsmäßigen in formlose Einzelgewalten, Vernichtungskriege, Imperialismus. Der Niedergang erstreckt sich aber nach Spenglers Prognose bis ins 23. Jahrhundert.

Was bleibt vom Werk Oswald Spenglers?
Mit dieser Kultur-Stadien-These stellt Spengler 1918 die herrschende Vorstellung eines unaufhaltsam aufsteigenden Fortschrittes in Frage. Aber er vermochte gegen das vorherrschende ab­strakte Fortschritts-Schema »Altertum-Mittelalter-Neuzeit« eigentlich nur ein anderes abstraktes Niedergangs-Schema zu stellen: »Frühling-Sommer-Herbst-Winter«. Spengler selbst glaubte, dass er das »Werden« der Kulturen zeige, während das alte Schema nur das »Gewordene« gezeigt habe (S. 7). Aber er kommt nicht über den Schematismus hinaus.
Er verfasste sein Werk nicht als Diskussionsgrundlage. Ähnlich wie Immanuel Kant nach der Veröffentlichung der »Kritik der reinen Vernunft« wollte Spengler keine Diskussion. Er hielt seine Argumentation für »unwiderlegbar«.
Spenglers Text kann man als einen empiristischen und aphoristischen Kommentar zur Weltgeschichte verstehen. Der Autor verfügt zweifellos über ein kolossales historisches Detailwissen. Er bietet aber weder eine fassbare Darstellung der Weltgeschichte, noch eine Integration der Menschheitsgeschichte in die Naturgeschichte. Methodisch erinnert Spengler an die Klassifikationen naturwissenschaftlicher Sammlungen. Sein erster Satz befasst sich mit Zahlen. Mit Hilfe des Vergleiches der Stadien will er die Logik der Geschichte erfassen. Die mathematische »Analogie«, das Auffinden von Gleichartigem, ist für ihn die wichtigste Methode, um zyklische Wiederholungen in der Geschichte darstellen zu können. Aber mit dieser Methode werden lediglich abstrakte Durchschnittswerte ermittelt. Doch die Welt ist nur in der Theorie durchschnittlich, nicht in der Wirklichkeit. Zudem wiederholt sich Geschichte zwar, jedoch nie auf die gleiche Weise.
Methodisch ist Spenglers Werk deshalb als Rückschritt zu werten. Aber er lieferte einige unbekannte empirische Details und geistreiche Aphorismen.
Die Ironie der Wissenschaftsgeschichte besteht darin, dass sich die von Spengler entwickelte Methode des abstrakten Vergleiches heute noch großer Beliebtheit erfreut.

Die akademische Reaktion auf Spenglers Anmaßung fiel arrogant aus. Doch herausragende Persönlichkeiten wie Walther Rathenau, Thomas Mann, Hans Freyer, Hermann Hesse, Ernst Bloch, Theodor Adorno, Walter Benjamin u.v.a. fanden das Buch auf verschiedene Weise verstörend und anregend.
Professor Eduard Meyer, einer der wichtigsten Universalhistoriker seiner Zeit, schrieb in der »Deutschen Literaturzeitung«: »Das Werk ist nicht ein ephemeres Erzeugnis, sondern ein bleibender und auf lange Zeit hinaus wirkender Besitz unserer Wissenschaft und Literatur. Ich möchte es am meisten mit Herders ‹Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit› vergleichen.« (S. 3)
Diese Einschätzung Meyers kann man eigentlich nur als ironische Fundamentalkritik verstehen. Spengler bezieht sich weder auf Herder noch vermag er an dessen Methode anzuknüpfen.

Hans Freyer (1887–1969) war nicht nur einer der größten Bewunderer Spenglers, sondern auch einer seiner grundsätzlichen Kritiker. Freyers Hauptwerk, »Weltgeschichte Europas«, das der Rektor der Universität Leipzig zwischen 1939 und 1945 in Budapest schrieb und das 1948 erschien, war auch ein Versuch einer kritischen Weiterführung Spenglers. Wie Spengler lehnte auch Freyer die simple Vorstellung eines »Fortschrittes« in der Geschichte ab.
Freyer kritisierte, dass Spengler unbeabsichtigt den Eindruck erwecke, als ob das Schicksal der Kulturen vorherbestimmt eine ewige Wiederkehr des Gleichen sei: »Sondern die Geschichte und unsere Existenz in ihr ist aus lauter unwiederholbaren Entscheidungen wirklich zusammengesetzt … Aus einmaligen und besonderen Quellen, die an einem bestimmten Punkte entsprangen, stammt unser Wesen, geschichtliche Epochen sind die Schichten, in denen es sich aufgebaut hat … Je vollständiger wir die Geschichte und unsere Existenz in ihr begreifen, desto mehr streift sie den Schein ab, als sei sie die Wiederkehr des Gleichen und Wellenbewegungen in einem unveränderlichen Medium, und desto mehr enthüllt sich der Ernst ihrer Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit und Unumkehrbarkeit.« (Hans Freyer: Weltgeschichte Europas, Stuttgart 1969, S. 61)
Freyer verweist darauf, dass man sich die Entstehung von Hochkulturen (mit einem Wort Wilhelm Diltheys (1833–1911) zur Beschreibung des ersten Auftretens Roms in der Weltgeschichte) eher als »Emporsteigen« eines neuen Erdteiles aus dem »Meer der Geschichte« vorstellen könne. Freyer fügte an: »um nach Ablauf seiner Epoche wieder überflutet zu werden oder zu zerbrechen« (S. 49, S. 306/307). Der Gedanke stammt aus Johann Gottfried Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«: »Jede dieser Untersuchungen führet uns auf eine so genaue Zusammenkettung der Umstände, daß man Rom zuletzt nach der Weise jener Morgenländer als ein Lebendiges betrachten lernt, das nicht anders als unter solchen Umständen am Ufer des Tiber wie aus dem Meer aufsteigen, allmählich den Streit mit allen Völkern seines Weltraums zu Lande und zu Wasser lernen, sie unterjochen und zertreten, endlich die Grenzen seines Ruhms und den Ursprung seiner Verwesung in sich selbst finden können als den es wirklich gefunden hat.« (Johann Gottfried Herder: Werke in drei Bänden. Hrsg. Wolfgang Pross, Carl Hanser Verlag München/Wien 2002, Bd. 3/1, S. 573)

Fernand Braudel (1902–1985) führt den Freyerschen Ansatz fort und zitiert ihn auch (jedoch stets als »Heinrich Freyer«). Der Titel von Braudels dreibändigem Hauptwerk lautet im Original »Civilisation matérielle, économie et capitalisme« (Der deutsche Titel: Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts, Kindler Verlag, München 1985). Bereits im ersten Band legt Braudel seine Auffassung dar, dass Civilisation matérielle im Sinne einer allgemeinen, grundlegenden Kultur eine Art Basis aller bisherigen Gesellschaften sei (Bd. 1, S. 13–16). Die Begriffe Kultur und Zivilisation setzt Braudel gleich (Bd. 2. S. 614). Braudel verweist darauf, dass auf der Civilisation matérielle verschiedene Stockwerke, Schichten, Wirtschaftssysteme aufbauten und wieder untergingen (Bd. 2, S. 639). Staatliche und wirtschaftliche Monopole könnten den Kapitalismus der freien Konkurrenz und dieser die noch älteren Eigentumschichten nicht beseitigen. Die Schicht der Civilisation matérielle weise eine »lange Dauer« auf, sei in der gesamten Menschheit verbreitet und Basis aller Wirtschaftssysteme (Bd. 3, S. 693ff).

Besitzt das Werk Oswald Spenglers heute noch Aktualität?
Auf den ersten Blick könnte man glauben, dass sich Spenglers Prophezeiungen erfüllen. Als der US-Politikberater Zbigniew Brzezinski die Konzeption für die Behauptung der Weltherrschaft durch die Georg-Bush-Administration veröffentlichte, da glaubte man Spengler sei dessen Ghostwriter gewesen. Allen Ernstes wird in dem Konzept formuliert, dass man ein Imperium wie das Römische Reich schaffen wolle und einige Staaten wieder dauerhaft besetzen werde. Die Verbündeten wurden dabei als »Vasallenstaaten« bezeichnet. (Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategien der Vorherrschaft. Frankfurt/Main 1999)
Doch trotz zahlreicher Kriege, die die Bush-Administration und ihre Nachfolger seit dem Sieg im Kalten Krieg führten, verbesserte sich die Lage der USA nicht.
Der konservative britische Historiker Paul Kennedy schrieb deshalb, dass die USA eine Überdehnung ihrer Kräfte riskierten und sich seit Mitte der 1990er Jahre im Niedergang befänden. (Paul Kennedy: Aufstieg und Fall großer Mächte, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2000)
Der Havard-Institutsdirektor Samuel Huntington, der Vorlesungen Fernand Braudels gehört hatte und seine Bücher in der Literaturliste angibt, versuchte 1993 mit einem Artikel in der US-Außenpolitik-Zeitschrift Foreign Affairs und 1996 mit einem Buch die US-Administration mit der Wirklichkeit vertraut zu machen: man könne die erfolgreiche Politik des Kalten Krieges nicht weiterführen, ohne in eine Katastrophe zu geraten; nicht mehr Ideologien sondern Kulturen bildeten die Orientierung der aufstrebenden Völker; Asien, Afrika und Lateinamerika nähmen langsam wieder das Gewicht in der Weltpolitik ein wie vor 1500; die Welt sei multikulturell und multipolar geworden; die Zeit für eine einzige Weltmacht oder ein »Imperium« sei vorbei. (Samuel P. Huntington: The Clash of Civilisations. Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Europa Verlag München/Wien 1996)
Doch die Ratschläge Huntingtons wurden von Winde verweht.
Heute ist nur noch schwer zu übersehen, dass sich die Welt in einem großen Umbruch befindet. Die Kriege der 1990er Jahre demonstrierten weltweit die Dominanz gewaltsamer Lösungsversuche. Strategische Rüstungsbegrenzungsabkommen wurden durch die Stationierung von »Raketenabwehrsystemen« in Polen und Rumänien praktisch unterlaufen. Heute werden solche Abkommen einseitig gekündigt. Die Kriege brachten weltweit Todesopfer und Verletzte, zahlreiche zerstörte Staatsstrukturen und mehr als 60 Mio. Flüchtlinge hervor. Die wirtschaftliche Lage von Familienunternehmen in Landwirtschaft und Handwerk wird durch staatliche und wirtschaftliche Monopole weltweit verschlechtert. Der Klimawandel verschärft die prekäre Lage der Familienunternehmen in Asien, Lateinamerika und Afrika.
Heute sind endlich echte Reformen notwendig, um zivilisierte Problemlösungen zu erreichen.
Im Wesentlichen geht es zunächst darum, die Dominanz des industriellen Verhältnisses der Menschen gegenüber der Natur zu beenden. Aber noch ist die Dekonstruktion des Industriekapitalismus kaum vorstellbar. Am ehesten sind die unsinnigen Transporte und der unverantwortliche Ressorcenverbrauch im öffentlichen Bewusstsein. Doch bereits heute benötigt die automatisierte Industrie immer weniger Arbeitskräfte. Die Mehrheit der Menschen wird, wenn sie weiter arbeiten will, schon mittelfristig mehrheitlich in Familienunternehmen tätig werden. Die große Industrie ist kein »Motor« der Gesellschaft mehr. In absoluten Zahlen baut sie nur noch Arbeitsplätze ab. Dem Anschein nach aus traditionellen Gründen wird die große Industrie und der Finanzsektor aber immer noch behandelt, als würden sie etwas zur Lösung heutiger Probleme beitragen. Dabei sind sie eher Teil der Probleme.
Doch gibt es gewichtige Reform-Bremsen im Inneren unserer Gesellschaft: Überspezialisierung, Überkomplizierung, Unüberschaubarkeit sind die Faktoren, die die Erstarrung von Wirtschafts-, Staats- und Verwaltungsordnung bewirkten. Es wird auch nicht besser, wenn man diese Faktoren summarisch »Komplexität« nennt. Mit jeder neuen Gesetzesregelung, noch mehr mit jeder neuen Verordnung wird die daraus resultierende Handlungsunfähigkeit zementiert. 16.000–20.000 Blatt neuer Gesetzestexte pro Jahr sind ein Ausdruck für die selbstgeschaffene Lähmung.

Sind diese Problem überhaupt durch Reformen lösbar?
Ja, aber bisher folgten die Reform-Kompensationen immer dem Kurs, der schon seit Jahrzehnten verfolgt wird. Mit der Subventionierung von Größe glaubt man in Deutschland seit Ende des 19. Jahrhunderts, Welteinfluss erringen zu können. Einwohnerzahlen, Unternehmensgröße und Bruttokennziffern sagen jedoch schon lange nichts mehr über die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft aus. Heute stehen ein Zurückgehen auf die Basis unserer Wirtschaft, auf die Civilisation matérielle und ein Neuanfang auf der Tagesordnung.
Eine erste Reformmaßnahme wäre die wirkliche gesetzliche Gleichberechtigung aller Eigentumsformen, um endlich die Interessen der Mehrheit anzuerkennen.
Das wäre ein wirtschaftlicher Neuanfang. Aber es bedarf der geistigen Anstrengung, um die alten Denkgewohnheiten überwinden und die Reformen auch zivilisiert gestalten zu können. Wir sahen, dass die zitierten Autoren oft auf Gedanken Johann Gottfried Herders zurückgriffen. Es ist an der Zeit, dass wir endlich das Original zur Kenntnis nehmen.
Der erste Satz in Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« lautet: »Unsere Erde ist ein Stern unter Sternen«. Er geht von einem allgemeinen Zusammenhang in der Natur aus. Es geht um die Bestimmung unseres Platzes in der Natur, im Kosmos. In der Folge deduziert Herder den allgemeinen Naturzusammenhang und setzt induktiv die Tätigkeit der Menschen dagegen. Er geht in seiner Darstellung vom Allgemeinen zum Besonderen und gleichzeitig vom Besonderen zum Allgemeinen.
Nach Herder ist das Wesen der Weltgeschichte nicht die Herausbildung von Kulturen, Staaten oder Imperien, sondern des verantwortungsbewussten Individuums. Er führt dazu den protestantischen Ansatz der Reformation weiter. Wir haben die Pflicht der Bildung zur Humanität, wir müssen uns das allgemeine kulturelle Erbe aneignen, doch muss es jeder unter den besonderen Bedingungen seines Lebens anwenden. Deshalb hat jeder gebildete Mensch mit seiner Verantwortung gegenüber Natur und Universum einen individuellen Glauben und eine individuelle Philosophie: »Wir hoffen auf Zeichen und Zahlen, wir knüpfen Wünsche an ein Phantom, ein kommendes Jahrhundert. Kinder des Vorigen, nehmen wir es nicht mit uns mit? in unserem Gemüt, in unserer Gewohnheit. In uns ist Zepter und Maß; am Vorigen lasset uns lernen. Das neue Jahrhundert schaffen wir: denn Menschen bildet die Zeit und Menschen schaffen Zeiten.« (Johann Gottfried Herder Werke in 10 Bänden. Bd. 10. Frankfurt/Main 2000, S. 12)
Johannes Eichenthal

Anmerkung des Herausgebers
Johannes Eichenthal ist Redaktor der Litterata
Im Mironde Verlag gab er 2017 das Innokonservative Jahrbuch 1 heraus. (ISBN 9783960630081). Aus seiner Feder stammten die Jahrbuch-Thesen zu Naturkreislauf – Technik – Poesie und der Artikel »In der Werkstatt der Natur – Naturgeschichte und Naturkreislauf bei Johann Gottfried Herder«

Im Jahre 2017 erschien von Johannes Eichenthal im Mironde Verlag auch der Essayband Skepsis und Hoffnung. Die Grafik stammt von Rüdiger Mußbach (ISBN 9783960630043)

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