Reportagen

FIX VORAN MIT FRONTANTRIEB TEIL 2

Frieder Bach erzählt im Sächsischen Fahrzeugmuseum Chemnitz von der Entstehung des letzten Sportwagens der Auto-Union aus Chemnitz, der 1938 entworfen und 2019/20 gebaut wurde.

Obwohl man aufgrund der gezeichneten Form dieses Autos von einem Rennwagen sprechen könnte, steht im Schriftfeld der Zeichnung ausdrücklich die Bezeichnung »Sportwagen«. Dies und die Darstellung von zwei Reserverädern im Fahrzeugheck erinnerten mich an die Formulierung in der Ausschreibung für die schon 1938 geplante, zwei mal terminlich verschobene und dann durch den Kriegsbeginn gänzlich ausgefallene Langstreckenfahrt Berlin–Rom. Ein Vergleich mit dem Wortlaut der Ausschreibung ergab Übereinstimmung und damit die Bestätigung des geplanten Verwendungszwecks des Autos. Die phantastische Form der Karosserie und der Name des Konstrukteurs im Schriftfeld der Zeichnung waren für mich der Anlass zum Entschluss zur Fortsetzung der 1940 infolge des Krieges abgebrochenen Arbeit der Autobauer in der Firma mit dem Vier-Ringe-Emblem. Der Konstrukteur war Arthur Kordewan, der bis zu seinem Ruhestand in den Barkas-Werken Karl-Marx-Stadt der Bereichsleiter für die Herstellung der Karosserie des Kleintransporters B 1000 war und den ich aufgrund meiner dortigen Tätigkeit als Ingenieur für Investitionen gut kannte. Die Fortsetzung der Arbeit von 1940 hieß: Herstellung dieses Autos! Die Technik eines DKW F 9 in der Version wie sie 1939/40 in den Prototypen verwendet wurde, auf die Räder zu stellen, war kein Kinderspiel. Aber wenn man seit 1965 sächsische Fahrzeuge, deren Teile und alles Papier, was in diesem Zusammenhang bedruckt wurde, sammelt, so ist dies machbar. Bei Vorhandensein handwerklicher Fertigkeiten und einer entsprechenden Werkstatt ist das Wichtigste, zu wissen, wie das Fahrgestell dieses Autos und sein Antrieb damals aussahen. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Herstellung des Sportwagens sah ich in der Fertigung einer zweisitzigen Karosserie aus Aluminium, wie von der aufgefundenen Zeichnung vorgegeben. Die Karosserieklempner des von mir 1990 gegründeten Restaurierungsbetriebes und ähnlich ausgebildete Blechfachleute in den wenigen noch existierenden Karosseriebaubetrieben, wären in der Lage gewesen auf handwerklichem Wege eine solche anzufertigen. Aber die Bezahlung der abzusehenden dabei anfallenden unzähligen Arbeitsstunden setzte meinem Vorhaben eine Grenze. Manchmal kommen einem im Leben aber Zufälle zu Hilfe, die Dinge möglich machen, die kurz vorher noch unrealisierbar erscheinen. In diesem Fall war es der Bau einer computergesteuerten Blechbearbeitungsanlage im Chemnitzer Fraunhofer-Institut, die erprobt werden sollte und deren Konstrukteure geeignete Probestücke mit komplizierter Formgebung suchten. So entstanden in maschineller Herstellung alle intensiv geformten Blechteile der Sportwagenkarosse. Wie viele Stunden handwerklicher Bearbeitung derselben bis zum Zusammenfügen einer Autokarosserie für meinen Sohn und mich noch blieben, lässt sich wohl erahnen, wenn ich einige der Probleme anhand der fertigen Karosserie zeige bzw. erkläre. Wäre das Auto 1940 für die Sportabteilung der Auto Union gebaut worden, hätte die Karosseriekonstruktionsabteilung vorher mindestens noch drei bis vier Monate lang Detail-Zeichnungen für die einzelnen Karossenteile angefertigt. Diese Zeichnungen gab es aber nie. Die Detaillösungen entstanden während der Arbeit an der Karosse bei uns beiden im Kopf und wurden meist sofort mittels Handwerkszeug ins Blech umgesetzt, manchmal auch auf dem Umweg über einige Skizzen auf Papier. Dass das Zusammenfügen der Einzelteile zur Karosserie mit den gleichen Methoden erfolgen musste, wie sie 1940 verwendet worden wären, war für uns selbstverständlich. Es standen also als Fügetechnik das Nieten und Schrauben zur Verfügung. Das Schweißen von Aluminiumblechen steckte 1940 noch in den Kinderschuhen. Heute kann man solche Karosserieteile auch dauerhaft verkleben, wie die nach unserer Zeichnung im IWU für Experimentalzwecke hergestellte zweite Karosserie beweist. Das Forschungsobjekt, das neben der Prototypenherstellung mittels inkrementeller Blechbearbeitung noch dem Experiment mit dem Antrieb durch eine Brennstoffzelle dienen soll, wird im Institut als »Silberhummel« bezeichnet. 

Bei unserer handwerklichen Fügung der Teile verbrauchten wir knapp eintausend Nieten, wie auf dem Foto unterhalb meines weiß behandschuhten Daumens sichtbar. Der hintere Teil der Motorhaube wurde mit der Karosse verschraubt, um u. U. an die Getriebeschaltung und die unter dem Armaturenbrett befindlichen Elektroteile heran zu kommen. 

Der vordere Teil der Motorabdeckung wird vorn von zwei großen Schlitzschrauben gehalten und steht hinten, einen Warmluftausströmschlitz freigebend auf zwei angenieteten Blechhaken.

Für die Türen die mögliche Form, eine stabile Führung bei nur einem Scharnier sowie den erforderlichen und möglichen Öffnungswinkel zu bestimmen, war mit allerhand Zeitaufwand verbunden. 

Zur Abführung der Warmluft hinter dem Kühler, der nicht nur der Schlitz in der Motorhaube genügt, nahm ich die Experimentalaufzeichnungen des Stromlinientechnikers Reinhard von König-Fachsenfeld zu Hilfe, die dieser in den dreißiger Jahren aufgezeichnet hatte. So ergab sich, dass hinter dem Kühler ein Warmluftteiler aus Blech gebaut werden musste, der die Luft dann in zwei Kanäle leitet, die in seitlich und unten am Fahrzeug befindlichen Schlitzen enden. 

So könnten an dieser Stelle noch zahlreiche , beim Bau der Karosserie zu bewältigende Probleme ausgiebig erläutert werden, was aber wohl den Umfang dieser Beschreibung sprengen würde. Die folgenden Fotos zeigen aber noch einiges davon: Strömungsgünstige Abdeckung der Hinterräder mit schnell zu lösenden Verschlüssen; 

Rückleuchten als Kotflügelabschluss mit integriertem Heckabschluss der Karosse;

Stabilisierungssicke in der Heckabdeckung auslaufend im mittleren Bremslicht, damals den Zulassungsbestimmungen genügend; 

Abdeckung eines am Fahrgestellrahmen befestigten Auslegers zum Anheben des Autos mittels Wagenheber und Befestigung auf dem Transportanhänger, Deckel mit Formfeder; 

Herstellung des Armaturenbrettes aus Stahlblech wie bei den Prototypen des F 9 gebräuchlich mit symmetrisch angeordneten Instrumenten; 

Anfertigung einer strömungsgünstigen Halterung der Windschutzscheibe; 

die Sitze sind an der vorderen Unterkante angelenkt klappbar zur leichteren Entnahme der beiden Reserveräder, wie als Erkennungsmerkmal des »Berlin-Rom-Wagens« im Text erwähnt. Abschließend noch ein paar Worte zu den weißen Handschuhen. Erstens sind diese bei Museumsmitarbeitern gebräuchlich, um die Exponate vor Schäden durch Handschweiß u.ä. zu schützen. Beim Umgang mit unlackiertem, also ungeschütztem Aluminiumblech ist der Gebrauch derartiger Handschuhe besonders wichtig, da dieses Metall allen Umwelteinflüssen gegenüber besonders anfällig ist, vor allem kurz nach dessen Oberflächenbearbeitung.

Die Kooperation: Frieder Bach und Sören Scheffler (Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik Chemnitz) am 19. Mai 2020 im letzten Sportwagen der Auto-Union aus Chemnitz vor dem Sächsischen Fahrzeugmuseum Chemnitz

Da bei diesem Auto die Bearbeitungsspuren sichtbar bleiben sollen, um die maschinelle und handwerkliche Herstellung unterscheiden zu können, musste auf eine Konservierung mittels Lack oder Farbe verzichtet werden. Am etwas unterschiedlichen silbernen Farbton des Leichtmetalls sind auch die verschiedenen Legierungen des Aluminiumbleches erkennbar, das aus konstruktiven und technologischen Gesichtspunkten ausgewählt wurde.

Frieder Bach

Information

Seit dem 2. November 2020 ist das Fahrzeugmuseum, gemäß amtlicher Vorschrift, geschlossen.

Die Ausstellung »Fix voran mit Frontantrieb – 90 Jahre DKW-Rennwagen« wird noch bis zum 14. Februar 2021 vorgehalten.

www.fahrzeugmuseum-chemnitz.de

Frieder Bach: Der letzte Auto Union Sportwagen aus Chemnitz. Mit einem Geleitwort von Prof. Karl Clauss Dietel; 

23,0 × 23,0 cm, Brosch., 120 Seiten, 149 z.T. farbige Fotos 

VP 14,50 Euro ISBN 978-3-96063-030-2

Beziehbar über jede Buchhandlung oder direkt beim Verlag

http://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630302

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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