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DER LETZTE KOMPRESSOR-ZWEITAKTER MIT DKW-GENEN

Frieder Bach und Heiner Jakob erzählen eine Geschichte vom sächsischen Ingenieurgeist, so wie wir es von ihnen gewohnt sind. Zahlreiche Porträts der beteiligten Menschen machen diese Erzählung vom Schicksal des letzten Kompressor-Zweitakters mit DKW-Genen lebendig und verstehbar.

Die Geschichte geht so: In den 1920er und 1930er Jahren dominierten die leistungsfähigen Maschinen der weltgrößten Motorradfabrik DKW in Zschopau die Rennentwicklung. 1936 entwarf das Konstruktionsbüro einen Motor der Bauart »Gegenkolben mit Aufladung«. Der Chef der Rennabteilung, August Prüßing, räumte dem Entwurf keine Priorität ein. Der 1939 begonnene Zweite Weltkrieg brachte den Rennsport zum Erliegen und dieser Entwurf wurde fast vergessen. 1945 beanspruchte die Siegermacht UdSSR in Gestalt der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) für erlittene Kriegsverluste Reparationen. Die sowjetischen Fachleute hatten vor den Leistungen der Firma DKW und dem Leiter der Rennsportabteilung August Prüßing solchen Respekt, dass sie ihn und seine Mitarbeiter nicht zur Reparationsleistungen in die UdSSR deportierten, sondern die Leistungserbringung in einem Sonderkonstruktionsbüro in Chemnitz (STKB 10) gestatteten. Zwischen 1945 und 1947 entwickelte Prüßing mit Kurt Bang, Herbert Friedrich, Erich Bergauer u.a. die letzte DKW-Rennmotorengeneration auf dem Reißbrett. Fünf Rennmotorräder mit diesem Motor wurden unter kaum vorstellbaren Bedingungen hergestellt und nach Serpuchow, dem Standort des zentralen Motorradentwicklungsinstitutes der UdSSR verbracht. Dort nutzte man den neuen technologischen Ansatz noch längere Zeit.

Nach der 1948 erfolgten Auflösung des Chemnitzer SKTB 10 baute der Rennsportenthusiast Kurt Kuhnke in Braunschweig eine Rennmaschine ähnlicher Bauart unter Mitwirkung Chemnitzer Konstrukteure. 

Das Schicksal wollte es, dass in Zschopau, im ehemaligen DKW-Werk, nach dem Kriegsende und nach der Erbringung der Reparationsleistungen an dem Kompressor-Motor nicht weitergearbeitet werden konnte, weil die Internationale Rennsportförderation 1950 diese Bauart verbot.

Die beiden Autoren haben viel Zeit und Mühe verwendet, um die Geschichte präzise zu recherchieren. Dabei ging es ihnen nicht um Nostalgie. Der heutige Fortschritt in der Motorentwicklung, batteriebelastete Elektromotoren, können eben nicht die Breite früherer Lösungen abdecken, sondern stellen nur eine eingeengte Spezialisierung dar. Keine der bisherigen Ideen geht verloren. Unter bestimmten Umständen und in bestimmten Zusammenhängen können einst verworfene Lösungen eine völlig neue Bedeutung erhalten. Für die Entwicklung wirklich zukunftsfähiger Antriebsmöglichkeiten müssen deshalb alle bisherigen Ideen der Fahrzeugentwicklung neu untersucht werden.

Insofern ist den beiden Autoren nicht nur für ihre gründliche Recherche und anschauliche Darstellung zu danken. Darüber hinaus demonstrierten der Rüsselsheimer Jakob und der Chemnitzer Bach mit der Wahl ihres Themas eine strategische Weitsicht, die dem Anspruch der Fahrzeugentwicklung gerecht wird, heute jedoch außerordentlich selten ist.

Clara Schwarzenwald

Die Autoren

Frieder Bach, »Baujahr 1943« aufgewachsen zwischen den Autos und deren Ersatzteilen des großväterlichen Fuhrbetriebes sowie noch vom Großvater angeschafften (nach dem Krieg lebenswichtigen) Tieren im grünen Vorort Rabenstein bei Chemnitz. Er erwarb gleichzeitig den Beruf »Landwirt« und die Hochschulreife. Einer intensiven sportlichen Freizeit folgte nach dem Abi ein Sportstudium, das durch Unfallfolgen endete. Nach längerem Krankenhausaufenthalt folgte Arbeit und Lehre gleichzeitig in einer kleinen Autoreparaturwerkstatt, wo noch täglich Vorkriegsfahrzeuge instand gesetzt wurden. Eine Planstelle als Ingenieur in den Barkas-Werken brachte ein Abendstudium im Maschinenbau mit sich. Als der Fahrzeugbau der DDR vom Weltniveau abgekoppelt wurde, folgte ein Wechsel zum Fahrradbauer Elite-Diamant. Nach Feierabend wurden die eigenen und auch die Oldtimer anderer Sammler restauriert. Die Ingolstädter Firma mit den »Vier Ringen« gab den Anstoß, dies zum Beruf zu machen. Daraus entstanden der »Oldtimerdienst Chemnitz« und das Fahrzeugmuseum. Ein Ende der 1980er Jahre verfasstes Buch über DKW-Motorräder setzte den Grundstein für eine intensive Rentnerbeschäftigung.

Heiner Jakob, Jahrgang 1947, geboren in der Rennstadt Schotten, wuchs auf zwei Rädern auf. Für sein Hobby lernte er Werkzeugmacher, gewann während der Lehrzeit einen Designwettbewerb für Zukunftsautos, arbeitete in den 1970er Jahren in der Opel-Motorsportabteilung, wechselte in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Dort war er für Drucksachen, Fotografie und Filme verantwortlich, baute das historische Archiv auf, zeichnete für alle Opel-Exponate im Deutschen Museum verantwortlich, wechselte als Marketingchef in die Computerindustrie und gründete eine eigene Beratungsfirma. In seiner Hobbywerkstatt baute er Rennmotoren, restaurierte Motorräder und spezialisierte sich auf Kurbelwellen. Beim VFV und in der Oldtimerpresse erschienen zahlreiche Fachartikel von ihm und er wirkte bei der Charta von Turin mit. 

Das Buch

Frieder Bach/Heiner Jakob: Der letzte Kompressor-Zweitakter mit DKW-Genen. Glanzstück sächsischer Ingenieure

23,0 × 23,0 cm, Brosch., 112 Seiten, 125 z.T. farbige Abbildungen und Fotos

VP 14,50 Euro

ISBN 978-3-96063-035-7

Ab 4. März 2021 über den Buchhandel oder direkt beim Verlag beziehbar:

https://buchversand.mironde.com/epages/es919510.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/es919510/Products/9783960630357

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3 thoughts on “DER LETZTE KOMPRESSOR-ZWEITAKTER MIT DKW-GENEN

  1. Liebe Frau Schwarzenwald,
    so eine wundervolle Rezension ist mir in meinem Leben noch nicht begegnet. Alleine dafür haben sich Friedels und meine Nachtstunden im Nachhinein gelohnt. Tausend Dank!
    Heiner Jakob

  2. Mit nicht nachlassender Dankbarkeit und größtem Interesse verfolge ich die Arbeit unserer DKW-Pioniere. Sie eroberten die Welt, mussten anstelle Ehren zu empfangen unendlich Leiden, nicht nur Hermann Weber!

    In Verbundenheit,

    Carl H Hahn

  3. Nachdem ich als gebürtiger Annaberger vor einigen Jahren das Museum für sächsische Fahrzeuge erst in Klaffenbach und später in Chemnitz genossen habe und ich mich als Fahrer von vier Zschopauer Zweirädern der Baujahre von 1938 bis 2003 auch immer wieder mit der Historie der Auto Union beschäftigte, muss ich sagen von Frieder Bach und seinem Co-Autor erfährt man immer wieder Dinge, die man zuvor nirgendwo anders sehen und lesen konnte! Nach dem ,, letzten Auto Union Sportwagen aus Chemnitz,, werde ich mir auch obiges Buch besorgen.
    Bleiben Sie gesund und auf hoffentlich noch einige tolle ,,Neuentdeckungen,, .

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