Anton Günther
Reportagen

ANTON GÜNTHER IN DER BREWERY

Gabriele Hertel und der Mironde-Verlag hatten für den 20. Oktober zum 150. Geburtstag des erzgebirgischen Volkssängers Anton Günther in die »Kevin Brewery« in der Zwickauer Kulturweberei, Seilerstraße 1 eingeladen. Der 20. Oktober war ein trüber Herbsttag, der allein durch die chaotische Baustellen-Straßensperrungspraxis etwas an Farbe gewann. Durch eine Blockade der B 173, verursacht durch einen schweren Verkehrsunfall kurz vor Zwickau und fehlende Umleitungsmöglichkeiten, nahm unser Ausflug den Charakter einer Abenteuertour an. Schließlich gelang es uns doch nach Zwickau zu kommen und die innerstädtischen Baustellen umfahren zu lernen. Gerade noch vor Veranstaltungsbeginn trafen wir in der Kulturweberei ein. Der Saal war bereits gefüllt und die Besucher erwarteten ungeduldig den Beginn.

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Die Antiquarin Gabriele Hertel, die Organisatorin der Veranstaltung, begrüßte voller Freude die Gäste und den Referenten Dr. Andreas Eichler vom Mironde-Verlag.

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Eichler begründeter, dass »Sprache« Heimat sein könne, weil wir in bezeichnender Sprache zu Menschen werden, nicht in Denken oder Denkbewusstsein. Wir werden aber nur mit Anlagen geboren und müssen uns die Sprachvoraussetzungen ein Leben lang aneignen. Das geschieht unter besonderen, regionalen Bedingungen. So kommen wir in der Kindheit mit Mundart und Dialekt in Berührung, nicht mit lupenreiner Hochsprache. Die Erfahrungen unserer Kindheit vergessen wir nicht so schnell. So wird Dialekt zur Heimat.

Anton Günther

Bereits 1917 erschien ein Liederbuch Anton Günthers im Friedrich Hofmeister-Verlag Leipzig. 1956 veröffentlichte der gleiche Verlag eine Auswahl aus der Gesamtausgabe der Lieder, Gedichte und Geschichten, die 1937 von Gerhard Heilfurt und Erwin Günther im Glück-Auf-Verlag Schwarzenberg herausgegeben worden war.

Eichler ging auf die Bemerkungen des Herausgebers der 1956 im Leipziger Friedrich Hofmeister-Verlag erschienen Auswahl aus Anton Günthers Werken ein. Günter Hermann hatte moniert, dass Anton Günther kein Menschenkenner gewesen sei, keine Gesellschaftskritik betrieb, sondern das Leben der einfachen Erzgebirger darstellte und das Erzgebirge lobte. Hier liege, so Eichler, ein Missverständnis vor. Dichtung hat nicht die Aufgabe Gesellschaftskritik zu üben. In der Dichtung geht es um die Fragen der menschlichen Existenz: Arbeit und Feierabend, Freud und Leid, die Tageszeiten, die Jahreszeiten. Das waren die Themen Anton Günthers.

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Eichler versuchte die historische Situation in den 1930er Jahren, in denen Anton Günther freiwillig aus dem Leben schied, zu beschreiben. Bereits 863 habe im Mährischen Reich eine altslawische Sprache existiert, altslawische Bibelübersetzungen vorgelegen und die Gottesdienst-Liturgie sei in slawischer Sprache erfolgt. Doch in der Auseinandersetzung mit den fränkischen Eroberern, die das heutige Österreich besetzten, ging das Mährische Reich unter, und alle Schriftzeugnisse wurden von den Eroberern vernichtet. Eduard Winter beschreibe, so Eichler, dass seither von slawischer Seite immer wieder eine Staatsgründung angestrebt wurde. Über die Jahrhunderte gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen der Kirche in Rom und in Byzanz.

Die Einbindung Böhmens und Mährens in das Heilige Römische Reich deutscher Nation, später in das Kaiser- und Königreich Österreich-Ungarn habe das Problem nicht lösen können. Mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 seien Bestrebungen nach nationaler Selbstbestimmungen brutal verfolgt worden. Preußen habe 1866 Österreich-Ungarn besiegt. Dadurch wurde 1871 eine Reichsgründung unter Ausschluss Österreichs-Ungarns möglich. Die Rechte der Deutschböhmen wurden dabei aber nicht bedacht. Gerhard Heilfurth schreibt, dass es jedoch bereits damals Besorgnis unter der deutschböhmischen Bevölkerung gab. Diese Sorgen, so Eichler, kamen in einigen wenigen Liedern Anton Günthers vor dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck. Gerhard Heilfurth stellte klar, dass es in den Texten Günthers keinen Ansatz von Nationalismus gebe. Auch habe Anton Günther in seinen Texten nie die tschechischen Nachbarn angegriffen.

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1962 gab Gerhard Heilfurth im Wolfgang Weidlich-Verlag Frankfurt eine überarbeitete Auflage der Gesamtausgabe der Lieder, Gedichte, Geschichten und Sprüche Anton Güntherts heraus, die er erstmals gemeinsam mit Erwin Günther 1937 im Schwarzenberger Glück-Auf-Verlag veröffentlicht hatte. 

Anton Günther, so Eichler, seie bereits durch seine Kriegserlebnisse schwer getroffen worden. Die Nachkriegsentwicklung habe ihn weiter verstört. Die westlichen Weltkriegssieger, die niedergehenden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, hatten sich bereits 1916, noch während des Krieges, das Osmanische Reich mit willkürlichen Grenzziehungen aufgeteilt. 1918 teilten die westlichen Weltkriegssieger auch das König- und Kaiserreich Österreich-Ungarn in Nationalstaaten auf und zogen die Grenzen Osteuropas neu. Diese Nationalstaaten begründeten ihr Selbstbestimmungsrecht ethnisch mit einer Sprache und Kultur. Minderheitenrechte wurden nicht gewährt. So war mit der ČSR ein über Jahrhunderte ersehntes Ziel erreicht. Die tschechische und slowakische Bevölkerung konnte endlich ihr Schicksal selbst bestimmen. Aber nun wurden die Rechte von Deutschböhmen, Ungarn u.a. Minderheiten verletzt. Die Frage sei, so Eichler, ob es nicht die westlichen Weltkriegssieger waren, die ungewollt eine Welle der Nationalismen und Gegennationalismen im Nachkriegseuropa auslösten.

Anton Günther und die Mehrzahl der einfachen Deutschböhmen verstanden diese Art von Politik nicht. Sie spürten nur ein wachsendes Unbehagen. In dieser Situation gewannen die einfachen Lieder Anton Günthers, die er im Dialekt der Deutschböhmen über Arbeit und Feierabend, Freud und Leid, Tageszeiten, Jahreszeiten, Ostern und Weihnachten sang, eine existenzielle Bedeutung. Diese Lieder vermittelten einen Halt in einer Welt, in der alle einst sicher geglaubten Gewissheiten ins Rutschen kommen. Vielleicht sei das auch der Grund, warum auch heute Anton-Günthers Lieder gesungen werden.

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Nach einer Diskussion endete die Veranstaltung an der Bierbar. Das selbst gebraute Kraftbier allein ist einen Besuch wert. Den Besuchern und den Organisatoren ist zu danken. Es war ein Ereignis. 

Johannes Eichenthal 

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Kevin Brewery: https://www.kevin-brewery.de

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

Weitere Vorstellungen der Literarischen Wanderung

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