Reportagen

Henry van de Velde zum 150. Geburtstag

 

»Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und gieng in das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz, – und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: ‹Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen Du leuchtest! … Ich muss gleich Dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.› … – Also begann Zarathustras Untergang.« (Friedrich Nietzsche)

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Foto: Büste des Meisters im Foyer des Bauhaus-Universität Hauptgebäudes zu sehen.

 

Am 2. April 2013 jährte sich der Geburtstag des 1863 in Antwerpen geborenen belgischen Architekten Henry van de Velde zum 150. Male. Aus diesem Grund gibt es in Thüringen eine ganze Folge von Erinnerungsausstellungen.

MDR-Figaro sendete ein konzentriertes und informatives Feature von Annette Seemann. (http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/essay/vandevelde-essay100.html)

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Foto: Hauptgebäude der Bauhaus-Universität. Die ehemalige Kunstschule wurde 1904/11 nach Entwürfen von Henry van de Velde errichtet.

Im Oberlichtsaal ist bis zum 12. Mai 2013 die Ausstellung »Der Architekt Henry van de Velde« zu sehen.

 

Die großen Leistungen im kleinen Großherzogtum wurden am Ende des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch weibliche Einflussnahme ermöglicht. Auch Harry Graf Kessler gelang es 1902 mit Hilfe von Elisabeth Förster-Nietzsche und der Frau des Hofmarschalls, Henry van de Velde zunächst als Berater nach Weimar zu vermitteln. Van de Velde baute nicht nur die Gebäude der Herzoglichen Gewerbeschule neu auf, sondern begründete auch ein neues Ausbildungskonzept. Graf Kessler wollte Weimar zu einer dritten kulturellen Blüte führen und eine Begegnungsstätte für die moderne europäische Kunst entwickeln. Doch schon 1906 wurde er aus Weimar vertrieben. Van de Velde konnte sich bis zum Ersten Weltkrieg halten. Mit seiner Pionierarbeit schuf er, unter schwierigsten Lebensbedingungen, die Grundlagen für das spätere Bauhaus. Nie war Henry van de Velde wieder so produktiv wie in Weimar. Nie wurde aber sein Schaffen so missachtet wie in Weimar.

Doch schnell verblasste der Ruhm von Weimar. Die bedeutsamen kulturpolitischen Initiativen entstanden nach der Vertreibung von Graf Kessler und van de Velde anderswo. In den 1920er Jahren trafen sich zum Beispiel Künstler, Literaten, Verleger, Unternehmer und Anwälte in der Tafelrunde bei Fürst Günther von Schönburg-Waldenburg. Auch Weimarer Archivdirektoren und Literaten nahmen daran teil. Aus dieser Runde entwickelte sich der Deutsche Kunstverein, der Ausstellungen und Vorträge in ganz Europa organisierte, um das durch primitive militärische Gewalt beschädigte Ansehens Deutschland in Europa zu erneuern. Der gelernte Volkswirt Fürst Günther von Schönburg-Waldenburg, ein Liebhaber und Kenner von Literatur und Kunst, wurde auch der erste Vorsitzende des Vereins. 1933 gab er dieses Amt auf. Aber zurück nach Weimar.

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Die Bauhaus Universität Weimar eröffnete am 4. April 2013 ein Kolloquium zu Henry van de Velde und dem Gesamtkunstwerk. Prof. Hans Rudolf Meier, der Lehrstuhlinhaber für Denkmalschutz, moderierte die Eröffnung und begrüßte unter den Gästen auch den Präsidenten der Weimarer Klassik-Stiftung.

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Rektor Prof. Karl Beucke begrüßte die Tagungsgäste und kommentierte, dass es im Wissenschaftsalltag heute leider nicht mehr um Gesamtzusammenhänge gehe. Vielmehr unterliege man einem gewaltigen Ausdifferenzierungsprozess.

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Prof. Carsten Ruhl, der Lehrstuhlinhaber für Theorie und Geschichte der modernen Architektur, zudem Organisator der Tagung, referierte unter dem Titel »Life and death of the Gesamtkunstwerk« (– Gesamtkunstwerk – sprach er in deutscher Sprache, ohne Akzent aus.). In der ersten Kapitelüberschrift nannte er den Gegenstand »the idea of the Gesamtkunstwerk«. Übersetzt hieße das Thema wohl: Leben und Tod der Idee vom Gesamtkunstwerk? Kann eine solche Idee aber überhaupt sterben?

Mit Bezug auf Beispiele diktatorischer Politik versuchte Professor Ruhl den Tod der Idee vom Gesamtkunstwerkes nachzuweisen. Er gebrauchte den Ausdruck »Gesamtkunstwerk« im Sinne von machtgestützter, äußerlicher, utopischer »Vereinheitlichung«. Die Präsentation zeigte u.a. ein Foto vom »Reichsparteitag«. Der Referent verwies auf das aktuelle Beispiel »Nordkorea«.

Wir erinnerten uns an Walter Benjamin, der solche Phänomene vor fast 100 Jahren »Ästhetisierung der Politik« genannt hatte.

Ein Zuhörerin fragte, ob nicht aus der großen Wirtschaft auch starke Vereinheitlichungsbestrebungen erfolgten? Der Referent bejahte.

Wir erinnern uns an einen Artikel von Jean Baudrillard, vor vielen Jahren in der traditionsreichen »Frankfurter Rundschau«, in dem Baudrillard der »Globalisierung« die Dimension absprach und darauf verwies, dass es der großen Industrie wesentlich nur darum gehe, die Produkte und Konsumenten weltweit zu vereinheitlichen. Im Unterschied zu »Diktatoren« gebrauchen solche Wirtschaftsakteure Macht, wie Umberto Eco nachwies, nicht restriktiv, sondern so, dass die Konsumenten auf Grund der permanenten Beeinflussung Dinge kaufen, die sie allein nie wählen würden.

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Frau Prof. Juliane Rebentisch von der HfG Offenbach referierte im Anschluss zum Thema »Das Erbe des Gesamtkunstwerkes«. Wir hatten hier auf eine Gegenposition zum Hauptreferat und eine Rehabilitierung Van de Veldes gehofft, und wurden wieder enttäuscht. Frau Rebentisch zeigte in einer Präsentation Beispiele vom aktuellen Kunstmarkt, argumentierte mit Theodor W. Adornos »Verfransungs«-Auffassung, und stellte die These auf, dass die heutige »postutopische« Kunst die Idee vom Gesamtkunstwerk nicht fortsetze, sondern demontiere. Die klassischen Kunstgattungen seien zwar noch als »Folie« am Horizont sichtbar, hätten heute aber keine Wirkungskraft mehr. Man suche in der Kunst heute die reflexiv-entlarvente Begegnung mit der Alltagserfahrung, nicht die Entführung in eine Scheinwelt der Kunst.

Hier hätte vielleicht auch die eine oder andere Äußerung von Adorno zur Macht der Kulturindustrie und der Werbe-Utopie-Industrie gepasst, denn die PR-Branche hat der Kunst in Sachen »Utopie« lange den Rang abgelaufen.

 

An dieser Stelle müssen wir die Tagung, die an den nächsten Tagen weitergeht, verlassen . Schade. Wir hatten eine historisch-kritische Ehrung des Werkes von Henry van de Velde erwartet. Waren denn unsere Erwartungen so falsch?

 

Auf der Heimfahrt durch die schneefreie Landschaft des Weimarer Landes kommen leichte Frühlingsgefühle auf. Wir erinnern uns langsam an die Situation, in die Henry van de Velde heineingeriet. Deutschland war um 1900 vielleicht mit dem heutigen China vergleichbar. Rasanter Aufschwung der Technik und Industrie. Handwerk und Gewerbe gerieten unter Druck. Van de Velde wurde engagiert, um das Handwerk des Herzogtums gegen die Industrie konkurrenzfähig zu machen. Das tat van de Velde auch.

Die alten Eliten des Herzogtums vermochten dem jungen Architekten und seinem Förderer und Freund Harry Graf Kessler aber nicht zu folgen. Der Bruch hatte im geistigen Unvermögen der herrschenden Kreise des Herzogtums seinen sachlichen Grund.

Hätte van de Velde sein Engagement gar nicht erst antreten dürfen?

Auf der Ebene des Kaiserreiches herrschte ebenfalls das alte Denken. Der Kaiser und seine Umgebung nutzten die Machtposition, die sich aus der stürmischen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes ergab, vermochten aber keine zeitgemäße Politik zu konstituieren. Schließlich fiel den Herrschaften nichts weiter ein, als in den Ersten Weltkrieg zu flüchten. Generalstabschef von Moltke hatte notiert, dass, wenn Deutschland einen Krieg beginne, es ein zwei-Fronten-Krieg werde, und wenn es ein Zwei-Fronten-Krieg werde, dann werde Deutschland den Krieg verlieren. Dennoch entschied man sich in Berlin für den Krieg. »Selbstmord aus Angst vor dem Tode« nannte der Schweizer Historiker Stig Förster diese Haltung der alten deutschen Eliten.

Insofern muss man einfach daran erinnern, dass Henry van de Velde und Harry Graf Kessler mit anderen jungen Leuten, wie Walter Rathenau, Hugo von Hofmannsthal, Rainer-Maria Rilke, in Verbindung standen, die an Alternativen zum alten Denken arbeiteten. Der geistige Katalysator dieser jungen Leute war das Werk von Friedrich Nietzsche. Nietzsche bot die Anregung zum Dekonstruieren der überlebten Traditionen und zum »Wille zur Macht«, d.h. zum Wille zur neuen Sinnstiftung, wie es Rüdiger Görner im Oktober 2012 in Naumburg formulierte.

 

Kurz vor Gera fiel uns ein, dass der sachliche Zusammenhang, der sich hinter dem Schlagwort »Gesamtkunstwerk« verbirgt, von den Reformkünstlern nie vordergründig äußerlich gedacht wurde. Eher ging es doch um das konkrete Verhältnis von Architektur, Plastik und Malerei. Oder?

Die in Chemnitz geborene Marianne Brandt studierte ab 1913 an der Kunstschule in Weimar Plastik und Malerei. 1923 trat sie ins Bauhaus ein und spielte noch einmal die Studentin. Später wurde sie die amtierende Leiterin der Metallwerkstatt. (Frauen durften keine regulären Leiter der Metallwerkstatt sein, nur beim Textil billigten die Männer Gunda Stölzl eine solche Rolle zu.) Die Brandt verließ 1929 das Bauhaus, wie Gunda Stölzl auch, arbeitete im Industriedesign und fing, anders als die »erfolgreichen« Männer, in der Gestaltung nocheinmal von vorn an. Von 1949 bis 1951 war sie Dozentin an der Dresdner Hochschule für Werkkunst, der späteren Hochschule für Bildende Künste. Gemeinsam mit Heinz Begenau gab sie den Aufsatz »Plastik« von Johann Gottfried Herder als Studienmaterial heraus.

Der international anerkannte Skulpturist Hans Brockhage, ein Schüler Marianne Brandts, erzählte uns, dass sie in Dresden mit dem Herder-Text gearbeitet hätten. Er habe noch nie etwas besseres über Plastik gelesen als von Herder. Viele Jahre nach seinem Studienabschluss habe er erst begriffen, dass es beim Gesamtkunstwerk um den inneren Zusammenhang der Gattungen gehe. Die Plastik, die Darstellung des Körpers, sei der Kern des bildnerischen Schaffens. Architektur behandle die Stellung des Körpers im Raum und Malerei sei die zweidimensionale Darstellung des Körpers.

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Kurz vor Chemnitz, wo van de Velde zwei eindrucksvolle Fabrikanten-Villen schuf, fiel uns ein, dass Johann Gottfried Herder ja die Plastik als Krone der bildenden Kunst betrachtete, weil sie den menschlichen Körper zum Urbild habe. Der Mensch sucht in der Wirklichkeit nach Darstellung einer Gesamtheit, eines Ganzen, weil wir die Wirklichkeit mit unserem ganzen Körper wahrnehmen, mit allen Sinnen, nicht nur mit dem Kopf, wie der Herr Professor Kant in Königsberg glaubte. Nein, alle Sinne wirken daran mit, in uns ein Gesamtbild zu konstituieren. Mit den Augen nehmen wir die Welt ursprünglich nur zweidimensional war. Bei Kleinstkindern sah das Herder nachgewiesen und bei geheilten Blinden. Erst durch den Tastsinn, durch das Fühlen, das Ge-Fühl nehmen wir die Wirklichkeit dreidimensional wahr.

Weil wir ursprünglich ein Tier mit relativ schwachen Sinnen waren, ein »Mängelwesen«, wie es Herder nannte, mussten wir lernen auf alle Sinne des Körpers zurückzugreifen. »Besonnenheit« nannte Herder diese Eigenschaft. Einerseits spiegelt sich, so Herder, unsere Seele in unserem Körper wider, andererseits sei aber auch, dass, was wir für unseren Körper fühlen, wiederum eine »Projektion« unserer Seele. In der menschlichen Natur finden wir vielleicht den Grund dessen, was wir »Gesamtkunstwerk« nennen?

Johannes Eichenthal

 

Anmerkung des Redaktors

Johannes Eichenthal ist ein junger Mann, der keine ewigen Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen will. Er glaubt, dass verbindliche Diskussionen um wesentliche Fragen unserer Existenz heute fehlen. Sinnstiftung ist ohne Diskurs aber nicht möglich.

Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion der Litterata-Seiten. Darüber würde sich Johannes freuen. Vielen Dank!

 

Information

Literaturhinweis: Sembach/Schulte (Hrsg.): Henry van de Velde – ein europäischer Künstler seiner Zeit. Wienand-Verlag Köln. 1992 ISBN 3-87909-314-8

 

Weitere Ausstellungen zum 150. Geburtstag Henry van de Veldes

Bis 23.6.2013: Leidenschaft, Funktion und Schönheit. Henry van de Velde und sein Beitrag zur europäischen Moderne

Neues Museum Weimar, Weimarplatz 5

Bis 21. Juli 2013: Sascha Schneider. Ideenmaler und Körperbildner

Stadtmuseum Weimar, Kunsthalle Graf Kessler

Bis 16. Juni 2013: Peter Behrens – Vom Jugendstil zum Industriedesign

Kunsthalle Erfurt im Haus zum roten Ochsen, Fischmarkt 7

5. Mai bis 8. September 2013: Henry van de Velde. Ein Universalmuseum für Erfurt

Angermuseum Erfurt, Anger 18

Bis 26. Mai 2013: Der ewige Wanderer – Henry van de Velde in Jena. Gemälde, Plastiken, Zeichnungen, Fotos und Dokumente

Städtische Museen Kunstsammlungen Jena, Markt 7

13. April bis 23. Juni 2013. Im modernen Stil. Die Porzellan-manufaktur Burgau, Ferdinand Selle und Henry van de Velde 1901–1915.

Stadtmuseum Kahla, Margarethenstraße 7/8

20. April bis 22. September 2013: Henry van de Velde und die Bürgeler Jugendstil-Keramik

Keramik-Museum Bürgel, Am Kirchplatz 2

Bis 22. Dezember 2013: Henry van de Velde – Buchgestaltungen, Publikationen, Entwürfe, Möbel

Haus Schulenburg Gera, Straße des Friedens 120

Bis 22. Dezember 2013: Haus Schulenburg – Gesamtkunstwerk von Henry van de Velde, Baugeschichte, Rekonstruktion

Haus Schulenburg Gera, Straße des Friedens 120

 

Alle Veranstaltungen des Jubiläumsjahtres finden Sie unter:

www.vandevelde2013.de

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2 thoughts on “Henry van de Velde zum 150. Geburtstag”

  1. Sehr verehrter Herr Eichenthal,

    nun haben Sie der Vielzahl Ihrer durchweg interessanten und aufschlußreichen LitteratA-Beiträge eine neue Reportage mit dem Blick auf Weimars Bauhaus-Universität und dem dort am 04. d. M. eröffneten Kolloquium zu „Henry van de Velde und das Gesamtkunstwerk“ hinzugefügt.
    Sein 150. Geburtstag ist ja nicht nur äußerer Anlaß, sondern eher eine Brücke zur Annäherung an das Genie, dem Wegbereiter des Bauhauses, dem Universalkünstler Henry van de Velde. Und wenn er sich selbst als „Prophet des Übergangs von einer erschöpften Ära zu einem Neuen Stil“ ( „Alleskünstler“ Das Van-de-Velde-Jahr 2013 in Thüringen) empfand, so entsprach eben dieser seiner eigenen Vision vom „Gesamt-kunstwerk“. Vollkommenheit und Zweck desselben ordnete er dem Menschen zu, „der mit ihm lebt und damit von ihm erheitert und erhoben werde“. Damit wird das von ihm postulierte „Gesamt-Kunst-Werk“ zur „Idee“ – die in ihre „Gestaltwerdung“ nicht nur die vielfältigsten Beziehungen zum Leben ins sich aufnimmt, sondern demselben auf hohem Niveau dient.
    So verstehe ich auch Karl Friedrich Eusebius Trahndorf der in seiner „Ästhetik, oder die Lehre von der Welt-anschauung und der Kunst“ (1827) den Begriff „Gesamtkunstwerk“ prägte und in den Sprachgebrauch einführte. Durchglüht von der Größe dieser Idee im Sinne der Synthese der Künste ist es wiederum Richard
    Wagner, der diesem Prinzip auch im Sinne der Umwandlung der sozialen Wirklichkeit und damit dem so von ihm postulierten „Kunstwerk der Zukunft“ folgt. Harald Szeemann hat 1983 mit seiner Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ im Kunsthaus Zürich mit herausragenden Beispielen, wie u.a. dem „Goetheanum“ in Dornach, der „Sagrada Familia“ in Barcelona, oder dem „Monte Veritas“ bei Ascona überzeugend Ausdruck verliehen.
    „Vom Tod dieser Idee“ kann also überhaupt gar keine Rede sein, da sie immer aufs Neue aus den neuen Gegebenheiten der Wirklichkeit und zwar auf „wachsender Stufenleiter“ erwächst.
    Die Anregung, die Henry van de Velde vom Chemnitzer Unternehmer Herbert Esche empfing, löste bei ihm den Impuls, die Inspiration zur Gestaltung eines einzigartigen „Gesamtkunstwerkes“, der somit entstehen-den „Villa Esche“ in Chemnitz aus. Dieser, „sein Entwurf für das Leben“ erfasste alle Bereiche des Wohnum-feldes der Familie Esche. D.h., das Gebäude selbst, seine Gestalt, die Gliederung der Baumasse, die Strukturen der Fassade, Fenster, Türen, Terrassen, Geländer und Umzäunung, wie auch die das Gebäude umschließende Landschaft in Gestalt des Parks. Im Äußeren, so auch im Inneren – die Gliederung, Anord-nung und Gestaltung der Räume, der fußläufigen Bereiche, der Treppen, der Brüstungen und Decken, über die Wandgestaltung, bis hin zur Einrichtung, also der Gestaltung der Möbel, der Beleuchtungskörper, der textilen Ausgestaltung, aller Beschläge wie der individuellen Gebrauchsgegenstände, des Tafelgeschirrs bis hin zum Besteck. Aber auch hier hört Henry van de Velde nicht auf, er knüpft Beziehungen zu anderen Künstlern, wie beispielsweise zu Edvard Munch u.v.a.m.. Das Bemerkenswerte daran ist aber auch, dass diesen „Geist“ der Hausherr selbst, wie auch seine Familie lebte.
    Diesem Anspruch wird die heutige Nutzung der „Villa Esche“, natürlich im erweiterten, öffentlichen Rahmen auf hohem Niveau als „Gesamtkunstwerk“ gerecht.

    mit den besten Grüßen und allen guten Wünschen

    Ihr

    Siegfried Arlt

  2. Zu dem Thema Gesamtkunstwerk sollte unbedingt auch eines der letzten Werke – der elektrische Mönch – von Douglas Adams Erwähnung finden. Es handelt von dem komplexesten System das wir kennen – der Natur – und dem vergeblichen Versuch diese in Formeln zu erfassen und zu erklären. Die Menschen sind nicht in der Lage diese Komplexität zu erfassen und es stellt sich heraus das die einzige Möglichkeit für Menschen, die Komplexität zu fühlen, der Weg über die Musik ist. Ich denke so verhält es sich generell mit „dem Gesamtkunstwerk“ und die Damen und Herren in Weimar haben dies hervorragend unter Beweis gestellt: die Komplexität des Gesamtkunstwerk kann nicht erklärt, verstanden oder zur Schau gestellt werden. Vielleicht kann sie nur gehört oder gefühlt werden, an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen: mit Reinhold Messmer am K2, oder am Bullauge der ISS soll es angeblich auch klappen…

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