studium generale
Reportagen

FREIBERGER STUDIUM GENERALE

Der Verein Silberbergwerk Freiberg hatte für den 14. Oktober zu einem Text- und Bildvortrag in die »Reiche Zeche« eingeladen. Der Mironde-Verlag wollte sein Projekt »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn« im Rahmen der Veranstaltungsreihe »studium generale« vorstellen. Der 14. Oktober war ein sonniger Herbsttag. Einzig die vielen Baustellen, die dem Anschein nach von Anhängern der Chaos-Theorie geplant werden, beeinflussten unsere Fahrt zum Veranstaltungsort durch die herbstlich gefärbte Landschaft. Auf dem Weg zum Veranstaltungssaal begegnen uns Bergleute in Schutzkleidung, die eben aus einer der Untertage-Touren zurückkehrten. Dann gehen wir auch am gewaltigen Aufzug vorbei, mit dem eingefahren wird. Endlich kommen wir im Veranstaltungssaal an. Sitzen da nicht einige der Bergleute, die eben aus dem Schacht ..? Wir nutzen die Zeit, um uns die beeindruckende Mineralien-Ausstellung anzusehen. Plötzlich ist es schon 19 Uhr.

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Der Vereinsvorsitzende Erich Fritz begrüßte voller Freude die Zuhörer und den Mironde-Verlag zu dieser Veranstaltung im Rahmen der Reihe »studium generale«.

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Eichler begann, wie immer, mit der Beschreibung seines Ausgangspunktes. Der Mensch wird durch bezeichnende Sprache zum Menschen, nicht durch Denken oder Denk-Bewusstsein. Danach ging er auf die historische Entwicklung der deutschen Sprache ein. Der Hochadel und der Klerus sprachen unter Karl dem Großen ausschließlich Latein. Zu Missionierungszwecken ließ Karl das Althochdeutsch mit Latein ertüchtigen. Es gelang tatsächlich viel antikes Wissen in die deutsche Sprache zu bringen. Aber im Anschluss schrieb zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert kein Deutscher ein Sprachkunstwerk in Althochdeutsch.  

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Auf dem Bildschirm die Veränderung des Wortes »schreibe« vom Germanischen, über das Althochdeutsche hin zum Mittelhochdeutschen

Erst die Begegnung von althochdeutscher und slawischer Sprache im Zuge der Expansion des ostfränkisch-deutschen Königreiches von Magdeburg aus nach Brandenburg und in Richtung Böhmen/Schlesien brachte die sprachliche Erneuerung: die Erfindung der mittelhochdeutschen Sprache zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Jetzt konnten sich die Minnesänger, wie ihre Vorläufer, die Skopten, mit dem alten Althochdeutsch, wieder in deutscher Sprache angemessen ausdrücken. Ausgerechnet in der Existenzkrise des Reiches, das in einen ruinösen Machtkampf mit dem Vatikan verwickelt war, wurden die Minnesänger zum Hoffnungsträger der Bevölkerung. Von da an sprach auch die Funktionselite in Mitteldeutschland deutsch. In den anderen Teilen Deutschlands hielt sie noch lange an Latein fest. Mit dieser Erneuerung begann ein Reigen von Erneuerungsbewegungen in der deutschen Geschichte, die ihren Ursprung in Mitteldeutschland haben.

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Eichler versuchte den sprachlich-literarischen Prozess, von den Minnesänger ausgehend, über herausgehobene Personen, Literaten, Wissenschaftler, Theologen, Erfinder, Juristen, Philosophen, bis hin zu Gerhard Gundermann, fassbar zu machen. Eichler stellte Gundermann als einen heutigen »Minnesänger« dar, dem die sprachliche Selbstbestimmung gegen die Unterhaltungsindustrie gelang.

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Bei Gotthilf Heinrich Schubert (1780–1860) verweilte Eichler etwas länger. Der in einem Hohensteiner Pfarrhaus geborene Schubert besuchte das Weimarer Gymnasium und war von Johann Gottfried Herder begeistert, studierte zunächst Theologie, dann Naturwissenschaften und Medizin in Leipzig und Jena. Dort war er von den jungen Professoren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1776–1810) und Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) begeistert. In Jena hörte er u.a. Vorlesungen über Biologie, Chemie, Mineralogie u.a. 1803 wurde er von Ritter mit dem Thema »Die Anwendung des Galvanismus auf Taubgeborene« zum Dr. med. promoviert. Er wollte Schiffsarzt werden, um, wie Alexander von Humboldt, Forschungsreisen zu unternehmen. Er heiratete jedoch 1803 und ließ sich als praktischer Arzt in Altenburg nieder. Die Praxis war nicht vom Glück begünstigt. Aber Schubert konnte als Übersetzer aus dem Provenzalischen, Französischen, Portugiesischen und Italienischen für den Altenburger Buchhändler und Verleger Johann Christian Rink (1771–1807) den Lebensunterhalt verdienen. 1805, durch eine Erbschaft begünstigt, traten Schubert und seine junge Frau den Fußweg nach Freiberg an. Schubert studierte ein Semester Geognosie bei Bergrat Abraham Werner (1750–1812). Er nennt berühmte Mitstudenten: August Wolfgang Herder, Wilhelm August Lampadius, Karl von Raumer, Moritz von Engelhardt, Rudolf von Przystanowski, Wilhelm August Lampadius, Karl von Raumer, Moritz von Engelhardt, Rudolf von Przystanowski und Johann von Charpentier. 1806 zog Schubert weiter nach Dresden. Dort sammelten sich viele junge Intellektuelle, die er aus Weimar und Jena kannte. Zwischen 1806 und 1809 war Dresden der geistige Mittelpunkt Deutschlands im Kampf um nationale Selbstbestimmung. Im vierzehntägigen Wechsel mit Adam Müller, der im Palais Carlowitz über den Staat referierte, sprach Schubert über die »Nachtseiten der Naturwissenschaft«. Aber Schubert fand in Sachsen keine dauerhafte Anstellung. Auf Vermittlung Schellings wurde er Gymnasiumsdirektor in Nürnberg und danach auf eine Professur in Erlangen und später in München berufen. Das geistige Zentrums Deutschlands verlagerte sich 1810 nach Berlin. Viele Freunde und Kollegen Schuberts gingen dorthin. Die preußischen Reformer motivierten Militärs und »Romantiker« zu einer einzigartigen Aufbruchstimmung, die letztlich die nationalen Befreiung hervorbrachte.  

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Im Unterschied zu früheren Veranstaltungen versuchte Eichler den sprachlich-literarischen Überlieferungsprozess mit einer Grafik zu veranschaulichen. Aus einem sperrigen Althochdeutsch und einem mündlichen Slawisch generieren sich die Minnesänger. In einer Spirale denkt sich Eichler diese Entwicklung. In der Tat kommt die Geschichte dem Anschein nach immer wieder einmal zum gleichen Punkt. In Wirklichkeit ist man nicht am gleichen Punkt. Geschichte wiederholt sich, doch nie auf gleiche Weise. So geht es bis heute. Eichler betont, dass die Reihe »Literarische Wanderung« unsere Vorstellung vom sprachlich-literarischen Erbe als immanentes Moment unserer Alltagssprache erwecken will. Geschichte, so habe Christa Wolf einmal gesagt, sei nicht vorbei, vergehe eigentlich auch nicht.

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In der Diskussion kamen verschiedene Anmerkungen und Fragen zu Wort. Ein Zuhörer machte darauf aufmerksam, dass nicht nur der Kontakt mit dem Mährischen Reich sondern auch der mit polnischen Fürstentümern zur kulturellen und sprachlichen Entwicklung beitrug.

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Auf der Heimfahrt mussten wir noch einmal zurückdenken. Der Vortrag fand vor Mitgliedern und Gästen eines Bergbauvereins einer traditionsreichen Bergbaustadt statt. Das Publikum erwies sich als aufgeschlossen und vielseitig gebildet. Die von Abraham Werner begründete Forschungsrichtung »Geognosie« übersteigt alle engen Disziplingrenzen universitärer Ordnung. Das war auch eine Forderung der jungen Romantiker. Der Referent vergaß in diesem Punkt zu erwähnen, dass Schubert in seinen Lebenserinnerungen davon berichtete, dass Abraham Werner, der die Nacht mit der Abfassung von Grubenberichten u.ä. verbracht hatte, in den frühen Morgenstunden an einem sprachgeschichtlichen Grundlagenwerk arbeitete, das er freilich nicht vollendete. Das alles ereignete sich in Freiberg. Dem Verein Silberbergwerk, der es vermag, Techniker, Mineralogen, Historiker, Bergleute und Literaturhistoriker im »studium generale« zusammenzuführen und den interessierten Gästen ist für die Veranstaltung zu danken. Es war ein Ereignis.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Verein Silberbergwerk: https://www.silberbergwerk-freiberg.de/verein/

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

Einladung zu Buchvorstellungen

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