Reportagen

Lesegraphie in Stollberg

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Klaus Walther, ein promovierter Germanist und Senior der Buchhandlung Walther, begrüßte am verregneten Abend des 25. Juni 2013 etwa 25 Gäste in der Waltherschen Buchhandlung in Stollberg. Er stellte dem Publikum den Buchautor Andreas Eichler, einen promovierten Philosophen, vor.

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Es hatte sich ein fachkundiges Publikum versammelt, das gespannt darauf war, was Eichler wohl aus seinem Buch »Innokonservation« lesen, und was er erzählen werde. Das Buch wurde industriell hergestellt, erfüllt aber, vor allem Dank der Kalligraphien und der Gestaltung von Birgit Eichler, bibliophile Ansprüche. Ausgewähltes Papier, rotes Kaptalband, Lesebändchen, farbiger Vorsatz usw. Wir erwarteten also in unseren verglobalisierten Zeiten eine widerständige Verteidigung des konservativen Buches, der Haptik und des Genusses.

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Eichler packte zu aller Entsetzen ein elektrisches Buch (E-Buch) aus. Statt auf die Buchform einzugehen sagte er, dass seit etwa 20 Jahren die Leser schrittweise verlernt hätten aus großer Literatur die Schlüsse für die eigene Lebensgestaltung zu ziehen. Der Buchmarkt produziere seither immer mehr seichte Unterhaltung, die keine Rückschlüsse für das eigene Leben mehr zuließen, und gleichzeitig Ratgeber, in denen die Leser »allgemeine Regeln« für alles und jedes erhalten. Dies sei problematisch, weil jeder Mensch anders, jeder ein Individuum sei. Für das Individuum könne es keine allgemeinen Regeln geben. Es gebe nur allgemeine historische Voraussetzungen, die wir uns aneignen müssten, und unter den Bedingungen, unter denen wir leben, anwenden. Schon hier bezog er sich, wie könnte es anders sein, auf Johann Gottfried Herder. Er las dann einzelne Passagen aus diesem elektrischen Buch … Dazwischen Erklärungen. Seitenhiebe gegen den armen Immanuel Kant. Selbstverständlich habe dieser auch gewusst, dass wir Sinne haben und diese für die Erkenntnis wichtig seien. Aber er habe Sinne und sinnliche Erfahrung gering geschätzt, sie als die Fehlerquelle angesehen, und die Vernunft als etwas Hinzukommendes betrachtet. Erkenntnisse a priori, nach denen Kant suchte, seien ja gerade welche vor aller Erfahrung. So habe Heinrich Heine mit seiner Kritik wohl recht, wenn er sage, dass der Herr Professor Kant weder ein Leben noch eine Geschichte hatte, sondern nur einen poesielosen Kopf.

Ich war empört. Das kann man doch nicht machen mit Kant, diesem Geistesriesen, diesem Giganten. Plötzlich war ich, aufgrund meiner Empörung, nicht mehr aufnahmefähig, weiß auch nicht, was diskutiert wurde, und es wurde lange diskutiert …

Ich hörte nur noch, wie Eichler sagte, dass es darauf ankomme, wie man ein Buch lese, weniger, ob es ein klassisches oder ein elektrisches sei. Naja.

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Zum Glück hatte Birgit Eichler auch Notizen von der Veranstaltung gemacht. Freilich schönere als meine …

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Auf dem Blatt konnte man wirklich einzelne Diskussionspunkte nachvollziehen …

Die Künstlerin bat dann alle Gäste um eine Unterschrift …

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… zum sichtlichen Entsetzen von Dr. Klaus Walther begann sie hernach mit dem Zerreißen des Blattes. Ich war erschrocken.

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Aber sie hatte wohl sogar Freude daran!

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Schließlich durfte sich jeder Gast aus dem »Papierbuffet« bedienen und einen Teil des Blattes mit nach Hause nehmen. Nur ich konnte mich nicht entscheiden.

Auf alle Fälle war diese Aktion das eigentliche Ereignis des Abends.

So etwas hätte Andreas Eichler nie hinbekommen. Vielleicht lohnt sich der Kauf des Buches »Innokonservation« sogar eher wegen der Kalligraphien und der Gestaltung als wegen des philosophischen Dialoges?

Johannes Eichenthal

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Information

Andreas Eichler: Innokonservation. Erneuern und Bewahren. Mit Kalligraphien von Birgit Eichler. Mironde-Verlag 2013. ISBN 978-3-937654-46-1

www.mironde.com

Im Vorfeld der Veranstaltung führte der Freie-Presse-Redakteur Jan Oechsner ein Interview mit Andreas Eichler:

www.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/STOLLBERG/Der-Trugschluss-vom-Buch-fuer-Alle-artikel8435949.php

Die nächste Buchlesung in der Buchhandlung Walther wird im September stattfinden.

www.buecher-walther.de

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One thought on “Lesegraphie in Stollberg

  1. Reflexion eines Lesers

    Wenn wir davon ausgehen, dass Wortschöpfungen eine Sprache auch bereichern können, dann steht das Wort „Innokonservation“ für die gedankliche Verschmelzung der Begriffe „Erneuerung und Bewahrung“,
    Eine Wortschöpfung von Andreas Eichler, dem Autor des gleichnamigen Buches, eine, sagen wir – „philo-sophischen Dialogs“!
    Der promovierte Philosoph Eichler folgt dem Vorbild klassischer „Dialoge“, wie wir sie u.a. in ihrer besonderen Art von Plato (427-347 v.u.Z.) kennen.
    Während Plato in seinem „Phädon“, oder im „Gastmahl“ mehreren Personen Gelegenheit gibt zum angezeigten Thema (beispielsweise über Gerechtigkeit oder Weisheit) zu debattieren, lässt sich Eichler „ganz zufällig“ am Rande der „Buch Wien“ in einem der zahlreichen Cafés mit einem bekannten Wiener Architektur-Software-Spezialisten in ein aufschlussreiches Gespräch ein.
    Ein ruhiger Ort, an dem der edle Kaffee die Gesprächstemperatur rasch erhöht. Man redet zunächst, wie könnte es anders sein, über Bücher, über das neueste vom Neuesten.
    Das folgende Gespräch ist aber alles andere, als eben nur ein „Wiener-Kaffeeklatsch“.
    Angezogen von der gegensätzlichen Position der Gesprächspartner fühlt man sich als Leser rasch in die sich entwickelnde locker-flockige (und das erweist sich schon mal als einer der Vorzüge des Buches),
    andererseits aber in die sich vertiefende Debatte, einbezogen.
    So eröffnet das „Gespräch“ schon bald Positionen und Horizonte, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein können. Der junge Architekt als „Erneuerer“ ist logischerweise vom Reiz der mathematischen Logik und den Möglichkeiten die ihm die neueste Rechentechnik für die Gestaltung kühner Bauwerke zur Hand gibt, zutiefst überzeugt. Der Philosoph dagegen, legt in ruhiger Gelassenheit und mit der ihm eigenen Denkungsart eine übergreifende Sicht dar, die auf die wechselseitige Beziehung von Tradition und Erneuerung zielt: „Das Leben“, so sagt er, ist aber wesentlich vielschichtiger und reicher. Unser kulturelles Erbe nimmt ständig zu
    und wir müssen unsere Tradition mit dem Leben immer wieder erneuern.“
    Völlig irritiert fragt nun ganz folgerichtig sein Visavis:“Was unterscheidet Deine Auffassung dann noch von meiner Hochschätzung der Innovation?“
    Für den Angesprochenen Grund genug, mit einem spannenden Ausflug in die Geschichte der Philosophie, seiner „Liebe zur Weisheit“, mannigfaltig zu argumentieren.
    Für den jungen Architekten (und damit für den Leser) ist dieser Exkurs von größtem Interesse, weil der Autor mit der Gegenüberstellung der Gegensätze, den Vorzügen innovativer Fortschritte auch die zum Teil bestürzenden Folgen, bisweilen tagesaktuell, vor Augen führt.
    Das alles und natürlich noch viel mehr „zur Sprache“ zu bringen, ist das Verdienst des Autors, der mit diesem Buch offenbar nicht nur eine „Wortschöpfung“ vorstellen will, sondern meint, dass wir der Sprache bedürfen, „weil wir uns als Menschen in Sprache konstituieren“. – Denn: „Wir erkennen die Welt nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen“.
    Ein höchst bemerkenswerter „Dialog“, ein aufschlussreiches, nachdenkliches Plädoyer für die Einzigartigkeit
    des Kulturgutes „Buch“!
    Übrigens, die Kalligrafien von Birgit Eichler geben der Schrift eine ganz eigene, reizvolle Dimension.

    Siegfried Arlt, März 2013

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