Mit der bevorstehende Schließung der Westermann Druck GmbH am 31. August 2026 geht eine Ära der industriellen Buchproduktion in Zwickau zu Ende. Zudem war die Druckerei eine der wenigen Betriebe in Ostdeutschland, die über eine eigene Buchbindestrecke verfügte. Bereits vor Jahren wurden die beiden Leipziger Traditionsbetriebe »Grafischer Großbetrieb Interdruck« und »Officin Andersen Nexö« geschlossen. Die Schließung der Westermann-Druckerei in Zwickau wird eine weitere Verlagerung der Produktion nach Osteuropa beschleunigen.

Die Entwicklung der Westermann-Druckerei in Zwickau wäre nicht ohne Voraussetzungen möglich geworden. Hermann Förster (1847–1918) gründete 1881 in Zwickau eine Druckerei zunächst in der Münzgasse 6, ab 1882 in der Schulstraße 5 (heute Peter-Breuer-Straße). Bereits 1892 erwarb die Druckerei das Patent der moderne Dreifarbdruck-Technologie und ab 1893 wendete sie es in der Buchproduktion an. Die Gesellschafter Ernst Bär und Georg Borries begleiteten das Unternehmen jeweils einige Jahre. Von letzterem blieb der Name in der Firmierung »Förster & Borries. Ein wachsender Stamm wichtiger Kunden, Teilnahme an der Weltausstellung in Chicago von 1893 und zahlreiche Auszeichnungen machen die Entwicklung des Unternehmens deutlich. Während des Zweiten Weltkrieges stand die Druckerei, wie die gesamte Wirtschaft in Deutschland, unter dem Kommando des Speer-Ministeriums, deren Außenstellen als »Rüstungskommandos« firmierten (Jens Hummel: Verlagerter Krieg). Dem Anschein nach war die Druckerei dem Rüstungskommando Chemnitz unterstellt. Dessen Kommandeur Oberst Paul Spangenberg, setzte seit Kriegsbeginn die Befehle des Rüstungsministers Albert Speer durch. Das Ministerium entschied, welche Unternehmen überhaupt noch produzieren dürfen, was, mit welchem Material und mit welchen Arbeitskräften. Am Kriegsende gab es auch in Zwickau keine zivile Produktion mehr. Die Unternehmen mussten auf Lohnarbeitsbasis oft branchenfremde, kriegswichtige Produkte herstellen. Wenn der Geschäftsführer sich zu Kriegsbeginn weigert den Befehlen zu gehorchen, dann wurde ein Treuhänder zur Firmenleitung eingesetzt. Am Kriegsende wurde der Geschäftsführer, der sich weigerte, erschossen. Nach Kriegsende wurden Tausende Mittelständler in Sachsen von den neuen deutschen Behörden mit dem sachlich falschen Vorwurf der Kriegsgewinne enteignet. Dieses Vorgehen verstieß gegen die Verfassung von 1946, die ein Recht auf Privateigentum festschrieb. Auch der Förster & Borries-Geschäftsführer Artur Förster (1884–1973) wurde Ende Oktober 1945 verhaftet und sieben Jahre in den Lagern Buchenwald und Mühlberg festgehalten. 1949 wurde er in einem Prozess zu 20 Jahren Haft im Zuchthaus Waldheim verurteilt. Aus der Chronik von Förster & Borries gehen die Anklagepunkte nicht hervor. 1952 wurde Artur Förster begnadigt. Doch bereits 1947 war er als Geschäftsführer abgesetzt und mit dem Verbot der Geschäftsführung belegt worden. Später musste Förster & Borries eine Beteiligung des Staates eingehen, um weiter Material und Aufträge zu erhalten. Ab 1. Januar 1960 hieß die Firma »Förster & Borries KG«. Einige Unternehmer gaben in Interviews zu Protokoll, dass Walter Ulbricht ihnen in den 1960er Jahren persönlich versichert habe, dass die mittelständischen Unternehmen eine sichere Zukunft hätten. Doch Ulbricht wurde gestürzt und sein Nachfolger Erich Honecker ließ die verbliebenen Mittelständler enteignen. So entstanden aus der Enteignung der »Förster & Borries KG« 1972 die »Graphischen Werke Zwickau«, in denen die Erfahrung von »Förster & Borries« weiterlebte.

1979 wurden den Graphischen Werken die »Volksdruckerei Zwickau« und weitere kleinere Druckereien angeschlossen. 1981 ging ein Neubau in der Crimmitschauer Straße 43 in Betrieb. Dort wurden moderne Vier- und Fünffarben-Bogenoffset-Druckmaschinen eingesetzt und eine maschinelle Groß-Buchbinderei aufgebaut.

Mit der politischen Wende von 1989/90 wurde Artur Förster vollständig rehabilitiert. Das Unternehmen erhielt seine enteignete Produktionsstätte in der Peter-Breuer-Straße zurück. Am 1. August 1990 gründete sich die »Förster & Borries Satz- und Repro GmbH« und 1991 der »Colordruck Zwickau GmbH & Co KG«.

Der Betriebsteil der »Graphische Werke Zwickau« in der Crimmitschauer Straße 43 wurde 1990 zusammen mit der Chemnitzer Tageszeitung »Freie Presse«, an die Medien-Union GmbH Ludwigshafen verkauft. Die Druckerei wurde der Westermann Druck- und Verlagsgruppe in Braunschweig zugeordnet. Es erfolgten Erweiterungsbauten und Investitionen in neueste Druckmaschinen und Verarbeitungslinien. Fortan wurden hier Schulbücher für Westermann gedruckt und gebunden, jedoch auch hochwertige Fach- und Sachbücher für Verlage aus ganz Deutschland. Zuletzt verließen etwa 13 Millionen Bücher pro Jahr die Druckerei in Zwickau. Nun teilte die Braunschweiger Unternehmensführung mit, dass die hohen Energie- und Personalkosten, wie die schwache Auftragslage für diese Entscheidung den Ausschlag für die Werksschließung gaben. Mit der Schließung der Zwickauer Druckerei geht jedoch auch eine mehr 150jährige Tradition der modernen Buchherstellung in Zwickau zu Ende.

Hubertus Fuchs von der Zwickauer Westermann-Druckerei ließ es sich im März 2017 nicht nehmen auch dem Stand des Mironde-Verlages auf der Leipziger Buchmesse zu besuchen.

Am 1. März 2022 erhielten Autor Dr.-Ing. Steffen Heinrich, der Geschäftsleiter des ZV Frohnbach, die Buchgestalterin Birgit Eichler vom Mironde-Verlag und Bürgermeister Klaus Kertzscher, der Vorsitzende des Zweckverbandes Frohnbach, die Gelegenheit beim Andruck des Buches »Vom Abfall zum Gartengold. Klärschlammveredlung mit Pyrolyse« teilzunehmen, um gegebenenfalls letzte Detailänderungen in der Farbeinstellung zu ermöglichen.

In Zwickau gedruckt: Karin Heinrich/Steffen Heinrich: Vom Abfall zum Gartengold. Klärschlammveredlung mit Pyrolyse. Mironde-Verlag 2022. Das Buch wurde mit dem Blauen Engel ausgezeichnet, weil es ressourcenschonend, umweltfreundlich, emissionsarm, gesundheitlich unbedenklich auf 100 Prozent Recyclingpapier gedruckt wurde. ISBN 978-3-96063-017-3
Der Mironde-Verlag suchte von seiner Gründung an den Kontakt zu Druckereien in der Region. Wenn man Bücher für die Region herausgibt, dann muss man sie auch hier drucken lassen. Zudem erfordert auch die Sorgfalt der Herstellung eine Nähe zur Druckerei. Über die Jahre waren Carola Zeuke, Hubertus Fuchs und Frank Zellmer für den Verlag immer zuverlässige Ansprechpartner. Die beiden Autoren unseres Spitzentitels »Vom Abfall zu Gartengold. Klärschlammveredlung mit Pyrolyse«, Prof. Dr.-Ing. Karin Heinrich und ZVF-Geschäftsleiter Dr.-Ing. Steffen Heinrich, ließen es sich nicht nehmen, im Buch den Zwickauer Fachleuten ausdrücklich zu danken.

In Zwickau gedruckt: Frieder Bach/Detlev Müller: Zwei Takte und zwei Räder. DKW-Serienmotorräder von 1922 bis 1945. Mironde-Verlag 2022. Mit Ganzseitenfotos aller von DKW in Zschopau produzierten Serien-Motorräder auf höchstem Druckniveau. ISBN 978-3-96063-039-5
Die Schließung der Druckerei verweist uns, über das Schicksal der Belegschaft und die Probleme für die Verlage der Region hinaus, auf ein weiteres existenzielles Problem. Das Medium Buch ist für die Herstellung in hohen Stückzahlen und die große Verbreitung gedacht. Heute verzeichnet das Buch einen umfassenden Bedeutungsverlust. Seriöse Bücher sind, wie der Könnemann-Verlag vor einigen Jahren konstatierte, in Deutschland nicht mehr in relevanten Stückzahlen kostendeckend absetzbar.
Lewis Mumford verwies bereits 1964 darauf, dass die Funktionselite keine Bücher mehr liest, sondern nur noch Auszüge von Auszügen vorgelegt bekommt. Er nannte das seinerzeit »Automatisierung des Wissens«. Heute ist »Digitalisierung« eine Massenerscheinung. In der Folge sinkt das tatsächliche Bildungsniveau unablässig. Bereits heute vermögen selbst einige Wissenschaftler ein Buch wie »Vom Abfall zum Gartengold«, das 400 großformatige Seiten umfasst, nicht mehr in seiner Gänze zu lesen und zu erfassen. Lewis Mumford verwies 1964 darauf, dass man mit Suchsystemen nur das findet, was man sucht. Bei der Buchlektüre finde man dagegen, so Mumford, wichtige Erkenntnisse, nach denen man gar nicht suchte.

In Zwickau gedruckt: Johannes Eichenthal: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 2. Von Goethe bis Rathenau. Mironde-Verlag 2021. Das Buch wurde mit dem Blauen Engel ausgezeichnet, weil es ressourcenschonend, umweltfreundlich, emissionsarm, gesundheitlich unbedenklich auf 100 Prozent Recyclingpapier gedruckt wurde. ISBN 978-3-96063-026-5
Mit der Entwicklung »Künstlicher Intelligenz« entstand eine weitere Bedrohung für Bücher. In Antiquariaten und Bibliotheken werden zunehmend massenhaft Bücher aufgekauft, aufgeschnitten und gescannt, um die KI zu ertüchtigen. Anschließend werden die Bücher vernichtet.
Vor vielen Jahren sagte Klaus Walther bei Gelegenheit eines Vortrages in Weimar, wenige Wochen nach dem Brand in der Anna-Amalie-Bibliothek, dass Bücher bei Liebhabern und Sammlern am besten aufgehoben seien. Der Bewahrung und Überlieferung unseres Buchbestandes kommt heute eine ähnliche Rolle zu, wie sie die Klöster der Benediktiner und Zisterzienser zur Bewahrung antiken Wissens leisteten. Liebhaber und Sammler haben die Pflicht, diese Kultur gegen KI und Degeneration zu verteidigen.
Johannes Eichenthal
Wir danken der Zwickauer Antiquarin Gabriele Hertel, der Firma Förster & Borries, der Ratsschulbibliothek Zwickau und dem Stadtarchiv Zwickau für die Unterstützung bei der historischen Recherche.
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Mit Herrn Fuchs hatte ich auch noch zusammengearbeitet, Es ist alles der Wahnsinn, wie den Bach runter läuft….
LG
Jörn