Brigitte Reimann
Reportagen

BRIGITTE REIMANN ZUM 93.

Der 22. Juli war ein wechselhafter Sommertag. Hatte man sich an die Sommersonne gewöhnt, trieb der Wind bereits graue Wolken heran, und umgekehrt. Unsere Fahrt hatte Hoyerswerda zum Ziel. Die Stadtbibliothek »Brigitte Reimann« hatte bereits am 1. Juli eine Ausstellung zu Leben und Werk ihrer Namensgeberin, die von 1960 bis 1968 in Hoyerswerda lebte und arbeitete, eröffnet. In der Woche des Geburtstages Brigitte Reimanns, dem 21. Juli 1933, lud die Stadtbibliothek zu einer Reihe von Veranstaltungen ein, die der Namensgeberin gewidmet waren. Für den 22. Juli wurde zu einem Bildvortrag »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland« mit einem Schwerpunkt des Kapitels über Brigitte Reimann eingeladen. Diese Veranstaltung war unser Ziel. Beim Eintritt in die Stadtbibliothek »Brigitte Reimann« ist der Besucher von der Großzügigkeit der Räume angenehm überrascht. Man verspürt den Wunsch nach einem Buch zu suchen, um in Ruhe zu lesen. Doch schon begann unsere Veranstaltung.

Brigitte Reimann

Frau Maja Kos, die Leiterin der Stadtbibliothek begrüßte die Gäste und stellte den Referenten Dr. Andreas Eichler kurz vor.

Brigitte Reimann

Erinnerungstafel am ehemaligen Wohnhaus Brigitte Reimanns.. (Aus dem Reimann-Kapitel. Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Bd. 3)

Eichler versuchte einerseits die Namensgeberin der Bibliothek im Zusammenhang mit der langfristigen Sprach- und Literaturentwicklung zwischen Braunschweig und Görlitz darzustellen. Seine Ausgangsthese, wonach seit dem 10. Jahrhundert aus dem Kontakt zwischen althochdeutsch sprechenden ostfränkisch-deutschen Eroberern und slawischer Mehrheitsbevölkerung die mittelhochdeutsche Sprache entstand, war gerade in Hoyerswerda leicht nachvollziehbar. Hier sind die Ortsschilder zweisprachlich: Neben »Hoyerswerda« steht der sorbische Name »Wojerecy«. In anderen Teilen Mitteldeutschlands künden lediglich Flur- und Ortsnamen mit slawischer Herkunft, wie z.B. Chemnitz, Zwönitz und Würschnitz, von der einheimischen slawischen Bevölkerung und ihrem Einfluss auf die deutsche Sprachgeschichte. Auf der Neuenburg schrieb der Minnesänger Heinrich von Veldeke zwischen 1183 und 1188 dann den ersten Roman in mittelhochdeutscher Sprache. Hier trug er seine Geschichte in abendlicher Runde vor Landgraf Hermann I. und seinem Hof vor. In der Existenzkrise des ostfränkisch-deutschen Kaiserreiches  begann die mitteldeutsche Funktionselite vom Latein auf die deutsche Volkssprache zu wechseln. Mit der erneuerten Hochsprache entstand auch die mitteldeutsche Mentalität eines Mittelweges zwischen Bewahren und Erneuern (Kurt Arnold Findeisen). Die Minnesänger, so Eichler, übten eine Pionierrolle bei der Geburt der mitteldeutschen Mentalität aus. Eichler hob hervor, dass Brigitte Reimann genau in dieser Tradition stehe.

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Titel des Romans. (Aus dem Reimann-Kapitel. Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Bd. 3)

In der Folge versuchte Eichler darauf, Verständnis für die Hinwendung zum Originaltext »Franziska Linkerhand« zu wecken. Sein Credo: Allein um den Text gehe es bei der Beurteilung des Werkes einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers. Reimanns Anspruch, dass Frauen in der Öffentlichkeiten selbstverständlich Rechte in Anspruch nehmen können, die Männer damals besaßen, z.B. Rauchen und Genuss hochprozentigen Alkohols in der Öffentlichkeit, wird auch heute noch gern thematisiert. Auch ihre vier Ehen rechnet man ihr immer noch negativ an. Aber alle diese Äußerlichkeiten dürfen uns nicht daran hindern, so Eichler, Brigitte Reimann als eine der klügsten Frauen ihrer Zeit anzuerkennen, und »Franziska Linkerhand« als einen Generationen-Roman auf dem Niveau der Buddenbrooks zu begreifen. Der erste entscheidende Mentor Reimanns war, so Eichler, der Schriftsteller und Drehbuchautor Otto Bernhard Wendler, der ihr die Sprache des Gesamtkunstwerkes »Film« nahe brachte.  Der zweite entscheidende Mentor sei der Architekt und Kunstmäzen Hermann Henselmann gewesen. Die Bücher des New Yorker Architekten Lewis Mumford, die man in keiner Bibliothek ausleihen konnte, erhielt sie vermutlich von Henselmann. Von Mumford nahm sie dessen Kritik an der »bloß quantifizierenden Methode in Wissenschaft und Technik« auf. Reimann lässt den Bauleiter von Hoyerswerda, Horst Schafheutlin, die typische Aussage machen: »Der Aufbau der Stadt ist im wesentlichen nur noch ein organisatorischer Vorgang … Ich denke, die erarbeitete Lösung ist eine maximale Lösung«. Eine Korrektur der Zielstellung ist in dieser Denkweise nicht vorgesehen. Heute, so Eichler, stehe KI an der Stelle des Bauleiters. Die Planungssysteme setzen ihre Zielstellung automatisch um, seien aber auch nicht zur Korrektur der Zielstellung fähig. Eichler stellte Reimanns Kritik an diesem technologischen Paradigma in eine Reihe mit Ricarda Huchs Essay »Entpersönlichung« und Christa Wolfs Novelle »Kein Ort. Nirgends.« Allein Brigitte Reimann habe einen Roman zu dieser existenziellen Thematik verfasst, noch dazu einen herausragenden.

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Der Tagebau, in dem Gundermann als Baggerfahrer arbeitete, ist inzwischen geflutet.

Auch Gerhard Gundermann verbrachte einige Jahre in Hoyerswerda und seiner Umgebung. In seinen letzten Lebensjahren lebte er mit seiner Familie in der Gemeinde Spreetal und arbeitete im Tagebau Spreetal. Eichler hob hervor, dass sich Gundermann, wie Heiner Müller und Carlfriedrich Claus nach der Schule autodidaktisch bildete und auch in seiner künstlerischen Tätigkeit unabhängig war. Das hatte er mit jungen Rockbands gemeinsam, die am Ende der DDR auf jede berufliche Einordnungs- und Genehmigungsverfahren verzichteten und als eine Art Subkultur im kulturellen »Untergrund« auftraten. Der Kultursoziologe Peter Wicke dokumentierte das Wirken dieser Szene, die seinerzeit nur in Insiderkreisen bekannt war. Der Buschfunk-Musikverlag, der heute das musikalische Werk Gundermanns veröffentlicht, hat auch CDs der damaligen Szene-Bands, deren Namen heute weitgehend vergessen sind, im Angebot. Am Beispiel der Adaption des Neal-Young-Titels »Rockin in the free world« verwies Eichler auf die Doppelbegabung Gundermanns als Komponist und Textautor. Gundermanns Version dieses Lieds trägt den Titel »Alle oder keiner«. Das, so Eichler, ist das Thema des 21. Jahrhunderts: Es sind Lösungen notwendig, die es allen Menschen erlauben in ihrer Heimat ein menschenwürdiges Leben zu führen. Der Rockpoet Gerhard Gundermann hatte, wie Brigitte Reimann, die Aufgabe der Pionierrolle der einstigen Minnesänger aufgenommen. Beide Autoren regen uns zur sprachlichen Selbstbestimmung an.

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Das Publikum dankte dem Referenten, der seine Einführung sehr konzentriert in 60 Minuten vortrug, mit Applaus. Es schlossen sich etwa 30 Minuten reger Fragen an. Eine Besucherin wollte wissen, warum der Mironde-Verlag ein solches Projekt umgesetzt habe. Andere Besucher drückten ihr Erstaunen über die Zusammenhänge von Sprach- und Literaturgeschichte aus. Eine Besucherin kritisierte, dass im Brigitte-Reimann-Teil neben dem Porträt kein Foto von Hoyerswerda, gezeigt wurde, sondern ein Foto vom Standort des Geburtshauses in Burg und eines vom letzten Wohnhaus in Neubrandenburg, dem heutigen Literaturhaus. Langsam klang der Abend aus. Es war eine interessante Veranstaltung. Den Organisatoren und Besuchern ist zu danken

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Nahe der Stadtbibliothek findet man in Hoyerswerda das Zuse Computer Museum (ZCOM). Konrad Zuse (1910–1995) war der Erfinder und Erbauer des ersten automatisch funktionierenden Computers. Sein Vater war Postangestellter und wurde nach Hoyerswerda versetzt. Hier legte Zuse 1928 das Abitur ab.

Auf der Heimfahrt durch die Landschaft der Lausitz, der Wind hatte sich gelegt, allerorts zog Ruhe ein, erinnerten wir uns an die Aussagen Eichlers anlässlich des 25. Gründungsjubiläums: Der Mironde-Verlag ist ein unabhängiger, transdisziplinärer, innokonservativer Verlag. Zur Erläuterung fügte er damals an, dass die Reihe »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland« die historische Begründung des Verlagsprogrammes darstelle, als Ergänzung zu den Büchern Friedrich Naumanns über sächsische Bergbaukunst, den Büchern Frieder Bachs über den Kraftfahrzeugbau-Strukturwandel in der Region Chemnitz-Erzgebirge-Zwickau, den Büchern von Karin und Steffen Heinrich über die erfolgreiche Klärschlammveredlung mit Pyrolyse im Klärwerk des ZVF und den Büchern der TU Wien über die innovative Bautechnologie Building Smart. Es werde deutlich, dass die mitteldeutsche Mentalität über die Jahrhunderte einen Mittelweg zwischen Bewahren und Erneuern ermöglichte. Es könne weder eine reine Konservation noch eine reine Innovation geben, sondern nur eine Innokonservation. Auf diesem Weg seien in Mitteldeutschland herausragende Ergebnisse in Technik, Technologie, Medizin, Literatur, Theologie, Philosophie u.a. möglich geworden.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Stadtbibliothek Brigitte Reimann Hoyerswerda: https://bibliothek-hy.de

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

Nächster Termin der Literarischen Wanderung

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