Bertolt Brecht
Reportagen

BRECHTS 70. TODESTAG

Zunächst pachteten Bertolt Brecht und Helene Weigel ein Haus in Buckow. Später kauften sie es. Von 1952 bis zu seinem frühen Tod am 14. August 1956 verbrachte Brecht hier die Sommermonate. Die ländliche Umgebung wirkte seit jeher stimulierend auf seine Arbeitsfähigkeit. In Buckow konnte er viele wichtige Projekte zu Ende führen. Heute ist dieser interessante Ort für die Öffentlichkeit zugänglich. Anlässlich des 70. Todestages hatte das Brecht-Weigel-Haus für den 22. August zu einer Literarischen Wanderung durch Mitteldeutschland eingeladen. Ein besonderer Schwerpunkt des Text-Bild-Vortrages sollte das Schaffen Bertolt Brechts sein.

Bertolt Brecht

Der 22. August begann als regnerischer Sommertag, den jedoch die Sonne ab Mittag vollständig renovierte. Am Ufer des Scharmützelsees, an dem das Brecht-Weigel-Haus liegt, rauschte der Wind durch die hohen alten Bäume. Die Wasserfläche des Sees und das Spiel von Licht und Schatten verschmolzen hier miteinander. 

Bertolt Brecht

Juliane Grützmacher, die Leiterin des Brecht-Weigel-Hauses, begrüßte die Gäste und stellte den Referenten vor.

Bertolt Brecht

Karte mit Brecht-Weigel-Haus

Dr. Andreas Eichler begann mit seiner historischen Einführung in die Thematik. Bis ins 8. Jahrhundert wurde die Vielfalt der deutschen Dialekte nur mündlich überliefert. Karl der Große sprach Latein und ließ auch Lateinisch schreiben. Er fühlte sich als Römer und wollte das Römische Reich wieder errichten. Zu Missionierungszwecken ließ er jedoch das Althochdeutsche ertüchtigen. Das Sprichwort sagt: wenn das Germanische die Mutter der deutschen Sprache ist, dann ist Latein der Vater. Allerdings erstarrte das Althochdeutsch in dieser Ertüchtigung, so dass zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert kein Sprachkunstwerk in althochdeutscher Sprache entstand. Als die Nachfolger Karls im 10. Jahrhundert von Magdeburg aus bis zur Lausitz und das Erzgebirgsvorland vordrangen, kam die althochdeutsche Sprache mit dem Slawischen in Kontakt. Aus dieser Begegnung entstand zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in der Region Mitteldeutschland das Mittelhochdeutsch. Das geschah mitten in einer Existenzkrise des ostfränkisch-deutschen Kaiserreiches. Die Minnesänger waren die Pioniere in der Erfindung des Hochdeutschen. 

Bertolt Brecht

Eingang zum Brecht-Weigel-Haus

Weil wir uns als Menschen in Sprache konstituieren und Selbstbestimmung in Sprache begründet ist, so Eichler, besitzt die Aneignung des sprachlich-literarischen Erbes für unsere Bildung zur Humanität große Bedeutung. Aber wir können die Erbschaft nicht »original«, sondern nur in überlieferter Form aufnehmen. Deshalb gilt es den Überlieferungsprozess zu erfassen. Dieser verläuft nicht nach Lehrbuchgrundsätzen. Auf keinen Fall könne man dabei von einem geradlinigen, ausgewogenen, »gerechten« und konfliktfreien Prozess ausgehen. Der Prozess, so Eichler, sei auch nicht »abstrakt« oder »rein«, sondern nur über Personen begreifbar. Die vorgenommene Personenauswahl erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Mit der Auswahl von bekannten und weniger bekannten Menschen, Frauen und Männern habe er versucht die Vielfalt, Unvollständigkeit, Zufälligkeit und Gegensätzlichkeit des Überlieferungsprozesses fassbar zu machen. Die vorgenommene Auswahl solle zur selbstständigen Ergänzung anregen.

Bertolt Brecht

Gartenseite des Brecht-Weigel-Hauses

Im Kapitel über Brecht, das den Schwerpunkt der Veranstaltung bildete, konzentriert sich Eichler auf drei Schwerpunkte. Erstens: Brechts Studium in München und sein Anspruch auf die Revolution des Theaters zum »epischen« oder »nichtaristotelischen« Theater. Zweitens seine Reaktion auf den, auch für ihn überraschenden, Ausgang der Reichstagswahl von September 1930. Wie Georg Lukács erstrebte Brecht ein breites demokratisches Bündnis mit dem Bürgertum. Anders als Lukács, der zu diesem Zweck unter dem Namen »Realismus« einen Kanon mit der Stufenfolge Lessing, Goethe, Schiller, Heine, Fontane, Thomas Mann entwickelte, bestand Brecht auf der Einbeziehung des ganzen Menschheitserbes zur Bildung der Humanität. Brecht nannte ausdrücklich die bürgerliche Vorklassik, lateinisch und chinesische Mystik,  und die Gegenwartsschriftsteller Kafka, Proust und Joyce. Drittens: Brechts Projekt »Schweyk im Zweiten Weltkrieg«. In diesem Punkt erwähnte Eichler zunächst dass Brecht seit 1926/27 mehrfach Jaroslav Hašeks unvollendeten Roman »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« zur Kenntnis nahm und ihn immer begeisterter las. Brecht beteiligte sich in den 1920/30er Jahren an Theaterinszenierungen und Verfilmungsprojekten Erwin Piscators. 1943 war Brecht beim Schwejk-Opernprojekt Kurt Weills in New York dabei und arbeitete gleichzeitig an einem eigenen Projekt Erwin Piscators mit. Danach entstand der Entwurf eines eigenen Theaterstückes, an dem er beständig arbeitete, auch hier in Buckow. Eine Aufführung sagte Brecht immer wieder ab, weil er das Stück noch für unvollendet hielt. Mitte Juni 1956 übergab Hanns Eisler die 1943 begonnene Partitur. Doch am 14. August 1956 hörte Brecht für immer auf am Text zu arbeiten …

Bertolt Brecht

Suhrkamp-Verlag Frankfurt Main 1959. Umschlaggestaltung Peter Zollna

So kam es, dass die Erstaufführung des »Schweyk im zweiten Weltkrieg« am 17. Januar 1957 in Warschau unter der Regie von Andrzej Wirth stattfand. Die deutsche Erstaufführung folgte am 1. März 1958 in Erfurt unter der Regie von Eugen Schaub. Diese Aufführung wurde auch in Berlin gezeigt und vom DDR-Fernsehen aufgezeichnet. Hanns Eisler sagte gegenüber der »Frankfurter Rundschau«, dass  Brecht nicht die Absicht hatte ein Gesamtbild des Zweiten Weltkriegs zu zeigen, sondern er stellte eine Art Eulenspiegel-Widerstand dar, der die Obrigkeit dadurch entwaffnet, dass er deren Gedanken bis zum absurden Ende weiterdenkt.

Bertolt Brecht

Was bleibt?

In der heutigen Zeit muss man fragen, ob Brechts-Texte uns noch etwas zu sagen haben. Einerseits wirkte Brecht als Anreger in der Theaterzunft weiter. Heiner Müllers Werk ist ohne Brecht nicht denkbar. In Müllers »Germania 3« wird der Einfluss bis in die Themenstellung hinein sichtbar. Andererseits überschritt Brecht mit dem »Schweyk« wieder eine Grenze zum »aristotelischen Theater«, die er in der Jugend selbst erst gezogen hatte. Mit der Hinwendung zu Jaroslav Hašeks unvollendetem Roman verweist Brecht aber auch darauf, dass es sich um einen der wichtigsten europäischen Romane des 20. Jahrhunderts handelt. Konkret thematisiert Brecht Schweyks Streben nach Weisheit. Damit wird deutlich, dass Bertolt Brecht nicht nur ein großer Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur, sondern auch ein großer Philosoph jenseits der akademischen Intellektualphilosophie war. Vielleicht wird dieser Aspekt für die Brecht-Rezeption im 21. Jahrhundert sogar einst der wichtigste werden? Den Organisatoren und dem Publikum ist zu danken. Es war eine anregende Veranstaltung zu Brechts 70. Todestag.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

Brecht-Weigel-Haus Buckow: https://www.brechtweigelhaus.de

Die Veranstaltung ist gefördert durch den Brandenburgischen Literaturrat aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Berichterstattung in der Regionalpresse; Fotos von Andreas Prinz

https://mol-nachrichten.de/aktuell-detail.php?id=7110
https://www.strausberg-live.de/fotogalerie.php?id=109050
https://brechtweigelhaus.de/rueckblick-detail.php?id=109050

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

One thought on “BRECHTS 70. TODESTAG”

  1. B u c k o w e r Elegien

    Mein lieber E i c h e n t h a l,

    besonderen Dank für die Reportage B u c k o w.

    Das Sommerhaus von Helene Weigel und Bert Brecht war mir literarischer Sehnsuchtsort, seit ich Ende der 1970er Jahre den Band VII der Gedichte von Bertolt Brecht im Plauener Buch & Kunst erstehen konnte. Der schmale Band enthielt die Gedichte für die Jahre 1948 – 1956 und war 1969 in erster Auflage im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar verlegt worden. Der Titel stand wohl schon seit Jahren im Regal, ohne dass sich irgendein Werktätiger dafür erwärmen hätte können. Beim interessierten Blick hinter den Schutzumschlag fand ich dann ein sehr feines, leuchtend rotes Leinen und das eingeprägte goldene b in eleganter lateinischer Schreibschrift. Das Impressum verriet mir zudem, dass die prominenten Brüder Heartfield – Herzfelde die Ausstattung, Brechts Geliebte Elisabeth Hauptmann die Redaktion und der »Sachsendruck Plauen« die Herstellung besorgt hatten. Hervorragende Voraussetzungen für eine Lektüre! Allerdings denke ich, dass mich der Gattungsbegriff E l e g i e vor allem angesprochen hat. Denn der schmale Band sollte unübliche 9,90 kosten und eine Währung wurde dabei nicht genannt. Aber, ich war in jener Zeit heftig am Gedichte machen und habe den Band schließlich vom Wehrsold, vom Transportarbeiterlohn oder vom schmalen Stipendium bezahlt. Auf der Fahrt Nachhause, die Straßenbahn hielt ganz bequem zwischen B & K und dem großen ehemaligen UFA-Uraufführungskino C a p i t o l, wurde mir dann langsam klar, was ich da in Händen hielt: s c h i e r e Subversion. Auf Seite 9 fand sich, 1969 wohl erstmals in der DDR gedruckt, der Text:

    »DIE LÖSUNG

    Nach dem Aufstand des 17. Juni
    Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
    In der Stalinallee Flugblätter verteilen
    Auf denen zu lesen war, dass das Volk
    Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
    Und es nur durch verdoppelte Arbeit
    Zurückerobert werden könne. Wäre es da
    Nicht doch einfacher, die Regierung
    Löste das Volk auf und
    Wählte ein anderes?«

    Und beim Blättern, die Bahn brauchte lange genug für einen raschen Überblick, fand ich schnell weitere Schlüsseltexte, wie etwa:

    »DIE MUSEN

    Wenn der Eiserne sie prügelt
    Singen die Musen lauter.
    Aus gebläuten Augen
    Himmeln sie ihn hündisch an.
    Der Hintern zuckt vor Schmerz
    Die Scham vor Begierde.«

    Nun, meinen Buckow-Fund hätte ich nur zu gerne in einem Staatsbürgerkundeseminar mitgeteilt. Aber, was man dem toten großen Brecht aus Werk- & Urheberrechtsfragen gerade so durchgehen lassen musste (© beim Suhrkamp Verlag & Stefan S. Brecht), hätte für mich erhebliche Konsequenzen gehabt und das Fass wohl zum Überlaufen gebracht. Etwas später habe ich mir dann diese großformatige Brecht-Mappe (Henschelverlag, Berlin 1978) gekauft. Die enthielt auch die schöne Reproduktion eines chinesischen Rollbilds aus dem Besitz des Dichters. Jenes Rollbild, das Brecht 1937 zum bekannten Gedicht der „Zweifler“ inspiriert hatte:

    »Immer wenn uns
    Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
    Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
    Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiel und
    Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
    So sehr zweifelte.

    […]

    Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
    Blauen Mann auf der Leinwand sahen uns an und
    Begannen von vorne.«

    Ich habe das Blatt aus der »Henschel-Mappe« dann gespalten. Sprich, den Text vom Rollbild getrennt und beide mit Schlaufen aus einem braunrotem Bouclégarn versehen. So hingen all die Jahre Bild und Text bei mir. Inzwischen hat die Patina der Jahrzehnte aus der Reproduktion fast ein Original werden lassen. Etwa so, wie die Zeit jede auch noch so fest geglaubte Wahrheit in Zweifel zieht und perforiert.

    Es grüßt Dich herzlich

    Detlef Manfred Müller

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