Der 30. Oktober begann mit aus den Wiesen steigenden Nebeln. Gegen Mittag gelang es der Sonne für kurze Zeit Klarheit zu schaffen, ehe der Tag wieder im Dunst versank. An diesem Abend hatten der Kunstverein Zwickau e.V. und das Dresdner Institut für Kulturstudien e.V. zu einer Ausstellungseröffnung in das »metaWerk«, einer ehemaligen Baumwollspinnerei, eingeladen. Der Ausstellungstitel lautete: »Mythos Erzgebirge. Kunst und Eigensinn einer Region«. Freundliche Damen begrüßten uns am Empfang. Vor uns waren schon viele Menschen gekommen und nach uns folgten weitere Scharen. Doch es wurden dem Anschein nach alle verfügbaren Stühle aktiviert, so dass trotz des großen Andrangs alle Gäste einen Platz fanden.

Die Feuerwehrkapelle Mülsen St. Micheln schuf mit einer zünftigen Version des Schneeschuhfahrermarsches von Anton Günther die richtige Stimmung: »Wenn’s draußen wieder schneit,/ do habn mer onner Freid./ ’s fängt überol ze wabeln a,/ is draußen gute Schneehschuhbah./ On liegt of onnrer Höh/ es erschte Fünkele Schnee,/ do schnalln mer onnre Schneeschuh na/ on fahrn derva!/ Denn su frisch un frei,/ wie mir Arzgebirger sei,/ wir halten aus in Stormgebraus, öbs wattert, störmt un schneit.«

Barbara Klepsch, die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, begrüßte die Gäste in Vertretung des Schirmherren, des Sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretzschmer. Sie betonte, dass die Ausstellung Kunstwerke verschiedener Künstler ohne jede Voreingenommenheit zeigen werde.

Auch Constance Arndt, die Oberbürgermeisterin der Stadt Zwickau, begrüßte die Gäste. Patricia Werner, Geschäftsführerin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, die im Verbund mit der Sparkasse Zwickau als Hauptsponsor fungiert, schloss den Reigen der Grußworte ab.

Dieter Hoefer und Dr. Paul Kaiser, die Kuratoren der Ausstellung, befragten im Anschluss Wolfgang Schinko, den 1. Vorsitzenden des Kunstvereins Zwickau e.V., Cornelius J. Fetsch, Vorstand des Dresdner Institutes für Kulturstudien und Michael Müller, Vorstand metaWerk AG, nach dem Projekt. Wolfgang Schinko hob hervor, dass mehr als 50 Mitglieder seines Vereins in ehrenamtlicher Arbeit die Ausstellung betreuen werden. Cornelius J. Fensch warf ein, dass man vor Jahren bereits konstatierte, dass die staatliche Unterstützung von Kunst und Kultur immer weiter zurückgehe. Deshalb habe man nach Wegen gesucht, um auf neuartige Weise Kräfte für Kunst und Kultur zu bündeln. Michael Müller ergänzte, dass die kostenfreie Bereitstellung der Räumlichkeiten zu seinem Geschäftskonzept gehört.

Zwischen den einzelnen Beiträgen intonierte Frieder Schmidt Melodien von Anton Günther auf dem Akkordeon.

Dieter Hoefer versuchte im Anschluss das Ausstellungskonzept historisch zu begründen. Dazu ging er auf eine Erzgebirgs-Kunstausstellung zurück, die 1946 in Freiberg stattfand. Die Ausstellung sei von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands organisiert worden. Das Aufnahmekriterium »Erzgebirge« wurde relativ locker gesehen, es reichte ein »Erzgebirgsbezug«. Aber es wurde eine demokratische Gesinnung der Künstler gefordert. Zweck der Ausstellung war dem Anschein nach eine Bestandsaufnahme für die demokratische Erneuerung Deutschlands. Hoefer zitierte eine Einschätzung, dass das Ausstellungsformat später durch »Leistungsschauen« abgelöst werden sollte. Dies geschah dann auch ab 1954 mit den Kunstausstellungen der Bezirke Dresden und Karl Marx-Stadt. Danach trat die Sinnstiftung »Erzgebirge« für Malerei und Plastik für viele Jahrzehnte nicht mehr als Ausstellungsrahmen in Erscheinung.

Dr. Paul Kaiser versuchte im Anschluss zu begründen, warum die Projektionsfläche »Erzgebirge« heute wieder eine Bedeutung hat, und warum die Ausstellung Künstler vereint, die von 1946 bis heute wirken. Er betonte zunächst, dass »Erzgebirge« hier als ein kultureller, weniger als ein politischer oder geologischer Raum verstanden werde. Dann führte er das weit verbreitete Urteil an: »Alles kommt vom Bergwerk her«, erweiterte diese These aber durch Hinweise auf die Sujets »Wald« und »Holz«. Danach ging er auf die Kriterien der Ausstellung ein: Herkunft aus einem Ort des Erzgebirges, Lebensphasen im Erzgebirge und künstlerischer Bezug zum Erzgebirge. Die kunsthistorische Besonderheit der Bildenden Kunst im Erzgebirgsraum, den Eigensinn, begründete er wie folgt: »Insgesamt tritt im Erzgebirge in den letzten 100 Jahren ein Phänomen hervor, dass man als ‹Kontinuum des Eigensinn› bezeichnen kann. Gerade hier, abseits vom Regelwerk der Akademien, fern ab von Moden und den Instanzen des Kunstbetriebes, trifft der unverstellte Blick auf ein künstlerisches Eigenleben seltenster Art, dass in dieser Ausstellung zum ersten Mal überhaupt in den Gesamtzusammenhang einer originären Kunstlandschaft gestellt wird.« Die eigene Bildsprache ist es also, die die Besonderheit, den Eigensinn der Kunst in der Region Erzgebirge ausmacht. Wenn die Kultur bedroht ist, schrieb Herder einst, dann zieht sie sich ins Gebirge zurück.

Lutz Voigtmann: Pumpspeicherwerk Markersbach, 1976

Manfred Riedl: Blick ins westliche Erzgebirge, 1967

Peter Schettler: Landschaft mit rotbrauner Sonne, 1984

Ausstellungsplakat, 1958

Skulptur von Hans Brockhage

Peter Schettler: Gebirgslandschaft mit Fichte, 1999
Kommentar
Nach einigen Ausstellungen die der Kunstverein Zwickau e.V. und das Dresdner Institut für Kulturstudien e.V. gemeinsam organisierten, markiert »Mythos Erzgebirge« dem Anschein nach eine Zäsur. Erstmals wird wieder eine historische Kontinuität in den Blick genommen, die hinter die DDR zurückgeht, diese aber nicht ausschließt, sondern einbindet. Mit der Ausstellung wird dem Besucher die Überlieferung in Malerei, Grafik und Plastik in einer Breite zugänglich gemacht, wie sie so noch nie zu sehen war.

Johanna Schmidt: Hochwaldschneise, um 1920
Vielleicht sind uns vier Anmerkungen gestattet?
1. Wenn man den Zusammenhang von Kunst und Eigensinn thematisiert, dann kommt man um die Klärung des Verhältnisses von Sprache und Bildsprache nicht umhin. Obwohl wir bezeichnende Lautsprache, Schriftsprache, Bild- und Zeichensprache sowie Gestensprache unterscheiden, gibt es einen inneren Zusammenhang. Johann Gottfried Herder war es, der in seinem, von der Berliner Akademie der Wissenschaften preisgekrönten Essay über den Sprachursprung von 1770 klarstellte, dass wir nicht in Denken oder Denk-Bewusstsein zu Menschen werden, sondern in bezeichnender Sprache. Der Hinweis von Kaiser auf die Besonderheit der Bildsprache in der Erzgebirgskunst ist daher von zentraler Bedeutung. Nicht zufällig lebt der Erzgebirgsdialekt auch heute noch.

Alfred Hofmann-Stollberg: Blick zum Geising, um 1950
2. Der DKW-Gründer Jörge Skafte Rasmussen konnte sich auf die Handwerkskunst seiner erzgebirgischen Belegschaft stützten, als das Zschopauer DKW-Werk nach der Aufnahme der Motorrad-Serienproduktion im Jahre 1922 binnen sechs Jahren zum größten und bedeutendsten Motorradwerk der Welt aufstieg. Eine vergleichbare Rolle spielte das Kunsthandwerk vielleicht in der Kunst. Mit der erzgebirgischen Textilindustrie war ein System der Gewerbschulen verbunden, die seit dem 19. Jahrhundert Kunsthandwerk auf höchstem Niveau vermittelten. Selbst Alfred Hofmann-Stollberg erhielt bei seinem Studium am Königlich-Sächsischen Lehrerseminar in Schneeberg eine Ausbildung im Zeichnen, die ihn für das akademische Studium vorbereitete (vgl. Alexander Stolls Beitrag im Katalog).

Carl-Heinz Westenburger: Haus am Bärenstein, 1956
3. Paul Kaiser ergänzte seinen Ansatz durch den Hinweis, dass sich Künstler immer mit »prekären Verhältnissen« auseinandersetzten. Walther Rathenau begründete im Jahre 1916 in seinem philosophischen Hauptwerk »Von kommenden Dingen«, dass sich die große Industrie mit »Vernunft« verbunden habe und das ganze menschliche Leben mit der Forderung nach »Effizienz« durchdringe. Einerseits, so Rathenau, sei das mit der wachsenden Weltbevölkerung zu einer Notwendigkeit geworden. Andererseits versklave diese Effizienzforderung die Menschen, wenn sie keine geistig-seelische Gegenkraft entwickelten. Auch die Bildsprache in der Bildenden Kunst entspringt der seelischen Kraft der Künstler in Auseinandersetzung mit Effizienzdruck und Vereinheitlichung.

Hans Weiß-Aue: Frauen mit Handwagen, 1950er/60er Jahre
4. Die Verleihung des Welterbe-Titels an die »Montanregion Erzgebirge/Krušnohorí« im Jahre 2019 hat zwar eher die technisch-technologische Entwicklung im Blick, geht tatsächlich aber weit darüber hinaus: Erstmals wird die böhmische und die sächsische Seite des Erzgebirges wieder als historisch gewachsene Kulturlandschaft anerkannt (Michael Schuster). Erst durch den Blick nach Böhmen können wir die Region Erzgebirge in ihrer vollen Größe erfassen. Wäre das nicht eine weitere Ausstellung wert?

Axel Wunsch: Gehöft in Dittersbach, 1975
Die Ausstellung, die ohne staatliche Förderung zustande kam, ist ohne Zweifel ein Ereignis. Allen Aktiven ist für Ihr Engagement zu danken.
Johannes Eichenthal
Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.
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Information
Ausstellung »Mythos Erzgebirge. Kunst und Eigensinn einer Region«
Historische Baumwollspinnerei, Pölbitzer Straße 9. Zwickau
Öffnungszeiten
Die Ausstellung ist bis zum 27. Mai 2026 geöffnet
Mi.–Fr. 10–17 Uhr, Sa./So. 10–18 Uhr
Zu allen Feiertagen während der Laufzeit geöffnet, auch Oster- und Pfingstmontag
Katalog
Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen. (Broschur, 240 Seiten, 206 Abbildungen.)
Der Katalog enthält u.a. Aufsätze von Paul Kaiser, Dieter Hoefer, Hans-Peter Lühr, Alexander Stoll, Claudia Petzold, Christian Siegel und Wolfgang Schinko.
Katalog Verkaufspreis in der Ausstellung 20,00 Euro, im Buchhandel 28,00 Euro.
ISBN 978-3-00-088992-9



Ich fände darüber hinaus auch den Sport erwähnenswert – von erzgeb. Olympiasiegern bis hin zum Stonemann Miriquidi, der Böhmen mit dem Erzgebirge verbindet.