Literaturhaus Magdeburg
Reportagen

ZWEI GROSSE MAGDEBURGERINNEN

Das Literaturhaus Magdeburg, die Pirckheimer-Gesellschaft Magdeburg und der Mironde-Verlag hatten am 22. Oktober 2026 zu einem Text- und Bildvortrag in das Literaturhaus Magdeburg eingeladen. Der Mironde-Verlag wollte sein Projekt »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn« vorstellen. Der 22. Oktober war ein sonniger Herbsttag. Der Wind jagte die weißen Wolken über den blauen Himmel. Der Autobahnverkehr lief entspannt. Pünktlich parkten wir vor dem Literaturhaus, das sich im südlichen Teil Magdeburgs, der einst von beeindruckenden Industriebetrieben geprägt wurde, befindet. Die meisten Gäste waren schon da. Auf der Videowand sah man bereits das Startbild des Vortrages.

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Und schon ging es los. Sigrid Wege, die Vorsitzende der Magdeburger Pirckheimer, begrüßte voller Freude die Zuhörer und den Mironde-Verlag zu dieser Veranstaltung.

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Nach der Beschreibung seines Ausgangspunktes, der Struktur und dem Hauptinhalt der Reihe »Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland« widmete sich Eichler zunächst Mechtild von Magdeburg. Er hob hervor, dass weder das genaue Geburtsdatum, noch der Geburtsort und die Umstände ihrer Bildung bekannt sind. Der Text »Das fließende Licht der Gottheit«, den sie in Niedermitteldeutsch verfasste, sei von ihrem Diakon Heinrich von Halle vom Dominikanerorden, in Latein übersetzt worden. Bei der Abschrift des lateinischen Textes im Hallenser Dominikanerorden seien Veränderungen des Textes vorgenommen, die Kapitelaufteilung wurden jedoch erhalten. Dem Anschein nach sei auch der niedermitteldeutsche Text abgeschrieben worden. Eichler vermutete, dass Eckhart von Hochheim auf Tambach Mechthilds Texte um 1280 im Erfurter Prediger-Kloster vorliegen hatte. Eckhart, der auch die Gedanken der französischen Begine Marguerite Porete, die 1310 in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, in seine Philosophie aufnahm, habe vermutlich auch den Ansatz Mechthilds aufgenommen.

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Dem Anschein nach lernte Mechthild von ihrem Diakon aus der Meditationspraxis des Ordens. So konnte sie ihre früheren spirituellen Erfahrungen in neuem Licht sehen. Eichler verwies auf einige Textstellen, die dies belegen. Bei der Weitergabe des Textes spielte, so vermutet Eichler, Meister Eckart vielleicht auch eine Rolle. Heinrich von Nördlingen holte 1345 den niedermittelhochdeutschen Text Mechthilds nach Basel, um eine Abschrift in Oberdeutsch anzufertigen. (Die einzige heute noch vollständige erhaltene Abschrift.) Nördling war im Kontakt mit Johannes Tauler und Heinrich Seuse. Diese gelten als Schüler Meister Eckharts. Der Grundsatz Eckharts: man kommt nicht mit äußerer Armut, Leiden oder körperlichen Kasteiungen zu Gott, sondern allein auf dem Weg der Meditation, stimmte mit dem Mechthilds überein.

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Einen zweiten Schwerpunkt bildete eine weitere große Magdeburgerin: Christa Johannsen. Eichler verwies darauf, dass Johannsen als Journalistin und Schriftstellerin zahlreiche Texte und auch Bücher verfasst habe. Aus der Fülle des Werkes rage doch eine Lebensgeschichte des großen Gelehrten, Wissenschaftsorganisators und Diplomaten Gottfried Wilhelm Leibniz heraus. 1966 veröffentlichte Johannsen das 600 Seiten-Buch mit dem Titel«Leibniz. Roman seines Lebens« im Berliner Union-Verlag. Bis 1976 waren sechs Auflagen verkauft. 1974 erhielt sie den Lion-Feuchtwanger-Preis der Akademie der Künste. 

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Das Buch sei formal ein Lebensrückblick Leibnizens in der Stunde seines Todes am 14. November 1716 in Hannover. Mit einer Mischung aus nüchterner Analyse, umfangreicher philosophiegeschichtlicher Kenntnisse, Surrealismus und Erfindung gelinge es Johannsen dem Leser eine Ahnung von dem zu vermitteln, was Leibniz geleistet habe, was ihm nicht gelungen sei und was er erhofft habe. Der Stil Johannsens erzeuge eine Atmosphäre, die beim Leser zeitweise das Gefühl erwecke, er sei dabei gewesen. Johannsen gelinge ein lebendiges Bild des Menschen und überkonfessionellen Christen Leibniz. Dessen Vermittlungstätigkeit zur Wiedervereinigung der christlichen Konfessionen in den Verhandlungen von Loccum, sollten die Wiederholung eines europäische Krieges auf deutschem Boden verhindern. Interessant war die Bemerkungen Eichlers über das Weiterwirken Leibnizens. So bezeichnete er im Buch den Wissenschaftler, Künstler, AEG-Manager, Diplomaten und Philosophen Walther Rathenau als den Leibniz des 20. Jahrhunderts.

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Am Ende fasste Eichler zusammen, dass Mitteldeutschland eine der interessantesten und innovativsten Regionen Europas ist. Auch heute sei hier das Zentrum der deutschen Sprachentwicklung und Intellektualität zu finden. In Mitteldeutschland sind Voraussetzungen erhalten, die 800 Jahre zurückreichen. Das Bewahren der Voraussetzung und die Erneuerungsfähigkeit waren hier immer untrennbar verbunden. Deshalb sei Mitteldeutschland auch kein wirtschaftliches Anhängsel der deutschen Einheit, sondern eine Region innovativer, technischer, technologischer, wissenschaftlicher, künstlerischer und geistiger Entwicklung. Die deutsche Einheit hat weltweite Chancen für Mitteldeutschland als Teil Mitteleuropas eröffnet. Die ausgewählten Personen zeigen, so Eichler, dass eine vielseitige Bildung eine Voraussetzung für Spitzenleistungen ist.

Zwei große Magdeburgerinnen wurden mit dieser Veranstaltung wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Den Organisatoren und den Gästen ist für ihr Engagement zu danken.

Johannes Eichenthal

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa – ist ein Feuilleton des Mironde Verlags (www.mironde.com) und des Freundeskreises Gert Hofmann.

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Information

https://www.literaturhaus-magdeburg.de

https://pirckheimer-gesellschaft.org/blog

Literarische Wanderung

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland. Sprache und Eigensinn 3. Von Thomas Mann bis Gundermann: https://buchversand.mironde.com/p/andreas-eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-t-3-von-thomas-mann-bis-gundermann

Andreas Eichler: Literarische Wanderung durch Mitteldeutschland: Teil 1 bis 3: https://buchversand.mironde.com/p/eichler-literarische-wanderung-durch-mitteldeutschland-teil-1-3

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