Reportagen

Schubert und Goethe

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Am 25. April begrüßte Siegfried Arlt, der Vorsitzende der Chemnitzer Goethe-Gesellschaft, im Konferenzsaal der Chemnitzer Seniorenresidenz SenVital Andreas Eichler zu einem Vortrag über Leben und Werk des »unbekannten Gotthilf Heinrich Schubert«.

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Rechts das Geburtshaus Schuberts in Hohenstein-Ernstthal, das ehemalige Pfarrhaus

Eichler, ein promovierter Philosoph, machte darauf aufmerksam, dass der Vortrag am Vorabend des 233. Geburtstages Schuberts stattfände. Der am 26. April 1780 im Pfarrhaus der St.-Christopherus-Kirche in Hohenstein geborene Schubert habe zunächst im Familienkreis Schulbildung erworben. Auch das Gymnasiums in Lichtenstein, das er anschließend besuchte, sei von einem Schwager geleitet worden. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Greiz habe Schubert beim Vater einen eigenständigen Wechsel zum Weimarer Gymnasium erwirkt. Der Altertums-Unterricht bei Gymnasiums-Direktor Karl August Böttiger habe den jungen Schubert begeistert. Noch mehr beeindruckte ihn aber der Oberaufseher des Gymnasiums, Johann Gottfried Herder, der auch die Abschlussarbeiten der ältesten Gymnasiasten persönlich bewertete.

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Schubert Büste vor der St.-Christopherus-Kirche in Hohenstein-Ernstthal, rechts das alte Pfarrhaus

Um einen Eindruck von der Atmosphäre zu vermitteln, zitierte Eichler ausführlich Schuberts Lebenserinnerungen aus der Weimarer Zeit. Er setzte bei Schuberts Begründung für die Wahl des Themas der Abschlussarbeit ein: »Ich fasste, um den freilich nicht eben gründlich durchgeführten Grundgedanken nur kurz anzudeuten, die lebende Natur als ein so in sich verbundenes Ganzes auf, wie der lebende Menschenleib es ist.« Schubert formulierte seine Grundgedanken aus und gab die Arbeit fristgemäß ab. Dann wurde es ernst. »Die Tage der öffentlichen Schulprüfungen waren gekommen, und es war alles nach Wunsch vorüber gegangen; jetzt kam auch der letzte, der für die fleißigeren, ernsteren Schüler alle, auch für mich ganz besonders, ein Tag der Erwartungen war. Wir standen in dem großen Prüfungssaale, hinter den Schranken beisammen, ein Diener legte auf den Tisch jenseits der Schranken das Gehäuse unserer schriftlichen Arbeiten. Der Mann trat ein, den ich nie ohne tiefe Ehrfurcht ansehen konnte; er setzte sich auf seinen Richterstuhl. Es war Herders Weise, immer zuerst in einigen tief eindringenden ernsten Worten uns daran zu erinnern, warum wir jetzt hier seien, und an das uns zu mahnen, was wir sollten, und was er in Absicht auf uns und unsere ganze Schule von uns wolle.«

Eine Arbeit nach der anderen gab Herder an die Schüler zurück. Die besten Texte wurden zuerst mit einem Kommentar bedacht. Die schlechteren übergab er schweigend. Der junge Schubert wartete vergeblich, schon rutschte ihm das Herz in die Hose. Doch da griff Herder zu einem Papierbündel, das er zur Seite gelegt hatte: »›Schubert, wo ist er? Er trete hervor … In Ihrer Arbeit›, so ungefähr sagte er, ‹finde ich mehr als in den anderen, eigene Gedanken und dabei einen rühmlichen Fleiß. Gehen Sie weiter auf diesem Wege. Ein redliches Forschen bleibt niemals ohne seinen Lohn, auch Sie werden zu einem guten Ziele kommen.›«

Herder hob eigene Gedanken und Fleiß als die beiden herausragende Merkmale einer Abschlussarbeit am Gymnasium hervor.

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Der Herder-Brunnen vor dem Weimarer Gymnasium

In Schuberts Erinnerungen folgt auf diese Episode der Zusatz, dass er sich während des Sommers mit Emil Herder angefreundet hatte. Beide wanderten gemeinsam nach Hohenstein. Emil wollte seinen älteren Bruder Siegmund August Wolfgang Herder besuchen, der bei Abraham Gottlob Werner in Freiberg studierte.

Auch in Weimar besuchte Schubert oft seinen Freund Emil Herder und wurde mit dem Kreis der Familie bekannt. Wenn berühmte Gäste aus Weimar bei Herders einkehrten oder gar weitgereiste Freunde, dann wurde auch der junge Schubert eingeladen. So lernte er als Jugendlicher die großen Geister seiner Zeit im Gespräch kennen. Die Hochschätzung Herders stieg dabei gewaltig. In Schuberts Lebenserinnerungen heißt es: »An demselben Tage, an welchem er [Herder] sich für die Annahme einer Professur der Theologie in Göttingen erklären sollte, erhielt er den Ruf als Hofprediger, Generalsuperintendent und Oberkonsistorialrat nach Weimar. Er folgte diesem und wählte hiermit den Weg seiner eigentlichen Berufung: ein Leuchtturm von geistiger Art zu werden, dessen Stätte nicht das Innere des Landes, sondern der felsige Strand ist, wo seiner die Kämpfer mit den Gefahren des Meeres bedürfen. Herder sollte die Aufgabe seines Lebens, ein Wiedererwecker der Ehrfurcht zu werden vor Dem, was heilig und göttlich ist, in jenem Kreise zu erfüllen, der den Gefahren des vernichtenden Zeitgeistes am meisten ausgesetzt war: in dem Kreise der Hochgestellten an vielseitiger Bildung und äußerer Ehre. Er sollte nicht nur den Theologen ein Vorbild der würdigen Führung ihres Amtes und des ernsten, treuen Bekenntnisses zu dem werden, was diesem Amt seine Kraft und Würde gibt, sondern als ein geistiger Oberpriester seines Volkes, ja seiner Zeit, in alle für diese Weihe empfängliche Geister jene Dreiheit der Anregung ausgießen, welche sein gewöhnlicher Wahlspruch in die Worte: Licht, Liebe, Leben zusammenfasste. […] Adel des Geistes war in Herders ganzem Wesen in einem augenfälligem Maße ausgeprägt, wie ich es bei keinem anderen Menschen gesehen. Es war nicht allein die gewalttätige Naturkraft eines Herrschers, wie sie an Goethe sich aussprach, sondern es war die stille Größe und Würde eines geistigen Fürsten, der, was er ist, von Gottes Gnaden geworden. […] der Unterschied der Konfessionen setzte seiner Beachtung dessen, was Gottes Werk an den Menschenseelen ist, keine Schranken; er bewunderte den Franz von Assisi nicht minder als einen der Glaubenshelden aus den Zeiten der Reformation. Wenn wir am Sonntag Nachmittag noch bei ihm zu Tische saßen, und die Gemeinde in der benachbarten Kirche stimmte eines jener alten Lieder an, welche zu den vorzüglichsten Schätzen unseres Glaubensbekenntnisses gehörten, da winkte er uns zu schweigen, hörte mit tiefer Rührung, ja zuweilen mit Tränen in den Augen, den Tönen zu und sprach mit ernstem Tone die Worte des Inhalts einzelner Strophen nach.

Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein geistiges Element, das in seiner höheren Weise von gleicher, leichter Entzündbarkeit war, wie der Phosphor unter den irdischen Elementen. Irgend ein Gegenstand im gewöhnlichen Gespräch, der Name eines Mannes, wie Amos Comenius oder wie Dante, wie Jacob Balde, wie Sebastian Bach, weckte in ihm eine Begeisterung auf, die sich durch Wort und Mienen uns allen mitteilte.

Die ebenbürtige, würdige Genossin des Lebens und der Liebe eines solchen Mannes, Maria Karolina, eine geborene Flachsland aus Darmstadt, war uns jüngeren Genossen ihres gastlichen Tisches eine gemeinsame teure Mutter. Ihrer Vorsorge vornähmlich verdanke ich es, dass ich nicht bloß an den Sonntagen, sondern bei all’ solchen Gelegenheiten eingeladen wurde, bei welchen irgend ein seltener Gast besondere Belehrung und geistige Nahrung im Gespräch mit Herder nicht sowohl austeilte, als empfing.«

Eichler fügte an, dass Schubert in seinen Erinnerungen darauf hinweise, dass nicht alle Gäste Herders in gleichem Maße für ein interessantes Gespräch zu sorgen vermochten. Einer der dies konnte, war Jean Paul Friedrich Richter: »Obgleich zunächst nur als dankbarer Hörer, wusste Jean Paul dennoch durch bescheidene Fragen und durch Worte der warmen Teilnahme die Türe zu der geistigen Schatzkammer seines reichen Wirtes aufzutun und diesen zu bewegen, dass er daraus hervorlangte Altes und Neues. Wo sind wir doch damals überall im Geiste hingeführt worden und gewesen? Nicht nur an der Ostsee, in Riga und Königsberg, oder in der Schweiz, in Frankreich und Italien, sondern bei Ägyptens Pyramiden, an den Ruinen von Babylon und Persepolis, und in welchen Bund der Geister führte uns der Mann ein, welcher selbst ein Genosse dieses Bundes war; welche Lebensbilder stellte er in kräftig frischen Zügen vor uns hin, nicht nur von den nahe befreundeten Zeitgenossen: Hamann, Lessing, Johann Müller und Johann Georg Müller, Lichtenberg, Karsten Niebuhr und eine Reihe anderer bedeutender Männer und Frauen des Jahrhunderts, sondern, wie sein Geist ihn nahm und führte, auch von den Meistern des Wortes und der Tat in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Am liebsten und am ausführlichsten auf alle einzelnen Züge ihres äußeren wie inneren Wesens eingehend, verweilte er bei solchen Zeitgenossen und Befreundeten, wie J. G. Hamann, diesem geistigen Felsen mitten im anbrandenden Meer. […] Es war kein Leichenstein von Marmor, kein Kreuz von Eisen, das Herder dem ihm unvergesslichen Freund seiner Jugend auf sein Grab setzte, als er uns von Hamanns letzten Tagen und seinem Tode erzählte, aber es war ein Denkmal von anderer Art, dessen Licht noch jetzt wie der Glanz eines goldenen Kreuzes auf hohem Tempeldach es bestrahlt, mir vor dem inneren Auge steht. Wir schwiegen lange, Jean Paul verbarg seine Tränen nicht.«

Eichler fügte an, dass Herder im Frühjahr 1799 zur Vorbereitung auf das Theologie-Studium sieben Abendvorträge für seinen Sohn Emil und Gotthilf Heinrich Schubert hielt. Auf einzigartige Weise und in konzentrierter Form sei in diesen Vorträgen Herders Vorstellung vom Universitätsstudium und seine Auffassung des Zusammenhanges von Glauben, Vernunft und Philosophie deutlich geworden. Bernhard Suphan nahm die erhaltene Mitschrift des jungen Gymnasiasten Schubert als Textgrundlage in die Ausgabe Sämtlicher Werke Herders auf.

Eichler fügte an, dass die besondere Bedeutung der Abendvorträge darin bestehe, dass Herders Vorstellung von Philosophie hier in positiver Form dargelegt wurde, zu einem Zeitpunkt, als Herder sich in einer Auseinandersetzung mit seinem ehemaligen Lehrer Immanuel Kant befand. Denn etwa zeitgleich lektorierte Jean Paul Herders »Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft«. Schritt für Schritt habe Herder die Argumentation in Kants »Kritik der reinen Vernunft« nachvollzogen, und dabei gezeigt, dass es keine »reine Vernunft« geben kann, dass Vernunft immer an Sprache gebunden ist, dass der ganze Ansatz des Kantischen Werkes verfehlt sei.

Außer Jean Paul und Christoph Martin Wieland habe aber niemand in Weimar Herder zu folgen vermocht. Selbst Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller waren fasziniert vom Anspruch Kants auf die »absolute Innovation« und dessen pseudorevolutionärem Bruch mit der Tradition.

Aber auch heute noch vermögen einflussreiche Philosophie-Professoren nicht nüchtern den Sachverhalt zu konstatieren. So habe am 7. Oktober 2006 Dieter Henrich, einer der heute wichtigsten Kenner der klassischen deutschen Philosophie, in der FAZ geschrieben: »Die Sprache des Menschen ist das große Thema der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen. Zum ersten Mal wurde die sprachliche Verfassung des Denkens nicht mehr nur als ein Argument gegen eine Grundlegung der Philosophie vorgebracht, welche für die Zeit maßgebend war – sowie im Fall von Herders Kritik an Kant.«

Henrich billigt Herder nicht die Einsicht in die philosophische Tradition des Zusammenhanges von Sprache und Vernunft zu, nein, die Tradition wird zum »Argument« gegen die »Grundlegung der Philosophie … die für ihre Zeit maßgebend war« umgedeutet, so als ob die Eigenschaft »für eine Zeit maßgebend« gewesen zu sein, ein Argument für die Wahrhaftigkeit einer Position sein könne.

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Abraham-Werner-Büste in Freiberg

Eichler ging an diesem Abend recht schnell über die weiteren Lebensstationen Schuberts hinweg: Theologie-Studium in Leipzig, eigenständiger Wechsel zur Medizin, eigenständiger Wechsel zum Medizin-Studium in Jena. Bekanntschaft mit Johann Wilhelm Ritter und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Promotion mit dem Thema »Anwendung des Galvanismus auf Taubgeborene«. Hier verwies Eichler auf empirische Forschungsergebnisse von Samuel Heinicke, dem Direktor der Königlich-Sächsischen Blinden- und Taubstummenschule in Leipzig. Zudem fügte er an, dass Schubert in der Elektrizität zunächst des Medium des allgemeinen Zusammenhanges im Universum sah, später habe er den animalischen Magnetismus in dieser Rolle gesehen.

Über Freiberg und das erneute Studium bei Abraham Werner ging es nach Dresden. Schubert habe bei Gerhard von Kügelgen Aufnahme gefunden. Neben seinen Freunden aus Gymnasium- und Studienzeiten habe Schubert im Haus Kügelgen schnell weitere Bekanntschaften erschlossen.

Im Sommer 1807 sei Schubert zur Heilung einer Erkrankung seiner Frau nach Karlsbad gereist. Dort habe er auch Goethe getroffen. Schubert vermerkte in seinen Erinnerungen, dass er mit Goethe über dessen Farbenlehre sprach. Goethe notierte in seinem Tagebuch: »las nach Tisch seine [Dr. Schuberts] Abhandlung über die Verwesung [Allgemeine Geschichte des Lebens].«

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Das Kügelgen-Haus in der Dresdner Neustadt

Eichler ging zu Schuberts Abendvorträgen im Dresdner Palais Carlowitz vom Winter 1807/08 über. Mit diesen Vorträgen unter dem Titel »Die Nachtseiten der Naturwissenschaften« sei Schubert sehr populär geworden. Er habe sich für eine Überwindung der engen Disziplinengrenzen an den Universitäten, gegen Umweltzerstörung, gegen imperiale Kriege und für die Hochschätzung außereuropäischer Kulturen ausgesprochen. Schubert habe nicht Verdunkelung, sondern Licht in die Naturwissenschaften bringen wollen. Allerdings sei auch hier, wie vordem in seinem anonym erschienenen Roman »Die Kirche und die Götter«, der Einfluss des französischen Mystizisten Louis Claude de Saint Martin, der sich selbst als »der unbekannte Philosoph« bezeichnete, nachweisbar. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Franz Baader und andere hatten Schubert Saint Martin nahe gelegt. Die Wiederentdeckung von Jakob Böhme bei der romantisierenden Jugend sei ein unbestreitbares Verdienst von Saint Martin. Andererseits hätten Hamann, Herder und Goethe Saint Martin sehr nüchtern als »überbewertet« eingeschätzt. Diese Bewertung bestätige sich, wenn man heute Saint Martins Schriften lese.

Der Name Saint Martin tauche in den frühen Schriften Schuberts nicht auf, obwohl er sogar ein Werk Saint Martins ins Deutsche übersetzte. Auch in den Schubertschen Lebenserinnerungen suche man den Namen vergeblich. Aber in den »Nachtseiten« tauchten Formulierungen auf, die an Saint Martin erinnerten. Etwa die, dass man sich vor dem Anbruch eines neuen Goldenen Zeitalters, der Morgenröte, des Sonnenaufganges befinde. Man halte eine Nachtwache. Doch in den frühen Morgenstunden, unmittelbar vor Sonnenaufgang, werde es nocheinmal sehr kalt. Diese Phase müsse man aushalten.

Schubert, so Eichler, hielt es in Dresden aber nicht aus. Trotz großer Popularität erhielt er, wie viele andere junge Leute seiner Generation auch, in Sachsen keine Anstellung. Die Situation wurde für die junge Familie prekär. Die Rettung kam von Schelling, der eine Direktorenstelle am neuen Nürnberger Realgymnasium vermittelte. Im Januar 1809 habe die Familie Schubert Dresden und Sachsen für immer verlassen. In Nürnberg konnte Schubert den Lebensunterhalt der Familie verdienen. Er traf auf Freunde aus Gymnasiums- und Studienzeit. Auch mit Georg-Friedrich-Wilhelm Hegel, dem Direktor des Humanistischen Gymnasiums in Nürnberg, kam Schubert in Gespräch.

1810 habe Schubert in einem Brief an Emil Herder eine nüchterne Einschätzung des Scheiterns ihrer Generationsideale vorgenommen.

Eichler fügte hier einen Hinweise auf Schuberts Erforschungen des Unbewussten ein. 1814 sei in Bamberg Schuberts »Symbolik des Traumes« erschienen. Einige führende Romantiker waren davon begeistert. Selbst Sigmund Freud habe nach Überwindung einiger Vorbehalte das Buch geschätzt. Eichler ging hier auf Herders Sprachauffassung und die Weiterführung durch Schubert ein, und merkte an, dass Jacques Lacan in den 1950er Jahren daran erinnert, dass Psychoanalyse keine Triebtheorie sei, sondern dass es um die Sprache, die sprachliche Struktur des Unterbewussten gehe.
Anders als Alexander von Humboldt habe sich Schubert also auf die Entdeckung unserer inneren Welten, unserer Seele begeben.

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Schubert Büste in der Universitätsbibliothek Erlangen

Nach einem Intermezzo in Schwerin als Prinzessinnenerzieher erhielt Schubert 1819 endlich einen Ruf auf einen Lehrstuhl in Erlangen. Der Vermittler war wieder Schelling. In Erlangen, so Eichler, erlebte Schubert vielleicht die glücklichste Arbeitszeit seines Lebens. Zu den altbekannten Kollegen Kanne, Pfaff, Schweigger, Krafft und Engelhardt kam 1820 Schelling und 1826 Friedrich Rückert.

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Doch schon 1827 wurde Schubert an die neu gegründete Universität nach München berufen. Auch hier sei er auf die berühmten und bekannten Kollegen Schelling, Baader, Görres, Thiersch, Ringeis, Roschlau und Oken getroffen.

In München habe 1830 er sein zweibändiges Werk »Geschichte der Seele« fertiggestellt. 1831 sei ihm der Titel Hofrat und der personaler Adel verliehen worden. 1832 sei sein Schüler Johann Andreas Wagner (1797–1861) auf einen Lehrstuhl berufen worden. Zum Münchner Freundeskreis hätten u.a. Julius Schnorr von Carolsfeld und Peter Cornelius gehört.

Schubert habe sich in den Münchener Jahren der Herausgabe von Lehrbüchern gewidmet. In der populären Darstellung komplexer Zusammenhänge lag eine der Stärken Schuberts. Die Lehrbücher erzielten zu seinen Lebzeiten sehr hohe Auflagen. 1852 wurde Schubert emeritiert. 1853 verlieh ihm die Universität Erlangen zum 50. Jubiläum seiner Promotion den Titel eines Doktors der Theologie.

In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1860 verstarb Schubert auf dem Landgut seines Schwiegersohnes, des Arztes Dr. Ranke, in Laufzorn bei München

Das vorletztes Kapitel von Schuberts Lebenserinnerungen trage den Titel »Das Leben ein Traum«. Dies sei auch als Grabinschrift gewählt worden.

In der Diskussion wurde darauf verwiesen, dass der Titel des Buches sich auf Humboldt beziehe, dieser aber im Buch nur ein Mal erwähnt werde.

Eichler entgegnete zunächst, dass in Schuberts Lebenserinnerungen weitere Äußerungen zu finden seien. In seiner Jenaer Zeit habe Schubert die Reisen Alexander von Humboldts genau verfolgt. Der Jenaer Orientalist C. B. Illgen sei ein Briefpartner Humboldts gewesen und habe stets die neuesten Informationen besessen

In einem Brief aus Erlangen an Rudolph Wagner habe Schubert geschrieben: »In Paris bitte ich, wenn er noch dort ist, den Fürsten der Naturforscher, Alexander von Humboldt auch von mir zu begrüßen und ihn meine innigste Verehrung zu versichern. Sie kennen meine Gemütsart und wissen, dass ich eben nicht der dreisteste bin. Ich habe es daher nie gewagt etwas von meinen Arbeiten an diesen trefflichen Mann zu senden oder jemals an ihn zu schreiben. Bei meiner zuletzt geschriebenen großen Naturgeschichte kam ich sehr in Versuchung sie ihm zu senden. Aber die alte, gewöhnliche Schüchternheit kam wieder und band mir Hand und Feder.«

Eichler meinte, dass hier bei Schubert die höchste Form der Verehrung von Humboldt sichtbar werde.

Heike Petermann aus Erlangen habe in Ihrer Dissertation von 2008 Humboldts »Ansichten von der Natur« von 1806 und Schuberts »Nachtseiten« verglichen und Gemeinsamkeiten in den Ansichten und Unterschiede in den Methoden konstatiert. Zudem fand Frau Petermann würdigende Rezensionen Schuberts zu Humboldts Kosmos-Vorträgen.

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Prof. Frieder Naumann (stehend, rechts) konstatierte den anregenden Charakter des Buches und des Vortrages über einen in Chemnitz in der Tat unbekannten Geistesriesen. Zugleich monierte er, dass Abraham Werner als Professor bezeichnet wurde. Das geschehe leider oft. Werner sei aber nie als Professor berufen worden, sein Titel sei »Bergrat« gewesen.

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Nach zweiundeinhalb Stunden endete die Veranstaltung. Frau Dr. Bonitz und Siegfried Arlt dankten dem Referenten. Die Gäste traten ihren Heimweg an. Es war recht spät geworden. Doch wer aufmerksam war, dem entging nicht, dass sich an diesem Abend am Himmelszelt eine partielle Mondfinsternis abspielte.

Johannes Eichenthal

 

Anmerkung des Redaktors

Johannes Eichenthal ist ein junger Mann, der keine ewigen Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen will. Er glaubt, dass verbindliche Diskussionen um wesentliche Fragen unseres existenziellen Sinns heute fehlen. Sinnstiftung ist aber ohne Diskurs nicht möglich.

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Information

Eichler, Andreas: Gotthilf Heinrich Schubert – ein anderer Humboldt. Mironde-Verlag 2010, 22,5×22,5 cm, fester Einband, Fadenheftung, 96 Seiten, zahllreichem, z.Z. farbige abbildung, kommentierter Briefwechsel zwischen Schubert und Familie Herder, kommentiertte Fassung von Schuberts Mitschrift der Herderschen Abendvorträge.

ISBN 978-3-937654-35-5 VP: 14,90 €

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