Rezension

Alles fließt – Sören Kierkegaard zum 200. Geburtstag

Sören Aabye Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in Kopenhagen geboren. Er studierte Philosophie und Theologie. Seine Theologie-Professoren waren Hegelianer. Die Magisterarbeit schrieb er »Zum Begriff der Ironie«. Nach dem bestandenen Examen in Theologie trat er aber nicht in den Kirchendienst ein sondern suchte auf literarische Weise seine Rechtfertigung. Sokrates wurde sein Ideal. 1841 und 1843 reiste er nach Berlin. Hier hörte er Vorlesungen des greisen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, gemeinsam mit der interessierten Berliner Öffentlichkeit. Michail Bakunin, Jacob Burckhardt, Friedrich Engels und andere waren ebenfalls zugegen.

1843 erschien sein Werk »Entweder – Oder«, 1844 folgte »Zum Begriff der Angst« und »Philosophische Brocken«, 1849 »Krankheit zum Tod«.

Kierkegaard reflektierte die Existenz des Individuums zwischen sozialer Entfremdung und gleichzeitiger Erstarrung der Staatskirche. Den Glauben verteidigte er gegen simple »Widerlegungs«-Kritik. Er ruinierte sich, auch im wirtschaftlichen Sinne, mit Flugblattaktionen gegen die etablierte Staatskirche. Am 11. November 1855 verstarb Kierkegaard in Kopenhagen. Seine Gedanken wurden von existenzialistischen Denkern bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine Art von »intellektuellem Steinbruch« verwendet.

Zu Sören Kierkegaards 200. Geburtstag widmeten große Tageszeitungen des deutschsprachigen Raumes in ihren Online-Ausgaben dem Jubilar einige Artikel.

Mehr oder weniger ausführlich stellten die Autoren den Lebensweg Kierkegaards, einschließlich einer wieder aufgelösten Verlobung dar. Wir wollen uns aber auf Äußerungen zum Werk des Philosophen konzentrieren. Allein um das Werk geht es in der Wissenschaft.

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In der »Frankfurter Rundschau« erschien ein sehr gründlicher und ausgewogener Artikel von Otto A. Böhmer unter dem Titel »Der tiefere Grund«. Er hebt zunächst hervor, dass sich Kierkegaards Zeitdiagnose merkwürdig modern anhöre: Der Mensch gleiche einer Kunstfigur, die dabei sei, sich an den eigenen Möglichkeiten zu überheben und dabei glaube alles im Griff zu haben.

Man würde Kierkegaard aber missverstehen, wenn man aus seinen Schriften den Aufruf zu einem nostalgisch verbrämten Christentum herauslesen würde. Kierkegaard hebe hervor, dass die Liebe Gottes Geschenk an den Menschen sei, das er annehmen oder ablehnen, jedoch nicht bis zuletzt ergründen könne, weil das Geheimnis der Liebe, wie des Lebens, ein nicht völlig einsehbarer Grund sei. Der Mensch müsse begreifen, dass er nicht alles begreifen könne, aus der Selbsterfahrung des Menschen dürfe keine Selbstüberschätzung werden. Das Ich, dass aus dieser Selbsterfahrung hervorgehe, sei demütig und stolz zugleich, es schaut zum Himmel auf und steht mit beiden Beinen auf der Erde. Und abschließend zitiert Böhmer Kierkegaard: »Denn das Große ist nicht, dieser oder jener zu sein, sondern man selbst zu sein; und das kann jeder Mensch sein, wenn er will.«

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In der »Jungen Welt« schrieb Reinhard Jellen einen kurzen Kommentar unter dem Titel »Kummer als Ritterburg«. Das Denken Kierkegaards sei »Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise des 19. Jahrhunderts«. Georg Lukács habe in der Zerstörung der Vernunft in Bezug auf Kierkegaard von einem »Aschermittwoch des romantischen Karnevals« geschrieben. Die Lektüre von Kierkegaards Texten lohne sich aber dennoch, im Gegensatz zu seinen postmodernen Enkeln.

 

In der »Jungen Welt« folgte ein weiterer Artikel zum Thema. Daniel Bratanovic stellte ihn unter den Titel: »Der Einzelne und das Gattungswesen«. Er stellte Kierkegaard in ein Verhältnis zu dem fünf Jahre später, ebenfalls am 5. Mai geborenen Karl Marx und zitiert die These von Karl Löwith, die beiden hätten im Denken des 19. Jahrhunderts einen revolutionären Bruch vollzogen, Marx die »extensive« und Kierkegaard die »intensive« Revolution. Der Autor formuliert dann, dass Kierke­gaard angesichts des Fortschrittes der Wissenschaft für die Religion nur den »Rückzug in die reine Innerlichkeit« als Rettungsmöglichkeit gesehen habe. Dabei habe Kierkegaard aber »verkannt«, dass auch die »isolierte Innerlichkeit der bürgerlichen Privatexistenz stets in einem gesellschaftlichen Kontext« steht. (Hat er das wirklich verkannt?) Marx dagegen habe in der selben Zeit eine positive Kritik an der verkehrten Gestalt des Ganzen geliefert.

»Kierkegaard … ging es nicht wie Hegel und Marx um Vermittlung und Auflösung des Widerspruches zwischen Existenz und Wesen, zwischen Individuum und Gattung, sondern um die Reduktion auf die elementaren Fragen der nackten Existenz.«

(Was ist die »Auflösung eines Widerspruches«?)

Abschließend stellt der Autor selbst seine Ausgangsthese von Karl Löwith in Frage und zitiert Georg Lukács Urteil, wonach Kierkegaard ein »Asyl für gestrandete dekadente Ästheten« biete. (Ist Asyl bieten eine Schuld?)

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In der Wiener Zeitung »Die Presse« veröffentlichte Karl Gaulhofer einen Artikel mit dem Titel: Sören Kierkegaard: Das soll Philosophie sein? Und ob!« Zunächst beginnt Gaulhofer mit dem Hinweis auf die Verlobung zwischen Sören Kierkegaard und Regine Olsen, die der Philosoph nach elf Monaten wieder löste. Dann geht es aber endlich ans Werk. Kierkegaard habe die Philosophie aus der lebensferne Spekulation vertrieben. In seinen philosophischen Schriften habe seine Sprache vor melancholischen Charme gesprüht, er habe mit Eros und Sentiment kokettiert, einen befreiten Denkraum voll distanzierter Ironie geschaffen, Pseudonyme und Gestalten erfunden. Der programmatische Buchtitel »Entweder – Oder« habe auf ein Drittes, auf die religiöse Lebensweise gezielt. Kierkegaard sei aber der Meinung gewesen, dass an der Religion jede Vernunft zerschelle. Der Glaube sei ein Sprung ins Irrationale.

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Im Neuen Deutschland veröffentlichte Hans-Dieter Schütt einen Artikel unter dem Titel »Entweder – Oder. Vor 200 Jahren wurde der dänische Philosoph Sören Kierkegaard geboren.« Schütt gelingt es vorbildlich, sich in die Gedankenwelt von Kierkegaard einzufühlen: er nahm die Verführung nicht an, Frieden mit der Welt zu schließen … Keine Ehre, kein Amt, keine Verwirklichung in der Gesellschaft. Entschiedenheit nichts zu werden, nichts anderes zu werden. Das Versagen ist gesetzt. Das Versagen besteht darin, sich einrichten zu wollen, etwas mit beiden Händen greifen zu wollen, etwas erreichen zu wollen, jemanden lieben zu wollen. Leben wollen – sei für Kierkegaard die Flucht vor der Wahrheit der Existenz, sei Eingemeindung, Wurzelschlagen, Einverständnis mit Regeln und allgemeinem Treiben des Alltags, sei Korrumpierung gewesen. Der Mensch sei ein Geworfener und Gedrängter, der jeden Morgen den freien Willen herbeifantasiere und abends seinen Schuldanteil am Elend der Verhältnisse, das Heruntergeschluckte, Verleugnete und Unterdrückte bilanzieren müsse: Wieder einmal fest geglaubt, an Gott, an die bessere Zukunft, an das menschliche Zeitalter und keine Kraft für den Zweifel gehabt.

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In der Wiener Zeitung »Der Standard« veröffentlichte Andreas Puff-Trojan einen Artikel unter dem Titel »Verliebt, verlobt, verflucht«. Ausführlich geht der Autor auf Kierkegaards »Tagebuch eines Verführers« ein und versucht von der Erzählerperson Johannes, der junge Mädchen verführt und anschließend verstößt, direkte Schlüsse auf das Leben und Denken des Autors Kierkegaard zu ziehen. (Für Laien sicher plausibel aber dennoch zu kurz geschlossen.)

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Friedrich Wilhelm Graf veröffentlichte in der Zeitung »Die Welt« einen Artikel unter dem Titel »Ihr Kirchenchristen, ihr seichten Spießbürger«. Im Untertitel nennt er Kierkegaard »Urahn fundamentalistischer Frömmigkeit«.

Graf beginnt mit der Reise Kierkegaards zu Schellings Vorlesungen in Berlin. Kierkegaard habe erhofft hier die »absolute Wahrheit« zu finden. (Hat er das?)

Zudem habe der »fromme Anarchist« eine höhnische, von tiefer Verachtung geprägte Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und der sie stützenden »Volkskirche« formuliert: Kirchenchristen seien keine »Christen im absoluten Sinne«.

Echter Glaube sei für Kierkegaard dagegen für alle weltlichen Instanzen gefährlich, Glaube schütze bloß Weltliches davor, sich zu verfestigen und eine Stabilität anzumaßen, die seiner Endlichkeit widerstreitet. Der Glaube wolle endliches schlicht endlich sein lassen und wehre jede Selbstverabsolutierung. Darin könne er Kraft kritischer Selbstbegrenzung sein. (Das klingt doch nicht schlecht?)

Aber weiter Graf: Doch wer begrenze den Glauben? Hier liege die entscheidende Schwäche der vernunftkritischen Rhetorik Kierkegaards. Auf die ethischen Herausforderungen moderner Wissensgesellschaften gäbe Kierkegaard nur eine zynische Antwort. (Starb er nicht 1855?) Kierkegaards Ablehnung eines konstruktiven Verhältnisses des Glaubens zur Vernunft, mache den Glauben nur arrogant, autoritär und immun gegen Kritik. Hier liege die bleibende Gefährlichkeit des aggressiven Antirationalismus Kierkegaards.

Nicht nur die Vernunft, auch der Glaube habe Grenzen. Der Glaube dürfe sich nicht selbst an die Stelle Gottes setzen. Kierkegaard habe ein kognitives Muster für alle jene fundamentalistischen Frommen geliefert, die keine Grenzen anerkennen wollen und so die Grundlagen der Zivilisation zerstören.«

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Jürgen Kaube stellte seine Glosse in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« unter den Titel »Der Einzelne«. Beim gerade beendeten Evangelischen Kirchentag in Hamburg habe man eine einzige Veranstaltung Kierkegaards 200. Geburtstag gewidmet, diese aber zusammen mit einer Diskussion über die Geschichte der finnischen Seemannsmission, Klezmer-Musik und die Religion der Maya unter den Programmpunkt »interreligiöser Dialog« eingeordnet. »Er, der es um 1848 vielleicht als Erster kommen sah, fand das Christentum viel zu zumutungsreich, um als frohe Botschaft einer Wertschätzung aller Werte festivalisiert zu werden. Wenn er in seinen Schriften die Mäßigung des christlichen Glaubens zu einer gemütlichen Vernunftergänzung attackierte, dann muss er sich heute bei Protestanten … das Vergessen gefallen lassen … oder den Vorwurf, ein intellektueller Vorarbeiter von Fundamentalisten gewesen zu sein …« Über Vorwürfe, wie sie Friedrich Wilhelm Graf erhob, hätte Kierkegaard gelacht. Der hätte sich nur an Texte gehalten, in denen nichts von einem konstruktiven Verhältnis des Glaubens zur Vernunft gestanden hätte, und nichts von einer Begrenzung des Glaubens. »Das Wissen, dass er damit ein Einzelner bleiben würde, der sich an Einzelne wende, trennt ihn von jedem Fundamentalismus.«

 

Kommentar

Wir sehen, dass man Kierkegaard auch nach 200 Jahren von unterschiedlichen Positionen her lesen kann. Das macht eigentlich gute Literatur aus. Es wird aber auch deutlich, dass selbst Fachleute Mühe haben, sich in die Lebensumstände Kierkegaards einzufühlen. Immer wieder sind wir geneigt die Geschichte vom Ende her, mit unseren heutigen Vorurteilen zu deuten.

Für Kierkegaard war es aber nicht anders als für uns heute: obwohl er sich mit seiner Zeit auseinandersetzte wusste er nicht was kommt. Von Heraklit stammt die Metapher des Flusses für unser Sein in der Zeit. Alles fließt – und wir schwimmen mittendrinnen.

Kierkegaard versucht dem einzelnen Schwimmer Mut zu machen. Er überließ es anderen über die Strukturgesetze des fließenden Wassers an sich zu schreiben.

Kierkegaards Kritik richtete sich gegen Hegels Vorstellung der Identität von Sein und Begriff. Er stützte sich dabei auf den Aristoteles-Interpreten Adolph von Trendelenburg, der Hegel aus Sicht der alten Logik kritisierte. (Der junge Marx kritisierte übrigens die unzureichenden logischen Voraussetzungen Trendelenburgs.) Kierkegaard transformiert die Hegel-Kritik aber auf die Vorstellung der Identität von Vernunft und Glauben. Im Kontext der alten Logik kann es daher für Kierkegaard nur die einfache Identität oder die Nichtidentität geben. Die Hegelsche Vorstellung von der Einheit von Einheit und Unterschied war ihm fremd. Das ist bedauerlich, zumal die Vorstellung von der Einheit der Gegensätze Vernunft und Glauben in der Weisheit von Plato her kommt. Der Magister der Theologie hätte vielleicht einmal die Schriften des Weimarer Generalsuperintendenten Johann Gottfried Herder zur Kenntnis nehmen sollen. Dort hätte er nicht nur gefunden, dass Religiosität und Vernunft Gegensätze sind, die aber, so Herder, sich nicht nur ausschließen, sondern auch bedingen. Zudem hätte er bei Herder finden können, dass das Christentum eigentlich eine Religion der Individualität ist, dass es aber um eine Individualität geht, die sich dessen bewusst ist, ihre Existenz nicht sich selbst zu verdanken. Wir kommen aus einem Allgemeinen und gehen nach Ablauf unserer Zeit wieder in dieses Allgemeine ein. Im kosmischen Staub gibt es keine zwei gleichen Monaden, wie Leibniz begründete, und erst recht gibt keine zwei gleichen Menschen, sondern Individuen.

Kierkegaard verlor seinen Kampf zur Bewahrung der Individualität im Prozess der modernen industriellen Vermassung bereits nach 42 Jahren. Seine philosophischen Reflexionen in literarischer Form regen uns aber noch heute an. Was will man als Autor mehr?

Johannes Eichenthal

 

Anmerkung des Redaktors

Johannes Eichenthal ist ein junger Mann, der keine ewigen Wahrheiten verkünden, sondern zur Diskussion anregen will. Er glaubt, dass verbindliche Diskussionen um wesentliche Fragen unseres existenziellen Sinns heute fehlen. Sinnstiftung ist aber ohne Diskurs nicht möglich.

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Information

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/woran-kierkegaard-wirklich-glaubte-der-einzelne-12171417.html

 

http://diepresse.com/home/kultur/literatur/1397751/Soeren-Kierkegaard_Das-soll-Philosophie-sein-Und-ob?_vl_backlink=/home/kultur/literatur/index.do

 

http://derstandard.at/1363709959634/Verliebt-verlobt-verflucht

 

http://www.neues-deutschland.de/artikel/820577.entweder-oder.html

 

http://www.jungewelt.de/2013/05-04/021.php

 

http://www.jungewelt.de/2013/05-04/017.php

 

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article115853734/Ihr-Kirchenchristen-ihr-seichten-Spiessbuerger.html

 

http://www.fr-online.de/kultur/soeren-kierkegaard-der-tiefere-grund,1472786,22672610,view,asFirstTeaser.html

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